Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 174 (13.7.1919)
- Date
- 1919-07-13
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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1J. ■Oa‘ JKLmrd.' ./ Zu den jüdischen Nationalrats-AZahLen. Der jüdische NationalraL für Dcutschösterreich Lat vor kurzc'.n v:rlantbart, daß die Frist zur Eintrag uug in die Wählerlisten, welche ursprünglich am 30. Juni enden sollte, verlängert wurde. Es hat sich gezeigt, daß die Arbeit und Zusammenstellung der Listen, der Sammlung und Listen des Adressen-- Materials mehr Mühe und Zeit erfordert, als Vvrauszusehen war. Dies ist erklärlich, wenn man bedenkt, daß hier zum ersten Mal eine ganz neue Mtion im politischen jüdischen Leben vor sich geht. Das jüdische Volk, das bisher nicht organisiert war, soll sich in freier Wahl ein Organ seines Willens schaffen, das berufen ist, seine Interessen zu verrveten. Eine solche Wahl wäre schon bei behördlicher Veranstaltung ein ungeheures Unternehmen; , viel komplizierter aber ist sie angesichts der Tatsache, daß dem provisorischen Nationalrat keinerlei amtliches Material und keim amtlichen Machtvollkommenheiten zu Gebote stehen. Er muß sich das Material erst selbst durch umfangreiche Agitationstätigleit verschaffen und ale volksbewußten Juden müssen darauf aufmerksam gemacht werden, daß die Vocanefttzimg einer ordentlichen Wahl das Vüthanoensom von zuverlässigen. Wählerlisten ist, daß sie daher nicht verabsäumen dürfen, sich in diesen Listen ein tragen zn lassen. Der Nationalrat hat bereits mehrfach Aufforderungen zur Anmeldung ergehen.lassen, doch ist es ihm bis heute nicht gelungen, das gesamte Adressenmaterial zü erfassen, weil viele Volksgenossen über die Bedeutung der Sache nicht genügend aufgeklärt sind und viele auch die kleine Mühe der Anmeldung nicht aus sich nehmen, wenn sie'nicht eine direkte Aufforderung bekommen. Der Nationalrat wendet sich daher an alle seine Freunde, an alle Freund« der Sache des jüdischen Volkes, mit der Aufforderung, ihn in seiner Werbe- und Aufklärungsarbeit zu unterstützen, damit die Wahl auf Grund möglichst vollständiger Listen vor sich gehen kann und möglichst wenige durch ihr eigenes Versäumnis, Fahrlässigkeit oder Unkenntnis, vom Wahlrecht ausgeschlossen werden. Die Durchführung der Aktion bedarf natürlich auch beträchtlicher Geldmittel und alle jene, welche'mit Arbeit oder Geld helfen wollen, werden aufgefordert, sich möglichst rasch im Bureau des Nationalrates,Taborstraße 20 a, zu melden. Insbesondere machen wir alle Leser unserer Zeitung, die dem jüdischen Volk angehören,und für das Volk tätig sein' wollen, auf die der heutigen Nummer unserer Zeitung .bei ge legte Liste aufmerksam. Mit dieser Liste sollen in den Kreisen der Bekannten und Freunde die Unterschriften derjenigen Juden geworben werden, welche es bisher unterlassen haben, sich für die Wählerliste anzumelden. Wahlberechtigt ist jeder, der sich zum jüdischen Volk bekennt, ohne Unterschied des Geschlechtes und der Staatsbürgerschaft, wenn er im Zeitpunkt der Wahlausschreibung in Deutschösterweich wohnt und im Kalenderjahre der Wahlausschreibung das 20. Lebensjahr vollendet. Für die zur Werbung nötige Aufklärungsarbeit ist Material durch das Bureau des Nationalrates zu beziehen. Wir hoffen, daß jeder Inhaber der Liste mit Eifer an die Arbeit cfehen wird und das Resultat so bald als möglich abliefert. Es handelt sich um einen politischen Akt von entscheidender Bedeutung für die jüdische Zukunft in Deutschösterreich und es ist notwendig, daß jeder Jude einseh.', daß er auf sein wichtigstes Recht, über diese Zukunft mitzusprechen, nicht verzichten darf. » ■ » Bedeutende Abänderungen des Friedensvertrages zugunsten Dentschöstereeichs. Berlin, 12. Juli. (Korr.-Bur.) Die „Psst"» meldet aus Lugano: „Corriere della Sera" berichtet, daß die Friede usbedinaungen mit Oe st erreich auf die. letzte Note des Staatskanzlers Dr. Renner hin eine aetvaltiae Abänderung zugunsten Deutsch oft e r r e i ch s erfahren würden. Die Vermögensabgabe in Deutschland. Bis 65prozentige Sätze. —' Erstreckung der Entrichtung auf 30 Jahre. Berlin, 12. Juli. (Korr.-Bur.) Die „Deutsche Allgemeine Zeitung" meldet aus Weimar: Wie verlautet, steht die Veröffentlichung des Gesetzentwurfes betreffend die N e rch s v e r m ö g e n s c». b g ü b e unmittelbar bevor. Die Steuer wird den Namen „Reichsnotopfer" führen. Die Abgabesätze werden sich zwischen 10 und 65 Prozentbewegen, wobei durch das System ber Durchstaffelung entsprechende Ermäßigungen eintreten ° werden. Zugunsten kinderreicher Familien sind besondere Bestimm un g e n vorgesehen. Die Entrichtung der Abgabe wirv auf einen großen Zeitraum, der sich, wie verlautet, bis auf 30 Jahre erstrecken wird, verteilt werden. Ezobel abberufen. Wien, 12. Juli. Die ungarische Räteregierung hat den Gesandten der ungarischen Räterepublik in Wien, Herrn Ezobel, zur Berichterstattung nach Budapest berufen. Mit der vorläufigen Leitung der Gesandtschaft und mit der Führung der Verhandlungen über den Konflikt een der ungarischen and der deutscheichischen Regierung wurde der Volksbeäustragte Peter Agoston betraut. Volksbeauftragter Agoston hat mit Staatssekretär Dr. Bauer in den letzten Tagen verhandelt. Die Verhandlungen ergäben grundsätzliche Ae b e r ernstimmun g über die Beilegung des Konfliktes. (Es ist kaum anzunehmen, daß Ezobel, der sehr kompromittiert erscheint, auf seinen Posten zürückkehren wird. Die Red.) ■ Hauptausschuß und Nationalversammlung verschoben. Infolge der .neuerlichen Verschiebung deS Termines der Ucberreichung des -.weiten Teiles derFriedensbedingungen wurde vom Präsidenten S e i tz die für* nächsten Donnerstag in Aussicht genommene Sitzung des Hauptausschusses abgesagt, Md es entfällt auch die eventuell vorgesehene Plenarsitzung der N a t i o n a l v e r s ammlung. Die' Dispositionen für die weiteren Arbeiten der Nationalversammlung sind bisher noch nicht getrosten, doch dürste sich jener Vorgang wiederholen, wie er seinerzeit nach der Ueberreichung' des ersten Teiles der Friedensbedingnngen beobachtet wurde. Es ist nämlich sehr wahrscheinlich, das Vizekanzler Fink und die Staatssekretäre Dr. B au e r und Dr. S ch u m p e t e r sich nach Feldkrrch begeben werden, um dort mit dem Slaatskanzler Dr. Renner und besten Begleitung zusammenzutreffen. Die Teilnahme des Präsidenten S e i tz an dieser Reise ist noch nicht feststehend. . - - Telegramme. Die Blockade gegen Deutschland seit gestern aufgehoben. Versailles, 12. Juli. (Korr.-Bur.) Der Oberste Rat der Alliierten hat. in der gestern nachmittags abgehaltenen Sitzung beschlosten, die Blockade gegen-. über Deutschland von heute ab aufZUh e b e n. Die neue Ordnung der Dinge» Wilson übler den Frieden. Lyon, 12. Juli. (Funkspruch.) Aus Washington wird gemeldet: Bei der Vorlage des Friedensvertrages an den Senat hielt Präsident Wilson eine Rede. Der Präsident sprach anfänglich, über die Gründe, welche den Eintritt der, Ber- . einigten Staaten in den Krieg herbeigeführt haben, und hierauf über die Bedingungen, unter welchen das Land an den Kampfhandlungen teilgenommen habe. Hierauf sprach er über die Haltung der amerikanischen Delegat: o n, welche durch die Rolle der Vereinigten Staaten und, diel Hoffnungen aller Völker auf Amerika bedingt war. Es wäre schwer gewesen, sagte der Präsident, aus alten internationalen Verwicklungen eine neue O r d n u n g der Dinge aufznstellen, um die H e r r s ch a f t d e r F r e: h e 11 u n d d e s R e. ch t e s auf der ganzen Mlt e n d g n l t: a s e stznsetzen. .Die Konferenz ist Widerständen jeder Art be-. gegnet, wie Versprechungen, die in einer Zeit gemacht worden waren, wo Macht Recht vorstellte und wo die Sieger keinerlei Zügelung kannten und die Gebiete der Besiegten ohne Rücksicht auf Wünsche und Interessen der .Völker unter sich teilten^ EinigeErgeb nisse des vollendeten Werkes der Friedenskonferenz sind vielleicht bitter, aber die ganze Konferenz war von dem Wunsche beseelt, die verderblichen Einflüsse, ungerechten Absichten und demoralisierenden Wünsche, welche seinerzeit von Deutschland kultiviert worden waren, auszuschalten und fernzu-' halten. Dies hat die Konferenz auch tatsächlich erreicht. Tittonis Kammerrede. „Italiens schwerste Schlacht." — Der Vertrag mit Deutschösterreich. — Die adriatische Frage. Nom, 12. Juli. (Korr.-Bur.) Tittoni hielt!n der gestrigen Sitzmig der Kammer eine Rede, die mit großer Begeisterung aMgenommen wurde. Ec führte unter anderem-aus: In diesem Augenblick, wo Italien auf diplomatischem Felde kämpft und dit schwer ft eSchlachtschlägt. muß das Volk unter allen Umständen Reibungen vermeiden. In der tz Unterstützung Md Zustimmung des Patlaments werden wir Ermutigung finden. Aber jede Kundgebung, selbst wenn sie ein Druckversuch gegen Me Konferenz sein sollte. Muß vermieden werden. Das Land muß unsere internationale Stellung kennest und wie und warum wir,.. dazu gekommen sind. Die Verhandlungen werhen nun aus dem Anfangsstadmm heraustxeten und vielleicht tu bei* nächsten Wo che sich lösen. Aus diesem Grunde gilt es heute, Stillschweigen zü bewahren. D e r Vertrag m i t Oesterreich w i rd bald unterzeichnet w e rde m Er sichert Italien neue Vorteile. Die lleinasiatischen Fragen werden. zumckgestellt werden, dafür muß die Lösung der ad riatischen Frage durchgefühtt werden. Die italienische Delegation wird ihre Beschlüsse nicht überstürzen, aber auch eine Verzögerung nicht mehr zugrbm können. '' - Englische nnd amerikanische Kriegsschiffe nach Fiume unterwegs. . New-Pork, 12. Juli. (Funkspr.'des Korr.-Bur.) Aus Paris wird berichtet: Die Kriegsschiffe der Alliierten sind aus dem Wege nach Fiume. Wahrscheinlich werden nur englische und amerikanische dahin abgehen. Sie sollen nicht nur die Ordnung aufrechterhalten, sondern auch auf Italien einen entsprechenden Eindruck machen, um der italienischen Regierung in . Erinnerung zu rufen» daß Fiume eine interalliierte und k e i n e i t a l i e n i s ch e A-n g e l e g e n h e i t ist. Eine anarchistische Verschwörung in Turin. n Lpgano, 12. Juli. (Tel. der „Wr. Mörgenztg.) Nach dem „Popolo de Jtalia wurde in Turin eine anarchistische Verschwörung entdeckt, an.der aiich Soldaten, beteiligt waren. Es sollte eme große militärische Revolte stattfinden. wohl nur für einig« Zeit, zu gehen. Die Gründung eines Museums in Jerusalem, die Uebernahme der Lunczschen Zeitschrift und regelmäßige Herausgabe der. selben waren bereits zum Beschluß erhoben. Da brach der bekannte Sprachenstreit in Jerusalem aus und mitihm kam eine Zeit der Aufregungen^ welche jede Konzentration unmöglich machte. Dann kam der Weltkrieg. die Auswanderung vieler Vereinsmitglieder und die Verfolgung der anderen durch die türkisch:» Paschas. David Dellin wurde nach Damaskus verbannt und mit ihm noch viele andere. So kam es^daß der Verein i:n Laufe des Krieges kein Lebenszeichen von sich gab. Aber er ist nicht eingegangen, denn es besteht ber kräftige Wille, seine Arbeiten unter den veränderten günstigen Verhältnissen wieder aufzunehmen, ein Verein für- Heimatskunde im besten und im weitesten Sinne des Wortes zu werden. Der bevorstehende Wiederaufbau wird den meisten Forschungsgebieten sehr zu 'statten kommen. Die Bodenbeschaffenheit, das Klima, die Hydrographie müssen, zu landwirtschaftlichen und Industriellen Zwecken untersucht werden, bevor man zur Neubesieblung schreitet. Aber auch die archäologische Forschung kann von praktischem Nutzen werden, wenn nran es versteht, ähnlich wie die Franzosen in Tunis, alte Aquädukte, Stauanlagen, Zisternen, selbst Straßen und Behausungen wieder brauchbar zu Machen. Es wird Sache des Vereines sein, auf jedem Gebiete die wissenschaftliche Forschung anzuregen und zu fördern, ihre Ergebnisse zu sammeln und zu veröffentlichen. Ohne besondere kostspielige. Expeditionen auszürüsten, kann dieser einheimische Verein mit seinen DrtsLruppen und Vertrauensmännern überall im Lande mehr leisten als der reiche „Palestine Explaration Fund" der Engländer oder die „Ecole Biblique" der französischen Dominikaner. Schon vor dem Kriege hat es sich der Verein zur Aufgabe gestellt, jede Grabung, die zu technischen Zwecken vor genommen wird, zu Überwachen. Ein Aufruf an die jüdische Bevölkerung hatte bereits zur Folge, daß solche Unternehmungen der Vereinsleitung g'emeloet werden. Ebenso wird der Verein in der Lagtz sein, zufällige Funde upd Beobachtimgen zu sammeln und zu registrieren. Für die weite jüdische Öffentlichkeit ist es von besonderer Wichtigkeit, daß die Palästinakunde popularisiert wird. Auch diese Aufgabe hat ber Verein in seine Satzungen ausgenommen. Um sie auszuführen, ist die Gründung von Ortsgruppen in allen größeren jüdischen Gemeinden des Auslandes erwünscht. Die Leitung des Vereines bietet den auswärtigen Mitgliedern bei ihrem Besuch in Palästina. tatkräftige moralische Unterstützung und ermöglicht ihnen, einen tieferen Einblick in die Verhältnisse zu gewinnen, als es sonst bei Touristen der Fall ist. . Die mangelhafte Kenntnis Palästinas auch in Kreisen alter bewährter Zionisten und die falschen Vorstellungen, welche infolge dessen entstehen, sind ein größeres Uebel, als man anzunehmen geneigt ist. Es wäre daher höchst an der Zeit, daß -neben den parteipolitischen und wirtschaftlichen Palästinaorganisationen auch Ortsgruppen d.es Forschungsvereines geschaffen werden. Die wissenschaftliche Forschung ist wahrlich kein >Luxus, welcher erst aus bessere Zeiten warten müßte. ...... Mühsam zu- 15 Jahren Festung verurteilt. München» 12. Juli. (Korr.-Bur.) Das Standgericht*hat beute nachmittags das Urteil im Hochverratsprozeffe gegen Mühsam Md Genossen' verkündet. Mühsam wurde zu 1b Jahren Festung verurteilt. Es wurden ihm mildernde Umstände zugebilligt und ihm ehrenhafte Gesinnung zuerkannt. Rechtsanwalt Dr. W a g n e r hingegen wurde zu 8 Jahren Zuchthaus verurteilt. Das Gericht erklärte, bei ihm die ehrliche Gesinnung nicht anerkennen zu können. Mildernde Umstände wurden ihm nicht -»gebilligt. Drei Angeklagie wurden den ordentlichen Gerichten übergeben, drei andere f r e i gesprochen. Zwangsarbeit der „Bourgeois" in Ungarn. , Eine Verordnung der Räteregierung. Budapest, 12. Juli. (Ung. Tel.-Korr.-Bur.) Eine ältere Verordnung der revolutionären Räteregierung hatte für jedes in Ungarn heimatberechtigte arbeitende männliche Mitglied der Mgarländischen Räterepublik vom 18. bis zum 4b. Lebensjahr eine Wehrpflicht festgestellt. , Nach einer soeben erlassenen neuen Verordnung wird die Wehrpflicht auch auf sämtliche in Ungarn heimatberechtigte nichtarbeitende (B ourg eois) männljche Mitglieder der Räterepublik ^im Alter von 18 bis 45'Jahren ausged eh nt. Die Wehrpflicht der Nichtarbeitenden (Bourgeois) besteht in der Arbeits- Pflicht. Wer diese Verordnung Übertritt, gelangt vor das Nevolutionstribunal. Falls dieses die Schuld feststellt, wird der Verurteilte sofort seiner Stelle enthoben, sein Arbeitslohn eingestellt, seine Lebensmittelkarten werden eingezogen und er wird aus seiner WohnMg, die ohne jede Beschränkung requiriert werden kann, delogiert. Dr. Titta enthaftet. Prag» 12^ Juli. (Tel.-Komp.) Der Obmann des Deusscheu Volksrates, Dr. Titta, ist über Einschreiten seines Verteidigers Dr. Glautv heute um 3 Uhr nachmittags in Prag enthaftet worden.