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Wiener Morgenzeitung · 1919-07-13 · Heft 174 (13.7.1919) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 174 (13.7.1919)
Date
1919-07-13
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Wien, Sonntag \ ... K BT-jr’1’—-- —-r Die Niederlage Frankreichs. —V Wien, 13. Juli. Die Entente will also wieder einmal den Offensiv- Dampf ße^eti die ungarische Rätei'egierung beginnen. Sie hat den Kampf bisher NN? mit diplomatischen Zopten geführt, deren jede von Herrn Kun säuberlich seiner Aktensainmlung einverleibt wurde. Irgendeine Wirkung ist nicht eingetreten und ein Abklingen der pölittschen Spannung konnte sich nirgends bemerkbar machen. Venn also MNMhr Wer neuer* liche Beratungen des Pariser. FKMrrates, über die Bereit* sicllnng einer Armee von etwa einer Viertelmillion Mann und über den Todesstoß, zu dein General Franchet d'Esperey allsitzt, berichtet wird, .so muß man absvarten, ob es auch wirklich zic aktiven Operationen' kommen wird Und ob d^ts Zusanlnrenwirken von tschechischen, rumänischen und serbischen Soldaten, deren Begeisterung im fünften Kriegsjahr nicht zu doch eingeschätzt werden darf,der Roten Armee auch tatsächlich ivird den Todesstoß versetzen können, Die Willensäußerung der Ententestaaten, kn dem Gebiet zwischen Donau und Theiß geordnete Verhältnisse herzu-- nefrou. wird bei den Myssen ihrer eigenen Bevölkerung mit gemischten Gefühlen betrachtet. Dje Angst vor dem Vplschewisnnis. die sich in der Pariser Konferenz am stärksten ZilsammLnhallt, ist der Ausfluß eines schlechten Gewissens. Dis französischen ' Imperialisten versuchen, ' der Llbrechnntig mit ihrem qusgebluteten und wirtschaftlich entkräfteten Volk dadurch «mszuweichen, daß sie die uyterlcgenen "Staaten durch straffes Anziehen der Geldschraube in ewige Armut und Wehrlosigkeit stürzen wollen. Sie glauben, daß Deutschland die innere Kraft aufbringen wird, seinen Wieberaufbau gesammelt zu vollziehen und vergessen ganz, das; das gesamte deutsche Volk wie hypnotisiert auf das Loch in;. Osten starren und damit das Beispiel Frankreichs nachahmen wird, -essen politische Entwicklung in dem halben Jahrhundert seit dem Frankfurter Frieden unter dem unausgesetzten. Druck der elsässischen Frage und der Revanche stand. Sie ühersehen aber auch, daß die Bundesgenossen Frankreichs selbst vor schwierige wirtschaftliche Krisen gestellt sind und mit her immer stärker anschwellenden Arbeiterbewegung zu kämpfen haben, die aus, den sozialen Revolutionen des Ostens ihre geistigen und politischen Impulse zieht. Das trifft* vor allem für England zu, wo das. Schwergewicht der öffentlichen Macht nicht mehr in dem Parlamenta-. 'tsmus mit seinem Schaukelspiel zwischen Whigs und Torys Uegt, sondern sich langsam nach der Seite der Arbciterräte der .Shop Stewards Eommittees zu verschieben beginnt. Die „närrische Majorität des Herrn Asquith, wie sie eininal Lloyd 'George genannt hat, bröckelt' unter dem Zwange einer unaufhaltsamen, wenn auch britisch-bedächtigen, Setocnung ab, > und einer der Abgefällenen, der unabhängige Liberale Lees Smith hat ganz unzweideutig, dem alten System, des Parlamentarismus den Krieg erklärt, um das von Ramsäy Macdonald bequeme Werk des Protestes' gegen Krieg und Blut fortzusetzen. Schon ist die Forderung der Sozialisierung der Betriebs in den öffentlichen Wortschatz übergegangen, man ' diskutiert über die Verstaatlichung der Eisenbahnen, der Ozeanschiffahrt und 'der Vermerke. Dieses England wird,ill sehr naher Zukunft daheim alle Hände voll zu tim haben und Frankreich wenig helfen können. Anders liegen die Dinge in Italien, bas mitten' 'in schweren, ans der Arbeiterschaft erwachsenen Kämpfen steht, die seine politischen und materiellen Kräfte aufzuzehren drohen. Vergebens greift, die nationalistische Kriegspartei zu dem so oft bewährten Mittel der auswärtigen Verwicklungen, uw durch den über Gebühr aufgebauschten Streit um Fiume die Aufmerksamkeit der erhitzten Massen auf Frankreich abzulenken. Das mag für einige Tage genügen, aber nicht länger. Italien wil lund kann seinen Bundesgenossen nichts mehr bedeuten. , ' Amerika steht. Gewehr bei Fuß. Es steht die Dinge ' in Europa mit kühler Gelassenheit an.. Es hat. sich mit der moralischen Ueberlegenheit, die ihm Präsident Wilson mit seinem gutgemeinten Ton, aber rückmarkschwechen Idealismus geschaffen hat, - nicht begnügt. Amerika hat an Mnschen wenig verloren, 'seine Kassen sind voll, seine Felder bebaut, feine Arbeiterschaft 'allen politischen Experimenten durchaus abgeneigt. Amerika rechnet die Situation Europas in blankes Geld um und greift' in das verwirrende Kräftespiel nur soweit ein, sich die Chancen des WeltgeschästeS als Gläubiger aller Staaten zu wahren. Es vermittelt überall, bald für Italien, bald für Deutschland ~ alles in der wohlerwogenen Rücksicht, die zukünftigen Schuldner nicht ganz ausbluten zu lassen. Amerika als Geldland hat keine Sympathien, keine Antipathien'. Wfird ihm die Organisationsfähigkett Deutschlands aussichtsreicher erscheinen als die Frankreichs, dann ivird es über Löwen und ArraS trauern, aber mit Deutschland „Geschäft wie gewöhnlich" betreiben. / ■ Deutschland hat den Frieden unterschrieben und ratifizteri. Es hat erklärt, ihn loyal einhalten zu wollen. Ob eS dies Versprechen wird einlösen können, ist stark zu bezweifeln. Deutschösterreich wird zum Sorgenkind der Entente werden, weil durch sein Gebiet die Blutadern Europas laufen, die nicht abgebunden, aber auch nicht der bolschewikischen Infektion preisgegeben werden dürfen. Der in Wirklichkeit Geschlagene dieses Krieges aber ist Frankreich, das furchtbare Wunden erlitten hat dank der Tätigkeit seiner Kriegshetzer und ins Irre geratenen Generäle. Wenn man die Schuld am Kriege klarstellen will, bann darf mcyl nicht vergessen, daß die Hasardpolitiker wie Ludendorfsi und Tirpih auch die anderen Staaten anzutrefsen waren, daß die Rüstungsindustrie bis zum ersten Kriegstage international organisiert; war und auf möglichst fette Dividenden lossteuerte. An diesem Hasardspiel und an diesen Dividendenräubern ist die Welt krank gewesen. Aber die Versöhnlichkeit, .die ihr die Grsundheit bringen wird, ist nur erst in den Itmriiffii stclftbar. Wer. jö6 jchrMt; vorwärts... Wiener Morgenzetinug i 13. Juli 1919 Nr. 174 Me Friedensprobleme. ' Wien, 12. Juli. Nachdem nun Deutschland den Friedensvertrag unterzeichnet hat, .empfindet Graf B r y ck h y r f Rantzau Pech Behürftsis, seine Politik in- Versailles in. einem Artikel zu rechtfertigen. Er habe das Ziel verfolgt, zuerst eipe Verbesserung des Entwurfes zu erlangen. Diese Politik, meint Bwckdorff, habe' eine Zeitlang Aussicht auf Erfolg gehabt, die edoch durch die m an g e l n d e Einheitlichkeit und Festigkeit der öffentlichen Meinung in Deutschland zunichte gemacht worden sei. Mas Brockdorsf scheint in Versailles erwartet zu haben, daß eine noch lauter und kräftiger einsetzende Proteststimmung in Deutschland seine Position stärken werde. Ob diese Blusfpolitik den gewünschten^ Erfolg gebracht hätte, darf matt billig bezweifeln. Für die Gefahren, welche ein noch stärkeres Aufpeitschen der nationalistischen Propaganda, wie sie vor der Unterzeichnung selbst von den Mehrh^itssozialisten geübt wurde, und eines-neuen Durchhaltergeistes der Reaktion mit sich gebracht hätte, die in Deutschland ihre Rolle noch keineswegs zu Ende gespielt, hat,- scheint Brockdvrff wenig Verständnis zu haben. Allerdings empfiehlt er, jetzt, nach der Unterzeichnung, den Gegnern bei der Durchführung des Vertrages den guten Willen zu beweisen und im gegebenen Falle die Unausführbarkeit einzelner Bestimmungen der Entente klar zu machen. Vor allem tue Einigkeit not. Diese' ist allerdings gegenwärtig nicht allzu groß. Während Unabhängige und Spartakisten in ihrem Kampf gegen den unfruchtbaren und verknöcherten grundsatzwsen Regierungssozialismus nicht erlahmen, droht in der Regierungskoalitivn aus Anlaß der. Festlegung der Verfassung eine Krise auszubrechen, die von der Sch ul frage ihren Ausgang nimmt. Das katholische Zentrum nämÄch beharxt auf seiner Forderung nach der grundsätzlichen'Festlegung der konfessionellen Schule in der Verfassung und die Mehrheitssozialiften hätten auch in dieses Kompromiß gewilligt, wenn sich nicht ihre preußischen. Genossen mit dem Kultusminister Hänisch an der Spitze dagegen gewehrt hätten. Immerhin ist es ersichtlich, daß. die gegenwärtige Regierungskoalition auf nicht allzu star!ftn Beine» steht, obgleich ihre mehrheitssozialistischen Mitglieder, die hinter dem Wunsche, an der Macht zu bleiben, alle grundsätzlichen Bedenk-»zurückstellen zu wollen scheinen, gewiß jeden-Konflikt ausweichen werden. Inzwischen soll mit der Durchführ u n g d e r F r i e b fe ns beding ungen begonnen werden, und zwar zunächst in den ' Ostgebieten. Der Oberste Rat der Alliierten ist bereits mit den Maßnahmen beschäftigt, die in Schleswig und in; den Polen zugesprochenen Gebieten sowie in Ostpreußen, Danzig und Memel zu treffen sein werden. Einer Reutermeldung zufolge erllärte Wilson,, die amerikanischen Truppen müßten am Rhein bleiben, bis Deutschland alles rm Friedensvertrage geforderte Material ausgeliefert habe. Nach Wilsons Meinung sollten die Westmächte den Handel mit Deutschland ehestens wieder aufnehmen, um Deutschland Rehabilitierung zu gestatten. Eine englische Bekanntmachung, die sich auf die Wiederaufnahme des Handels mit Deutschland bezieht und alle Einschränkungen im -Schiffsverkehr angeblich aufheben soll, wird' für die nächsten Tage erwartet. Die Verzögerung in der. Ueberreichung des Schlußentwurfes an Deutschösterreich soll hauptsächlich auf die Uneinigkeit zurückzuführen, fein, die zwischen den AlsiL^r^n und Italien in der ' - ' Fiuyraner Frage besteht'. Vor seiner Abreise nach Rom hat Tittoni dem Fünftrrat mitgeteilt, daß die Regelung dieser.Frage unbedingt' notwendig ist, wenn eine Krise vermieden werden soll. In'seiner gestrigen Ka^tmerrede bat T'i t-' ton'i, unbedingte Ruhe zu bewahren, da die italienische Delegation mit der Nötigen Festigkeit für Italiens Rechte eintrete und ihre Arbeit durch Kundgebungen erschwert* würde, welche leicht von-her Friedenskonferenz als eine Pression angesehenwerden^ könnten.- Immerhin steht fest, daß Italien in seinen Ansprüchen auf Fiume n ich t nachzugeben beabsichtigt. Interessant ist, daß Jugoslawien bereits für die Zukunft in der FoM eines , zu gründenden Balkanbundes bei den Nachbar-■ staaten Rückendeckung sucht. Die Initiative zwe Bildung; des neuen Balkanbnndes, für den das alte Pchlagwort. „der Balkan den Balkanvölkern" ' hervorg'eholt wird, geht bezeichnenderweise voyr serbischen Ministerpräsidenten aus. Der Bund soll Jugoslawien, Bulgarien und Griechenland umfassen. Sogar von einem F öd e r a t i p b ü n d n i s und einem; Zentral^rarlament ist die Rede. Es scheint, daß bet den Balkanstaatey der Wunsch vorherrscht, sich Politisch und wirtschaftlich auf eigene Füße zu-stellen. Käme ein solcher Bund tatsächlich zustande, so würdK dirs eine bedeutsame Schwächung von Italiens diplomatischer Position zur Folge haben, das sich ,-ja nicht nur zu Jugoslawien, sondern auch zu Griechenland im Gegen- , satz befindet, indem die italienischen und griechischen Wspräche im östlichen Mittelmerr und in Kleinasiö'n miteinander rivalisieren. , \ Durch alle diese Unstimmigkeiten unter vfe: alliierten und assoziierten Mächten wird auch / ' DmtschLsterveich in Mitleidenschaft gezogen, für welches nach , seines ganzen desolaten Lage die Verzögerung des Friedensschlusfes eine arge Schädigung bedeutet. Die Unsicher-' heit über die Zukunft lähmt jehes Unternehmet:' und' bringt Handel und Wandel zum völligen Stocken. Auch die Frage des Anteils an den sogenannten gemein-' samen Schulden ist noch nicht geklärt und eine. Prager Meldung aus Paris besagt, die tschechMen Delegierten auf der Friedenskonferenz hätten sich be^ müht, nachdem sie eingesehen hätten, daß .es nicht' möglich sei, von der Ärpflichtüng .der Zahlung der Kriegsschulden der ehemaligen Monarchie befreit .zu. werden, den Anteil an der Kriegsschuld möglichst zu verringern und es sei Dr. Kramarsch gelungen, die Verpflichtung der Tschecho-Slowakei auf 750 MMbmen GvWfranken herabzuhrsicken, von welchem Betrage noch' die von den Ungarn in der Slowakei angerichtettzn' Schäden abgewogen werden sollen. Ob diese Meldung, auf Wahrheit beruht, wird sich wohl in den nächsten Dagen zeigen, denn schließlich wird die Entente Deutschs österreichs Unterhändler nicht allzulange mehr in Saint-; Germain warten lassen. . SUPPE FLEISCH egMüse_ 6CHLOSSELe.2ll WIEN.VIII MITTAGu £1- Institut für Inhalation u. physikalische Heilmethode« Dr. Ostermann, IX., Spitalgasse 1 a, Tel. 81663- Ord. 9-"18, 3—6. 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Grigorieff erhalte keinerlei Unterstützung der Alliierten und die b ritis ch e Regierung könne gegen die Ausschreitnngen keine Schritte unternehmen, da sich gegenwärtig keine alliier-ten Truppen auf dem Kriegsschauplatz befände«. Auf eine andere Anfrage, ob wrigörieff Pogrome gegen die Juden peranstalte und an vielen Orten die ganzefübischeBevöLkerungausgerottet fei, antwortete der AnterstaaLsfekretär, es fei Kürzlich die Einnahme von Odessa durch Grigorieff gemeldet worden, doch seien über die Pogrome wenig zuverlässige Informationen emgetroffen. Allerdings werde berichtet, datz Grigorieff Lutz er st antisemitisch vorgehe. Die britische Regierung habe ihm weder finanzielle, noch moralische, noch irgend eine andere Unterstützung anaedeiben lasten.

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