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Wiener Morgenzeitung · 1919-07-13 · Heft 174 (13.7.1919) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 174 (13.7.1919)
Date
1919-07-13
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Die Vorgänge in Deutschland und die politischen Kundgebungen der Führer des deutschen Volkes zeigen deutlich, daß der gewalttätige deutsche Imperialismus Leine oberflächliche Erscheinung war, daß nicht nur der Körper, sondern auch die Seele durch den preußischen Drills verdorben wurde, daß sich die. alldeutsche Reaktion tief in den deutschen Volksorganismus eingeftessen. hat. Nichts deutet daraus hin, daß nach der Niederlage der Machtrausch verflogen ist. Vonwirklicher Wandlung keine Spur; keine glaubwürdige, überzeugende Aeußerung des Verzichtes aus die Politik der Gewalt ist bisnun laut geworden, nur' ein wuterfülltes Einbekenntnis der derzeitigen Ohnmacht ^entringt sich den knirschenden Zähnen. Aber diese Tatsache braucht die Welt nicht mehr mit Besorgnis zu erfüllen, denn den Siegsriedlern ist für absehbare Zeit die Macht genommen, das deutsche Volk in neue, den Weltfrieden gefährdende Abenteuer zu treiben. Die alldeutsche Reaktion bedroht nicht mehr die Umwelt, sie. bedeutet nur mehr eine -innere Gefahr für das deutsche Volk. - Sie kann nicht die Welt zertrümmern, sie wird, wenn sie. vom deutschen Volk selbst nicht bald überwunden wird, Deutschland zerschlagen. Die Anzeichen sprechen nicht für die baldige Ueberwindung, Deutschland steht also bedenklich nahe vor dem Zerfalle. Freie Männer, welche für eine gerechte Sache gekämpft haben und unterlegen sind, schließen sich im Unglücke enger aneinander, die Niedersage festigt ihre HeMWchaf^ .Myher. und ihre Knechte kehren nach vem 'Unßlungenen Abenteuer die Waffen gegeneinander und zerfleischen sich auf der Flucht. Der Lärm - wildet ULche und greulicher Beschuldigungen tönt von Deutschland herüber. Die Führer der deutschen Stämme und Länder rechnen untereinander ab. . Die Süddeutschen und Westdeutschen wollen von * Preußen los, das sie. als Bringer alles Unglückes bezeichnen, und die Preußen verwünschen die weichlichen Bayern und Rheinländer, die schlappe Bande, welche man von Berlin aus zu wenig streng gehalten hat. Los vom reaktionären Preußen der Junker und Jndustriebarone, heißt die Losung; aber auch los vom umstürzlerischen sozialistischen Berlin! Also los unter allen Bedingungen! Mit der wilden alldeutschen Verbissenheit, welche sich dem Feinde gegenüber als fruchtlos erwiesen hat, werden nunmehr die deutschen Stämme und deutschen Klassen gegeneinander geführt. , - Geschlagene Räuber und Knechte toben auf dem Rückzuge ihre Wut aber auch an Schwachen und. Wehrlosen aus. Wehe dem Unschuldigen, der ihnen waffenlos in den Weg gerät! Er muß herhalten, er ist der Verräter und. er müß die Niederlage büßen! Äülch in dieser Hinsicht erweisen sich die besiegten alldeutschen Siegfriedler als eine verwilderte Rotte verzweifelter Marodeure. Sie haben schon den Sündenbock erwischt und dreschen auf ihn los. DieJuden sind an allem schuld! Aus den geifernden Mäulern der geschlagenen Hohenzollernknechte,. der händeküssenden Generale und schweifwedelnden Professoren ergießt sich eine antisemitische Schmutzwelle, welche schon die Grenzen Deutschösterreichs überflutet hat. Auch hier praygen schon überall die Erzeugnisse alldeutschen Pöbelgeistes^ die Aufrufe und Plakate und Broschüren mit dem Motto: Der Schmachfriede ein 'Judenfriede! Deutsche Jünglinge und deutsche - Jungfrauen, schneidet es in alle Rinden und grabet es in alle Sterne ein: ' Der Jud ist schuld, jüdische Tücke hat Alldeutschland zu Falle gebracht! Deutsche Säuglinge und deutsche Leichname, schwöret mit: Rache, den Juden! Nicht der machtlüsterne Kaiser, nicht seine nach Kronen gierenden Söhne und Vettern, nicht die profithungrigen Fabriks- Hyänen, nicht die alldeutschen Afterwissenschastler, welche haarscharf bewiesen haben, daß Preußen, zur Herrschaft und die ganze andere Menschheit zur Knechtschaft berufen ist, nicht sie, nein, die Juden haben Deutschland um den sicheren Sieg gebracht Haut die Juden! Die Alldeutschen verrechnen sich wiedereinmal. Sie träumen auch bei Behandlung der Judenfrage in Zeiten zurück, die nicht mehr sind» in die selige Zeit des Brandenburgischen Korporalstockes, der tübakfchnupsenden kurfürstlichen Tyrannen, und der kriecherischen, tolerierten Berliner Israeliten. Damals waren Ne Juden, mit welchen man es zu tun hatte, ein Kein Einschreiten gegen Ungarn. Marschall Fach über die zweifelhafte Erfolgsmöglichkeit. N e tv - B o r k, 12. Juli. (Funkspr. des Korr.-Bur.) Aus Paris wird berichtet: Die Beratungen des Fünferrates wegen bewaffneten Einschreitens gegen die ungarische .S o w i etr epu b li k sind vorläufig ohneBeschlütz geblieben, da Marschall Fach sein Gutachten dahin abgegeben hat, daß die ungarische Armee gut ausgerüstet und von kriegerischem Geiste erfüllt sei, während die zerstreuten Kräfte der drei Angriffsstaaten nur schwer unter ein einheitliches Kommando -zu bringe« wären, so daß der Erfo lg zw eifelh aft wäre. y Keine Truppen vorhanden. — Unterstützung der Nationalstaaten. S a i n t - G e r m a i n, 12. Juli. (Korr.-Bur.) Einem stark zensurierten Artikel der „Chicago Tribüne" läßt sich entnehmen, daß die Alliierten zwar die Frage einer b ewaffneten Jntervention in Ungarn ernstlich in Erwägung zu ziehen scheinen, daß es ihnen aber offenbar s ch w.er f ä l l t, die dazu notwendigen T r u p p e n aufzubringen. „New Bork Herald" meldet in derselben Angelegenheit, daß bei der gestrigen Beratung des Fünferrates über das ungarische - Problem t s ch e ch o-slowakische, rumänische und Jugoslawisch« Vertreter sowie Marsch all Doch anwesend Ware«. Die drei Natione« wurden aufgefordert, binnen acht Tagen be- Kanntzugeben, welcher Unter st ü tz u n g sie im Falle einer bewaffneten. Intervention bedürfe«. Frankreich vor dem Generalstreik. New- Y o r k, 12. Juli. (Funkspruch.) Aus Paris wird berichtet: Mitten in den Vorbereitungen zur Siegesfeier befind et sich Paris in den größten p o l i t i f ch e n und w i r ch f ch a f 11 ich e n K ä ch p f e n, wie Frankreich sie seit .MAMnsen^ Eichtgesehen hat. ' * Dem am 21. Juli erwarteten Generalstreik sucht die Regierung mit allen erdenklichen Straf a «drohnngen und Eirisch üchternngen zu begegnen. Der erste Sekretär der Allgemeinen Arbeiterkonsodch ration, Leon Iouhanx, hat erklärt: Kundgebung vom 21. Juli wird eine Wiederholung jener vom 1. Mai sein, aber in Mtvergleichlich größerem Ums an ge." Es dürste viele Tote und Verwundet« gebe», da die Regierung hunderttausend Maup ausgeboten hat, um Ausschreitungen zu verhindern, Hochrufe auf die Sowietrepudlik. — Verprügelte Offiziere. — Plürtderimgerk. Nerv-Park, 12. Juli. (Funlspr. des Korr.-Äur.) Ans " Paris wird berichtet: Der . Kellnerstreik hat gestern z« sehr ernsten Zus am menstötzeu geführt. Gegen 7 Uhr abends zogen Tausenpe der Streikenden, untermischt mit Soldaten in Uniform, über die Boulevards, sangen die „Internationale", brachtet» Hochrufe ans auf dieSowietrepublik und vertrieben die Spaziergänger von den Straßen. Jedes Nestanrattt, das entgegen dem Streikbeschluß offen hatte» wurde zum Schließe» gezwungen, zahlreiche Fenftersch eiben.eingeschlagen «nd die strsikbrechenden Kellner verprügelt. Im Eafö de la Paix wurde» biß Gästehinausgejagt und alle Scheibe» ein» geschlagen. Die Polizei war von den Manifestationen überrascht worden «nd hatte keine Vorkehrungen getroffen, so daß die Streikenden, denen sich viel Gesindel angeschlosssu hatte» durch ein i StnndeHerrender Straße waren. Es kam zu vereinzelten Plünderungen. Die französische« Soldaten bezeugten ihre Sympathie für die Streikenden und griffen nicht ein, als.auch Offiziere i «Uniform von derMcngeverprngelt wurden. Louis Brandeis in Palästina. Ernste Lage in Italien. Kop e»tl) afl en, 10.Juli. (Tel. der „Wiener Netv-2)orki, 12. Juli. (Funkspr.desKorr.'Bm^ Morgenzeitung".) Das Kopenhagener ziomstii Aus Paris wird berichtet: Die Lage sche Bureau meldet r O b e r r i ch t e r L o n i s - in Italien wird hier als s e h r e r n st b e- Brande i s ist in A e g y p t e n eingetroffen i trachtet. Man spricht davon, daß' die Älli* und wurde am 3.'d. M. von der zionistischen iertenmöglicherweise Kriegsschiffe ent- Föderation „Makkabi" in Kairo e nt hu- , senden werden, um der italienischen Res i a st i s ch empfangen. Brandeis hatte am giernng in den Hafenstädten zu 6. d. M. in Alexandrien eine lange j helfen. Unterredung mzt Generali Bei° den Unruhen in Rom wurden über Allenbh und ist von dort direkt j zw an zig Menschen getötet und Hunderte nach Palästina abgererst. 'verwundet. ' Häuflein verschüchterter, mauschelnder und feilschender Kammerknechte, ein bequemes Spielzeug für den landesherrlichen und junkerlichen Uebermut, wehrlose Ghettoseelen, die jeden Fußtritt mtt Hurrah-Patriotismus quitüerten, ihre Söhne taufen ließen und ihre Töchter in die Betten verkrachter Junker legten. Die Alldeutschen glauben offenbar, daß die Juden in der gleichen Verfassung geblieben sind. Sie haben nicht gemerkt, daß sich im Judentume eine Wandlung vollzogen hat. Die' Berliner Kammerknechte von anno dazumal sind heute Glieder einer starken, in der Verteidigung einigen Gruppe, Söhne des Vierzehnmillionenvolkes der Juden, welches über eine die Welt umfassende Organisation verfügt. Dieunter den Deutschen lebenden Juden werden nicht länger die Schmähungen urck Drohungen devot lächelnd und verstohlen seufzend hinnehmen und ihre Brüder draußen werden nicht schweigend mit ansehen, wie geschlagene Landsknechte ihr Mütchen am Judentum kühlen, seine Ehre täglich und stündlich besudeln und seine Sicherheit durch Pogromhetzen bedrohen. Es werden -noch Richter über Alldeutschland zu finden sein! Dessen mögen die antisemitischen Siegfriedler gedenken. Die anständigen und vernünftigen Elemente der großen deutschen Kulturnation haben die Pflicht, dagegen Stellung zu nehmen, daß verantwortungslose Hetzer Deutschlands, Ansehen und Interessen frivol gefährden. Abs^sstehen und Schweigen genügen nicht. Das besiegte und noch weiter schwer -- angefeindete Deutschland muß draußen in der Welt Freunde winnen. Vierzehn Millionen jüdischer' Ankläger sind sicherlich kein Gewinn.

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