Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 170 (9.7.1919)
- Date
- 1919-07-09
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Wien, Mittwoch Wiener MorgenZeitung 9. Juli'1919 . ' '_ Nr? 17^ Die Lage in Polen Telegramme. Ludendorffs und Hindenburgs Auslieferung gefordert. , ' Genf, 8. Juli. (Korr.-Bur.) Wie der „Temps" meldet, ist befchloffen worden, die Auslieferung von Ludendorfs und Hindenbrrrg zu fordern wegen der Zerstörungen, die beim Nüekzuge seitens der Truppen des deutschen Heeres planmäßig verursacht worden seren. Deutschland müsse dafür 17 Milliarden Schadenersatz leisten. Graf Brochdorff — Gesandter in Wien. Berlin, 8. Juli. (Korr.-Bur.) Wie der Wiener Vertreter der „Bossischen Zeitung" hört, besteht die Möglichkeit, datz Graf Brockdorfs-Rantz au als Nachfolger d^s Grafen Wedel zum deutschen Botschafter in Wien ernannt wird. — Das deutfchöfterreichifche Staatsamt des Aeußern, das mit dem Auswärtigen Amt in Berlin über die Neubesetzung im vertraulichen Meinungsaustausch stand, habe die Frage, ob der frühere Reichsminister des Aeußern , genehm sein würde, bejahend beantwortet. ' Spartakus in Hannover. ' Entwaffnung von Truppen. — Befreiung der Sträflinge. — Feuergefechte. — Tote und Verwundete. {■ Hannover, 8. Juli. (Korr.-Bur.) Die gestem l abends auf dem Bahnhof eingetroffenen Truppen ‘wurden vom Gesindel tätlich angegriffen, das versuchte, den Truppen die Waffen abzunehmen, \worauf die Truppen von der Schußwaffe Gebrauch in a ch e n m u ß t e n. Leider sind dabei einige Personen getötet oder verwundet worden. Wie der „Hannoversche Kürier" weiter meldet, zog nach Gewaltakten auf dem Ernst Augüst- , Platz eine Anzahl von Spartak Ist e n nach dem Schloß und holte dort die Gefangenen heraus. Hierauf zog die Menge vor einige Polizeireviere. um dort nach Waffen zu suchen, und sodann zum Militärgerichtsgefängnis, wo ihr die Wache die Waffen ohne Widerstand überließ. Dann erzwang sie sich Einlaß und befreite sämtliche Gefangenen. Die Ge- :richtsakten wurden in der Hallerstraße verbrannt. Nunmehr begab sich der Mob nach dem Zellengefängnis, wo ihm Reichswehrtruppen usid Schutzleute eutgegentraten. Es entwickelte sich ein Feuerte f e ch t, dem mehrere Menschen zum Opfer fielen, i Schließlich flüchtete die Menge. Die Auslieferung Wilhelms II. Debatte im englischen Unterhaus. Amsterdam, 8. Juli. (Reuter.) BonarLaw erklärte im : englischen Unterhaus in Erwiderung ' auf eine Anfrage, bisher : hätten die alliierten Regierungen in der Frage der Auslieferung; des vormaligen Kaisers keine (im Originaltext steht jourualen, soll wahrscheinlich beißen: formalen) Vorstellungen bei der holländischen Regierung erhoben. Die notwendigen' Schritte in dieser Frage würden jedoch untern o m m c n. Dalbiez fragte, ob irgendwelche inoffizielle Mitteilungen gemacht worden seien. S o n a r L a w erwiderte: Darüber möchte ich lieber keine Aeußernng abgeben. . M n r r a y fragte, ob Bonar Law wisse, daß eigentlich memaud besonders wünsche, daß der vormalige Kaiser nach England gebracht werde. Diese Anfrage rief Beifall hervor. Bonar Law antrvortete nicht. - , .. Unruhen in Warschau. Krakau, 8. Juli. (Poln. St.) Der „Kurser Codzienny^ meldet aus Warschau: Am 3. d.M. kam es hier zu blutigen Vorfällen, die durch die kommunistische Agitation hervorgerufen wurden. Kommunisten hätten für 3 Ahr nachmittags, eine Versammlung der Erdarbeiter vor das Landtagsgebäude einberufen. Die Erdarbeiter werden von der Negierung trotz der prekären finanziellen Lage des Staates glänzend bezahlt und wurden übrigens nur deswegen in den Dienst des Staates eingestellt, damit die große Zmhl der Arbeitslosen herabgesetzt werde. Die Kommunisten brachten es nun zuwege» diese Arbeiter zur Aufstellung neuer Forderungen — 3 Mark pro Arbeitsstunde — und zur Veranstaltung einer Demonstration z« bewegen. Tatsächlich zogen um die angesagte Stunde Massen von Arbeitern, von Kommunisten geführt, vor den Landtag. Schon unterwegs kam es zu einer von den Kommunisten provozierten Schießerei, nachdem die Kommunisten durch Erschießung eines Offiziers das Signal zu Ausschreitungen gegeben hatten. Aehnliche Szenen spielten sich an einigen Punkten der Stadt ab. Insgesamt wurden 2 Personen getötet und 18 schwer verwundet. Der Warschauer Arbeiterrat erließ einen Aufruf, der die Arbeiterschaft zu einem Generalstreik zum Zeichen des Protestes ausforderte. Einen ähnlichen Aufruf erließ die sozialdemokratische Parteileitung. Am 4.Ä. M. herrschte bereits Ruhe, aber in den meisten Betrieben wurde gefeiert. Die Straßenbahn verkehrte nicht, die Zeitungen konnten nicht erscheinen. Da die Gasarbeiter gleichfalls streikten, konnten die Straßen nicht beleuchtet werden. Die Regierung nimmt der kommunistischen Agitation gegenüber eine ganz unentschlossene Haltung ein. Die amerikanische Friedensdelegation gegen die Polen. Genf, 6. Juli. (Tel. der „Wr. Morgenztg.") Die amerikanischen Friedensdelegierten sind über die Haltung der Polen sehr ungehalten und erklären» daß Polen zu viel Rechte im Friedensvertrag erhalten habe, als es durch seine Aufführung während der kurzen Feit seiner Selbständigkeit verdiene. Man ist auch der Ansicht» daß die Propaganda der Polen gegen die Minovitätsrechte nur deshalb so stark sei, well es durch dieselben daran gehindert sei, mit den Juden so nmzugehen» wie es ihnen paffen würde und die Juden alsSündenböcke zu verwenden. Intervention zugunsten der verhafteten Mitglieder der ostgalizifchen MdischenRaLionalräte. Dem Pressedienst der Delegation ' des Jüdischen National-- ratcs für Ostgalizien wird-aus Paris telegraphiert: Das 6omtt6 ÜSS äölögattons juives in Paris intervenierte bei den kompetenten Faktoren in Sachen der verhafteten und internierten M i t g l i e d e r d e r j ü d i s ch e n N atio nalräte in Ostgalizien. Der englische Oberst Webster verlangte die Vorlage eines genauen Verzeichmsses und versprach Schritte zu deren baldigen Befreiung zu unternehmen. , Das Fiasko dev asfirmtatorrfchen Delegation«.' Warschau, 8. Juli. , (Tel. der „Wr. Morgenztg,*) Die Delegation der assimilatorischen Juden in Polen ist ans Paris nach Warschau zurückgekehrt. Ihr Führer, Herr Stanislaw N a i a n s o n. berichtete,, wie „Hajnt" meldet.scinen Mandatare« über die Erfolge, beziehungsweise Mißerfolge ihrer Reise. Er erzählet , "nteranderem, daß b;t c n a di o n a l j it d i sch e Mi ch tung,. - wie sie hauptsächlich durch die Zionistenrepräsentiert wird, in den ni d ßgebende it S p häre n d c r F r i e d e n s k o ni e r e n z sich eines so st a r k e n E i n f l u s sie s erfreue, daß die assimilatorischeDelegation allcT ü r c n g e s ch.l o f f c it vorgesnnden habe. Auch bei den Pariser assimilatorischen Inden fand Herr Natanson eine sehr kühle Ausnahme. „Sogar dies.*,- seibn von den nationalen Strö.mengen m i Ng e r i s s e n und ü b e r das L v s d e r j ü d i s ch e n. B e ^ö l k e r u n g i n P o l e n b e k ü m m c r t." . \v Ein Weiher Rabe.! Warschau, 8. Juli. (Tel. der „Wr. Morgenztg.") ^Vor . kurzem ließ die Frau des verstorbenen Grasen Adan Krasin § ki,. den Präses der jüdischen Gemeinde in Warschau, Herrn Rundst e i n zu sich kommen und teilte ihm mit, daß sie beschlossen; habe, ihr Haus in der Nowvlipkigasse z u m Z e i ch c u d e s P r o t e st e s g e g e n d.i e Pogro m e der jüdischen Gemeinde zu schenken. i st In der letzten Sitzung der jüdischen Gemeinde wurde be* schlossen, dieses Geschenk mit Dank anzünchmen. Rekonstruktion des polnifchen Kabinetts. 1 Krakau, 8. Juli. (Tel. der „Wr. Morgcnztg.") Nach Meldungen polnischer Blätter soll nach der Rückkehr Paderewskis aus Paris, die man mm die Mitte Juli erwartet, eine Umgestaltung des pol» nischen Kabinetts stattsindep.•• . Die polnische Bodenreform verschoben, n, Ans Warschau wird den „Polnischen Stimmen" telegraphiert: Die Entscheidung über die Bodenreform ist"wieder,, verschoben worden, da der Landtag über Antrag des Ab* geordneten D a s z y n s k i beschlossen hat, sämtliche Anträgt zur Frage des MarimasiPrivatbesitzeS an den Ausschuß zu ver-> werfen. Die Diskussion im Landtag war, wie c§ sich nunmehr'herausstellt, nur sehr mangelhaft vorbereitet. Der Ausschuß wurde beauftragt, anfangs dieser Woche Bericht zu erstatten.' ' Gegen die Pogrome. A m st e r d a in, 6. Juli. (Tel. der „Wr. Morgeuztg.") Die jüdischen Arbeiter New-Dorks plnnen für nächste Woche einen Demonstrationstag gegen die Pogrome in Ost-Kuropa. An pngesähr 30 Stetten sollen gleichzeitig DemonstraLionsversammlungen unter freiem Himmel stattfinden, bei denen bekannte jüdische und nichtjüdische Politiker. als Redner vorgemerkt find. In den einzelnen.Versaipmlnngen wird eine gleichlautende Resolution eingebracht werden, die eine eigene Abordnung Wilson überbringen sott. Die jüdischen Arbeiter fordern die sofortige Einstellung jeglicher Lebensmittel- und Materialeinfuhr nach Polen, die Behandlung Polens als feindlichen Staat» falls noch die geringsten Ausschreitungen gegen die Inden Vorkommen sollten. Gleichzeitig fordern sie» das; eine einseitig ans Juden zusammengesetzte Kommisston die durch die Pogrome den Inden zugefügten Schäden feststelle, die die Polen ohne jedwedes Recht auf ein Veto zu bezahlen hätten, wobei sich die Arbeiter auf das Beispiel des Versailler Friedens- Vertrages berufen. Neuerliche Krawalle in Fiume. / Ein französischer General bedroht. Fi E Laibach, 7. Juli. (Korr.-Bur.) Dem „Slowenec* wird aus Fiume berichtet: Samstag abends kam-»es abermals, zu blutigen Zusammenstößen zwischen Franzosen und Italienern. Bon 4 Uhr nachmittags an durchstreifen italiemsche Banden, als Soldaten verkleidet, die Straßen, um mit französischen Soldaten und Ofsiziercn Konflikte zu suchen. AIS ein französisches Automobil mit eiuem französischen General und mit dem italienischen General G r a z i o l i, deren Emtreffeu genieldet worden war und erwartet wurde, am Korso erschien, wurde der italienische General stürmisch begrüßt, während her französische General geschmäht und von der ausgchetzten Menge bedrängt wurde, so daß General Grazioli selbst e'mschreiten mußte. Auch gestem ging es nicht ohne neuerliche Konflikte ab, der denen cs B e r w u n d e t e gab. v Die Amerikaner in OLerfchlesien. v* Krakau, 8. Juli. (Tel. der „Wr. Morgenztg.") Nach einer Meldung des „Kuryer Eodzienny" wird die Besetzung Oberschlesiens durch amerikanische Truppen angeblich in der Starke von zwölftausend Mann für die Mitte Juli erwartet. - M; Alexander von Serbien; ungarischer König? Budapest, 8. Juli. Das Angarifche Telegraphen-Korrespondenz-Bureau meldet: Dem ^Vörös Ajsag" zufolge erklärte der Präsident der Szegediner Gegenregieruug, Graf Jnlius Karolyr, einem Journalisten, Ungarn sei zu schwach, um sich selbst zu regenerieren. Deshalb beabsichtige die Regierung, so bald es möglich fei, ihren Sitz nach Budapest zu verlegen und die ungarische Krone einem ausländischeir Herrscher, ihrem Plan gemäß dem Regenten Alexander von Serbien, anzubieten. Diese Meldung hat tu Budapest peinlichstes Aufsehen erregt. - - Tagesbericht. ' Bei derr jüdischen Kindern in der Schweiz. Don Anitta Mütter, irr. Walzenhausen. Der Erhalter und Führer dieser mtzückcnden, dreißig Kinder - fassenden Kolonie, ist ein einziger Mann, Herr Leon Frchmann. Mit seiner ganzen Energie und Tatkraft hat er sich für dieses Werk eingesetzt und er bietet auch den Kindern eitt wirkliches kleines Erdenparadies. Auf einem sanften grünen Hügel liegt das Haus und hebt den Blick weit über die mrsagbar schöne Landschaft,' zum Rhein und Bodcnsee hinüber. Traumhaft schön ist cs da, aber unsere Kinder haben keine Zeit zuni Träumen, sie geben sich praktischeren, irdischeren Beschäfti- .gungen hm und essen — effen! In Walzmhausen bekommt jedes - Kind 2 Liter Milch pro Tag und Butterbrot in ungezählter Menge. Ein lleines Maderl verrät mir selig, daß sie an einem cinzigm Tag 25 Butterbrote vertilgt! Wenn das auch ein wenig ausgeschnitten sein ruag, die Quantitäten Fleisch, / Käse, Butter und Eier, die unsere Kinder hier bekommen und mit unglaublichem Appetit verzehren, sind wirklich enorm. Die'Erholung ist aber auch dementsprechend und das Heim Walzmhausen, das sein Schöpfer auch selbst,leitet und tagtäglich inspiziert, wird Rekkordziffern an Gewichtszunahmen aufzuweisen haben. Nur eines betrübt mich bei seinem Besuche: der Gedanke an die Abreise der Kinder und wir tröstm uns hierüber mit der Hoffnung, daß Herr Fichmann es möglich machen wird, noch einer zweiten Kindergruppe die Wohltat und Seligkeit eines Walzenhauscner Aufenthaltes zn gewähren. Die Walzcnhansener Kinder hatten außer dm: unseren zur selben Zeit noch einen anderen Besuch: die Kinder ans Oberegg. Sw wa>rn gerade aus einem Aussinge herübcrgekonime», um nach ihren klcruen Freunden zn sehen. Das gab ein fröhliches Med^fihcli^ ein Planschen. und Erzählen, . -das -• gaurein Ende nehmen wollte! Eines nur drohte die Seligkeit zu stören. Die Kinder spalteten sich in zwei Lager: hie Walzenhausen, hie Obcregg, von denen jedes mit Begeisterung dafür eintrat, sein Heim sei das schönste und'wunderbarste auf der Welt, cs könne nichts, Schöneres und'Wunderbareres geben. Wir verzichten darauf, Uns durch Augenschein von 'der Obcrcgger Herrlichkeit zu übtrztttgenwir hatten die Hauptsache gesehen: das blühende Aussehen und das Wohlbehagen seiner lleiucu Gäste, und hätten gewiß, nach allein was sie über das Heim s erzählten, schwere Wahl gehabt, bei. einer Entscheidung über die größeren Vorzüge ObcieggS.oder; WalzenhausenS. . . v Heiden. Auch in diesem Heim scheu wir die gleichen schonen .Bilder.! Es wird von einer wahrhaft mütterlich-gütigen und liebevollen' Dame gtteitet, die dabei praktisch, mllsichtig und erfahren lst„ daß die Kinder bei ihr in jeder Beziehung in allerbester Obhut;, sind. J'hre selig hingegebene.Fröhlichkeit ist das beste Zeugnis dafür? Ich frage die ganze Gesellschast: „Ich fahre jetzt nach Wien. Wer von euch möchte mit mir nach Hause fahren '?" Das gibt einen', einzigen großen Schreck. Sie stieben.. auseinander. „Niemaud,! niemand" Mutter, Vater, die Geschwister, die Lehrer sind gewiß! nicht vergcffen. Aber das herrliche Behagen hat sie klug und j praktisch gewacht. Sie wissen, daß der Äufenthalt nicht von Tauer ist, daß sie wiederkehren und alle Lieben Wiedersehen, werden. Darum wollen sie die schönen Stmtden in der Schweiz voll allskoste» Md ganz genießen. Heiden schließt den Kreis von St. Gallem Eine reiche, tiefte»- voll durchgeführte Aktion. ist hier znstaudegekommen und der. Hilfsaktion St. Gallen zn. danken. Rabbiner Dr. Schlesinger und. seine Gattin haben die umfangreichen Arbeiten, die hierzu notwendig waren, mit 'rmermüdlicher Liebe und Sorgfalt geleitet.. Das kleinste Detail war. ihnen wichtig, und.interessant genüge wenn es die Verpflegung und Unterbringung der Kinder bctras. Sie dm'chdachten alles und fetzten sich persönlich dafür ein. llu« mündlich für das Wohl der Kinder sorgt auch Herr Lcvin. der Präsident der ostji'idischcn Gemeinde. Er ist Jude in» schönsten Sinne des V.'orteS, stets bereit zu helfen und versteht cö durchs (au - ciuigei'.des Beispiel und - .tmicucvnbt Gjitc. audi, weite <