Mannheim
Compact Memory

Wiener Morgenzeitung · 1919-07-09 · Heft 170 (9.7.1919) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 170 (9.7.1919)
Date
1919-07-09
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2979076-2979077-2979247--01513-2986924
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

\ Seite 2 Wien. Mittwoch Völker und. Staaten offenbaren können, von denen her sie kamen und zu denen sie zurückkehren werden, um ihrerseits dann der allgemeinen Oeffentlichlreit durch vertrauenswürdigen Mund mitteilen zu können, wie in Wahrheit die Gesinnung der Völker sei. Ohne daß man die unmittelbare Wirkung solcher Berichte überschätzt, dar? man die Ueberzeugung ausdrücken,. daß nur so, nur durch direktes Zeugnis, die Atmosphäre des Erdgeistes entgiftet wird. Wie sich im Kriege Herde der Lüge,'der Spionage und des Haffes bildeten, müssen sich Herde der Wahrheit, des Vertrauens und der gegenseitigen Aufrichtigkeit bilden, von denen das Gefühl sich wieder ausbreiten kann, daß die Erde doch immer noch, trotz allem, von Menschen bewohnt wird.— von verschiedenartigen, aber doch von Menschen. * Je ferner sich die Tagesordnung dieses jüdischen Weltkongresses von allen europäisch-politischen Fragen hält, je reiner sich nur jüdische Probleme und Aufgaben als sein Gegenstand etroeifert, um so reiner wird sich diese Nebenwirkung, diese so eminent wichtige menschliche Wirkung, einstellen können. Diese jüdischen Probleme, Probleme des jüdischen Volkstums auf der ganzen Erde, find in Fülle da: Palästina, der Völkerbund, die Gleichberechtigung in allen Ländern und die Festsetzung der jüdischen autonomen Rechte in den Ländern der Massensiedlung geben Gebiete, zu denen, das jüdische Volk selbst sprechen muß,.damit sie geklärt werden können. Daß dieser Kongreß in einigen Ländern und von einigen Organisattonen der Juden vorbereitet wird/ -ist bekannt. Rein technisch schon sind für ihn Sonderkongresse der Juden jedes einzelnen Landes nötig und auch sie werden teils vorbereitet, teils haben sie (Amerika) schon stattgefunden. , Es ist lächerlich, auch nur zu denken, daß die Gesittung und die Arbeit der Erde vor sich gehen könnte unter Ausschaltung ganzer Völker, des russischen etwa oder des deutschen; aber es ist wahr, daß die Solidarität der Menschen auch auf Sondergebieten wie der Wissenschaft, der Technik, des Verkehrs nicht mehr von den Vertretern derjenigen Körperschaften den Ausgang Nehmen wird, die vor dem Kriege solche Solidarität trugen. Die Gelehrten und die Ingenieure haben mehr gehaßt und giftiger gescholten als die Soldaten nach den Kämpfen; die GeisÜichkeiten ddr großen christlichen Kirchen haben, außer Einzelnen und Sekten, den Krieg und den Haß unmittelbar und mittelbar gestärkt; und noch ist. trotz der Berner Konferenz, die wahre Jnternationalität aller arbeitenden Massen nirgendwo wiederhergesiellt — überall müssen erst die Träger der Gifte des Krieges ynd des Haffes ausgeschaltet und ihre Wirkungen verwunden sein. Das Judentum aber als solches, als Geist, als religiöse Gesinnung wie als nationale Aufgabe war wahrhaft neutral; es hat nirgendwo Partei ergriffen, feine Haltung konnte nur abgekehrt, nur erschüttert, nur trauernd sein, weil das Faktum des Krieges und der so beschaffenen entgötterten Erde ihm nur die Partei des Friedens, der Verbindung, der sittlichen, auf Solidarität gegründeten Welt übrig ließ. Nun tritt es, schwach an Zahl gegenüber den Völkern der Erde, in seine neue wirkende Phase; aber diese Wirkung kann, da sie dem Geiste entspricht, welcher der Menschheit der, westlichen Erdhälfte das Gesetz des sittlichen Lebens verkündet und vorgelebt hat, tiefer fein, als man heute zu hoffen wagt. Daß, wie die gebrechliche Natur des Menschen nun einmal ist, auch dies verbindende und klärende Werk den: Widerstand von Juden begegnen wird, scheint klar und kann nicht überraschen. Denn eine Art von Juden, die nur Geburt und nichts sonst mit ihrem Stamme verbindet, wird wie einst versuchen, die Aufmerksamkeit der allgemeinen Oeffentlichkeit von der Tatsache abzulenken, daß überhaupt jüdische Probleme bestehen, well sie fürchtet, dann, bei so breiter Diskussion, auch auf sich unbehaglich empfundene Blicke zu spüren; eine zweite Art wird der Meinung sein, daß es zwischen ihr, der strengsten Hüterin traditionellreligiöser Ghettowelt und -sitte, und all den anderen Juden, keine gemeinsame Plattform gebe, well es nur eine einzige gibt, die ihre; und eine dritte wird einwenden, daß in der allgemeinen Lösung des menschlichen Problems, des Problems, wie Menschen ohne Ungerechtigkeit auf der Erde leben sollen, auch alle jüdischen Probleme gelöst sein werden, so daß es jüdischer Sonderlösung nicht bedürfe, well es nur „die Menschheit" gibt und Völker Vorurteile find. Ihnen allen legen wir nur nahe, einzusehen, daß, was sie auch selber wollen und denken, es eine Tatsache ist» daß eine große, ja die größte Zahl von Juden den Drang hat, die jüdische Besonderheit zu erhalten und von ihr Früchte der Zukunft erhoffen, die der Vergangenheit würdig sein sollen; und, daß ein solches verbindendes und reinigendes Werk für jeden Fall ein gutes wirkendes Werk ist, das nicht zu hemmen auch sie sich genötigt sehen müssen. . Der Erfeirbahnerstreik in Deutschland. r Berlin» 8. Juli. (Trl.-Kouip.) Dch Etsenbahnerstreik im Reiche zeigt ungefähr denselben Stand wn am gestrigen Tage. Das Ergebnis der Abstimmung in Hamburg ist noch nicht bekannt. Die Forderungen der Hamburger Arbeiter erstrecken sich neben einer ernmaligen Entschädigungssumme' auf sofortige Einführung des Rätefystems, offizielle Zurücknahme der beiden Sircilerläsfe und sofortige« Rücktritt des Ersenbahnmimsters Oeser. ' Wiener Morgeuzeitun^ 9. Juli 1919 Nr. .170 > Weg zum Völkerbund. V, , Wien,'8. Juli. ,, 'Ein Pariser Funkspruch berichtet, die Delegation Jugoslawiens auft der Friedenskonferenz habe bei C l e m e nee a u gegen die D o r g ä n g e i n F i u M e P r otest erheben. In den letzten Tagen hat es wiederholte ZusmyMenstöße zwischen der italienischen Bsvölkktzüng FiumeS. und ».den dortigen italienischen Soldaten auf der 'einen und den französischen Besatzungstruppen auf der anderen Seite gegeben und das Verhältnis, zwischen Italienern und Fr anwosen in Fiume scheint ein sehr gespanntes zu sein. Der Protest der südslawischen Delegation kann sich jedenfalls nicht auf die Exzesse beziehen, so weit sie die Franzosen betreffen, welche ja. beS jugoslawischen Schutzes nicht bedürfen, sondern ans die Vorgänge, welche zu diesen Exzessen geführt haben. Die Entladungen der nationalen Erregtheit in dem umstrittenen - Adriahafen fallen nämlich zeitlich zusammerl mit dem Versuche der Fiumaner, den gordischen Knoten zu zerhauen, bas heißt sich einfach unter italienische Souveränität zugegeben und eine eigene städtische Armee aufzüftellen. Man hat, beinahe den Eindruck, als würden die neuen TruvYen von-Fiume als ägen's Provokateurs verwendet. Der Protest der Jugoslawen stellt nichts lleberraschendes bar, denn man weiß, daß hier Anspruch gegen Anspruch steht und ' sich bisher kern Weg zu einem Ausgleich gezeigt hat. Dir Frage Fiume ist riamlich weit davon entfernt, eine lokale Frage zu sein. Der Hafen von Fiume bildet tatsächlich für Italien den Schlüssel für die kommerzielle Vormachtstellung in der Adria, ohne dessen Besitz der Hafen von Triest seine bisherige Geltung verlöre. So erklärt sich auch die' gestrige Nachricht von der Audienz der führenden Handelskreise.bei der Regierung in Rom, die um Berücksichtigung der Triester Bedürfnisse baten, damit die Stadt von der drohenden Krise, bewahrt bleibe. Die Schwierigkeit der Frage erklärt sich daraus, baß der Besitz Fiumes, . das trotz seiner italienischen Mehrheit, wenn wirklich eine solche vorhanden sein sollte, ein völlig kroatisches Hinterland hat, für Jugoslawiens Zukunft eine Lebensfrage bildet. Außerdem steht , hinter Jugoslawien die ftanzösische Politik und der italienisch-französische Gegensatz besteht unvermindert fort. Allerdings scheinen heutigen Nachrichten der Daciser Berichterstatter der New-Porker Zeitungen zufolge in den letzten Tagen die Mitglieder der italienischen FriedenSdelegat i o u A. n st r e n.g u n g eu zu machen, um den Franzosen zu beweisen, daß eine enge Zusammenarbeit der beiden Länder für beide Telle von Vorteil wäre» Hierzu bemerkt Auguste Gauvaiu im „Journal des Debats": Es gibt auch unter uns. Politiker, die verlange«, daß wir unsere' Hand Italien reichen sollen zu' einem Bund gegen die slawische^und angelsächsische Welt. Es wäre reinerWahns i n n, mit einem Block von nur 80 Millionen Lateinern der ganzen übrigen Welt t r o tz e n zu wollen. Es wäre Selbst- »TWMWIWTlir W »IMS—■WBT m o r d für Italien und Frankreich. Und wo blieben wir mi einem Bündnis mit Italien, wenn es gegen Deutschland ginge? .Bisher allerdings zeigt die Politik der beiden Lander derartige Divergenzen, daß man sich ein Zusammenarbeiten der beiden in einer Richtung kaum vorzustcllen vermag. Auch die bevorstehende Lösung des österreichischen Problems, welches keineswegs mit der deutschöfterreichischen Fnedensfrage zusammensällt kann drese einander entgegenstrebenden Tendenzen zum Zusaprmeu-' stürz bringen. — In der F r a g e Deutschöste r'r e i ch S verdienen New Dorker Nachrichten aus Pariser Quellen verzeichnet zu werden, die besagen^, daß der F ü n f e r r a t eine Note an dis d e u t s ch ö st e r r e r ch i f tfj c D e l egation vorbereite, in welcher versprochen wird, das Ersuchen um sofortige Zulassung zum Völkerbund zu b e f ü r w o r t e n und der Volkerbundtagung, die im Oktober in Washington stattfinden' soll, vorznlegeu. Eine sofortige Zulüftung Deutschösterreichs zum Völkerbünde würde für dieses uuter allen Umständen einen nicht gering anzuschlagenden Erfolg bedeuten. Demschösttrrcich würde damit aus seiner heutigen Isoliertheit herauSireten und einen unmittelbaren Zugang zu den Weltvölkern gewinnen. Allerdings ist der Völkerbund selbst bisher nur der Entwurf zu einer. Form, der. der konkrete Inhalt noch fehlt. ' Die Sregerstaaten find bisher völlig aus eine egoistische Macht- und Dcutevvliti! eingestellt und man vermißt in ihnen jenes internationale Denken, welches eine Vorbedingung für den Volkerbund bilden , muß'« Daneben bildet der Imperialismus der neuen Staaten eiue besondere Gefahr für eme ruhige mrd gedeihliche Entwicklung der,. Dinge im Sinne des Völkerbundgedankens uud diese Fragen' werden in Paris vermutlich noch viel Kopfzerbrechen bereiten/ Das Tschechoslowakische Preßbureau veröffentlicht einen Bericht, wonach die Vertreter der Delegation der sogenannten „Lernken" oder mit einem anderen Namen, »karpalhischen Russen*, vor die mit der Lösung der Frage des russischen Teiles Galiziens sind der Bukowina beauftragte Spezialkommisfion der Friedens- ' konferenz geladen worden seien. Es sei ihnen eröffnet woih-n." daß man beabsichtigte, - - Ostgalizien und der Bukowina eine p r o v i s o r i s ch e A u t o n o m i e im A n s ch t u a n P o l e n zu erteilen; später solle das Volk selbst im Weg« der Volksabstimmung über seine Zukunft entscheiden. Die Vertreter der „Lemken", das heißt der westbeskidischcn Ruth en.en — denn um diese handelt es sich — haben dir polnische Lösung aögelchnt und im Falle der Unmöglichkeit einer Bereinigung mit Rußland den Anschluß an das „karpansche Rußland" in Form einer autonomen Provinz der Tscheche»-Slowakei; verlangt. Auch hier zeigt sich also wieder der Konflikt zwischen Tschechen und Polen in der Frage der Greuzbestimmung. Die Gegensätze find in bezug auf Karpathen und Beskiden nicht geringer als in der Adriafrage. Wird die gewitterschwüle Atmosphäre der heutigen europäischen Politik bis zum Oktober, da mit der Konstituierung des Völkerbundes begonnen werden soll, soweit entladen sein, daß eine neue Aera der Beziehungen zwischen den Völkern anheben kann? Das Urteil des Dudapester Standgerichtes. Elf Gegenrevolution«^ znin Tode Verurteilt. Budapest, 8. Juli. (Ung. Tel.-Korr.-Bur.) Das Standgericht hat «ach zweiwöchentlicher Verhandlung das Arteil über die wegen des gegenrevolutrorrLrenPuLfches Angeklagten gefüllt. Das Standgericht überprüfte auch die Urteile des provisorischen Standgerichteswelches in der Nacht des Ausbruches des gegenrevolntiönüren Attentates vom 23. Juni fungiert hatte, und änderte aus Grund der Nachforschungen und der im Laufe der Verhandlung festgestellten Tatsachen die Urteile. Gegen ungefähr Beschuldigte wurde das Verfahren eingestellt. Gegen die vor Gericht gestellten 402 Angeklagte« wurden folgende Urteile gefüllt r 11 Angeklagte wurden zum Tode .durch E r f ch i etz err, einer zu 2 Jahren schweren Kerker verurteilt. In Zwangsarbeiten wurden verurteilt r sechs lebenslänglich, acht zu 15 Jahren, zehn zu 10 Jahren (bei einem wurde die Strafe bedingungsweise suspendiert und wird nur dann vollzogen «erden, wenn er sich neuerlich einer gegenrevolntionären Handlung schuldig machen sollte), sechs zu 5 Jahren (bei einem wurde die Strafe provisorisch suspendiert), fünf zu 3 Jahren, nenn zu 2 Zähren. Bei drei Angeklagten wurde das Urteil suspendiert. Ein Angeklagter wurde zu 17* Jahren verurteilt, 20 zu 1 Jahre, bei elf wurde das Arteil bedingungsweise suspendiert. Ein Angeklagter wurde zu 0 Monaten verurteilt. Zn in Internierung zu verrichtender Erziehungsarbeit wurden 224 Zöglinge. der Ludoviea-Akademie verurteilt, 76 Angeklagte wurden freigesprochen und ans freien Fuß gesetzt. Paiunnfl und GM! H&twerden prompt und billigst nach neuester Facon modernisiert 397 -- XVIH., Währlngergrürtel 21 und VIL, Mariahilfer.trass« 88 Wer glaubt das? Das polnische Ministerium des Aeußern teilt auf, Grund amtlicher Untersuchungen des polnischen Armeeoberkommandos folgende Einzelheiten über die Vor-, fälle, die bei der Eroberung der Stadt Lida in Litauen stattgefunden haben, Mit: , Die Stadt Lida wurhe von polnischen Truppen in schweren Straßenkämpfen genommen, wobei bewasf- -nete, nicht uniformierte Juden vielfach, obzwar der No Armee nicht angehörend, auf Seiten der Bolschewiken kämpften. In der Stadt wmden drei furchtbar entstellte Leichen von polnischen Soldaten gefunden, oie tags vorher in die Gefangenschaft geraten waten. Das' hat diel zur Erbitterung der polnischen Soldaten beigetragen, und es ist nur der Disziplin und dem Ein-l greifen der Offiziere zu 'verdanken, daß es zu Äus-si' schreitungeir größeren Umfanges nicht gekommen ist.- Eine genaue Untersuchung hat festgestellt, daß insgesamt 36 Verluste an Menschenleben zu beklagen sind, wovon cm großer Teil verirrten Kugeln zum Opfer" fielen. ' Die von dem Richter Ghrzanowski durch- ' geführte Untersuchung hat festgestellt, daß im WM- Zamkvwa (Schloßgasse) Nr. 276 ein'polnischer Soldat , von drei Inden (einer von ihnen hieß Nrep s,hatos ti) * ermordet wurde. Seine furchtbar verstümmele Leiche wurde auf der Straße gefunden:. Die polnische Gesandtschaft, die dieses Dementi versendet, fbltte ihre Vorgesetzte Behördd bitten, ihr nicht solche Dinge zuzumuten, die jeder auch nur entsernt orientierte Leser als faustdicke Entstellungen der Wahrheit exkennen mnß. Wer glaubt das Märchen, daß Juden gefangene Soldaten erschlagen? Und waren, bei * der Untersuchung des Herrn Chrzanowsti auch Juden der Kommission zugezogen wordem? ’ Aufhebung des AusnahmsZustandes Itt Polen. Mahrisch-Sstrau, $. Juli. (Tschecho-slow. Preßbureau) Die Warschauer Regierung beschloß, vom 1. Äugust an dm A u.s n a h m s z u st a n d in Polen auszuheben. Zekaterinoslaw von Den Urin erobert. Viborg, 8. Juli. (Korr.-Bur.) I e k a t e r i n ol aw in der südlichen Ukraine ist von D enikin erobert worden. t /

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.