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Wiener Morgenzeitung · 1919-07-06 · Heft 167 (6.7.1919) · p. Seite 4

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 167 (6.7.1919)
Date
1919-07-06
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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r Sette 4 Wien, Sonntag Inland. Dis Wahl dev BetrleSsrüte. Im 'heutigen Staatsgefetzblatt gelangt eine Voll» lzugsanweisung des Staatsamtes für soziale Verwaltung über die Wahl-der Betriebsräte zur Verlautbarung, die ,4m wesentlichen besagt: In den Betriebsrat sind zu wählen: In fabriksmüßigen Betrieben bis zu 50 Beschäftigten 3 Personen, in sonstigen Betrieben mit 20 bis 50 Beschäftigten 3 Personen, für je weitere 100 .Beschäftigte 1 Person wtt> von 1000 aufwärts für 500 Beschäftigte um eine Person inehr. Besteht der Betrieb aus selbständigen Betriebsabteilungen, so ist die Zahl der Mitglieder deD Betriebsrates für den ganzen Betrieb nach der Zahl aller Beschäftigten zu berechnen; von jeder Betriebs-, abteilnng sind so viele Mitglieder des Betriebsrates zu wählen, als dem Verhältnisse der in der Betriebsabteilung Beschäftigten zu der - Gesamtzahl der Beschäftigten entspricht. Für jedes Mitglied des Betriebsrates ist gleichzeitig ein Ersatzmann zu bestellen. Die erste Wahl ist in der Zeit zwischen dem 2 4. I n li u nd dem 13. August 1919 auszu-. schreiben. Die Ausschreibung erfolgt durch den Wahlvorstand. Dieser setzt sich aus den drei, an Jahren ältesten, dauernd im Betriebe gegen Entgelt Beschäftigten zusammen. . . Die Staats angeh Srigkeit ist für d ie Wahlberechtigung ohne Bedeutung. Auf die Wahl von Betriebsräten bei den öffentlichen A'einLern sowie bei den vomStaatsamLe für Verkehrswesen betriebenen oder seiner Aufsicht unterstellten Unternehmungen finden die Vorschriften dieser FZollzngsanweisung keine Anwendung. Die Volkszählung. Wir verlautet, werden die Vorarbeiten für'die nächste Volkszählung Anfang September beendet sein; der Stich' tag dürfte für Milte September angesetzt werden. Ein Vorschlag zur Gründung einer Kommission zum Slüdium des Bolschewismus. Saint-Germain, 6. Juli. (Korr.-Bur.) „Journal* meldet: Der französische Deputierte B o k a n o w s k i hat mit 150 seiner Kollegen eine Resolution eingebracht, m der die Regierung aufgcfordert wird, eine außerparlamentarische Kommission zum Studium der M r i h o d e n und der w i r 1 s ch a'f tlichenundsozia len Ergebnisse desBolschew,i s m u S einzusetzen. Die vorgeschlagene Enquete soll von Professoren. Technikern, Volkswinschafflrrn und Finanziers geführt werden und das wrrtschaftlicheWerk derSowiekreglerung in allen Einzelheiten zu studieren. Auch die j o z i a l i st i s ch e n Vereinigungen sollen durch Delegierte vertreten sem. Die Kommission soll vorläufig versuchen,. alle vorhandenen Dokumente über diesen Gegenstand zu sammeln und za prüfen, bis er möglich ist, eine Enquete in Rußland selbst. dmchzMhren. Bokauowski verspreche sich von der Veröffentlichung der Arbeiten dieser Kommission den Erfolg, daß dre w e ft l i ch e B e Völker u n g gegen die bolschewikischische Propaganda immunisiert wnd. China unterzeichnet den deutschösterrelchischen Vertrag. Zürich, 4. Juli. (Tel. der „Wr. Morgenztg.*) Die chinesische Delegation hat den Auftrag erhalten, den B e r t r a g m i t Oesterreich zu unterzeichnen, um so Mitglied des Völkerbundes werden zu können. k13. und 14. Jahrhundert stark gewordenen Immigration deutscher I " : nahm die polnisch-russische Judenheit den deutsche. Dialekt an und förderte somit die Enttvicklung einer eigenen jiddischen Sprache. Diese Einwanderungstheorie ist auch von allen jüdischen Historikern angenommen und erst später von Doktor I. Schipper in seinen „Studien zur Wirtschaftsgeschichte der polnischen Juden" noch deutlicher ausgebaut worden. Viel wichtiger sind seine Forschungen zur Geschichte der jüdischen Landtage in Polen. In seinen Beiträgen zur Geschichte des „Waad d'arba arazoth" und Auszügen aus dem Pinax des litauischen Waad 'hat er wertvolles und ergiebiges Quellenmaterial geliefert, rvie auch die Entstehungsgeschichte der jüdischen Landtage nach vielen Seiten hin beleuchtet. Nach Harkavi ist der jüdische Landtag und die ganze Gemeindeorganisation der polnischen Negierung zu rein fiskalischen Zwecken und nicht den Juden zuliebe eingeführt worden. In zahlreichen Abhandlungen, Zusätzen und Beiträgen zu verschiedenen Monographien aus dem Gebiete der Geschichte der Juden in Polen*) hat er diese Theorie des genaueren klargelegt. Ein zusammenfassendes Bild über die Entwick.üng der jüdischen Gemeindeorganisation mit spezieller Berücksichtigung der'Landtage —als ihre Zentrale — hat er in seinem „Chadasim garn j'sanim" zu der von S. P. Rabinowitz besorgten hebräischen Grätzübersetzung geliefert.**) Abgesehen von diesen Hauptgebieten hat sich Harkavi mit vielen anderen -Zweigen jüdischer Wissenschaft beschäftigt und überall .befruchtend gewirkt. In unzähligen Abhandlungen, in zahlreichen Monatsschriften — tote Berliners Magoszin, sBrülls Jahrbücher, Journal Asiatiqüe, Gvlos Rußky | *) So Nissenbaums: Geschichte der Lubliner Juden; Feinstems: Geschichte der Juden in Btest-Litowsk. i **' Baud 7, außerdem enthält die hebräisit)e Grätzsübersetzüna. unter anderem wertvolle Zusätze zur Geschichte ^jüdischer Sekten (Band 3) und polnischer Juden (B.d. .4—7). ._ Wiener Morgerrzettuug Fertigstellung des deutschösterreichischerr Friedeusvertrages. Uebergabe Mittwoch oder Donnerstag. Paris, 6. Juli. (Funkspr. der Tel.-Kocr.- Bur.) Die finanziellen, wirtschaftlichen und militärischen Bestimmungen des Friedensvertrages mit Deutschösterveich, die bisher offen waren, sind nunmehr voilendst worden. Da sie aber erst in Druck gegeben werden, wird der Gesamtvertrag nicht vor dem nächsten Mittwoch oder Donnerstag verdeutschösterreichischen Delegation übergeben werden können. Beschlußfassung über Deulschöftsrreichs Grenzen. P a ri s, 4. Juli. (Korr.-Bur.) „P et i t Pari fi e n" meldet, daß die Kommission für die öfterreichischen Angelegenh e i t e n heute vormittags die Antwort vorbereitet, die ans die Note des Staatskanzlers Dr. R e n ner über die GrenzenDeutschö ft e r r e i^ch s gegeben werden soll. Dev Zehnerrat werde heute nachmittags über diesen Punkt beschließen und dann die ungarischen Angelegenheiten besvrechen. Keine' Einreisebewilligungen nach Tschechien. Das tscheche-slowakische Amt in Wien verlautbare, daß die Einreisebeschrünknngen aus Deutschösterreich nach der Tschecho-Slowakei aufrecht bleiben. Bela Kun will Niederösterreich besetzen. Wie wir erfahren, ist die Regierung Deutschösterreichs seit gestern im Besitze eines Aktenstückes, das einen fertigen Kriegsplan der Kommunisten gegen Deutschs st er reich darstellt. DaS Dokument beinhaltet den strategischen Aufmarschplan der ungarischen Roten Armee gegen Deutschösterreich und gibt genau und detailliert die auf niederösterpeichischem Gebiet zwischen der Grenze und Wien zu besetzenden Punkte an. Der Plan deutet aus eine groß angelegte militärische Aktion der Armee Bela Kuns hin und läßt ganz ungeheuerliche Geldmittel vermuten. Der Prozeß gegen Wilhelm. London, 4. Juli (Tel.-Komp.) Lord S u m m t r, eine hervorragende juristische Autor,lät wird in dem F ü n f - richterkollegium. das Großbritannien, Amerika,Fransteich, Italien und Japan vertreten wird, und vor dem der gewesene d e u t s ch e K a i s e r in London abgeurteilt werden soll, den Borsitz führen. Gordon Howerd, der Generalstaatsa n w a l t, soll die öffentliche Anklage führen. Der Ex-Kaiser wird durch einen deutschen und eineL britischen Advokaten verteidigt werden. Die Verhandlung soll öffentlich sein, alle V o r s i ch't s m a tzrege l n werden getroffen werden.. Jewrej, Woschvd, Reone Critique Rußko — Jenovrjski Archiv u. a. hat Harkavi der jüdischen Wissenschaft eine ganze Fülle neuer Quellen erschlossen. Seine Abhandlungen über Bulgarien in der hebräischen Literatur, „Karser", ,Huden im Norden Rußlands^ u. a. bilden wahre Perlen jüdischer Wissenschaft und haben so manches schwierige Problem beleuchtet. Ihm verdanken wir auch das Zustandekommen der russisch-jüdischen Enzyklopädie, die knapp vor dem Kriege heraus ge geben wurde, und die die englisch-jüdische Enzyklopädie bei weitem übertrifst. Harkavi war nicht nur Wissenschaftler allein, im Gegenteil, er hatte stets Interesse für alle Fragen des jüdi-. schen Alltags. Zählten ja seine Briefe aus Wilna und Petersburg im ,Hamagid" zu den besten publizistischen - Artikeln jener Tage. Harkavi hat im Gegensatz zu so manchen Vertretern der jüdischen Wissenschaft im Westen stets sein Volkstum betont und den Zusammenhang zwischen dem jüdischen Volksleben und der jüdischen Wissenschaft gefördert. Die hebräische Spräche war ihm das Teuerst«, in ihr schrieb er auch einen großen Teil seiner wissenschaftlichen Werke. Unter den in seiner Festschrift aufgezählten 39k Arbeiten in verschiedenem Sprachen sind allein 148 hebräische Arbeiten enthalten.*) Harkavi hat in Rußland für die jüdische Wissenschaft eine ganze Reihe von wertvollen Mitarbeitern erzogen. Gunzburg, Dubnow, Markon, Külischer, Zinberg, Brande, Katz und viele andere — sie alle sind Harkavis Zöglinge und von ihm in die Hallen jüdischer Wissenschaft eingeführt worben. Mit Harkavi ist einer jener Großen in der jüdischen Wissenschaft gestorben, der noch zur Generation der letzten idealistisch gesinnten Maskilim-Europäer gehörte. *) Zu erwähnen sind auch seine glänzenden Ausgaben der Gedichte Ks-Hai-hagaon und Jehuda Hale'.vi im Achiasai- Verlag. . «. Juli 1914 Rr.I«? TelegMnne. Ein amerikanisches Darlehen für Deutschs österreich? Zürich, 6. IM. (Tel.-Komp.) Nach einer Meldung . der Schweizerischen Telegraphen-Jnformatton verlautet in Zürcher Bankkreisen von Ententeseite, die iw offiziellen Verhandlungen über dit Gewährung eines 3-Milliarden-Darlehens für D e u t s ch ö st e r r e i ch durch 2km e r i k a feie« auf dem Wege zu einem günstigen Abschlüsse Die tschechischen Gemeindewahlen. Prag 6. Juli. (Tel. der „Wr. Morgenztg.") Es liege» nunmehr die amtlichen Ziffern der Gemeindewahlen vor. DarnaH wurden im ganzen 1,857.572 (67*346 Prozent) tschechische 887.513 (32*167 Prozent) deutsche und 13.175 (0478 Pröz'enh jüdische Stimmen abgegeben. Dies ist wohl eines der interes« santesten politischen Bilder, welches je ein Wahlergebnis gezeitigt hat Die politische Orientierung der Bevölkerung Böhmens zeigt eint starke Schwenkung nach l i n.ks, die in den deutsche Gebieten deshalb noch etwas stärker hervötzlrilt, weil Dcutschböhmen aÜ. Industriegebiet von vornherein eme starke Arbeiterpartei sichert. Ein« wertere intereffante Erscheinung ist, daß das vkononnscheMömentdat nationalistische, wenn nicht überwunden, sö doch stark in der v Hintergrund gedrängt hat. Auffallend wird man den Rückgang d« ' deutschbürgcrlichcn Stunmm finden, aber dieser Rückgang dürste; wenn/ man die gleiche Erscheinung in Wien und mrt geringere» Abweichung in Deutschland berücksichtigt, dem Walten eines Grund« gcsetzeS zuzuschrerben sein, das beute einer politischen Mtttellini« nicht hold ist. Beachtenswert ist der Erfolg der ganz junge» Partei des Bundes deutscher Landwirte, die 9*52 Prozent aller abgegebenen deutschen Stimmen auf sich vereinigte. DaS Emgreife» der jrmgen jüdischnationalen Organisation hat ein Ergebnis gezeitigt, daS wohl noch nicht alle Hoffnungen erfülltGatz, aber doch beweist, daß die Juden nicht mehr gewillt sind, der einen oder anderen Nation sich zur Verfügung zu stellen, sondern ' ihre Ansprüche selbst uud als eigenes Volk vertreten wollen. Die politisch bedeutsamste und weittragendste Tatsache isi jedoch das Verhältnis der tschechischen Stimmen im deutschen Gebiete Böhmens. In Deutschböbmen erhielten nämlich dir Tschechen tm Ganzen 64.286 Summen, die Deutschen 887.513 Stimmen, woraus sich ergibt, daß die Tschechen im deutschen Gebiete rund bloß 3 Prozent aller Stimmen auf sich vereinigten. Diese Ziffer bedeutet eine ausgesprochene Niederlage ■ . der Imperialisten unter den Tschechen, welche die Welt zu über-, zeugen suchen, daß es kein geschloffenes deutsches Sprachgebiet in Böhmen gebe und verbreitete, daß 25 Prozent und mehr Tschechen im deutschen Siedlungsgebiete leben. Da noch in einzelnen deutschen Städten (Saaz, B8bm.-Leipa u.- a.) die Wahlen ausstehen, wird sich die Ziffer zugunsten der Deutschen erhöhen. Die mutmaßliche neue tschechische Mimsterliste. s Praa, 5. Juli. (Tel. der „Wr. Morgenztg/) Die neue M i n i st e r l i st e dürste folgendermaßen lauten : Präsidium: T>u s a r, Inneres: S v e h l a, Arbeiten: S t a n e K, Ackerbau: P r a s ch e k. Unterricht : Habermann, soziale Fürsorge: Winter, Verkehx: S t r i b r n y, Justiz: Vesely, Handel: . Hr. Heikler, Finanzen: Dr. Fiedle r, Gesund--; heitsamt und MinisteUmn für die Slowakei: Dr. Sro^b ü r, Emährungsamt (das dem Handelsministerium unterstehen soll): Dr. Bella. Die definitive Liste dürfte mit der vorstehenden wahrscheinlich gleichlauten. Die Demission des Dr. Kramarsch war gestem telegraphisch aus Paris eingelang^ worauf die Gefamtregiemng zurücktrat. Tufars Programm. Prag, 5. Juli. (Korr.-Bur.) „Becer" veröffentlicht eine Unterredung mit Tusar, der darin über bte Absichten der neuen Regierung sagt, daß die Grundlage der auswärtigen Politik weiterhin das Bundesverhältnis zu denWestm ächten bleiben und dafür schon die Zugehörigkeit des Dr. B e n r s ch zum neuen Ätzbineti bürgen werde. Das B » r h ä l t n r s z ü O e st e r r e t ch und zu Ungarn, erllärte Tusar weiter, stelle «ch mir auf der Grundlage guter wirtschaftlicher Beziehungen vor. In der inneren . Politik wird sich die neue Regierung entschieden dafür emsetzen, daß sich die Republik mansgesprocheudemokrati» s ch e m und freiem Geiste entwickelt. Die Hgs-Feier in Tschechien. s Prag, 5. Juli. .(Tel. der «Wr. Morgenztg/) Morgen findet in Prag und in der ganzen Tschecho-Slowakei die H u s - F e i er statt, zu der große Vorbereitungen getroffen wurden. Der polnische Kriegsminister gegen die Pogromtätigkeit der Soldaten. Das polnische Preßbureau veröffentlicht einen Erlaß des Kriegsministers Lisni'ewski vom 27. Juni, welcher sich scharf gegen die Teilnahme des Militärs an den Pogromen richtet und energische Bestrafung für den Wiederholungsfall in Aussicht stellt. Es ist bemerkenswert, daß dadurch zum erstenmal die militärische Pogromtätigkeit offiziell zugegeben wird. Im übrigen bleibt abzuwarten, ob der Erlaß' ernst gemeint ist und ob .die angekündigten Maßregeln durchgeführt werden, oder ob es sich wieder nur um Augenauswischerei handelt. Es wäre jedenfalls höchste Zeit, daß Polens verantwortliche Männer zur Besinnung kommen. Der Kompensationsvertrag zwischen Polen und Deutschösterreich. . Wie die Polnische Preßägentur mitteilt, wird der zwischen Deutschösterreich und Polen vereinbarte Kompensationsvertrag mit einigen Abänderungen und Zusätzen in allernächster Zeit ratifiziert werden und fo'ort in Kraft treten. Die Bereinigung der strittigen Fragen erfolgte unter Mitwirkung des Präsidenten der kürzlich in Wien ins Leben gerufenen Wirlschaftsuud Harldelsnilssion der Republik Polen, MinisterlalrotesKnipski.

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