Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 167 (6.7.1919)
- Date
- 1919-07-06
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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^Rr. 167 Wien, Sonntag Die Derkehrskatastrophe in Deutschland. Der ganze Verkehr stockt. Berlin, 5. Juli. (Tel.-Komp.) Die Lage des Berliner Verkehrsstreiks' ist unverändert. Mit der Wiederaustrahme des S tr aß enb ah nverkehres ist auch in den nächsten Tagen noch nicht zu r e ch n e n. Der Eisenbahnerstreik dagegen ist Berlin boIIftättbifl betgelegt. Auf allen Bahnhöfen und in sämtlichen Werkstätten wird die Arbeit!in normaler Weise erledigt. Die Verhandlungen ibec streikenden" Bankbeamten nehmen einen günstigen Verlauf und es ist damit zu-rechnen, daß die Arbeit in kürzer Zeit wieder ausgenommen wird. Dagegen scheint im Reiche der Eisenbahnerstreik immer . weitere Kreise zu ziehen. Die „Freiheit" meldet hier-n - iS)er Eisenbahnerstreik gewinnt im ganzen Reich immer mehr an Ausdehnung. Von heute an treten 'die Eisenbahner folgender Drrektionsbezirke und Beiünebswerkstätten neu in den Streik ein: Hannover,!EI b e r f e l d, E s s e n, Mainz, Magdeburg, > D o r t m .u n d, Bielefeld, D a r m st a d t l(30 Prozent) und Kassel. Dadurch ist der «Zugsverkehr in f a st g a n z W e st d e u t s ch l a n d olIständig aufgehoben. Auch auf die Mstenstadte hat der Streik übergegriffen. So stehen in Hamburg und in Danzig zahlreiche Handelsmatrosen im Ausstand. In Franks u r t h m Main haben die Ausständigen das Telegraphenibmeau der, dorügen Eisenbahndirektion und deren Fernsprechanlage besetzt, sodaß dadurch jeder Verkehr inlit den Dienststellendes genannten Bezirkes unmöglich ^gemacht ist. .. ' . . Eine Lemberger jüdische Delegation in ' Warschau, ch Warschau, 2. Juli. (Tel. der „Wr. Morgenztg.") Ene aus den Herren Dr. Schreiber und Doktor ,'K o r k i s bestehende Delegation der Lemberger Juden!ist in W a r s ch a u eingetroffen, um bei der Regierung W die Einstellung der Verfolgungen der jüdischen EBevölkerung in Ostgalizien zu intervenieren. Unter 'Führung des Abgeordneten Dr. Thon sprach die Delegation beim Minister-des Innern Wojciechowski vor, dem sie unter Anführung von vielen ^Tatsachen das an den Juden geübte Unrecht darstellte. -Der Minister erwiderte der Delegation, daß nach seinen ^Informationen i n O st g a l i z i e n m e h r oder Weniger gute (!) Beziehungen herrsch en, und daß ihm bis nun aus Ostgalizien Ke ine Klagen zugekommen feien. Bezüglich der Heranziehung der Juden zu Zwangs- 'arbeiten versprach der Minister, nach Maßgabe der militärischen Lage die nötigen Verlvrdnungen zu erlassen. . Hinsichtlich der internierten Juden versprach er, nach Uebergabe. eines genauen Verzeichnisses der Internierten die Ursachen der Internierung zu prüfen und die Befreiung derjenigen, gegen hie nichts vorliegt, zu veranlassen. Schließlich wurden noch einige, das Verhältnis Ler Behörden zur jüdischen Bevölkerung betreffenden -Fragen besprochen, worauf der Minister wiederholt -versicherte, dahin zu wirken, daß - alle Reibungen zzyisKen den polnischen Behörden und der jüdischen 'Bevölkerung beseitigt werden. Wiener Morgenzettimg 6. Juli 1919 Seite - -----:---- - 1 ' '•* " ■-7"- Der Pogrom in Kolomea. - Ein zweites Pinsk. ' ' Ein - aus Kolomea. hier eingeirofsener, durchaus üerkraueuswürLiger Augenzeuge, berichtet uns über den Pogrom in der Umgebung von Kolomea, über den bis heute nur unbestimmte Nachrichten indie Oeffentlichkeit gedrungen sind, folgendes: Nach der Besetzung KolomeaS durch die Rumänen' unter dem! Hauptkonnnando des Generals Zadik versuchte diL irr 'Ezernowitz gesammelte und auZgerch'tete '4. Division der polnischen Armee den Durchmarsch ihrer Truppen nach Stanislaw zu erwirken. General Zadik bewilligte jedoch! nur einem Kavallerieregiment den Durchmarsch, während die übrigen Truppen per Eisenbahn reisen mußten. Aber auch der Durchmarsch dieses einen polnischen Regimentes versetzte die gesamte jüdische und ukrainische Bevölkerung in dem Gebiete zwischen Ezernowitz und Stanislan in außergewöhnliche Unruhe. Und, wie es sich' zeigte, nicht mit Unrecht. Schon in Nepolokoutz begann die Verfolgung der nichtpolnischen Bevölkerung, welche in Sniatyn und in Zablotow noch verstärkt wurde. In Zablotow schleppte das polnische Militär bei seinem D'urchzuge auch einen Juden (Adler) und einen ukrainischen Geometer mit, welche jedoch in Piädiki bei Kolomea auf die energische Intervention der Rumänen freigelassen werden mußten. Sonntag den .16. Juni marschierte eine polnische Ulaneneskabron in Kolomea ein, von wo ans ein Truppenteil unter Führung eines Offiziers tags darauf nach. Slobodka'LeSna sich begab. Dieses in d°er Nähe von Kolomea gelegene Gut ist: bekanntlich Eigentum der„Jka",die dort eine Ackerbauschule unter Leitung des Direktors D u b s k i seit vielen Jahren unterhält und wo jetzt eine Anzahl von jüdischen jungen Leuten beiderlei Geschlechts sich für ihren zukünftigen Beruf als Landarbeiter in Palästina praktisch vorbereitet. In Slobodka angekommcn, .fragte das Militär bei den Bauern, wo sich' den» dir „Zionisten" aufhietten. '" Ms die jungen Leute vom Kommen des Militärs Kenntnis erhielten, brachten fie, da sie nur Raub und Plünderung befürchteten, ihre Habseligkeiten wie Decken- und Kleidungs- . stücke in Sicherheit und versammelten sich dann, vom Direktor Dubski, der sich versteckte, im.Stiche gelassen, in der Schmiede, wo sie des Kommenden harrten. Bald kamen die Soldaten, drangen in die Schmiede ein und ihre erste Frage, die sie an die jungen Leute richteten, war, welcher Nationalität sie angehören, worauf sich alle zur jüdischen bekannten. Hierauf gab der anwesende Offizier Befehl, die Mädchen auszuscheiden. Die Burschen dagegen wurden in der Schmiede ' eingereiht und eine Salve auf jtc abgegeben. Auf der Stelle blieben der 19jährige Mittelschüler Samuel Presser und der Mittelschüler Jakob Rothenberg tot 'liegen, während der Führer der Schomrim-Organisation, der 19jährige Mittelschüler Josef Bal einen Lungenfchuß und noch zwei andere schwere Verletzungen erhielten. Die Soldaten zogen hernach auf Raub 'und Plünderung aus, während dem die Mädchen ihren schwerverletzten Kameraden Bal verbanden und betreuten. Als die Soldaten 'wieder kamen und . Bal noch leberrd - antrafen, schossen sie nochmals auf ihn und trafen ihn diesmal zu 'Tode. Die Leichen der Dre» jungen Leute wurden am riachstey Tage nach Kolomea gebracht. Am selben Tage brachte man nach Kolomea' noch einen' durch' das polnPhiv Militär erschlagenen Juden aus Turka und. tags bavcM > i , wettere sechs Tote '! :.v|. aus dem' Dorfe Rakowice Lei Kolomea', NamW dkev! Söhne und eine 27jährige Tochter des Meier Bartfeld' sowie« deren Bräutigam, der zufällig bei seiner Braut weilte und mit*) ihr zusammen den Tod fand. Das Mädchen wurde g e-j schändet und die Brüste wurden ihr abge-ta schnitten. Auch die übrigen Leichen wurden arg ver-s stümmelt. Bei der Obduktion versuchte der polnische fßk^ zirksarzt zu behaupten, der Tod sei noch früheren Datmrü^ um auf diese Weise dem ukrainischen Militär b«is Mord in die Schuhe zu schieben. Auf die Feststellungen bepj übrigen Kommissionsmitgliedrr, unter denen auch ei» r u M L-- »mänifcfter Stabsarzt sich befand, .hin, mutzte auch dies« schließlich bestätigen, daß der Mord innerWb? der letzten 24 Stunden vollzogen wurde. " Das Leichenbegängnis. 7 , der erstgenannten vier Opfer fand um 17. Juni statt, während die anderen sechs am folgenden Tage Hu Grabe getragen wurden. Die Trauer der ganzen jüdischen GemerndS in Kolomea an diesen zwei Tagen läßt sich kaum schildern.!! Kein jüdisches Geschäft war an diesen Tagen geöffnet und'-: fast kein Jude fehlte beim Leichenzuge. Sowohl Her Jüdische Nationalrat als auch die.jüdischen Parteien^ veröffentlichten Parten und waren, bei der TrauerqndachE durch einen Redner vertreten. : st Ueber big Verhältnisse in' Kolomea berichtet unser 0W währsmann folgendes: ^4 Das Verhalten der rumänischen' Besatzungs-': . trupp cm der gesamten Bevölkerung gegenüber ist ein korrektes. Die Militärbehörden schützen die uichtpolnische Btt völkerung vor Verfolgungen seitens der chauvinistischen un< duldsamen Polen. So. wurde, zum Beispiel der polnisWj Apotheker Lopatka > . ' -> 1 wegen Verbreitung aufhetzerischer juörnfeindlicher Achriftani verhaftet. ' Auch wurde der durch die Polen nach dem' Abzüge des'! ukrainischen Militärs aufgelöste I ü dis che Nationalrat' durch die Okkupationsbehörden wieder eingesetzt und! die durch die Polen entlassenen jüdischen St-aatsbeamLeu! wieder ausgenommen. An der Verwaltung der Stadt nehmen auch die nichtpolnischen Völker, also auch die Judcnl Anteil und haben überall ihre eigene p.ropo.rti.onelle V.ertre-j! ' tung. . '. ' . , : Wirtschaftlich geht es über der Bevölkerung sehr schlecht^ Infolge der völligen Unterbindung des Verkehres stockt jeder; Handel und jedes Gewerbe, wovon natürlich die Juden als Handelselement am meisten betroffen sind. Die Teuerungist horrend und die Preise,.der unentbehrlichsten Lebensmittel unerscDiinglich. Unsäglich ist speziell das Elend der niederem-' jüdischen Bevölkernngsschichte, die in erschreckender Weisa! durch Hungertod, und allerlei Epidemien weggerafft wird'.j Wenn nicht das Judentum tut Westen — bemerkt! unser Gewährsmann — und speziell unsere einen« raitt fdjen Bruder den In den in diesem Wetter-« wrn kel S üd o stg aki zren rasche und ausgiebige Hilfe bringen, so droht die schrecklichste Kata». strop he. ' Abraham Eliah« Harkavi. Von Dr. 9^ M. Gelber. Vor einigen Monaten ist — wie jetzt erst hier, bekannt wurde — in Petersburg der berühmteste russischjüdische Gelehrte Abraham Eliahu Harkavi geworben. - Mit ihm ist uns einer der Hauptträger der modernen jüdischen Wissenschaft, ein erfolgreicher Forscher in den verschiedensten Zwc-gen der'Jndaistik dghingegangen. " . Eliahu Abraham Harkavi ist am 27. Oktober 1835 in. Nowgorodek (Minsker Gouvernement) als Sohn wohlhabender Eltern geboren. Schon in seiner^ frühesten Jpgend genoß er eine sorgfältige jüdische Erziehung pnd besuchte dann die berühmte jüdische „Alma mater", hie Wolosiner Jeschiwah, wo er sich dem Talmudftudinm - widmete. Im Jahre 1858 trat er in das vor kurzem gegründete Wilnaer Rabbinerseminar ein, von wo er 1863 auf die Petersburger Universität ging. 'Hier stphierte er Altphilologie, insbesondere aber semitische Sprachen. Auf Grund seiner wissenschaftlichen Erstljngsarbeit: „Skasanja musulmanskych pysatelej,o. Slavanach y Nusskich" (Berichte muselmanischer Schriftsteller über Slawen und Russen von der ersten Hälfte deß 7. bis Ende pes 10. Jahrhunderts) erwarb er ipr Jahre 1868 den Magistertitel der Geschichtswissenschaften. ' > Bald darauf wurde er zur Vervollkommnung seiner Fachkenntnisse auf Kosten der Regierung nach Berlin und Paris geschickt, wo er auch bis zum Jahre 1872 verblieb. In diesem Jahre erhielt er auf Grund! seiner Arbeit über „Die ursprünglichen Wohnsitze der Serniten, Jndoeuropäer und Chamiten" den Doktorgrad der Philosophie. . * Nach Petersburg zurückgekehrt, beabsichtigte er, sich drlr akademischen Laufbahn zu widmen, konnte aber seinen Vorsatz infolge verschiedener Umstände nicht ausführen und nahm im Jahre 1876 die Stelle eines Leiters der orientalischen Abteilung in der kaiserlich russischen. Bibliothek, zu. PeterZbM Zn. In HMr. Stellung verblieb er auch bis zum Ausbruch, der. letzten russischen Revolution. Die an hebräischen und arabischen Handschriften überaus reiche BMiothek bot ihm nun reichlich Gelegenheit, sich voll und ganz seinen Studien zu widmen. Das Ergebnis seiner ersten Forschungen veröffentlichte er in seinen Sammlungen „Zichron larischonim w'gam laachronim", die seit 1879 bis 1882 periodisch erschienen. In diesen übermittelte er der Wissenschaft die Studien und Mitteilungen aus Handschriften der Petersburger Bibliothek. Hier brachte er neue Schätze althejräischer Literatur und Kulturgeschichte an den Tag. Neben wertvollen Bruchstücken aus der gaonäischen Literatur finden wir unbekannte Gedichte und Lieder Haiha-Gaon, Jehuda Ha-Lewis, Jbn-Gabiwls u. a., Fragmente ans alten unbekannten Chroniken und Geschichtsbüchern, wertvolle Quellenbeitrüge zur Geschichte der russischen Juden. Kleine, aber ungemein wertvolle Beiträge lieferte er auf Grund eingehender Forschungen in Handschriften in . seinem „M'asef" zur Geschichte der Chasaren, welches Gebiet er noch im Jahre 1874 in seiner Arbeit: „Berichte jüdischer Schriftsteller über Chasaren" behandelte. Auf Grund arabischer und slawischer Quellen beweist er, daß der inr Briefe des Khan Josef an Chasdar ibn Sapruth um das Jahr 960 erwähnte Religions-- disput am H^fe Bulans tatsächlich abgehalten worden ist und die Chasarw zur Annahme des jüdischen^ Glaubens angeregt hat. Harkavi bestätigt auch, daß die Chasaren keinestvegs Karäer, sondern Rabbanisten gewesen sind. Gleichzeitig mit dem ersten Bände" seiner ,>Chadasim-gam j'sanim" erschien auch in deutscher Sprache sein epochales Werk: „Altjiidische Denkmäler auf dem Gebiete jüdischer Epigrafthik aus der Krim, mitgeteilt von Abraham Firkowitsch (1839 bis 1872) und geprüft von A. Harkavi (1876). ' Um das Jahr 1872 veröffentlichte Uta russische Karäit Abraham Firkowitsch. se.in Buch „A.bnci Zikaron", in welchem er zweitausend Jahre alte hebräische Grabinschriften ans der Zeit des ersten Jahrhunderts! vor- Christi Geburt, die er in Tschuful-^-ale (Krim)! entdeckt haben wollte, und mehrere neue Handschriften publizierte. Firkowitsch" Absicht war, den Nachweis zw erbringen, daß die russischen Karäer schon lange vor. der. .slawischen.und jüdischen Bevölkerung Rußland be^ wohnten, um auf diese Weise für seine Glaubens-: genossta eine weitgehende Emanzipation zu erwirken. Selbst der beste jüdische Kenner des Karäertums, SimchS Pinsk er (Vater des Dr. Leo Pinsler), lies; sich m seinen. Forschungen zur^Geschichte der Karäer (Lkuthei! Kadmonioth) von Firkowitsch" Thesen stark beeinflussen. Auf Harkavis Veranlassung erwarb diie Peters-- bürger Bibliothek die von ^Firkowitsch benutzten Hand-! schriften. Nach eingehenden Studien gelangte nun! Harstrvi zum Ergebnis, daß die von Firkowitsch angeb-! lich entdeckten Grabinschriften und Haildschriften Falsifikate seien, die von ihm scheinbar zu rein politischen! Zwecken — Erlangung einer Gleichberechtigung für dis Karäer — hergestellt wurden. Schon diese wissen-j schaftliche Tat allein begründete Härkavis Weltruf als'! - jüdischen Epigraphiker und Historiker. " -i Abgesehen von' epigraphischeu, philologisch-histori-j schest Forschungen beschäftigte sich Harkavi auch'fleißig nnt historischen Qnestenstudien zur Geschichte den pol-'' nisMitauisch-russischen Juden. Schon in seinem' int- Jahre 1877 hebräisch erschienenen Buche: „Die Judew' und die slawische Sprache" hat er sich mit dem Pro-! blenr der jüdischen Einwanderung nach den slawisches Ländern beschäftigt und die Ansicht vertreten, daß die. Juden nach Polen, Litauen ,Rußland ursprünglich nicht' aus Deutschland, ' sondern aus Byzanz über ba^ Schwarze Meer, die Krim und den Osten über das Kaspische Meer^ eiNgewandert sind. Hier eigneten sie; sich die 5^nnüns slawischer Sprachen an. Als Beleg: hierfür zitiert Harkavi slawische Worte und Redewendungen in den hebräischen Respon-sensanunlungeiv - dieser JahrhundeM. Mt untgr dM Drucke, der inr'»