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Wiener Morgenzeitung · 1919-07-06 · Heft 167 (6.7.1919) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 167 (6.7.1919)
Date
1919-07-06
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Wiener Morgenzeitung_ 6. Juli 1919_ Rr. 167 Der Kampf um die Beute. Seite 2 Wien, Sonntag PolitrscheNuudschau. Die MinoritäLenfrage entschieden. i- Nach einer heute emgetroffenen Meldung aus Paris hat die Kommission der Friedenskonferenz, welche sich mit der Frage der Minoritätsrechte zu befassen hat, den Beschluß gefaßt, daß trotz dem Widerstand der kleinen Nationen darauf bestanden werden muß, daß der die Rechte der Minoritäten sichernde Passus in die einzelnen Verträge aufzunehmen ist. Bereits vor mehreren Tagen wurde gemeldet, daß Paderewski bereits den Vertrag für Polen unterzeichnet hat. Die Tschecho-Slowaken haben von allem Anfang keinen rrnsten Einspruch erhoben und nur B r a t i a n u weigert sich hartnäckig, dem Minoritätenschutz zuzustimmen. Daß die Behcürptung, die Unterstellung der Minoritäten unter den Völkerbund sei ein Eingriff in die Souveränität, nur ein Vorwand ist, erhellt schon daraus, daß Rumänien keine Miene macht, die Emanzipation der Anden, welche doch nur die erste Stufe der Gleichberechtigung bedeutet, wirklich durchzuführen. Es ist daher um so notwendiger, daß die Großmächte von ihrem Standpunkt nicht aögehen und auch die Ueberwachung der öon den einzelnen Staaten zu übernehmenden Verpflichtungen 'selbst durch Organe des' Völkerbundes besorgen. ' . Die Kommission hat sich auch endlich mit den Pogromen in Osteuropa beschäftigt. Das Blut der inzwischen hingemordeten unschuldigen Opfer schreit zum Himmel und auch die bisherigen Beschlüsse der Friedenskonferenz sowie die zahlreichen Proteste der gesamten zivilisierten Welt haben auf die Polen scheinbar keinen Eindruck gemacht. Es ist ganz klar, daß die Polen sich auch weiterhin, bemühen werden, das Material zu fälschen und die Wahrheit zu verschleiern. Bereits mehr als eine Ententekommission ist von ihnen hinters Licht geführt worden. Es ist zu hoffen, daß die unter Leitung Morgenthaus stehende, jetzt entsandte Untersuchungskvmnnssion alles, daran setzen wird, um die Wahrheit festzustellen, daß sie Potemkinschen Dörfern nicht trauen wird und vor allem auch das Einvernehmen ' mrt den Vertrauensmännern der jüdischen Bevölkerung suchen wird. Wenn das Material vorliegen wird, dann wird auch den Politikern, die noch Menschen sind, das Blut ins Stocken geraten. Es ist nur ein furchtbares Verhängnis, daß es erst so weit kommen mußte und baß erst solche Opfer nötig waren, um die Mächtigen der Welt von der Notwendigkit des Minoritätenschutzes zu überzeugen. ___ . Dokumente zur jüdischen Gleichberechtigung in Polen. . j Das Warschauer »Jüdische Volk" veröffentlicht eine Reihe lbsn amtlichen Dokumenten, die die angebliche Gleichberechtigung der Juden in Polen beleuchten und von denen einige auszugsweise nachfolgend wiedergegebmseien: ■! . Aus einer Verständigung des Präsidiums der Post- Md 'Trlegraphendirektion in Lemberg Nr. 323 vom 14. April L I. cm einen Postbeamten in Lemberg: »Laut tz 4 der zeitweiligen DienstvorichristeU für Staatsbeamten können solche, die der polnischen Nationalität michk angehören und die polnische Staatsbürgerschaft nicht besitzen, - einen Posten im polnischen Staate nicht bekleiden. Infolge Ihrer Erklärung, daß Sie nicht der poülischen, sondem der jüdischen Nationalttät an-ehörm, können Sie emeu polnischen Staatsposten nrcht bekleiden. Dadurch, daß S i e sich als Jud e bekannt jgob'en, haben Sie selbst feindliche Gefühle gegenüber dem polnischen Staate dokumentiert. Deshalb fühle ich mich gezwungen, Sie im Sinne der erwähnten Bestimnmng sowie gemäß Reskrip des Ministeriums für Post- Md Telegrapheuwesen vom 11. März 1919, Nr. 11,414, mit der Einhändigung dieses Dekrets bonj Dienste ru entheben Md die Einstellung Ihrer Bezüge mit Ende April .1919 anzuvrdnm". I- ' * Aus einer Verordnung des Kommissärs für Approvistonie- >nmgs--Angelegenheiten an den Bürgermeister in R a d zimin ' »Ich beauftrage den Ortsvorsteher der Gemeinde Radzimin, den Juden die Lrbensmittelverschleißstellm wegzunehmm und diesen Handel ausschließlich Polm zu übertragen". Die tschechisch-jugoslawischen Beziehungen. Der „Slovenskt Narod" berichtet über Mißhelligkeiten Und zunehmendes Mißtrauen zwischen den jugoslawischen und den tschechischen FrreoenSdelegierten in Paris. Der .Hbzor" greift diesen Bericht auf, um die Tschechen in Schutz zu nehmen, 'indem er erklärt, daß das Vorgehen der Tschechen in vielen Fragen durch ihre Interessen geboten war. Er kommt aber zu dem Schlüsse, daß auch Jugoslawien seine Beziehungen zu Tschechien gemäß seinen und dessen Interessen re vidieren «müsse. Als. Beilege für die Unstimmigkeiten zwischen den beiderseitigen Delegationen führt der Berichterstatter des ^.Slovenskt Narod" an, ,daß nach seinen Informationen der gesamte Besitz der früheren Monarchie in den Gebieten der Nationalstaaten an diese übergehen werde, daß jedoch die einzelnen Staaten dafür ein Entgelt in einer durch die internationale Friedenskonferenz zu bestimmenden Höhe zu leisten haben werden. Diele letztere Klausel führen gewisse Jugoslawen in Paris auf Intrigen der Tschechen zurück, denen selbst weniger anhetmsalle als den Jugoslawen. Weiters behauptet der Berichterstatter, persönlich einer Auseinandersetzung der slawischen Delegierten in Paris beigewohnt zu haben, bei welcher Dr. T re sie die Tschechen heftig angegriffen und erklärt hat, daß man den tschechischen Delegierten überhaupt lein Vertrauen entgegenbringen könne. Die einzigen Alliierten, die Orlando bei seiner Rückkehr in Rom begrüßt haben, seien die Tschechen gewesen. W i e n, 6. Juli. Wie das Südslawische Preßb^nreau bekanntgibt, hat der oberste alliierte Rat bestimmt, daß Italien einen Teil der österreichischen Staatsschuld übernehme, Und zwar im Verhältnis zu dem Gebiete der gewesenen österreichisch-ungarischen Monarchie, das ihm zufalle. Die Höhe der gesamten österreichisch-ungarischen Staatsschuld, welche unter die neuen Staaten auf^eteilt wird, wird nach dem Oktoberkurs des Vorjahres berechnet werden. Wenn auch diese Nachricht mit Zurückhaltung ausgenommen werden muß, scheint es doch schon festzustehen, daß Deutschö st erreich speziell in wirtschaftlicher Hinsicht erheblich bessere Bedingungen erhalten wird, als ursprünglich vorgesehen worden war. v Nach einer Meldung des „Journal" fand gestern eine Konferenz statt, an der Cle'menceau, Balf our, Lan siyg und Titto ni teilnahmen. Die Konferenz beschäftigte sich mit der Phase der italienis chen Politik. EH verlaptet,Italien sei bereit, seine Forderungen betreffs Dalmatiens, ja selbst bezüglich Fiumes aufzugeben, wenn es Begünstigungen in Afrika und Klekuasien erhalte. Die Italiener verlangen in Afrika ,das Gebiet von Tripolis sowie Borku und. Tibesti, Frankreich beansprucht Djibuti. In Kleinasien verlangt .Italien die Provinz Aivali, das Zentralgebiet von Anatolien und E r v t i. Der italienische Plan wird amerikanischerseits begünstigt, die Engländer treten gleichfalls für ihn ein; jeooch ist es schwer, die französischen Interessen mit der neuen italienischen- Politik in Einklang zu bringen. Im Zusammenhang mit den italienischen werden auch die jugoslawischen Ansprüche eingehender erörtert. Ministerpräsident'P r o t i c sowie die Minister Trifkovic, Kramer und Marinkovic sind gestern früh in Paris eingeLroffem Nachmittags fand eine Sitzung statt, an her außer den Mitgliedern der Regierung und des politischen, wirtschaftlichen und finanziellen Ausschusses auch General Beste teilnahmen. Der. Vorsitzende der Wirtschaftssektion, Stojanovic, machte auf den Vorschlag der Verbündeten aufmerksam, der Serbien widerrechtlich kaum den zehnten Teil des erlittenen Schadens gewähre, ihm überdies schwere Lasten aufbürde und darnach strebe, die Beziehungen zwischen den Staatsbürgern des bisherigen Serbiens und den Bewohnern der übrigen Gebiete des neuen Staates zu trüben. Die jugoslawische Delegation meinte übereinstimmend, einen solchen Vorschlag nicht annehm,eu«zu können. Die Ankunft der Minister beweist die ernste Lage, welche in der heutigen Sitzung allseitig. Erörtert wurde. f Wie „Aftontidningen^ aus Paris erfährt, hat die Weigerung Chinas, den Friedensvertrag von Versailles zu unterzeichnen, die Spannung zwischen China und Japan verschärft. In ganz China werden gegenwärtig Boykotts gegen japanische Waren organisiert, wobei sich Süden und Norden einig zeigen. Es scheint, daß in China eine nationalistische Bewegung ausgebröchen ist, wie sie sich niemals vorher in gleichem Umfange gezeigt hat. Baron Kato, Mitglied der japanischen Delegation, ist in besonderenk Auftrag in Paris eingetroffen. Nach einer Meldung des „Temps" werden die alliierten und assoziierten Mächte ohne Verzug strenge Maßnahmen treffen, um die sofortige Durchführung des Friedensvertrages bezüglich P o l e n s sicherzüstellen.. Tardieu hat für Samstag, nachmittags die Immission zur Durchführung der territorialen und politischen Bestimmungen des Friedensvertrages einberüfen, Die interalliierte Kommission des Völkerbundes hat sich Freitag mit der Antwort befaßt, die auf die, Note der österreichische Delegierten bezüglich des Völkerbundes erteilt werden sollen. Die' Immission, die mit den Fragen über die neuen Staaten, beschäftigt ist, hat sich mit dem Sch utz der Minder-'' heiten in diesem befaßt. - ' Die englische Arbeiterschaft, die.in unnatürlicher; Weise und zweifellos nur ganz vorübergehend durch ke.r Ausfall der letzten. Kriegswahlen aus dem Unterhaushinausgedrängt worden ist, rüstet sich zum verstärkten- Angriff. H e n d e r so n, einer ihrer -hedsul-Msten.. Führer, der gleichfalls nicht wieder gewählt wurde, veröffentlicht im „Daily Herald" einen Bericht über, die Arbeiterßonfevenz dr Southport . und sagt, daß angesichts der täglich wachsenden- Erbitterung, die in den Arbeiterkreisen über das unpopuläre und unkonventionelle Vorgehen. der Regierung, herrsche, die von vielen vorausgesagten Gefahren viel näher bevorständen und drohender seien als das Parlament annehme, Ueber die durch den Friedensvertrag dem Deutschen Reiche auferlegte Perg e wa-l^t i g u n g äußert er sich mit lebhafter Empörung, ' wenig das Parlament tatsächlich hie gegen-. wärtige^Stimmung der Bevölkerung zum Ausdruck, bringt, geht unter anderem schon daraus hervor, daß sämtliche inzwischen für Mehrheitsabgeordnete vorgenommenen Ersatzwahlen zu gunsten der Minderh e i t ausfielen. Daß aber auch im Parlament die Stellung der Regierung keine allzu starke ist,'beweist.der Ausfall einer Abstimmung über die von der Arbeiterpartei verlangte bürgerliche Gleichberechtig un g d e r Frauen. Obwohl der Regierungsveflrelec bei der dritten Lesung die Ablehnung verlangte, w u rd e der Antrag mit 100 gegen 85 Stimmen angenommen. Im deutschen Reichsparlkment plätschert die Debatte über die Verfassung wie über, ein Vereinsstatut weiter. Schrittweise geht man von dem zurück, was man im ersten freiheitlichen Rausch, sich entreißen ließ. Die Sozialdemokraten haben iü. einer Frage, die wirrst für sie zu den wichtigsten gehörte, mit dem Hentrum ein Kompromiß geschlossen und die Verankerung der konfessionellen Schule .,. in der Verfassung bis zur Regelung durch em Reichsgesetz konzediert. Das preußische Parlament gar beschloß, kaum daß die Schiwbürgerdebatte über die Reichsfarben im Reichsparlament beendet war, die Verordnung wieder aufzuheben, mit welcher seinerzeit Titel und Orden abgeschasst wurden.. Es wavein schwarz-rot-goldner Demokrat,, der diesen Antrag stellte. Sein Name ist Dr. Bollert. Die Sozialdemokraten aber, die in der. preußischen Negierung sitzen, sind gerade jene führenden Akademiker und Intellektuelle, wie Wolsgang Heine, Dr. Hirsch, Süderum und Haenisch^ die sonst gewöhnlich an einen Gegensatz zu jenen Sozialisten gestellt zu werden pflegen, di«, wie es bei den sozialistischen Mitgliedern des Kabinettes Scheidemann der Fall war, aus den Arbeiterberufen hervorgegangen siwd. So bietet düs parlamentarische Leben Deutschlands jetzt wenig Erfreuliches. Der jüdische Trauertag in England. Aentzerunge« hervorragender englischer Persönlich« ketten. Dem Jüdischm Preßbureau in Stockholn wird auS London gedrahtet: Der von den Juden Englands am 26. Juni begangene allgemeine Tr a u e r t a a hat die Aufmerksamkeit der gesamt enOeffentlichkeit auf die furchtbare Lage der Juden in Polen und in anderen Ländern Osteuropas gelenkt. Das OrganisationskomUee des Trauertages erhielt von führenden englischen Persönlichkeiten Aeußcrungen aufrichtiger Sympathie für den Zweck der Veranstaltung - ' Lord Robert Cecil schrieb: »Ich begleite Ihre Kundgebungen mit meiner warmen Sympathie. Ich vertraue, daß die Verträge, iibrr die jetzt m Paris verhandelt wird, Bürgschaften arge u G ewal 11 ate« und Zurücksetzmgen, denen das Mische Volk in Zentral«' Md Ost- , europa nur zu oft ausgeietzt gewesen ist, enthalten. ÄeM die Re- ] aicmng in jenem Teil der Welt die Achtung der westlichen Demokratie bewahren wolle^so müßten sie ein für allemal diesem : schreienden Skandal ein Ende bereiten." i Sidney Webb, Her Historiker der englischen Arbeiter- ' bewegung, sagt unter anderem: »Ihre Versammlung protestiert stützung der Arbeiterpartei sicher sein können, rndem sie fordern, daß eine wirksame Aktion unternommen werden soll, um,den Juden und allen anderen Minoritäten nicht nur Sicherheit, sondern auch volle Frechen deS Gewerbes, der Religion und der Erziehung zu gewährleisten. Ich bin froh, wenn ich daran denke, daß die britische Arbeiterpartei die erste gewesen ist, welche ihren Friedensforderungen Vorschläge emvtrleibt vat, die nrcht nur elementare Rechte für die Inden, sondern auch die WiederherstelluugPaläst l n a s fordert. ' C l y n e S schrieb : »Es ist nur a l l z u berechtigt, daß ein möglichst energischer Protest gegen die Judenveriolgungcn erhoben wird." Der Erzbischof Bork schrieb: »Ich bin sicher, daß dieienlgen, welche bie Autorität dazu besitzen, alle Kräftean strengen werden, tmt die Gewalttaten, die an den jüdischm Bewohnern m Polen begangen werden, zu verhindern." Der «uabh L ngi g e Orden, association“ äußerte sich in einer Zuschrift: »Wir spmphatrsieren herzlich für die Bewegung gegen die Judmversolgüngen. Ww fühlen, baß eine schwer, arbeitende, gewerbetreibende Bevölkerung in Polm . a b g e s ch l a ch t e t w i r d. Die Verantwortung für die tramigm Ereignisse tragen die von te u fl ische r Z e rst ö r u n g s l u st de h e r r s ch t e n U n m e n s ch e n. Wir schließen unS Ihrem Proteste an und wünschen Ihrer Bewegung den Segen des Allerhöchsten, da wir wißen, daß Sw nur bemüht sind, arbeitseisriae Männer und Frauen zu retten, welche. ihren friedliche« Geschäften nachgehen." Der Brief ist von M o r a l als Vorsitzenden und H o o p e r als Sekretär unterzeichnet. __ v Die Ratifizierung des FriedensverlrKges. Berlin» 5. Juli. (Korr.-Bur.) Wie Lüs Wolffsche Bureau von zuftündigsr Stelle' erfährt, beschäftigt sich das Kabinett in Weimar heute mit der Frage der Natrfizierung des Friedensvertrages. Außerdem wird die Frage her Erneuern n g des auswärtigen Amtes irnd das Arbeits- Programm beraten. Die Plenarverhandlrmgen der Nationalversammlung über die Natisizierung beginnen vor a n s s i ch t l i ch a m Mittwoch. Hierbei wird Minister des Auswärtigen, Müller, zur N ü d e Lloyd Georges das Wort ergreifen. Ministerpräsident Bauer wird eine ^xogramrrlatizche Erklärung

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