Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 167 (6.7.1919)
- Date
- 1919-07-06
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Durch den Zusammenbruch der Mittelmächte hat die Demokratie gründlicher gesiegt als man es erwartet hatte; und heute, nachdem in wenigen Monaten mehr Weltgeschehen, zusammengedrängt war als sonst in Jahrzehnten befindet sich die eben noch triumphierende »Demokratie" bereits aus der ganzen Linie in der Defensive. Sie hat einen Kampf nach zwei Fronten zu führen: Im Rücken nochbedroht von der Reaktion des nicht weichen wollenden Absolutismus, hat sie vor sich den neuen, gefährlicheren Feind, die Idee der Diktatur des Proletariats zwecks Ueberwindung der durch das demokratische System noch gestützten bürgerlichen Gesellschaftsordnung und Herbeiführung des klassenlosen, Zustandes. Gegen diesen neuen Feind sich zu behaupten, fällt, der Demokratie um so schwerer, als sie einerseits kein eindeutig bestimmter Begriff ist und qnherersetts in der Praxis sich wirklich als höchst unzulänglich .erwiesen hat. Es liegt daher im Hninentesten Interesse gerade jener Denkungsart, welche die Idee einerDiktatur -sowie -jede Gewaltherrschaft auch als Uebergangsstadium grundsätzlich äblehnt, sich diese MSMl der' Demokratie nicht zu verschleiern sondern ihr polttisches Vermögen darauf zu: konzentrieren, den wesentlichen Kern der demokratischen Idee möglichst rein zu erfassen und zu untersuchen, warum dieser richtige Kern in der Wirklichkeit bisher noch keine astgemessene Formen zu schaffen vermochte und zu der Verzerrung des modernen Parlamentarismus geführt hat. i Es ist keine.. gering zu schätzende theoretische Spielerei,' wenn man aus dieser politischen Not heraus die Aufmerksamkeit auf Gedanken lenkt, die scheinbar eurer ünpölttischen, literarischen Sphäre entstammen Nur. beschränkte Weltfremdheit wird nicht einsehen wollen,'. daß auch die praktische Politik und das tatsächliche'Geschehen in stärkstem Maß beeinflußt werden durch Erkenntnisse und Anschauungen, welche einer philosophischen Betrachtungsweise entspringen. Gerade dem Philosophen, dem es auf die Realität der Dinge ankvnnnt, der daher das wesenlos Unvollkommene schärfer durchschaut, mußte. klar werden, daß die rein formale Auffassung der Demokratie, die sich im weseMchen in Festsetzung des allgemeinen Wahlrechtes erschöpfte, keineswegs der dahinter liegenden Idee gerecht wurde. Die Formen unseres politischen Lebens entsprechen in keiner Weise den Bedürfnissen der vielgestaltigen menschlichen Wirklichkeit. Diese Erkenntnis macht der Philosoph Dr. Rudolf Steiner zum Ausgangspunkt einer Untersuchung,, die als Broschüre unter dem Titel „Die Kernpunkte der sozialen Frage" im Verlag Greiner und Pfeiffer, Stuttgart, erschienen ist. Steiners Buch, das durchaus das praktische Ziel einer Umgestaltung, der Polittk ins Auge faßt, liegt die fruchtbare Einsicht zu Grunde, daß im sozialen Organismus drei ganz verschieden geartete Sphären ineinander verschlungen sind. Sowie im menschlichen Organismus die drei Bereiche des Nervensystems (Kopforganismus), des lationssystems (Atmung, Blutung) und eigentlichen Stoffwechselsystems zwar vereinigt, doch jedes von eigener Gesetzlichkeit beherrscht so'gliedert sich auch der soziale Organismus seinen Funktionen in die drei Gebiete des Wirtschafts lebens, das mit Warenproduktion, Warenzirkulation und Warenkonsum zu tun hat, des eigentlichen politischen und Rechtslebens, das die Beziehungen von Mensch zu Mensch regelt, und des Geisteslebens, welches alles umfaßt, was man als „geistige Kultur" bezeichnen kann oder was sonst von geistiger oder physischer Begabung des einzelnen menschlichen Individuums ausgeht. In unserem heutigen politischen Leben und insbesondere in allen Versuchen zur Lösung der sozialen des aber sind, nach Der AUrwrttittenschutz bleibt aufrecht. Die KoMMissiorr berät über die Pogrome. Zürich, 6. Juli. (Tel. der »Wr. Morgenztg.") Aus Paris wird telegraphiert: Dze- Kommission, die sich mit den Rechten der Minoritäten in den einzelnen Staaten! befaßt, hat Freitag nachmittags eine Sitzung ab geh alten, in dev beschloffen wurde, tr o tz des Widerstandes der kleinen Drationen diesen Passus in die einzelnen. Verträgeanfzunshmen. Am die genaue Durchführung dieser Verpflichtungen übepprüfen zu können, wird beim Völkerbund eine eigene nur für diesen Zweck« bestimmte Kommission errichtet werden. j Auch wurde in derselben Sitzung die Frage der Pogrome in Ost-Enropnz eingehend erörtert und beschlossen, die Vertreter der einz eln eu Staaten auf in» fordern, genaue Berichte mit authentischem Material ^inzusenden. Der- Kommission Mo rg ent Hans fallt diesbezüglich eine große Aufgabe z«. . Die Gefahr des GewalLfriedens. Warnungen in der Ententepresfe. Haag, 5. Juli. (Tel. der „Wr. Morgenztg.") „Daily Telegraph" schreibt in einem Pariser^ Situationsartikel: Die Wiener Regierung hat 'kein Interesse, den Friedensvertrag zu unterschreiben oder stch deutsche Gebiete zu entfremden. Ernste Staatsmänner wie die öfter»; reichischen Sozialdemokraten können nicht ein Land im Zustande des Bankerott-; regieren, dies könnten die Bolschewiken versuchen, und der S taatsb ankerott würde! zweifellos ein Sowietregime bedeuten. Aber die Ausdehnung der politischen Der^' rücktheit würde nicht in Wie« Halt machen, sondern sich auch rasch nach; Tschechien, Polen und vieLteicht nach Italien verbreiten. 3« Tschechien, speziell; Pretzburg, scheint die Lage gebessert, und durch rasche Aktion kann die Entente die Situativ»; «och retten^ | Auch das „Fonrnal de^eneve" führt in einem Artikel den Nachweis, daß «ach de»j Frkedettsbestkwmuüge» -Mch^EÄnti'Hermai«' die de « tfchSfterreichl"fche 3«d«ftrim absolut lebensunfähig wäre, was die schrecklichste Är mnt nnd Areitslosigkeit nndj noch Aer g e r es zur Folge hätte. Frage, vor allem den. von der sogenannten proletarischen Bewegung ausgehenden, entstehen die größte Verwirrung und die sinnwidrigsten Konstruktionen dadurch, , daß man über diese fundamentale Tatsache hinwegsieht ünd alles nach den Eigentümlichkeiten des Wirtschaftslebens beurteilt. Die drei Gebiete sollen daher ihre eigenen Organe der Gesetzgebung und Verwaltung erhalten, so daß ein Ausgleich etwa im Gebiete des Wirtschaftslebens herbeigeführt werden kann, ohne daß dadurch andere Werte, etwa die aus der individuellen menschlichen Begabung fließenden, vernichtet werden. Den Gegensatz Zwischen Unternehmer und Arbeiter will Steiner dadurch seiner Schärfe entkleiden, daß er vorschlägt, das Teilungsverhältnis zwischen den einzelnen an der Warenerzeugung beteiligten Elementen der Regelung des Wirtschaftslebens zu entziehen und lediglich nach den Gesetzen des Rechtsgebietes zu bestimmen. Dadurch wird der Arbeit der ihr heute anhaftende Charakter der Ware genommen. Ohne hier auf eine Auseinandersetzung mit der interessanten Schrift, die übrigens gar nicht den Anspruch erhebt, in allen Einzelheiten Endgültiges zu sagen, einzugehen, soll nur mit allem Nachdruck'der Grundgedanke hervorgehoben werden, der für die Erneuerung unseres polnischen Lebens unentbehrlich ist: Daß die demokratische Gestaltung des Staatswesens keineswegs im-Formalen stecken bleiben darf, sondern entsprechend dem wirklichen Leben organisch vor sich gehen muß. Dasselbe Problem behängt, von einem etwas anderen Gesichtspunkt ausgehend, der Prager Rechtsphilosoph Dr. Felix Weltsch in einer kürzlich erschienenen Schrift »Organische Demokratie" (Der Neue Geist- Verlag, Leipzig). Hier ist der Ausgangspunkt die Frage nach der Möglichkett einer Willensbildung der Gesamtheit, welche der Wirklichkeit näher kommt als der heutige Parlamentarismus. Es kann kein Zweifel darüber bestehen, daß die aus, der Wahl hervorgegangenen Abgeordneten keineswegs den wirklichen Willen' ihrer 'Wähler verkörpern.' Denn jedes Individuum hat vielerlei Interessen, und da sich seine politische Wirksamkeit nicht weiter als bis zu dem Akt der Wahl erstreckt, muß es notwendigerweise auf zahlreiche Interessen vernichten, die daher in der gewählten Körperschaft gar nrcht vertreten sind, obwohl sie unleugbar im lebendigen Volkskörper vorhanden sind. Dadurch, daß der Wähler gezwungen ist, sich zw einer Partei zu entscheiden, kann er in keiner Weise, zum Ausdruck bringen, was ihm persönlich von seinen, auf verschiedene Ziele gerichteten Bestrebungen das subjektiv Wichtigste ist. Da jeder Gesamtwille nur dadurch Zustandekommen kann, daß der Einzelne; auf gewisse Ziele verzichtet, muß ein Weg gesucht werden, daß auf Grund des »Verzichtes auf das fubjekttv Mindergewertete" nicht - ein mechanischer Kompromiß, sondern eine organische Synthese als politischer Beschluß entsteht. Weltsch gibt.' in der Broschüre, die auch einen interessanten Abschnitt über die historische Entwicklung des Organismus-! gedankens und eine Auseinandersetzung mit den sich ergebenden Bedenken und Schwierigkeiten enthält,'zur Verdeutlichung seiner Theorie „ein Beispiel": Wenn etwa! jeder Mensch fünf Stimmen hätte, könnte er durch Verteilung dieser Stimmen auf verschiedene Programme ein getreueres BUd seiner Gesinnung geben; und aus dieser Wahl müßten Körperschaften hervorgehen, die, stufenweise aufgebaut, §er Betätigung und Einflußnahme des Einzelnen ein weites Feld einräumen und gleichzeitig gewisse im Volke vorhandene Tendenzen repräsentieren könnten. Aus der Wahl der Einzelgruppen könnten Mittelgrrlppen heroorgehen und aus diesen wieder Fachparlamente, als welche ein kulturelles, ein wirtschaftliches und ein politisches vorgeschlagen werden. Jeder hat die Möglichkeit, durch entsprechende Verteilung seiner fünf Stimmen kundzugeben, auf welchem dieser drei Gebiete feine wesentlichsten Interessen liegen, ohne daß er darum die anderen Interessen völligvernachlässigen müßte.—In diesem Zusammenhang sei nur angemerkt, daß Weltsch in der Zeitschrift »Der Jude" diese Anschauungen zu einem Vorschlag für die. Verfaffung des jüdischen Palästina verwertet. - Wenn man bedenkt, daß insbesondere Karl' Renner stets auf die Unzulänglichkeit der parlamentarischen Demokratie hingewiesen hat und als eigentliche fundamentale demokratische Einrichtung die lokale Selbstverwaltung bezeichnet, also auch die aus dem Leben organisch erwachsende politische Betätigung, so wird mem zugestehen müssen, daß die. hier angedeuteten Gedanken gerade für den Staatsmann und Politiker sehr beachtenswerte Anregungen bieten und den ehrlichen Willen, den toten Punkt der Demokraüe < zu überwinden, nur fördern können.