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Wiener Morgenzeitung · 1919-07-03 · Heft 164 (3.7.1919) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 164 (3.7.1919)
Date
1919-07-03
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 164 Wien, Donnerstag PoMsche^tundschau. Frankreichs und Englands SttvalitLt Im Orient. „Manchester Guardian" berichtet: Pichon bat es abgelehnt, der französischen Kammer etwas über die französische Mission und überhaupt die französischen Ziele in Palästina zu sagen, weil der Vertrag mit der Türkei noch in Verhandlung steht. Die Tatsachen, um die es sich handelt, sind, soviel wir wissen, folgende: Pichon hat mit unserem Lände eine Differenz rücksichtlich der Nordgrenze von Palästina und mit den Arabern in Bezug auf Damaskus, Aleppo und Alexandrette. Unter Berufung auf da- Shkes-Pieot-Abkommcn von 1916 haben die Franzosen eine Verwaltung in Nordgalilüa eingerichtet und erne derartige Grenze würde Palästina verstümmeln» es der Herrschaft über seine natürlichen und unentbehrlichen Wafferkräfte berauben und im Norden eine offene Tür schaffen, welche ernsthafte militärische Lasten für seine Verteidigung zur Folge haben müßte. Die Franzosen wissen so gut als irgend jemand, daß ein Verlangen dieser Art nicht gerechtfertigt werden kann und wahrscheinlich stellen sie rS auch nicht um seiner selbst willen, sondern um auf die englische Regierung in bezug auf Damaskus, Aleppo und Älexandrette einen Druck auszuüben. Ans diese Städte erhebt Großbritannien keinen Anspruch, aber es ist Sache der Franzosen, dre notwendigen Abmachungen mit dem Emir Fanal zu treffen- Darin hatten sie bisher keinen Erfolg. Diese Art des Vorgehens entspricht diplomatischen Traditionen, aber sic ist ebenso kurzsichtig wie ungerecht. Ein jüdisches Palästina ist an dem Streit zwischen Frankreich und den Arabern nicht beteiligt, warum also soll es darunter leiden? Es ist ganz gewiß, daß das französische Begehren, Palästina zu verstümmeln, am Ende wird fallen gelassen werden müssen, aber inbcnt die französische Regierung es stellt und darin verharrt,., sei/t-cssiich der Gefahr eines Konfliktes mit den teuersten Wünschen des jüdischen Volkes in der ganzen Welt aus. Jedenfalls ist zu hoffen, daß die Alliierten raschestenS diesen Streit und den über die ganze Behandlung der türkischen Frage regeln werden, so daß der Osten wisse, was er zu erwarten hat und die befreiten und zu neuem Leben gebrachten Nationen sich daran machen können, ihre Heimstätte« wieder ausznvauen. * , Der Sowiet-Antisemitreuro. Das neueste Problem, das jetzt die jüdische Ocffcntlichtcit n! Rußland beherrscht,^ ist der Sowiet-Antisemitismus. Das Prinzip, daß der Antisemitismus im Sowiet-Rußland nicht vorhanden sei, ließ sich wohl inr eigentlichen Groß-Rußland, unter einer zerstreuten dezentralisierten jüdischen Bevölkerung ^durchführen. Das Bild wurde aber ein anderes, als die Sowjetmacht die Gebiete des früheren Ansiedlungsrayons, - die Zentren der jüdischen Massen eroberte. Die Klagen über" das Auftreten des Antisemitismus häufen sich in Litauen und Weißrußland ■ in erschreckender Weise.. .. Großes Aufsehen erregte dev' die Ueberschrift „Sowidt-Antisemilisnms" tragende Artikel von W. I w a n t s ch i k o w im o sfiz teilen O r g a n'd r s M o S k a u er Sowirts „Wetfchernija I S w e st i a". Der Artikel betont, daß der bolschewikischen Macht der Vorwurfs antisemitischer Gesinnung nicht gemacht werden konnte, bis diese Macht in das Gebiet der jüdischen Maffen kam. „Hier vergiftete die antisemitische Pest alle, sogar die! Organe der Sowietmacht. Die Mitteilungen, die yus diesen Orten kommm, sprechen eine erschreckende Sprache." Der Artikel führt eine Reihe . von Tatsachen an: In Klimowitschi (Gouv. Mohilewl findet eine Klassifizierung der Bevölkerung nicht nur nach ihrer! Bcruserr, sondern auch nach ihrer Nationalitätszugehörigkcit statt. Vor den Feiertagen hat man in einigen Orten des Ansiedlungsrayons in den Sowiet-Lebensmittclzentralen Früchte an die Bevölkerung verkauft. Auch die Juden warteten stunden- und tagelang, bis plötzlich der Lebensmittelkommiffär erschien und alle Inden vertrieb mit der Motivierung: „Sp ekulanten brauchen keine Frücht e". Eigentümliche Szenen spielen sich bei der Requisition von Lebensmitteln ab. Die ^Lebensrnittel werden nicht etwa bei den Bauerst, die ' sie in Wirklichkeit haben, requiriert, sondern man überfällt die arme jüdische Bevölkerung und beraubt sie ihres letzten Bissens Ebenso ausfällig ist daS System der Kontributionen in zahlreichen Orten. In dem kleinen Städtchen Kziowitschi ist der jüdischen Gemeinde eine Kontribution von 500.000 Rubel auferlegt ^Worden, von der gesamten, reich gewordenen Bauernbevölkerung jedoch verlangte man nur 90.000 Rubel. Beleidigungen und Beschimpfungen der Juden von seiten der Behörden sinh an der Tagesordnung. Und niemand weiß, wohin diese „Anfänge" 'münden werden. U Sonnirros Abgang.; Der „Manchester Guardian" schreibt über £ou'a.:o, dessen ' Verschwinden er als das wichtigste Ergebnis der italienischen .. Ministerkrise ansieht: v Die Ironie des Schicksals zwingt den. einzigen Minister : des europäischen Staates, der seit Kriegsbegiiin..an: der Wacht blieb, sich am Vorabend der Fertigung des Friedens- { Vertrages »urückzuziehen. Manche glauben, Sonniny war der ^bü.se Geist der Friedenskonferenz und ßabe, um bö$, italienische Maximalprogramm durchzusetzen,' die He- Zierden der anderen aufgestachclt, doch ist kaum qnzunehmen, - daß der Appetit der anderen solch künstlicher Aufstachelung bedurfte. Sormino war wohl ein Diplomat der alten Schule, . gänzlich unberührt von neuen Ideen und Bewegungen, ' aber schließlich waren die Forderungen, die er stellte auch nicht übertriebener al8 was die anderen verlangten und Erhielten. Aber es fehlte ihm bei Verfechtung seines Programms äw Takt und Schmiegsamkeit, infolgedessen gelang es ihm sticht, die anderen Alliierten zu gewinnen. Gleichzeitig verschaffte er Italien den Ruf der Unvernunft, wofür ihm daS italtenische Volk nicht dankbar sein kann. Wiener Morgenzeitung Der Zerfall Wien, 2. Juli. Die Befürchtung, daß die zwischen den bisher so verbündeten Mächten auftauchenden Differenzen die Hoffnungen .auf einen Weltfrieden für Jahrzehnte hinaus gegenstandslos machen könnten, wird nunmehr auch von dem Organ des früheren' holländischen Ministerpräsidenten Kstyper, den ,S.andard", offen ausgesprochen und erörtert. In Paris, schreibt dieses Blatt, ist die Angst vor der Zukunft größer als in Weimar und tu Wien. Man befürchtet eine Steigerung .des gespannten Verhältnisses zwischen E n g l a n d un d F r a n k reich sowie einen Zusammenstoß zwischen Amerika und Japan. Bon einem eigentlichen Frieden kann daher keine Rede sein. Den besten Beweis für die tödliche Verlegenheit, in der sich die Entente befindet, bilde der Umstaich, daß sie' nicht daran denken kann, ihre maritimen und militärischen Streitkräfte abzurüsten. Was England; anlangt, so hausen sich in der Tat die Aeußernngen. einflußreicher englischer Blätter und Persönlichkeiten zugunsten Deutschlands. Zwar geschieht dies vorläufig uyter der Parole, daß es not tue, Deutschland gegen den Bolschewismus'zu verteidigen,, was am besten durch eine Unterstützung seiner Regierung und d.nrch die Kräftigung seines Wirtschaftslebens geschehen könne. Zweifellos aber verbirgt sich hinter dieser Parole die Absicht, Frankreich nicht allzu groß werden zu lassen/ Hat doch Sir Edward Greh in den letzten Julitagen 1914 dem- Bo tschafter Lichmowski deutlich genug zu verstehen gegeben, daß England nicht beabsichtige, die Macht anderer europäischer Staaten allzu sehr auf Deutschlands Kosten anwachsen zu lassen. Seine damals gemachte Bemerkung, England würde notfalls dafür eintreten, daß Deutschland nicht allzu schwere Bedingungen auserlegt werden, ging in der Hochflut der Entrüstung verloren. Heute aber mehren sich die Anzeichen dafür, daß England im Begriffe ist, dieses Wort .wahr-zu machen. Die „Daily News" zum Beispiel sagt, man habe keine Veranlassung, die deutsche Erklärung dtK zuzweiftln, daß der Friedeusyerteag . ehrlich durchgeführt werden soll, woher natürlicherweise das Maß' dos Möglichen im Augebehalten werden müsse. Der „Daily Herald" begrüßt die Stimmen,, die nachträglich gewisse Milderungen für Deutschland für richtig finden. Die Haltung L lo Y d G eo r ge s. wird in der. englischen Presse, im allgemeinen ungünstig beurteilt und man glaubt, daß nach Friedensschluß .mit Deutschland seine Zeit ebenso wie die Clemenceaus abgelausen sei. Der „Daily Herald" sagt, daß neue Leute in der Welt der' Alliierten zu Worte kommen müßten, um in versöhnlicherem'. Geiste mit den ehemaligen Feinden 3. Juli 1919 Seite 3 der Entente. sprechen, zu können.. Italien scheine einen richtigen Anfang gemacht zu haben. ' Gewinnt man schon hieraus den Eindruck, daß c:i nicht angebracht ist, her Nachricht vom französisch-englischen Bündnis allzu viel Bedeutung beizumessen, so wird dieser Eindruck noch mehr bekräftigt, wenn man im „Temps" erfährt, daß sich die Unterzeichnung dieses Bündnisvertrages wegen gewisser Schwierigkeiten verzögert. England will seine Unterschrift erst hergeüeu, wenn auch Amerika unterzeichnet hat, und Amerika seinerseits, verlangt dasselbe von England. Inzwischen macht sich' aber, wie zu erwarten war, in Amerika eine lebhafte Mißstimmung gegen eiue solche Allianz, welche die Union dauernd in die europäischen Streitigkeiten Hilleinmengen würde, geltend. Die Wortführer der Opposition erklären, der neue Dreibund spreche dem Wilsonschen Völkerbund Hohn, und so dürfte Wilsou sowohl die Verfechter seiner eigenen Prinzipien wie die Anhänger der Monroedoktrin gegen sich haben. In Wahrheit liegt die Situation so, daß Amerika allen Anlaß hat, sich von irgend welchen einseitig?!! Verpflichtungen frei zn. halten. Japan hat ztvar, >vie vorgnszusehen war, die Nachricht von au-. geblichen Bündnisverhandlnngen mit Deutschland kat?- görisch dementiert — aber wo viel Rauch ist, ist auch Feuer. Der Sieg, den Japan jetzt in der Schantungsrage errungen hat, und der China die Unterzeichnung des deutschen Friedensvertrages umnöglich gemacht hat, kam-, wie man erfährt, nur dadurch zustande, daß Japan mit alten Mächten außer mit Amerika Geheimverträge besaß, die ihm diese Beute sicherten. Gegenüber dieser Allianz mußte Amerika, so schwer cs. ihm fiel, nachgeben — was aber kaum die Beziehungen zwischen der Union und Japan verbessern dürfte. lieber diesen großen Schwierigkeiten nehmen die regulären Arbeiten der Friedenskonferenz einen recht schleppenden Verlauf. Der Rat der Fünf hielt heute eine Sitzung ab, um das Arbeitsprogramm und die Arbeitsmethode für die nächste. Zeit festzulegen. Man glaubt, daß die finanziellen und Wirtschaft sichen Klauseln des deut chösierreichischen Vertrages, die bereits vom Redaktionskomitee fertiggestellt war-- den, Ende der Woche dem Staatskanzler Dr. Renner überreicht werden können. Man wird, aber im Anschluß daran auch die Grenzen im Adriagebiet feststellcn müssen. Mit der Ausarbeitung der Friedensbedingungen für Bulgarien und Ungarn ist noch kaum beonnen worden. Aufhebung der Blockade über Deutschland nach Ratifizierung des Vertrages durch Deutschland. Washington, 1. Juli. (Tel.-Komp.) Entsprechend einer Ankündigung des Staatssekretärs Philipp wird die V10 ä a d e über Deutschland in dem Augenblick aufgehoben werden, in dem der Vlockaderat die Nachricht erhält, daß der Friedens- Vertrag durch Deutschland ratifiziert wurde, das heißt, daß die Wiederaufnahme des Handels der Vereinigten Staaten mit Deutschland nicht bis zur N a t i f i k a t i 0 n des Vertrages durch d e n S e n a t der Vereinigten Staaten hinansgeschoben wird. Unzufriedenheit in Italien mit Frankreich. Verrat gegen Verrat. Sarnt-Germain, 2. Juli. (Korr.-Vur.) Der römische Korrespondent des ,,Z 0 u r n a l" sendet seinem Blatt einen sehr pessimistischen Artikel »der die Stimmung Italiens gegenüber Frankreich, in dem es heißt, daß die Italiener aller Klassen und Parteien mit Frankreich sehrunzufrieden seien. Die allgemeine Meinung gehe dahin, daß Frankreich noch einige Wochen Zeit habe, um sich zu besinnen und zu bereuen, sonst Ware es zu spät und die Scheidung wäre vollzog e n. T i t t 0 n i sei nach Paris gefahren, um noch einmal zu versuchen, den engsten Anschluß Herzustollen. Wenn Js r a n kr e i ch die lateinische Union zrrgmtsten her Angelsachsen vorraLo und mit den kleinen östlichen Nationen liebäugle, so behalte sich, wie der Korrespondent sagt, Italien ebenfalls den Verrat vor. Niemand habe ihn darüber im Anklaren gelassen, mit wem sich d j r s e r Verrat volles'? 7". ‘.vrv^c. Inland. Der neue Leiter der Wiener italienischen Mission. Als neuer Leiter der volitischen Mission Italiens in Wien, als welcher bisher Comm. M a r ch i 0 r 0, der weiter hier bleibt, snnaiertc, weilt seit einigen Tagen Prinz Livio B 0 rghes, in Wien, der das Palais der italienischen Botschaft am,Rennweg bezögen hat und nicht nur vorübergehend mit den politisch er Geschäften betraut bleiben wird, sondern für die Zeit nach dem Friedensschluss - mit der Anbahnung freundschaftlicher Beziehuugcn zwischen Demschösterreich und Italien betraut ist. Gegen'Prinz Livio Borghese richtete in der letzten Woche der „Matm" wegen feiner jüngsten Budapefter Tätigkeit heftige Angriffe, die auch m der Wiener Presse emen Widerhall fanden. Man beschuldigte ihn, daß er vcrmögensrechtliche Machenschaften zugunsten des Grafen Julius Karolyi durchgesührt und Kun aus j diesem Grunde italienische Lebensmittel für die Sowlctregierimg zur Verfügung gestellt habe. Die entlassenen Eisenbahnbeamten. Das Staatsamt für Verkehrswesen hat an alle Direkrioiicn der Staatsbahnen einen Erlaß gerichtet, in dem cs heißt: Der gesteigerte Personalbedarf,, den die bewilligte Höherbemessung der Erholungsurlaube und die Einführung des Achtstundentages zur Folge haben werden, läßt es geboten erscheinen, daß zunächst all« nur irgendwie verfügbaren Kräfte zum Dienste 'hcrangczogcn werden. In dieser Beziehung koinmen hauptsächlich jene von den fremden Ncnftaatcn enthobenen ehemals 0 st e r r e i ch i s ch c 11 S t a a t s b a h n b e d i e n st e t c n d e u t s ch e r Volkszugehörigkeit in Betracht, die, ohne bisher cuu Dienstcsverwendung in Dentschösterreich gefunden zu haben, sich bereits daselbst in Flüchtlingslagern oder in verschiedenen Orten zerstreut anshalten und bei einer deutsch österreichischen Staatsbahndirektion lediglich zwecks Flüssigmachung der. ihnen in Form von Beihilfen zukommenden Bezüge im Stande geführt werden. Hier muß rechtzeitig die Frage gestellt werden, was eigentlich unter werden V Neueintretende Abgeordnete. Durch die Wahl des Abgeordneten S ch r a s f l zum Landeshauptmann von Tirol sowie der Abgeordneten S ch um a ch e r und Stumpf zu Landeshauvtmannstellvertrctern, iverden entsprechend den Beschlüssen , des Tiroler Landtages die Stellen dieser Abgeordneten als Mitglieder der Nationalversammlung frei. An Stelle der Abgeordneten Schraffl und Schn^ malige Abgeordnete i c d r i st. Feriier tritt an die Stelle des Abgeordneten Karl List der Weinbattdirektor. W e i g c l ans Krems. An Stelle des derzeit erkrankten Landcsbinptmamistcllvenreters Johann Mayer ist bereits Abgeordneter Dr. B u r es ch cingctrctcn. '

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