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Wiener Morgenzeitung · 1919-07-02 · Heft 163 (2.7.1919) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 163 (2.7.1919)
Date
1919-07-02
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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. Seite 2 _Wien, Mittwoch_ Politische^tundfchim. Englandfeindliche Stimmung in Frankreich. Der Pariser Korrespondent des „Manchester Guardian" berichtet seinem Blatt, daß gegenwärtig eine weitverbreitete antibritische Stimmung in Paris herrsche. Es mag dies zum Teil der Verzögerung der Konferenz- Verhandlungen zuzuschreiben sein, welche jedermann ermüdeten und reizten und es den Völkern schwer machten, ihre gegenseitige Politik zu verstehen. Oie verderbliche Geheimniskrämerei hat die Mißverständnisse verschärft. Unter Berücksichtigung alles dessen bleibe aber yenug Grund zur Beunruhigung übrig. Der Korrespondent sprach mit zahlreichen Franzosen aller Parteien imb fand überall dieselbe Meinung über die britische Haltung. „Lloyd George", sagt man, „steht sichtlich unter dem Einfluß der Labour Party und des äußersten Liberalismus. Seine Politik wird durch den „Manchester Guardian" repräsentiert. Diese Politik sei selbstisch und heuchlerisch. Seien Konzessionen einem Prinzip oder einer dringenden Notlage zu machen, so sei es nicht England, das sie mache. Man verlange Selbstbestimmungsrecht da und Selbstbestimmungsrecht dort, nur für Irland nicht. Die Orientvölker müssen durch strikte Mandate gegen die Schutzmächte geschützt werden, das finde aber keine Anwendung auf die Llegypter, für die es ein britisches Protektorat geben müsse. Die Freiheit der Meere dürfe nicht diskutiert werden, die britische Flotte ist heilig. Die Briten haben ein großes Kolonialreich und was ist mehr recht und billig, als daß die Beute der deutschen Kolonien dazu geschlagen wird! Frankreich hat legitime Interessen und Bestrebungen in Kleinasien. Wird es dort von England unterstützt oder wird dort von England gegen Frank, reich intrigiert? Alles das und mehr als das denkt man und sagt man offen; viele Franzosen sehen die. Engländer aE Pharisäer und insbesondere die englischen Demokraten als Erzpharifäer an. ' Die Kämpfe in Ostgalizien. Der Ukrainische Pressedienst meldet: Die ukrainische Armee Grekow steht seit zwei Wochen in erfolgreichem Kampfe gegen die polnische Jnvasionsarmee östlich Lemberg. Entsprechend dem polnisch-rumänischen Geheimvertrage fordert die polnische Presse rumänische Hilfe, die aus der Bukowina und den von rumänischen Truppen 'besetzten Punkten kommen soll. Gleichzeitig führt aber die Krakauer Presse eine heftige Kampagne gegen die rumänische Militärverwaltung in Südostgalizien. In der Ostukraine gewinnt die nationale Bewegung gegen die Bolschewiken immer größeren Anhang und die Truppen des Direktoriummitgliedes Petljura und des im Süden der Ukraine vorgehenden Ataman Gregoriew erhalten ständig Zuwachs. Bon einem Kamps der polnischen Truppen gegen die Truppen der Moskauer Sowietregierung ist an keiner Stelle die Rede. Die Robe Armee hat schon am 5. Juni Sarny und Gaisin besetzt. Euvopamüdrgkeit der amerikanische« Polen. Das seit kurzem in Wien erscheinende Organ deS Verbandes der polnischen Sozialisten in Wien, „Swit" (Redakteur Anton Dzikowski), meldet, daß sich Teile der Armee Haller geweigert haben, nach dem Friedensschluß mit Deutschland in Polen weiter zu kämpfen. Es handelt sich um die amerikanischen Polen, die seinerzeit in den Vereinigten Staaten unter starkem Druck rekrutiert wurden und die jetzt die sofortige Rücksendung nach Amerika verlangen. Infolge der Haltung dieser amerikanischen Soldaten wurden ganze Abteilungen entwaffnet und in ein Lager bei Ezenstochau gebracht. ' Polnische Sozialisten gegen den Imperialismus. In einer in Wien abgehaltenen Versammlung der polnischen Sozialisten wurde ein scharfe« Protest gegen den polnischen Vernichtungskrieg mit der Ukraine, Litauen, Tschechien und Deutschland erhoben und die polnische Eroberungspolitik gebrandmarkt. Das englische Unterhaus feiert Lloyd George. London, 1. Juli. (Del.-Komp.) Lloyd George erschien im Unterhaus«, wo er mit großem Jubel empfangen wurde. Einige Augenblicke blieben die Mitglieder der liberalen Oppositionspartei sitzen, aber die übrigen Mitglieder des Hauses mit Ausnahme der Mitglieder der Arbeitspartei standen auf und stimmten die Nationalhymne an, in die auch die Anwesenden auf den Tribünen, die sich ebenfalls erhoben hatten, einstimmten. Auch während des Gesanges blieben einige Mitglieder der Arbeitspartei sitzen. Lloyd George ergriff das Wort und führte aus, daß der Friedensvertrag der rckeitestumfassende Vertrag wäre, der jemals geschlossen wurde, und zwar sowohl was die Anzahl der an ihm beteiligten Mächte als auch die betreffenden Nationen selbst anlangt. Es gelt« einen Ausgleich zu schaffen, der denl Schicksal aller beteiligten Völker Gerechtigkeit bietet. Wiener Morgenzeitung__2. Juli 1919 . .. . Nr. 163 Völkerbund und Sonderbünde. W r e», 1. Juli, l Obwohl die ganze Welt noch immer vom Völker- > bund und dem Weltfrieden redet, sind wir schon wieder mitten in der Zeit der Sonderbündnisse. Frankreich, das eine, spätere Ernte der heute ausgestreuten Saat des Hasses zu fürchten beginnt und sich rechtzeitig nach einer Rückendeckung für spätere Eventualitäten umsteht, hat allem Anschein nach bereits einen doppelten Sicherungsvertrag abgeschlossen, und zwar sowohl mit England als auch mit Amerika.' Es soll sich dabei zunächst um ein französisch-englisches „Defe»ftv"-Bünd»iS gehandelt haben, welchem Amerika beigetreten ist. Diese Nachricht auf der einen Seite, die Meldungen von der Annäherung Italiens an Deutschland und Deutschö st erreich sowie von dem bereits vorbereitet gewesenen japanisch-deutschen Sondervertrag andererseits zeigen uns mit genügender Deutlichkeit, daß das Zeitalter der Allianzen, die unter dem Gesichtspunkt eines „Gleichgewichtes der Kräfte" geschlossen werden, noch keineswegs von der Epoche der überbrückenden Völkerliga abgelöst werden kann. Auffallend ist es, daß gleichzeitig mit dem Bekanntwerden des französisch-englischen Bündnisses in der Publizistik beider Länder eine rasch wachsende Verstimmung gegeneinander zu verzeichnen ist. Frankreich verfolgt mit Unbehagen, daß die englische Volksstimmung mehr und mehr zugunsten Deutschlands umschlägt. Es glaubt, daß England als erstes Deutschland die Hand reichen werde zu einem wirtschaftlichen Wiederaufbau, da man die deutschen Bemühungen zur Unterdrückung des Bolschewismus, den die Entente fürchtet, würdigt und die Negierung bei dieser Arbeit unterstützen will. Der Protest des Generals Smuts sei, wie die sozialistischen Blätter hervorheben, zweifelsohne nicht nur auf. dessen persönliche Verantwortung erhoben worden, und kennzeichnet die Stimmung, die in weiten Kreisen Englands herrsche. Die Welt wolle zur Ruhe und Ar beit zurückkehren und werde in diesem Bestreben durch einzelne Punkte des Friedensvertrages gestört, deren Beseitigung in der Zukunft nicht zu vermeiden sein werde. Das sozialistische „Oeuvre" sieht die Zukunft als keineswegs klar an und meint, Frankreich, das jetzt seine Revanche in der Tasche habe, müsse nunmehr endgültig alle Gedanken fallen lassen, daß es noch Feinde in der Welt gebe.. Der Fried« wäre nur eine Phrase, wenn er nicht das Wort Feinde auslöschen würde. Aehnliche Stimmen finden sich bezeichnenderweisenamentlich in der französischen Provinzpresse, dimit dem Inhalt des Friedens vielfach weit weniger zufrieden ist als die Pariser Blätter. Die Stimmung, die sich hier ankündigt, dürfte noch ynwachsen, wenn tatsächlich, wie angeküudigt wird, bald nach Abschluß des Friedenswerkes eine Radikalisierung der Ententekabinette erfolgen sollte. Bri.and wird als Nachfolger Clemenceaus genannt, für Italien denkt mau bereits an Bissolati und Lloyd George dürfte, ohne selbst abzutreten, namhafte Sozialisten in das Kabinett aufnehmen. In der Behandlung der deutschösterreichischen Angelegenheiten ist noch kein positiver Fortschritt zu verzeichnen. Bon der Genfer Radioagentur verbreitete Nachrichten wollen wissen, daß zwischen der Schweiz und der Vorarlberger Landesregierung mit Zustimmung des Kanzlers Dr. Renne« neue Verhandlungen im Gange seien. Lennep sei bereit, Vorarlberg das SelbstbestimumngSrecht zuzubilligen und im Zuge der Friedensverhandlungen auch von der Entente zu verlangen, daß diese die Entscheidung der Vorarlberger über ihre künftige Zugehörigkeit, sofern sie auf Grund eines ehrlichen Plebiszits zustandekomme, anerkenne. Wahrscheinlich werde die Vereinigung mit der Schweiz nun doch Zustandekommen. Von anderer Seite wird bexichtet, daß dir Entente die Neutralisierung des Ostrau-Karwiner Kohlenbeckens beschlossen habe. Das Kohlenrevier soll von Amerikanern besetzt, beziehungsweise verwaltet Werder;, Die baltische F.'age. Kopenhagen, 1. Juls. (Tel, der „5Bt. Morgenzeitung".) Die interalliierte Militärkommission unter Führung eines englischen Generals hat in Helsingf.ors ihre Arbeiten begonnen. Die Hauptaufgabe der Mission ist das Studium der gesamten baltischen Frage und die Ueb erwach nng der Politik der dort neuentstandenen Staaten. DerHauptsitz der Mission wird H e l s i n g s o r s sein, während sie in Reval, Narrya.. Riga und Kowno durch einzelne Vertreter repräsentiert sein wird. Die in Yen letztgenannten Staaten errichteten Vertretungen sind hauptsächlich auf das Betreiben der englischen Juden errichtet worden, die dadurch den Pogromen in diesen Gebieten Einhalt zu verursachen glauben. um eine auch für Deutsch österreich gerechte Verteilung der Kohlenproduktion sicherzustellen. Sollte sich diese Nachricht bewahrheiten, so würde sich immerhin die Aussicht auf eine beträchtliche Entspannung unserer Situation eröffnen. Auch die Kommission für die Lebensmittelversorgung Deutschösterreichs hat, wie die Schweizerische DelegrapheN-Jnformation aus Paris meldet, ihre Arbeiten beendet. Als Garantie für die Bezahlung der gelieferten Lebensmittel sind, wie in Kreisen der Kommission verlautet, die Requisition der im Lande vorrätigen Gold- und Silbermünzen, die Verpfändung von gewissen Werttiteln und der Staats Wälder verlangt worden- Von besonderer Bedeutung ist es, daß Clemeneeaus yrgan, wie telegraphisch berichtet wird, einen schürfen Artikel gegen die gegenwärtige Regierung Deutschösterreichs, insbesondere gegen Karl Renner und Otto Bauer, veröffentlicht. - Von den übrigen Problemen. der Friedens-, konferenz scheint die türkische Frage zunächst insofern einen Abschluß gefunden zu haben, als die. türkische Delegation von Clemenoeau eine Note erhielt, in welcher ihr mitgeteilt wurde, daß die Ententen sich bis auf weiteres nicht in der Lage sehe, die von der Delegation angeschnittenen Fragen zu' regeln, so daß die Delegation am besten wohl wieder h e i m r e i sen könne, bis man sie wieder brauche. Der' Vertrag mit Pole» scheint dagegen zum Abschluß gebracht worden zu sein. „Echo de Paris" erfährt, daß Paderewski ihn nur widerwillig unterschrieben habe. Inwieweit die Rechte der nationalen,, insbesondere der jüdischen Minorität tatsächlich sichergestellt worden sind, wird sich erst nach Bekanntgabe der Einzelheiten ermessen lassen. Rumänien, das einen ähnlichen Vertrag unterfertigen sollte, hat sich bisher geweigert, seine Unterschrift zu geben und di« Vertreter sind sehr unzufrieden «ach Bukarest abgereist. Ju Deutschland hat sich die Situation nicht geärrdert. Die Eintagsherrschaft der Kommunisten in Hamburg scheint bereits gebrochen zu sein. Der Einmarsch der Reichswehrtruppen von allen Richtungen entwickelt sich plangemäß. Die Truppen, die mit Panzerautomobilen versehen sind, haben ihre Hauptstellung auf dem Rathausmarkt eingenommen. In Berlin dagegen herrscht ungeschwächte S tr e ik sti m m u n g. Die Stadt ist heute wieder ohne Verkehrsmittel. Nachdem alle Versuche, zu einer Einigung zwischen der Direktion der Großen Berliner Straßenbahn und den Angestellten zu gelangen, gescheitert sind, ist vorläufig an die Aufnahme von neuen Verhandlungen nicht zu denken und man rechnet infolgedessen mit einer längere» Dauer des Verkehrsstreiks. Der wilde Streik der kommunistisch gesinnten Eisenbahnarbeiter dauert in ungefähr gleichem Umfange fort wie gestern. Sämtliche Fernbahnhöfe sind militärisch besetzt. 1 Gestern nachmittags fanden mehrere von der Leitung der unabhängigensozialdemokratischen Partei einherufene Versammlungen statt, in denen Haas« und Adolf Hoffmann erneut für die Errichtung der Diktatur des Proletariats eintraten und die Arbeiterschaft aufforderten, in der entscheidenden Stunde bereit zu sein. Reichswehrminister Noske hat aus Grund des Gesetzes Über den Belagerungszustand jeden Verkauf von Waffen und Munition untersagt. Der Kommunistenführer Herfurth ist festgenommen worden, ebenso der Vorsitzende des Allgemeine« Bankbeamte n-Verbandes Emonts. Der Staatsanwaltschaft in Berlin fiel Material in die Hände, »«$ bet« hervorgeht, daß Emonts eine bolschewikisch« Propaganda großen Stils betrieb, die aus de« Umsturz der bestehenden staatlichen Ordnung hinarbeite. Das alles sind Anzeichen zunehmender Nervosität. Die Indenfrage in der polnischen Konstitutions- Kommission. Warschau, 1. Juli. (Tel. der „Wr. Morgenztg.*) Auf dev Tagesordnung der letzten Sitzung der Konstitutionskommission des polnischen Landtages stand unter anderem auch bic Frage dev religiösen Freiheit und des Verhältnisses deS Staates zu den verschiedenen Konfessionen» Abgeordneter Grünbaum als das einzige jüdische Mitglied dieser Kommüston brachte nach vorherigem Einvernehmen mit den übrigen jüdischen Abgeordneten verschiedene AbLnderungs-, >beziehüilgswnse Ergänzungsvorschläge ein, die die gesetzliche Gewährleistung der vollständigen Gleichberechtigung und Achtung det Religion und Ueberzeugung der Juden bezweckten. Trotz der genügenden Motivierung wurden jedoch sämtlrche jüdischen A «tr 8 g e a v g e l e h n t. Charakteristisch ist, daß für manchen dieser Anträge der konservative Abgeordnete H a l b a n gestimmt hat, während der Verkette der polnischen Sozialisten dagegen | Ämmte. _____

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