Mannheim
Compact Memory

Wiener Morgenzeitung · 1919-07-02 · Heft 163 (2.7.1919) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 163 (2.7.1919)
Date
1919-07-02
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2979076-2979077-2979240--01449-2986853
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

<5fttfriiMr»tttPlftv: ... Urris 30 Hrllrr |l(8|imiMWHwt<ywtf<! Blut Mkt Lustrllsur fad 4>ma t gch... .X V ihtriö . , * S0.-> rt« i 40.— rl® . . . „ 80.— Mt Postvttsand: Ms»a«rch. . . .X 7.80 Siatbsäyrrg .„.V.C 44.- Bttftiivrttl * 88»— ke!<phon-r Ad«k«rftva- 48310, *J 6 afaod» teuer UM- 30 gtUtH' „ <s. prL«»mevatto»»«, / pvtif* füv da» A««la»d»i PSanaUhfy »X 8.80 - »iwffetfSIrrta, . 85»- {j tzalbiShrr« 50»— - birn;fD?ks.%^'^tOürjf RrdäKtko»»». AdmtiikM«»^ Wvr. KCL TadarftraS» , PaMpavKaff-a-AOt- U 'Nr.1S0.SS3 Nr. 163 Wien, Mittwoch, den 2. Juli 1919 1. Jahrgang Die Forderung der Stunde. 8 Wien, 2. Juli. Die wirtschaftlichen Verhältnisse werden immer verwickelter. Ein unhaltbares System versucht, seinen Weiterbestand durch Konzessionen und Kompromisse anfrechtzuerhalten. Die Regierung, dazu berufen, das Kostbarste Recht der Demokratie, die Kontrolle der Verwaltung auszuüben, kennt kein klares Programm und wird von den verschiedensten Parteien und Meinungen hin und her geworfen. Das Resultat ist ein Zickzackweg, eine Korrumpierung unseres Verwaltungscyiparates, die das im Kriege auf diesem Gebiete Geleistete um ein Vielfaches übersteigt. Noch immer glaubt myn, daß ein Neuaufbau unserer Valuta denkbar ist, ohne gleichzeitigen Wiederaufbau unseres Wirtschaftslebens. Der Neuaufbau unserer Valuta ist gewiß eine Voraussetzung für den Wiederaufbau unseres Wirtschaftslebens. Aber ebenso richtig ist es, und vielleicht im Kern viel richtiger, daß der Wiederaufbau unseres Wirtschaftslebens die Voraussetzung ist für die Wiederherstellung unserer Valuta.' Eine klare und einheitliche Wirtschaftspolitik ist die vonäitio sine qua nön. Bisher war unsere Wirtschaftspolitik von einer unglückseligen Variante der Quantttätstheorie bestimmt. Kronenausfuhr und generelles Importverbot beweisen, daß unsere bureaukratischen Valutaverwahrer des Glaubens find, der Wert der Krone im Ausland werde von dem Angebot und der Nachfrage.in Kronen auf. den ausländischen Märkten bestimmt.: Insbesondere behaupten sie, daß der Kurs der Krone im Ausland von diesen Faktoren abhängig feil Nimmt man sich dje Mühe, die Kursschwankungen unserer und der deutschen Währung auf' dem Züricher Platz zu Wieren, so wird man die Beobachtung machen, oäß alle Rückgänge dieser Valuta zeitlich mit politischen und miütärischen Vorgängen zusammenfielen. Speziell die Kursrückgänge der letzten Monate sind ausschließlich , auf' politische Vorgänge zurückzuführen. Das werden wohl auch verständige Praktiker zugeben. Ein-Theoretiker wird aber weitergehen und die vorerwähnte. Theorie ablehnen. Der Wert der Krone — auch in dem Gelde eines anderen Landes gemessen — ist nur voudem Verhältnis seiner Menge zu den im Lande befindlichen Warenmengen bestiknmt. Jede Währung bleibt stabil, wenn einerseits die politischen Zustände wirtschaftliche . Sicherheit bieten, andererseits keine neue Papiergeldschöpfung stattfindet. Unter diesen beiden Voraussetzungen wird das Defizit der Zahlungsbilanz durch Kapitalimport gedeckt. Eine Verschlechterung der Valuta kann dadurch nicht entstehen. - Es ist wohl ganz selbstverständlich, das unsere Volkswirtschaft nach den furchtbaren Kapitalsverwüstungen des Krieges eine noch passivere Zahlungsbilanz wird aufweisen müssen, als dies früher der Fall war. Es ist aber ebenso einleuchtend, daß wir auch dieses Defizit auf die gleiche Weise werden decken können wie früher, wenn wir den ausländischen Kapitalisten die zwei Voraussetzungen bieten: 'Sicherheit und höhere Verzinsung. Solange wir nicht arbeiten, werden wir keinen Kredit bekommen, ebensowenig wie ein einzelner Müßiggänger ein Darlehen erhält. Im Augenblicke aber, wo die Produktion im Jylande beginnt, ist das Valutaproblem mit Hilfe des Individualkredites gelöst. Irgendeine künstliche Steigerung des Exportes ist hierzu nicht nötig, wie überhaupt die Ueberschätzung des Exportes im gegenwärtigen Zeitpunkte und seiner Bedeutung für die Währung einen Zweiten Grundfehler der im Kriege von unserer unbelehrbaren Bureaukratie inaugurierten Wirtschaftspolitik darstellt. Die Umschaltung der Betriebe zu Kriegsbeginn hat mehr als sechs Wochen gebraucht, sie war erleichtert durch die Materialfülle in allen Betrieben, den. Reichtum an allen Rohstoffen und Betriebsmitteln sowie durch die genaue Vorschreibung dessen, was zu produzieren war, durch die Bedürfnisse des Krieges. Die Wiedereinleitung der Friedensproduktion ist aber etwas prinzipiell Verschiedenes: heißt es doch für den einzelnen Unternehmer, die Produktton beginnen, ohne ihre Rentabilität im voraus abschätzen zu können. Dabei ist die Wirkung der Kriegswirtschaft nicht nur. deshalb verhängnisvoll, weil sie unsere ganzem Vorräte., an Waren ausgeleert hcchsondern auch deshalb,' weil.'sie einerseits dem Unternehmer. jede, Unternehmungslust geraubt, ihn zu einem mehr oder weniger untätigen Rentnerdasein verurteilt — das war das Wesen der. staatlich «regulierten" Prodrchtipn — und Wilsons Botschaft an den Kongreß. Washington, 1. Juli. (Tel.-Komp.) Die Botschaft Wilsons an das amerikanische Volk hat folgenden Wortlaut r Der Friedensvertrag ist unterzeichnet. Sobald er bestätigt, vollständig und aufrichtig durchgefnhrt wird, entsprechen seine Bedingungen dem neuen Stande der Dinge der Welt. Es ist ein harter Vertrag, was die PfliWen und die Strafen betrifft, die Deutschland auferlegt werden. Aber er ist nur hart, insoweit das große A n r e ch t, das Deutschland begangen hat, gut gemacht werden soll. Er fordert nichts, was Deutschland nicht erfüllen kann und D entfch land ka nn feine Stellung in der Welt wieder zurückgewinnen, wen» es die Bedingungen voll und ehrlich erfüllt. Der Vertrag ist aber wehr noch als ein Friedensvertrag mit Deutschland« Er befreit große Völker, die niemals bisher in der Lage gewesen sind, den Weg der Freiheit zu finden. Er macht ein für allemal dem alten unerträglichen Zustande ei« Ende, in dem der Egoismus und der eitle Ehrgeiz einiger Völker herrschte, er vereinigt die freien Regierungen der Völker z« einem dauernden Verbände, indem er seine Macht dazu verwendet, de« Frieden aufrecht zu erhalten« Die Annahme des Völkerbundes macht die internationale Gesetzgebung zur Wirklichkeit, sie macht dem Eroberungsrechte ein En de, beseitigt die Annexionen, schafft einen neue« Stand der Dinge und fördert die Unabhängigkeit. . > Der amerikanische Senat ratifiziert den Friedensvertrag. z Genf, 1. Juli. (Tel. der ,.Wr. Morgenztg.") Rach Blöttermeldun en aus W a fhin g t on hat der Senat die Botschaft Wilsons über die Unterzeichnung des Friedens!, ertrages ohne jede Kundgebung ausgenommen. Senator R i ch m o n d hat erklärt, daß der Senat den Friedensvertrag wahrscheinlich mit 88 gegen 60 Stimmen ratifizieren werde, da 26 .Demokraten nnd 3H Republikaner gegen die Rarifiziernng seien. Hamburg von Negirrnngstruppen besetzt. Hamburg, 1. Juli. (Korr.-Bur.) Der Einmarsch der Re liernngstruppen von allen Richtungen entwickelt sich plangemäß. ihn andererseits aus dem Zusammenhang mit der Weltwirtschaft gerissen hat, so daß er sich jetzt in seinen Kalkulationen vor gänzlich neue Grundlagen gestellt sieht. Diese zwei Hemmungen gilt es nun vorerst zu überwinden: den Unternehmer aus der Pose satten Rentnertums wieder zur Erfüllung seiner sozialen Funktion als Arbeitgeber zu bringen, sodann aber und als unbedingte Voraussetzung, den Inlandsmarkt wieder mit dem Weltmarkt in Verbindung zu setzen, jenen Weltmarkt, auf dem die Rohstoffe und die Kapitalien sich befinden, die wir so dringend benötigen, um unserer Bevölkerung Arbeit und damit Brot zu verschaffen. Dieser Zusammenhang kann aber nur durch Oeffnung der Grenzen und durch Befreiung des Verkehres von allen Beschränkungen hergestellt werdem Erst durch Herstellung dieser Verbindung zwischen Inlands- und Weltmarkt wird dem Unternehmer die Grundlage für seine Kalkulation wiedergegeben und er kann jene Produktionen wählen, in welchen er die Konkurrenz aushält. Die Konkurrenzfähigkeit mit dem Auslande ist aber um so unerläßlicher, als wir seitdem Zerfalle des alten Wirtschaftsgebietes Oesterreich- Ungarns mit 70 Prozent unserer Erzeugung aus den Export angewiesen sind. Aber noch aus einem anderen Gmnde ist die Freigabe des Importes und Exportes von unerläßlicher Notwendigkeit. Es kann nämlich nur der einzelne Unternehmer, die einzelne Bankunternehmung, Kredit im Ausland erhalten. Der Staatskredit muß ausschließlich für die ausreichende Beschaffung von Lebensmitteln für die minderbemittelte Bevölkerung ausgenützt werden. Daß der einzelne Unternehmer aber Kredit erhalten kann, ist Tatsache. Verschiedene Firmen haben bereits derarttge Abmachungen getroffen, in denengroße, in die Millionen gehende Kredite gegen Deponiemng von Kronenwetten. oder Hypothezierung auf Häusern oder Fabriken als Sicherstellung eingeräumt - wurden. Außerdem besteht in: Auslände Interesse für mrsere Wertpapiere, für Aktien, Renten und Pfandbriefe, ein Interesse, das ebenfalls nicht der Staat, sondern nur der einzelne Unternehmer für seine Zwecke ausnützencktznn. Frankreich gegen die - Pogrome.; ParLs, 1. Juli. (Tel. der „Wr. Morgenztg.*» Donnerstag den 26. v. M. veranstaltetdi« „Liga für Menschenrechte" im großen Saal „Troeadero" in Paris ein müsse n hast besuchtes Meeting gegen die Judenpogrome. Es sprachen der ehemalige Ministe« P a i n l e v e, Anatole France nnd mehretßl andere Politiker und Literaten. 7 Keine MafienhiNrichtunge« in Budapest. 7 Die „Korrespondenz Herzog" meldet: Die italienische Militärmission ist auf Grund von authentischen Informationen überzeugt» daß von Massenhinrichtungen in Budapest nicht die Rede sein kann, es sich wahrschenüich nur um vereinzelte Fälle in der Provinz handelt Alle Interessenten eines „regulierten* Verkehrs müssen ihre Eigeninteressen vor der volkswirtschaftlichen Notwendigkeit eines freien Imports und Exports zurückstellen. Auch das Argument, daß überflüssige Waren importiert werden könnten, muß zurückgewiesen werden, ebenso wie die neidvolle Betrachtung,' daß dann soundsoviel Leute Konjunkturgewinne machen werden. Importiert wird das werden, wofür hier der nötige Preis erziell werden kann. Ueberhaupt muß die Frage der Verkehrsfre'cheit auch vom sozialen Gesichtspunkte eine neue Beurteilung erfahren; diejenige, die im Kriege, in der Volksmeinung Platz gegriffen hat, ist eine völlig irrige. Vorerst sei betont/daß die Frage der Verkehrssteiheit nichts mit der Frage der Sozialisierung unserer Wirtschaft zu tun hat. Es ist wohl communis opinio und braucht nicht weiter behandelt zu werden, daß nicht alles auf einmal sozialisiert werden kann: Sozialisiert kann nur ein Zweig der Wirtschaft nach dem andern werden. Der nicht sozialisierte Teil der Volkswirtschaft muß aber der Forderung nach Verkehrsfreiheit genügen, wenn er der Bedingung der Wirtschaftlichkeit, und Konkurrenzfähigkeit entsprechen soll. ' Dagegen wird vom Standpunkt der Konsumenten großes Gewicht auf; die Regulierung der Wirtschaft gelegt. Es ist aber jetzt bereits jedem Einsichtigen klar, daß die „Regulierung" der Wirtschaft zu einer außerordentlichen Verminderung der Produktivität, insbesondere in der Land- und Viehmirtschaft und den damit zusammenhängenden Industrien geführt hat, daß sie ferner den Unternehmungsgeist des Industriellen, sein Streben nach Erweiterung der Produktion, vollkommen lähmte. Unsere Bevölkerung muß aufgeklätt werden, um was es sich jetzt handelt: um die Produkttvität unserer ganzen Wirtschaft, um die Frage, ob das Land seine Bevölkerung noch weiterhin ernähren kann oder aber zur Auswanderung zwingen muß. In Händen demokrattscher Staatsmänner glauben wir die Volkswirtschaft besser versorgt als in denen einer Vureaukratte, die während des Krieges ihre Ausgaben verkannt, ihre Fähigkeit immer überschätzt und uns alle ins Unglück gestürzt hat.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.