Mannheim
Compact Memory

Wiener Morgenzeitung · 1919-07-01 · Heft 162 (1.7.1919) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 162 (1.7.1919)
Date
1919-07-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2979076-2979077-2979239--01442-2986845
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Rr. 162 W^en. Dienstag teil“ ■ ■■■ ■■■«■■—»— .■,■■■■■ .-.. ■ -■ .1» .-.. Englands historisches Verdienst. Die vom Londoner zionistischen Bureau veröffentlichte Syrnpathieerklänmg für den Zionismus, welche von allen führenden Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens Großbritanniens < unterschrieben ist, ist ein historisches Dokument, das nicht verfehlen wird, den tiefsten Eindruck auf alle Schichten des jüdischen Volkes, wo immer auf der Welt es lebt, zu machen. Die größte politische Macht der Welt, die auch in diesem Kriege und beim Friedensschluß — trotz den entgegengesetzten Darstellungen einer feindlichen Propaganda — sich stets als die Vormacht politischer Gerechtigkeit und politischen Taktes erwiesen hat, fetzt sich mit nicht wehr zu über- S lebendem Nachdruck und in eindeutiger Klarheit für die gerechten Forderungen des jüdischen Volkes ein. Der englische Gesandte in Prag hat jüngst in . einer bedeutsamen Rede darauf hingewiesen. daß England damit nur ein Werk zum Abschluß bringt, das seit 250 Jahren in der Linie seiner Politik liegt. Das englische Volk hat stets für das jüdische Volk mehr Verständnis bewiesen, als irgendein anderes Volk Europas. Das Verhältnis der Puritaner zur Bibel, der Schöpfung des jüdischen Volkes, hat die Bande der Sympathie zwischen den beiden Völkern enger geknüpft und der wirklich freiheitliche Sinn der Engländer, welche trotz stolzesten Selbstbewußtseins die Eigenart jeder anderen Nation achte« und für die unschuldig Unterdrückten wirklich ritterliche Sympathie hegen, hat gerade ihnen als erstem Volk die Einsicht in das Wesen der Judenfrage ermöglicht. Schon Herzl hat in einer unvergeßlichen Kongreßrede seiner Zuversicht Ausdruck gegeben, daß England, ,Ms große freie England", unsere Bestrebungen versteht und unterstützen wird. Die Erklärung Balfours vom 2. November 1917 bedeutet einen Wendepunkt in der jüdischen Geschichte. Die Verwirklichung des Zionismus, die jetzt unter Englands Auspizien Tatsache wird, ist der entscheidende Versuch, das jüdische Volk sich selbst zurückzugeben und ihm die Möglichkeit zu bieten, unter eigener Verantwortung ein freies Leben zu führen. Wenn auch das Resultat und der Erfolg dieses politischen Mies lediglich von uns selbst und von unserer Arbeit obhängen wird, so bleibt es doch Englands historisches Verdienst, mit großartigem Weitblick der Welt den Weg zur richtigen Beurteilung der Judenfvage gewiesen zu haben. Die Erklärung, die wir heute veröffentlichen, gedenkt des zweitausendjährigen Exils des jüdischen Volkes als des ältesten nationalen Unvechtes der Menschheit, das durch eine Menschheitstat gesühnt werden muß. Gleichzeitig aber eröffnet die Erklärung den Ausblick auf eine Wnschheitszukunft, die durch die freie Entfaltung des Mischen Genius bereichert werden soll. Das jüdische Volk wird es niemals vergessen, daß das englische Volk ihm in seiner schwersten Stunde' so verstehend und liebevoll, so helfend und wieder aufrichtend zur Seite gestanden ist. Die englische Weltmacht hat uns die Tore der alten Heimat geöffnet, in die wir nach jahrhundertelanger zermürbender und entkräftender Wanderung einziehen sollen._ Die syrische Frage —1 die letzte Unklarheit. Par», 30. Juni. Der „Temps" erklärt in einem Leitartikel, über bi« Stellung Italiens, daß die Expansion Italiens t*K Kleinasien den Interessen Frankreichs durchaus nicht zuwiderlaufen würde. Diese Bemerkung gewinnt aü Bedeutung, wenn man sie mit einem kurzen. Satz aus dem Anfang des Aufsatzes zusammenhält, in dem es heißt, daß der. deutsche Vertrag nur tit einer Beziehung eine gewiß« Unsicherheit zwischen den alliierten Großmächten hinterlassen habe, nämlich in der syrischen Frage, wo die Rechte Frankreichs und die Interessen Englandpoch nicht in Uebereinstimmung gebracht werden konnten. Der Lyriker Perez Hirschbei«. Von Arnold Galberg. D': sWische Dichtung, deren Wiege mitten im Tvauiiiland des Volksliedes steht und von tiefweiser Gefühlsverklärung des mystisch-einfältigen Gottschauens stets genährt und getragen wird, gehörte bis ungefähr in das letzte Jahrzehnt hinein im großen und ganzen zur sogenannten Milieukunst. Ihre Vertreter, die Mischen Dichter aus Rußland, England und Amerika, waren ursprünglich Nachträumer des Ghetto: Sänger des ewig-zehrenden Grames Und wühlenden Leider der Unbeständigkeit, Stammler und extatisch beichtende Waisenpropheten der wyrtscheuen Ahasver-Sehnsucht, Gläubige und in der fluchrädernden Bannkreis der Jrrezweifelnden verwirkte Naive — alles in allem wahre Sprößlinge des weltumwandernden Gottvolles, dessen Schultern vom tausendjährigen Marterkreuz gebeugt, dessen Herz vom Schatten der menschenunwürdigsten Lebensentfremdung zernagt ist. . Vorurteil, gepaart mit Verachtung und Mißtrauen, versperrte ihnen den Eintritt in die von siegestrunkener „üstheti'ch'r" Genießersucht geblendete „Kulturwelt". Wir entsinnen uns noch des frivol - beschämenden ^Staunens", mit dem der unzüchtige, geistabtrünnige Bücherpöbel, von jeher „konfessionsloser" Marke, die Kunde aus der Hand fremdländischer Kulturförderer — Brchlicky! — entgegennahm, daß es irgendwo im dunkelsten Judenviertel Rew-Pyrks unter den Mischrussischen Auswanderern, den Schneiderarbeitern aus Litauen und den Knopfschleifern. vom Londoner Whitecheapel, wahrhaft gotterleuchtete Seher gebe, die in ihrem „Volksidiom" (genannt „Jargon", „Jiddischs) >!»glaublich kunstvolle, durch meisterhafte Gefühlspoinlierung herzberückende, im Genre der früh romantischen Lyrik sehalteM, Allerdings mit echt Wiener Morgeuzeitung_ 1i. Juli 1919 Seite & Die Situation in Paris. W i e n, 30. Juni. Paris steht unter dem Eindruck -er sensationellen, von der „Chicago Tribüne" verbreiteten Enthüllung, daß unmittelbar vor dem deutschen Zusammenbruch der Abschluß eines deutsch-japanischen Sonderbün-nisfts in die Wege geleitet werden sollte. Wenn man auch schon seit geraumer Zeit damit gerechnet haben mag, daß Japan in Hinkunft wieder seine eigenen Wege gehen wird, — stand es doch bis vor kürzester Zeit außerhalb des Viererrates — so schätzte man wohl die Gefahr eines solchen Sondervorgehens nichtsdestoweniger schwerlich so konkret ein. Vielleicht ist die Meldung unwahr, zweifellos wird sie dementiert werden, jedenfalls aber ist sie symptomatisch für die heutige Beurteilung der Situation seitens der Amerikaner. Im Zusammenhang damit gewinnt auch der Umstand besondere Bedeutung, daß China sich weigert, den Friedensvertragzu unterschreiben. Von der Entente seinerzeit zur Kriegserklärung an Deutschland gepreßt, mit seinem gefährlichsten Gegner Japan auf solche Weise gewaltsam vereint, sieht es sich heute dennoch hilflos diesem Gegner ansgeliefert. So häufen sich die Konfliktstoffe im fernen Osten und die Hoffnungen, welche allzu voreilige Pazifisten an den Völkerbund knüpften, verblassen mehr und mehr. Immer krasser tritt der unzulängliche, rein imperialistische Charakter dieses Bundes hervor. Wilfvn, dessen Person allein dem Glauben an eine Art Menschheitsmifswn der Völkerliga Rückhalt verlieh, scheintwen i g Aussicht zu besitzen, nochmals zum Präsidenten gewählt zu werden. Wenn auch die Schwächung seiner Position damit verbrämt werden dürfte, daß man ihn als berufenen Anwärter für den Vorsitz im Völkerbund kandidieren wird, so gewinnt man doch den Eindruck, daß der Amerikaner nur gern die Gelegenheit benützen möchte, Wilson auf einen nur ideell, nicht praktisch wirksameren Posten abzuschieben, um die Bahn frei zu bekommen für Cusineß. Um einen vorteilhaften Frieden zu erzielen, ließ man ihn gern gewähren und nahm seinen Idealismus mit in den Kauf. Nun aber soll er, zur Ausbeutung der errungenen Situation, nicht störend im Wege stehen. Auch rollt das ostasiatische Problem sv schwierige Aufgaben vor den United States auf, daß diese schon aus Gründen der Selbsterhaltnng mit allen Möglichkeiten und vor allem auch mit der Abkehr von jeglicher Friedenspolitik werben rechnen müssen. So wird der Völkerbund von selbst zusammenschrumpftn zu einer Art provisorischen Polizei zur Sicherung derjenigen Siegesbeute, deren Aufteilung ohne allzu große Differenzen der Sieger untereinander erfolgen kann. Der „Triumph", der in Versailles heute gefeiert wird, bröckelt ab. Ungeteilt ist er für Clemeneeau, der feit 49 Jahren nichts kannte als Rachedurst. Wilson dagegen sieht sich nicht nur von seinen Freunden verlassen, auch aus jenen Kreisen, di« ihm bisher ferner standen, erhält er Mißbilligung über Mißbilligung. Der Protest des Generals Smuts, die immer lauter werdende Ablehnung des Gewalt f r i e d e n S durch die -englischen, französischen und italienischen Sozialistengruppen, das alles dürfte ihm für den feierlichen Moment die geringe Freude verlicher Sentimentalität behaftete Wiege- und Klagelieder schaffen. Die Welt, auch die des Geistes, fordert als Tribut ihren „Eintrittsobolus"; es beliebt ihr stets, erst ganz „fertige" Großmächte unter ihre „Parnassier" zu registrieren! Heute freilich liegt diese Periode der ersten und deshalb schon in ihrer Art schönsten, weil sv ergreifend bodenständigen Versuche im Bereiche der „neuentdeckten" Mischen Volksdichtung weit hinter uns zurück, den Schöngeistern und Literaturhistorikern überantwortet. Di« soziale Romantik David EdelstattS beispielsweise wird uns vielleicht durch den Wirbel her Gegenwartsereignisse vorübergehend etwas nähergerückt, aber wir spüren mrü wissen eS trotz allem: nicht mehr ist es der lebendige Atem unserer Zeit, das rauschende Blut unserer dekadent-anarchistischen Generation. Morris .Rosen seid - lyrisches Vermächtnis. : mutet an wie eine selterte Reliquie. Ungleichmäßig, anderes Tempo nahm bezeichnenderweise die Entwicklung der jüdischen erzählerischen Prosa, beginnend mit Me nd e le M o j ch e r S f o r i m und des Dramas seit dem Auftreten Jakob Gordins an, wobei noch zu bemerken wäre, daß sich dieses auf verhältnismäßig, niedrigem Niveau einer Durchfchnittsproduktion lange Zeit hindurch hielt, als di« Lyrik ihre ersten Knospen kommender Wiedergeburt im Geiste impressionistisch Übertünchter Dekadenz« bereits zu treiben begonnen hatte. Der Reifeprozeß im Schoße der jüdischen Lyrik» der gleichzeitig sozusagen deren Fo r t e n t w i ck l u n g zur W e l t d i ch t u n g hinan bedeutet, vollzog sich in rascher Aufeinanderfolge einzelner Jdeenkonzeptionen und Formschulen und ist so gleichsam zum Exponenten weltbürgerlicher Emanzipation im Denken und Fühlen der breiten jüdischen Volksmassen geworden. Diese ging vor sich parallel zur spontanen Bewegung ans dem Gebiete der jük i scheu Ori.'.iuallt.ratur. Aus sämtlichen > Richtungen sozialpolitiMen^ ökonomischen^ wissenschaftgällen, welche er an dem Ausfall seines Friedens Werkes noch haben mag. Ä Deutschland selbst hat vorläufig sein letztes Works gesprochen und den Vertrag unterschrieben. Die Delegierten nahmen dabei Gelegenheit, zu versichern, daß es ihnen auch ernst sei mit ihrem Versprechen. Im! Innern liegt die Situation so, daß immer noch' nageschwächt zwei Kräfte nebeneinander und gegeneinander? wirken, von denen die eine, die bolschewiÜsche, ruhelos bald hier, bald dort die Flamme des Aufruhrs enbj facht, während die andere, die preußisch-patriotisches unter dem Kommando fwndierender Offiziere den * Krieg gegen Polen fordert. Der „Vorwärts" veröffentlicht, eine Entschließung»/ die von dem Armeekommando Süd der Grenzschutztrnppen, die unter dem Befehl des Generals von dem! Borne stehen, veröffentlicht wurde. Es wird darin ausgesprochen, daß das Offizierskorps das Vertrauen zu einer Regierung, die der Armee und dem Volte eine' derartige Schmach angeta nhat, verloren hat. Eine offene Auflehnung gegen die jetzige Regierung könne nur durch die öffentliche Erklärung der Regierung' verhindert werden, daß sie 1. sofort mit der P o U nischen Regierung in Warschau über vernünftige, Grenzber ichtigungen verhandelt, 2. unverzüglich dafür sorgen werde, daß die seit den letzten Tage« in der Provinz Posen erfolgten Masseninternierungen' deutscher Volksgenossen eingestellt werden, und 3. bindende Sicherungen für die Freiheit und die würdige Behandlung aller in den abzutretenden Gebieten ansässigen deutschen Volksgenossen geschaffen werden. Der „Vorwärts" ist über die Erklärung sehr ent/ rüstet und verlangt die sofortige Abberufung der Generäle des Armeekommandos Süd. is Inzwischen sind bereits Verhandlungen west preußischer, deutscher und polnischer Volksräte mit dem obersten polnischen! BolkSrat eingeleitet worden. Von deutscher Seits-- erstrebt man die Errichtung eines deutsch-polnischen Bundesstaates aus den von Preußen abgetretenen Gebieten mit eigener Verwaltung, jedoch angegliedert an Kvngreßpolen und Galizien. Die deutsche Beamtenschaft wäre dadurch der Gefahr enthoben, nach einigen Jahren in öde Gegend«^ Kongreßpolens oder Galiziens versetzt werden. j Was geschieht mit Deutschösterreich? Jetzt kommt auch dieses allzu geringschätzig behandelte' Land an die Reihe. Der Viererrat, der anscheinend speziell für den deutschen Vertrag konstituiert wurde,' macht wieder dem ursprünglichen Zehnerrat Platz. Die; Beschlüsse, die dort gefaßt werden, dürften wesentlich günstiger ausfallen als die ursprünglich bekanntgegebenen Bedingungen. j Unmittelbar nach der erfolgten Unterzeichnung des deutschen Vertrages hat Clemeneeau seiner Bereitwilligkeit Ausdruck gegeben, das Abkommen über die Rheinlande einer Revision zu unterziehen. Ein Zeichen dafür, daß es Clemeneeau mehr darauf ankam, die volle Revanche auszuvosten und Deutschland auf die Knie zu zwingen, als wirklich alle jene Schärfen aufrecht zu erhalten, die für alle Zukunft eine freund-.' schaftnche Annäherung zwischen Frankreich und Deutsch-, land unmöglich machen würden. -j kich-enzyklvpädischen wie auch schöngeistigen und kritisch- Uterarischen Schaffens her sprießen grundlegende Werkchen, Schriften, Revuen auf. Das jüdische Volk,! die Ghettomasse, setzte in ihnen ihre ideellen Forde-, rüngen auf das Erbteil am gesamten Kulturöesitz der Völker selbst durch. .1 Ungefähr um diese Zeit der elementarsten Wand-, lüngen in der Psychik der jüdischen Volksgemeinschaft in Rußland entstand das lyrische Werk Perez Hirschbeins. .Dieser Dichter des ausgeprägt Mischen Weltschmerzes-, dieser weltabgewanüte Epigone der Ghettoromantikq deren „blaue Blume" nicht in heimatlichen Gärten ans-, ging, hat sich zunächst vielfach im Drama versucht — es seien hier bloß die von Maeterlink und Ibsen stark angehauchte „Erde" und das durchwegs realistischnaturalistische Milieubrama im Gorkischen Stil, die„Netvejle", angeführt — und als Lyriker, dank der äußerst originellen Verquickung von plastischen und abwechselnd abstrakt-mystischen ÄusdruckSeffekten zu ansehnlichen Erfolgen gebracht. Doch ist Hirschbeins orä-, matische Lyrik ihrem Wesen nach trotz des unanfechtbar regiekundigen Aufbaues, der sprachlichen Fein-! fühligteiten sowie des meisterhaft gesponnenen Dialogs bühnenfremd geblieben. Cs muß gerade dies und besonderem Nachdruck hervorgehoben werden.! Das Grundsätzlich-Bedingende, gleichzeitig Be^ stimmende am Wesen des lyrischen Dramas ist dessen tith yr amb ische r Zug. Das lyrische Drama bedeutet so des Volkes Seele noch einmal als platonisch ausgesaßte Volllv.. <. r.» e n Heils idee. Ger hart HauptmannS Hannele- Mysterium wird zur endgültig vollendeten Idee der deutschen Volksromanlik, Leoni hi Andrejews „Sawa" zum Mythos des russisches Volksheroisnrus.. Bride ede» in obigem Sinne konservativ, flaltoiuu; aubcceru'it* verraten jiü ihre ursprüngliche, mystisch-romantische Herkunft. Das Bin-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.