Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 160 (29.6.1919)
- Date
- 1919-06-29
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Wien, Sonntag Der Mord von Sarajevo. Zum 28. Juni.; —l. Gestern vor fünf Jahren ist auf dern Llppelkai tn Sarajevo der Erzherzog Franz Ferdinand und seine Frau, die Herzogin von Hohenberg, erschossen worden. Dieser Sommertag wird im Gedächtnis der ganzen Menschheit stets als der schwärzeste Tag in der Geschichte der Welt fortleben. Das Attentat auf Franz Ferdinand hat die Lawine des Unglücks ins Rollen gebracht, die schließlich ganz Europa verschüttet und in einen Zustand versetzt hat, der nur mit den Tagen nach dem Dreißigjährigen Krieg verglichen werden kann. Der Krieg, den Franz Ferdinands Tod entzündet hat, wäre auch gekommen, wenn die Revvlverkugel Gavrilo Princips ihr Ziel nicht erreicht hätte. Denn Franz Ferdinands brennendster Ehrgeiz galt dem Krieg, um, wie man das damals nannte, das Balkan- Problem zu lösen und die alte habsburgische Monarchie, die in allen Fugen krachte, neu zu festigen. Wie eine Erscheinung aus dem finstersten Mittelalter steht Franz Ferdinand vor den Augen der Zeitgenossen; jedes moderne Denken war ihm fremd, die Macht des Hauses Habsburg zu stärken war sein höchstes Lebensziel. Fünf Tage vor seinem Tode hat er im Rosenpark zu Konopischt mit Wilhelm II. und dessen Günstling Tirpitz den Krieg beraten, vielleicht auch beschlossen. Daß er selbst zur Ursache des Krieges werden sollte, hat er. nicht geahnt. t Man hat versucht, Franz Ferdinand als eine Art Philipp II. zu malen, als einen großzügigen, inS Weite strebenden Charakter» der der Welt neue Wege weisen wollte. Aber das ist alles nicht wahr. Er war ein herzlich unbedeutender Mensch, der weder in Bildung, noch in Erziehung sich irgendwie von seiner Umgebung unterschied. Was ihm eignete, war nur ein unglaublicher Machtdünkel und eine Härte des Charakters, die ihm die Feindschaft aller seiner Untergebenen zuzog. Wäre er nicht in Sarajevo gestorben, so hätte ihn sicherlich die Kugel irgendeines gepeinigten Gendarmen in Blühnbach oder Konopischt getroffen. Aus seinen Gesprächen, aus seinen Briefen atmet immer nur . das Bekenntnis zum Militarismus und zum Krieg. Die Völker waren nichts als Steuerobjekte, denen man hin und wieder zur Unterhaltung irgendeine Militärparade vorführte. Von ihren Rechten, von ihrer Sehnsucht nach freier Entwicklung hatte Franz Ferdinand nicht einmal eine nebelhafte Vorstellung — das war für ihn gar nicht vorhanden. Und für diesen Mann ist eine Totenfackel angezündet worden, die ihren blutigen Schein über ganz Europa geworfen hat. „Rache für Franz Ferdinand!" haben die Wiener Kriegshetzerblätter in faustdicken Lettern verlangt. Die Rache ist gekommen, pber nicht so, wie es sich jene Elenden vvrgestellt haben, die unter dem Beifallsgebrüll einer fanatisierten Straße das schrecklichste Dokument der ganzen Weltgeschichte geschrieben haben, die Note an Serbien, die bas Beleidigendste darstellte, was je einem Volke zugemutet werden kannte. Was sie damals im Sinne hatten, das trifft heute sie selbst; sie gteinen über das genommene Selbstbestimmungsrecht, über die AuSliefetrung eigener Staatsbürger an fremde Gerichte, über die Einmengung des Auslandes in die internen Angelegenheiten — das alles haben sie von Serbien verlangt in dem wohl ausgesonnenen Plane, dieses Land nach der Verweigerung der Unterschrift im Kriege zu zerstören. Neben diesem Dokument sind die Bestimmungen des Friedensvertrages, die unS heute so entsetzlich erscheinen, doch leichter verständlich, da sie von den Zeitgenossen dieses Ultimatums abgefaßt wurden. Nur leider haben sich die Schöpfer des Ultimatums in Sicherheit gebracht oder sind, wie Graf Stephan Tisza, von der Rache des Volkes ereilt worden. Und das Unglück des Friedensvertrages trifft Völker, die am Krieg nicht Schuld hatten» die ihn nicht wünschten, trifft Kinder, die damals «och nicht geboren waren... Noch ist bas Unglück jenes 88. Juni nicht erschöpft. Aus dem großen Weltkrieg hat sich rin Dutzend lleiner entwickelt und das große Sterben hat noch nicht aufgehört. Aber es ist doch das eine erreicht worden, baß wenigstens ein paar Völker ihre Freiheit erringen konnten und wenn auch diese noch nicht im Jdealzustanbe des Friedens stehen, so kann man heute doch schon den Zeitpunkt ermessen, wo in dem allgemeinen ChavS wieder feste Formen entstehen werden. Die Befreiung der Menschheit, die durch den Krieg erreicht werden sollte, ist allerdings nicht etngetreten, denn auS Unrecht --und daS ist jede Gewalt — kann immer nur Unrecht entstehen. Die freigewordenen Völkr unterdrücken und vergewaltigen die Minoritäten, die unter ihnen leben. Und die großen Staaten, die die Welt neu formen wollen, erkennen noch nicht die ungeheure Gefahr ihres Beginnens, das der Welt neuen Krieg bringt. Hätte der Weltkrieg, den Franz Ferdinands Tod heraufbeschworen hat, das Erbübel des Chauvinismus, des Militarismus und des Imperialismus zerschmettert, so hätte die befreite Menschheit tn Franz Ferdinands Tod ein Opfer segnen können, baS ihr geweiht war. Aber das Unheil, daS aus dem Morde von Sarajevo entstanden ist, hat noch nicht sein Ende gefunden. Der Mann, der wenige Tage nach seinem Tode in einer entsetzlichen Gewitternacht inmitten einer Schar besoffener Bauern in Artstetten, verlassen von seiner Familie, für die er geopfert worden war, begraben wurde, hat der Welt das hinterlassen, wofür er gelebt hatte: kanws, Blut und Elend. Wiener Morgenzeitung 29. Juni 1919 Mti 160 Die Unterzeichnung des Friedensvertrages. Netv - Borlr, 28. Juni. (Funkspr. des Tel.-Korr.-Bur.) Die Parier Berichterstatter der Reiv-D^rker Blatter drahten: Prästdont Wilson traf um 2 Ahr 30 Minuten 1» der Spiegrlgalerie ein, Elemeneeau eröffnete um 3 Ahr *7 Minute« die Sitzung mit einer Ansprache, die zwei Minuten dauerte. Um 3 Ahr 14 Minuten Unterzeichneten die Deutschen, sodann Unterzeichnete Präsident Wilson, hierauf die Engländer. Am 3 Ahr 23 Minuten Unterzeichnete C l e m e n e e a u. Während der Unterzeichnung durch die englische Delegation überreichte S mnt s eine. Protestschrift gegen die Bestrafung des Kaisers und gegen andere BestimmungendesVertrageS. Um 3 Uhr 50 Minuten war die Unterzeichnung beendet und die deutsche Delegation verließ sofort d en Saal. Die chinesische Delegation hatte mittags bekanntgegeberr, daß sie nicht unterzeichnen werde. Die Gründe hierfür sollen heute abends mitgeteilt werden. Die Entente gegen ein Gericht über Ex-Kaiser Wilhelm. Er soll nicht zum Märtyrer gemacht werden. Saint-Germain, 28. Juni. (Korr.- Bur.) „C h i e a g o T r i b u n e" behauptet» daß Wilson und L a n s i n g absolut d a- "egen seien, Kaiser Wilhelm vor Gericht z u laden, da erstens keine rechtliche Handhabe vorhanden fei und man ihn außerdem nicht zum Märtyrer machen wolle. Belgien, das als Hauptzeure dienen sollte, hat seine Wünsche zurüÄgestellt» da es selbst einen König besitzt und das monarchische Prinzip nicht auf diese Art herabgesetzt sehen will. Auch Frankreich i st d a g e g e n, die Hohenzollern zu Märtyrern zu machen. Man glaubt daher, daß die ganze Angelegenheit im Sande verlausen werde, da man die Übrigen Angekla gten nicht verurteilen wollewenn der Hauptschuldige frei auSgehk Die Zionisten bei den Friedens- Verhandlungen mit der Türkei. Genf, 28. Juni. (Tel. der „Wr. Morgenztg.*) Schweizer Blätter berichten: Bei den Verhandlungen der Entente mit der türkischen Friedensdelegation, die dieser Tage beginnen werden, sollen auch Vertreter jener Staaten eingeladen werden, die auf dem B o d e n d e s früheren türkischen Imperiums bereits entst an den find oder erst entstehen sollen. Cs werden bei diesen Verhandlungen nicht nur der König von Hsdschas, sondern auch — wie die Schweizer Blätter melden — die Vorsteher Armeniens, Syriens und Palästinas — letzteres durch d i e zionistische Organisation — vertreten sein. Als die jüdischen Vertreter werden wahrscheinlich S o kolow und Weizm a n n fungieren. Möglicherweise werden auch Vorsteher der palästinensischen Zndenheit zngezogen werden. Politische^Rundschau. Deutschlands Schuld am Kriege. In der letzten Nummer der ausgezeichneten Berliner Zeitschrift „Die Weltbühn e", welche im Kriege die Wandlung von der Theaterinteressen dienenden „Schaubühne" zu einem mutigen, antimilitaristischen politischen Organ durchmachte» schreibt der Unabhängige Heinrich Stroebel über das von der Scheidemann-Negierung herausgegebene Weißbuch einttt Aufsatz „Falsche Züge", dem wir nachstehende Stellen entnehmen: »Larl K.utsky hat seinerzeit als UiltekstaatSsekrelär des - Auswärtigen mehrere Monate angestrengter Tätigkeit der Aufgabe gewidmet, di« Akten des Auswärtigen Amtes zu studieren, um festzustellen, welcher Anteil der Schuld am Kriegsausbruch der deutschen Regierung zufalle. Diese Arbeit war die wichtigste und notwendigste, die vom Auswärtigen: Amt des neuen revolutionären Deutschland zu leisten war. Die Regierung der sozialistischen Republik hatte die Pflicht» da- Verbrechen der gestürzten Regierung mit aller RückstchtSlostgkeit auszüdecken und durch Enthüllung der Sünden dealten entthronten Regimes den sichtbaren Trennungsstrich zwischen der neuen revolutionären Gegenwart und der alten militaristisch-imperialistischen Vergangenheit zu ziehen. Der unabhängige Beigeordnete im Auswärtigen Amt, Karl Küutskh ging denn auch an die Arbeit mit dem ernsten Willen, die objektive Wahrheit zu ermitteln. Leider standen ihm nur die Akten seines Ressorts zur Verfügung, und üb nicht auch hier bereits wichtige Dokumente verschwunden waren, wird sich schwer feststellen lassen. Die Revolution war zu plötzlich gekommen, war zu schlecht organisiert gewesen, alS daß von der neuen Regierung die notwendigen Vorkehrungen hätten getroffen werden können, um sofort an den wichtigsten Amtsstellen einer Verschleppung ober Vernichtung der Akten vorzubeugen. Bevor man zur Beschlagnahme und Durchsicht der Archive kam, wo mancher kostbare Tag verstrschen» und eliegt die Vermutung nur zu nabe, daß diese Frist von Kundigen und Mitschuldigen dealten Regimes tnzwlschen weidlich auSgenützt worden war. Gleichviel! Karl KüUtSky prüfte monatelang die vorhandenen Dokumente und verfaßte eint Denkschrift, die über die Haltung der deutschen Regierung während der Krise 1914 das erste wirklich authentische Material unterbreitete. Aber er hatte umsonst gearbeitet. Die Regierung, die nach dem Ausscheiden der unabhängigen RvgierungSvertreter vollends in die vorrevolutionären Anschauungen und Methoden zurückqefallen war, lehnte unter den nichtigsten Vorwänden die Veröffentlichung der Denkschrift ab. Seit mehreren Monaten liegt die amtliche Arbeit deehemaligen Unterstaa tSsekretärS Kaut»ky druckfertig vor, aber de m deutschen Volk und der Welt wirb die Einsicht in die wirkliche» Vorgänge verweigert. Dafür hat diese Regierung jetzt ein Weißbuch erscheinen lassen» das ganz in der berüchtigten Manier der Bethmann, HeMerlch, David die Schuld am Weltkriege auf die Entente abzuwälzen sucht, diesmal zur Abwechlung hauptsächlich ans Frankreich. Bisher war ja, namentlich nach der Darstellung Davids, Rußland der Urbeber bes WeltkriegeS. Jetzt beweist man durch allerhand Dokumente russischer Herkunft» baß die eigentlichen Brandstifter in Frankreich zu suchen seien, und Pnincarä und Cambon heißen! Die Unterdrückung der Denkschrift von KautSky war erst Skandal. Aber die Herausgabe dieses Weißbuches Ist noch skandalöser. Handelt eS sich doch um den amtlichen Versuch der gegenwärtigen Regierung, die Kriegsschuld deS deutschen MilltarismuS und der alten Diplomatie künstlich zu verschleiern und durch die abgeschmacktesten Finten den für alle Vernünftigen und Ehrlichen längst geklärten Tatbestand erneut zu verwirren. Im AuSwnd wird die'er k'ä libe Verbuch neu-r n'iltiarist1sch-^iv^ümat!'cher deutscher Geschichtsklitterung Mi^eid U"d gesteigerte Änitpathie erregen. Damit aber wenigstens nickst daS deutsche Volk selbst für bas iammervolle Ma-ö'-r sei"-'' "Vhnm-'» verantwortlich gemacht werden kann, ist di ' s ''ärsste ösfeulliche Verwahrung dagegen geboten." Die Lage der Juden im Sowietrutzland. Aeutzerungen eines fozialrevoluttonären Führers. Ein Mitarbeiter des in Rom erscheinenden italienischen zionistischen Wochenblattes „Israel" hätte eine Unterredung mit dem in Rom weilenden Führer der russischen sozialrevolutionären Partei Gregor. Schneider, dem gewesenen Bürgermeister von Petersburg, über die Lage der Juden in Rußland. Es ist zweifellos,- sagte der bekannte russische Politiken und genaue Kenner der gegenwärtigen -Verhältnisse ( seiner Heimat, daß sich der Antisemitismus in RUß-' land ausbreitet. Eine systematische Lügen- und Verleumdungstätigkeit wird inS Werk gesetzt, welche im . Osten Europas zu tragischen Konsequenzen führen ckann. Die Antisemiten bedienen sich meistens des SchlägworteS vom jüdischen Bolschewismus. Dazu ist zü bemerken, daß die Juden, welche eine bedeutende Rolle in der russischen revolutionären und demokratischen Bewegung spielten, sich in allen Lagern befinden, und infolgedessen auch unter den Bolschewiken nicht fehlen. Jedoch sind die Juden unter den antibvlschewikischen Strömungen viel stärker vertreten als im Bolschewismus. Während der ersten Monate der Revolution waren die Jaden sowohl m den städtischen Vertretungen als auch in dem Vorparlament, das mit aller Kraft gegen den Bolschewismus attkämpfte, verhältnismäßig zahlreicher als in den gegenwärtigen bolschewtkischen Kommissariaten. Auch nachdem die Bolschewiken zur Macht gelangt sind, stellt sich die Mehrheit der Juden gegen die Diktatur des Proletariats und sie sind in großer Zahl in den demokratischen gegenbolschewikischen Regierungen, in den städtischen und den SemstwoorgänisattoNen vertreten. Diese Haltung ist leicht erklärlich: Bor dem Krieg -und der Revolution waren bi« Juden, die an der russischen . Politik Teilnahmen, revolutionär« Sozialisten, gemäßigte Sozialdemokraten, eher Kadetten als Extremisten. Und dies sind sie bis heute geblieben. Auch betrifft tn Anbetracht der ökonomischen Lage der jüdischen Masse die soziale Politik der Bolschewiken die Juden viel härter als jeden anderen Teil, der Bevölkerung. Uebochies bringt sie dapolitische Chaos» der häufige Machtwechsel, wobei gewöhnlich die Situation vom Mob ausgebeutet wird, in die ewige Gefahr von Massakers, welche bereits, besonders in der Ukraine, schreckliche Dimensionen angenommen haben. Daß es eine stärkere Teilnahme der Juden am Bolschewismus geben soll, ist eine optische Täuschung, die daher stammt, daß die Juden aus dtzm antibvlschewikischen Lager sich zur Zeit Kerenskis, sowie gegenwärtig eher im Hintergrund halten, während die jüdischen Bolschewiken, die nichts zu riskieren haben, ohneweiters diesichtbarsten Posten in der gegenwärtigen Regierung einnehMett, Dieser Umstand wird von der russischen Reaktion geschickt auSgenützt, welche an der antisemitischen Hetze oie direkte Verantwortung trägt.- Da sie weder Wurzeln ' noch reale Grundlagen hat und wohl weiß, daß sie sich , mit einer Methode deS offenen, ehrlichen Kampfes nicht I behaupten kann, versucht die Reaktion, die verlorene I Partie zu gewinnen, indem sie das traditionelle Instrument der alten zaristischen Politik hervorzieht, den nationalen Haß, welcher vo» jenen Kreisen in immer akuterer