Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 160 (29.6.1919)
- Date
- 1919-06-29
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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In der Bekundung der Solidarität mtt den jüdischen Opfern einer durch den Krieg hervorgerufenen stttlichen Entartung liegt heute wehr als ein Protest gegen die Abschlachtung von Juden, sie ist vielmehr ein Protest gegen den fortdauernden Kriegszustand überhaupt, gegen die Anwendung roher Gewalt auf die Lösung polittscher Fragen, sie ist das Ausbaumen des Gewissens Europas, das heute nur mehr in der jüdischen Seele schlägt. We Völker ausnahmslos sind vom Bluttaumel ergriffen, alle Völker sehen in dem Appell in Waffen und Morden das letzte Mittel, die nationale Ehre herzustellen oder ihre Existenz zu sichern, und die Anwendung der Waffengewalt zieht, wenn sie einmal begonnen hat, immer weitere Kreise und es gibt schließlich keinen Punkt der Ruhe in dem sturmdurchtosten Plutmeer, das die europäische Kuttur fast resttos verschlungen hat. ' Die Pogrome sind eine ständige Erscheinung in der jüdischen Geschichte. Sie haben in dem Augenblick ihM -Anfang genommen, . als das jüdische Volk seine paMche Selbständigkeit verlor, sie sind in allen Zetten der<.Vekbannung immer wieder aufgetreten, wenn es unttr 'den änderen Völkern nationale, religiöse oder Krffen^ gäm Erst' in derLletzLenHälfte' Hes'neun- Iahrhunderts. - verschwanden sie . in ihrer blüWn und empörendsten Form aus. Westeuropä und Konnten sich nur in dem barbarischen Osten behaupten. Rußland ist der Erfinder dieses Wortes gewesen und es-ist ein guter Lehrmeister jener Nationen geworden, die auf; dem Boden des zertrümmerten russischen Reiches ihre nationale Existenz aufzubauen im Begriffe stehen. Es ist gleichgültig, wie sich die heutigen Machthaber in jenen Gebieten nennen; in jeder Stadt der östlichen Landkarte, auf der der Finger verweilt, ist jüdisches Blut geflossen, ohne Grund, ohne Sinn und ohne Recht. Wenn die empörte Leidenschaft der Masse das Leben von Unterdrückern. vernichtet, so mag darin immerhin ein sittlicher Grund liegen» aber das jüdische Volk, ist gerade im Osten immer in der entsetzlich passiven Rolle des unterdrückten, entrechteten und ausgesogenen Elementes gewesen, dem zur Verteidigung seiner Existenz nichts, aber auch garnichts als der stets in der Wüste verhallende Appell an Europa geblieben war. Dieser Krieg, der von allen Beteiligten im Namen des Rechtes, der Freiheit, des Schutzes der kleinen Völker geführt wurde» hat die Lage der Juden so von Grund aus verändert, daß man heute schon von einer Gefahr für den ganzen jüdischen Volkskörper sprechen Kann. Die Seelenzahl des jüdischen Volkes hat sich durch seine meist durch die Staatszugehörigkett erzwungene, selten freiwillige Anteilnahme an den Kämpfen, durch die wechselvollen Schicksale der Kriegsgebiete und durch das schrankenlose Walten der Kriegsgesetze um wett über eine Million Menschen verringert. Das Massenelend hat einen bis zum Himmel schreienden Grad erreicht und die allgemeine Verelendung der Moral hat auch vor der jüdischen Seele nicht Halt gemacht und sie mit in den Wirbel hineingeriffen. Das jüdische Volk ist wahrlich an Verfolgungen gewohnt. Es hat in seiner Geschichte wenig gute Tage gesehen. Aber es hat. stets eine staunenswerte Elasttzität besessen, die ihm hals, die Folgen schlechter Zetten zu überwinden. Diesen Krieg aber und das, was ihm vor unseren Augen nachfolgt, wird das jüdische Volk niemals aus seiner Erinnerung tilgen können. Alle Völker schreiten zum Abbau des Hasses und wollen die Waffen aus der Hand legen. In Paris ist eine Konferenz der siegenden Staaten am Werk, den Frieden vorzuberetten. Aber die Sieger sind nicht imstande, die Geister zu bannen, die sie gerufen haben, der Friede liegt nur auf ihren Lippen, aber nicht in ihren Herzen. Und ihr sehnlichstes Wünschen geht dahin, den Unterlegenen in Sklaverei zu jagen. Die kleinen Völker, die durch die Hilfe der Großen zur Selbständigkeit gelangt sind, haben Vergnügen an der Fortsetzung des fMenschempordens gefunden ynd diejenigen von ihnen, Friede! Versailles, 28. Juni. (Korr.-Bur.) Der Friedensvertrag ist, wie vorgesehen, rrach-j mittags um 3 Ahr im Schlöffe unterzeichnet worden. Die „Havas"-Meldung: Die Deutschen haben als erste unterzeichnet. * Paris, 28. Juni. (Agence Havas.) Die Unterzeichnung des Friedeusvertrages begann^ um 3 Ahr 12 Minuten. Die deutschen Delegierten haben als erste unterzeichnet. Ententekreise für eine Revision des Vertragest mit DeutschÄsterreich. L -Der Entwurf et« gänzlich absurdes Dokument. — „Internationaler . Bolschewismus." / 7. Saint-Germain, 28. Juni. (Korr.-Bur.) Der Wiener Korrespondent her? „Chicago Tribüne" schreibtr Die Fragen des südöstlichen Europa werde« nur dann aufhören, Kriegsdrohungen für die Welt zn sein, wenn man ehrlich, geduldig und unermüdlich! sucht, die gegenwärtigen Schwierigkeiten zu lösen. Der österreichische Friede nsvertrag ist dazu nicht im entferntesten geeignet nnd alle jene, die die Frage an Ort und Stelle studiert haben, find einer Meinung darüber, daß er ein ungerechtes und gänzlich verkehrtes D o k « went ist, ein Erzeugnis, das nur der Ankenntni s der Verhältnisse oder parteilichem Interesse entspringen konnte. Diese Aeberzeugung ist so stark, daß in den letzte «Tagen durch Beauftragte de» Entente energische Schritte in Paris unternommen wurden, um eine Revision- und Milderung des Vertrages zu erreichen. Einer der von den wirtschaftlichen perten der Alliierten energisch vorgehrachteu Vorschläge geht dahin, daß eine eigene Konferenz zum alleinigen Studium dieser Frage konstituiert wird, von der alle in Frage Kommenden K l e i n st» a| n a n s S^e sK l o s s e n dleiben, Die Vertreter der Entente WstW durchsetzen, daß der D a hni en v eviv a g in allgemeinen AnsdrAÄen r a s ch f e r t s ggestellt und unterschrieben, die Einzelheiten aber später festgesetzt werde» sollen. Die Trenn«ng der politischenvon den wirtschaftlichen Fragew in der Weise, daß die Grenzen sofort festgesetzt, die wirtschaftliche» Probleme aber einer Kommission übertragen werden, wird als äußerst wichtig betrachtet. Zur Unterstützung ihres Vorschlages weise« die Vertreter der Entente auf die Angerechtigkeiteu oder sogar Absurditäten des Vertrages hin, die nach ihrer Meinung dadurch entstanden sind, daß man der gierigen, aber kurzsichtige» Politik der Nachbar st aaten Oesterreichs ein allzu geneigtes Ohr schenkte. Dazu gehört die Aeberwälznug der Kriegsschuld aus die sechs Millionen Deutschösterreicher und die nicht auf Gegenseitigkeit beruhende MeistbegLust ignng, die den Handel Oesterreichs vollkommen ruinieren wüßte. Einer der amerikanischen Repräsentanten bezeichnete die Klausel, wonach das in de« anderen Nationalstaaten befindliche Vermögen von Deutschösterreichsrn liquidiert werden soll, als internationalen Bolschewismus. Ein Wirtschaftsbürrdnts ist nach seiner Meinung notwendig nnd muß jetzt geschloffen werden. ■ -- s die im Osten wohnen, setzen den Krieg gegeneinander fort, wobei sie jederzett streng darauf bedacht sind, nicht an die Juden zu vergessen. Horden von Landsknechten, die den Krieg als ihr Handwerk schätzen gelernt haben, toben sich in dieser Gegend unter dem Schlagwort der „Freiheit" an den wehrlosen Juden aus und die Zahl der jüdischen Opfer dieser Art von Freiheitskämpfen ist heute kaum mehr zu schätzen. Es hat keinen Sinn, an die Zivilisation oder an das Kulturgewissen der Menschheit zu appellieren und sie um Hilfe für diese Parias anzurufen. Denn die Rechtlosigkeit und ihre Feststellung ist alles, was von dem Völkerrecht übriggeblieben ist und in einer Welt, die sich nach viereinhalb Jahren der schrecklichsten Zerstörung aller Werte in einem sadistischen Rausch zu neuem Krieg rüstet, ist es unangebracht, wird vielleicht lästtg empfunden. Mitleid für die jüdischen Opfer polnischer oder ukrainischer oder lettischer oder finnischer Befreiungskriege zu werben. Nur das jüdische. Volk kann es verstehen, was in den blutenden Seelen seiner Kinder im Osten vorgeht; nur das jüdische Volk kann an ihren Leiden erschüttert Anteil nehmen und ihnen wenigstens den Trost bringen, daß es stets an sie denkt. Die übrige Welt hat kein Verständnis und keine Zeit für die Juden des Osten. Die Hilfe, die ihnen werden kann, liegt nicht in der Anrufung der Grundsätze der Menschlichkeit, sondern in der Anrufung der Grundsätze der Politik. Die Erlösung des jüdischen Volkes kann nur durch die eigene Kraft erfolgen. Aber sie kann angebahnt werden dadurch, daß ihm sein eigenes Land geöffnet wird, in dem es sich sammeln kann, um in der Be-1 rührung mtt dem Boden seiner Väter wieder zu gesunden. Die bürgerliche Gleichberechtigung in allen' Ehren; aber nur die naüonale Gleichberechtigung, die für das jüdische Volk nicht ein paar Schulen oder ein paar Beamtenstellen fordert, sondern seine Anerkennung als Volk mit dem Recht auf Land und Freiheit, wird das jüdische Volk aus der Hölle erlösen können, in der es von einer unverständlichen Geschichte zu leben vemrteilt worden ist. j Wenn unsere Brüder im Osten von der heutigen Versammlung der jüdischen Bevölkerung Wiens erfahren, so mögen sie wissen, daß diese politischen Forderungen, die sich mit denen der höchsten Menschlichkeit decken, im Vordergründe der Erwägung gestanden sind. Wir protestieren nicht gegen die Pogrome, sondern gegen die Geschichte: wir protestieren nicht gegen polnische oder andere Mörder, sondern gegen das wahnsinnig gewordene Europa, das aus der Psychose des Krieges nicht den Ausweg in den Frieden finden kann; wir protestieren nicht gegen den Osten, sondern gegen die ganze Wett, die nicht das Verständnis dafür ausbringen kann, daß die Lösung des jüdischen Problems einzig und allein in der Ausrichtung der jüdischen Freiheit liegen kann. Wenn man dem jüdischen Volk sein Land gibt, dann wird - es' die Probleme seiner Geschichte selbst mit brüderlicher Hand lösen können. Treibt man aber das jüdische Volk, das älteste Volk der Welt, in die Verzweiflung, dann wird die ganze Welt zugrunde gehen. i