Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 158 (27.6.1919)
- Date
- 1919-06-27
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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fef uc 2 mu, »...rv ^»vrgenzcLLu»rg 27. Juni )9iy '• * Rattonalvers<»«kml«ng und Räte- Longretz. —V W i e n. 26. Juni. t SBie fdfurn gemeldet, wird am Montag die zweite Konferenz der Arbeiberräte Deutschösterreichs beginnen. Die Tagung umfaßt 240 Delegierte und wird von dem Vorsitzenden des Wiener Kreisarbeiterrates, Abg. Doktor Friedrich. Adler, geleitet. .Die Konferenz wird im Sitzungssäle des Abgeordnetenhauses stattfinden und soll drei Tage darrern. Da für den 2, JuÜ eine Plenarsitzung der Nationalversammlung angesetzt ist, wird sich der interessante Fall ereignen, daß zur gleichen Zeit zwei große Körperschaften im Parlamentsgrbäude versammelt sein werden. Man glaubt im Abgeordnetenhaus, daß sich keinerlei Reibungen entwickeln werben. Ernüchterung. ' ' /' Wien, 26. Juni. Paris,, das in einen Taumel der Begeisterung verfiel, als Deutschland sich zur Unterschrift bereit erklärte, beginnt zu ahnen, baß der Jubel verfrüht war. In Deutschland hänfen sich Ereignisse, welche den Wert der Regierungserklärung illusorisch zu machen und sie zu einer, rein platonischen Gebärde zu wandeln drohen. Sonntag' abends sollte die Unterschrift erfolgen, und noch'izur Stunde sind, die Vertreter nicht er n annt, welche diese Aufgabe' auf sich nehmen werben. Auch die gestrige Mendsitzüng des Reichskabinetts ist ergebnislos verlaufen. Wie die „Frankfurter Zeitung" meldet, zeigt sich in Versailles große Vcnnruhtgnng darüber. Der Rat der Vier beauftragte bereits den deutschen Delegierten v. Hantel, bei seiner Regierung anzufragen, wann dieselbe den Friedensvcrtrag unterzeichnen wolle. Herr v.Hantel erklärte, er habe keine Berichte weder über die Ernennung der Kommission noch über den Zeitpunkt der Ankunft. Das einzige Telegramm aus Deutschland, das er erhielt, meldet die Abreise der deütschen Regierung aus Weimar. Daraus ist zu schließen, daß die deutsche Delegation nicht vor ei« oder zwei Tagen erwartet werden, kann. Der Rat der Vier hat daraufhin beschlossen, keine weiteren Verzögerungen zu bewilligen. Die diesbezügliche Antwort wird heute erwartet. Wenn sie ausweichend lauten sollte, würde ein neues Ultimatum an die deutsche Regierung gestellt werden Allerdings, in Deutschland denkt auch däs^ Volk selbst noch nicht an Frieden. Die spartakistische Bewegung ist wieder im raschen Wachsen und in Hamburg ist bereits die Räterepublik proklamiert. Alle Regierungsgebäude sind von den Aufständischen besetzt. Ein militärisches Einschreiten ist augenblicklich nicht möglich, da nicht genügend Truppen zur Verfügung stehen. Im Rathaus amtiert eine Zwölferkommission, die sich die Regierungsgewalt über Hamburg anmaßt. Die Gefängnisse wurden gestürmt und die politischen Gefangenen befreit sowie alte Justizakten verbrannt. Von den Aufständischen wurden vor dem Justizgebäude Geschütze aufgesteltt. Der Kampf hat auf beiden Seiten schwere Opfer gefordert, zumal die Aufständischen über eine Anzahl von Geschützen verfügten. Bei den Tumulten wurden auch sehr viele Strafgefangene befteit. . Da die Kräfte der Hamburger, Volks wehr gegen die Aufständischen nicht ausreichen, ist General Lettow-Vorbeck beauftragt, mit einem großen Detachement . nach Hamburg vorzurücken, um dort die öffentliche Ordnung wieder herzu-« stellen. Auch im ganzen Reich flammt die Bewegung wieder auf. — Die Streiklag ebei den preußischen Etfenbahnen ist in ein ernstes Stadium getreten. Heute finden Verhandlungen zwischen der Eisenbahnverwaltung und den Eisenbahnerorganisationen statt. Der „Vorwärts" veröffentlicht einen Aufruf, in dem er vor den Folgen eines Eisenbahnerstreikswarnt. I v In Berlin beurteilt man die Situation sehr ernste Reichswehrminister Noskc hat eine Proklamation erlassen, in welcher es heißt: Aufstände sind mit allen Mitteln schnellstens niede r zu sch la gen, wenn nötig unter rücksichtslosester Anwendung der Waffengewalt. Bei Streiks auf Eisenbahnen ist die Durchführung von notwendigen Transporten, nötigenfalls unter Anwendung von Waffengewalt, zu erzwingen. / Ich behalte mir vor, gegen Aufständische das verschärfte Standrecht zu verhängen. . Auch in Frankfurt a. d. Oder ging der Mob gestern abends im Anschluß an eine Versammlung der Unabhängigen zu schweren Ausschreitungen übdr Er befreite aus dem Gefängnis sämtliche Gefangenen. In der Stadt plünderte die Menge eine größere Anzahl von Läden und Warenhäusern sowie mehrere Restaurationen. Deutschland geht den schwersten Tagen entgegen. Der einst so ehern mit Blut und Eisen zusammengeschmiedete Reichskörper droht in unzählige Teile auseinanderzufallen.; wenngleich man in den Kreisen der Abgeordneten ziemlich mißmutig ist, daß Präsident Seitz den Saal des Abgeordnetenhauses für eine Versammlung zür Verfügung gestellt hat, welche eigentlich die Befugnisse einer gesetzgebenden Körperschaft arrogrert und die Kompetenz der aus den allgemeinen Wahlen hervorgegangenen Nationalversammlung bestreitet. .Die Friedensfrage ist heute gegenüber den .Ereignissen inUngarnin der öffentlichen Diskussion ins Hintertreffen geraten. Die Meldungen aus Budapest werden sehr lebhaft besprochen. Obzwar der Telephonverkehr seit gestern gesperrt ist, ist man doch über die Verhältnisse in Budapest durch die Aussagen von Personen gut unterrichtet, denen es gelungen ist, gerade während der Unruhen, die von Sonntag bis Dienstag andauerten, aus der Stadt zu entkommen. Aus ihren Aussagen geht sehr klar hervor, daß die Darstellung der ungarischen Regierung, die nur von einein antisemitischen Krawall spricht, vollkommen unrichtig ist. Es handelt sich vielmehr um eine sehr breit angelegte gegenrevolutionäre Bewegung, hinter der die nach Wien geflüchteten Aristokraten und die Szegediner Gegenregierung stehen, die aber unmöglich Hütte beginnen können ohne Anteilnahme des Budapester Bürgertums, das zu einem großen Teil silbisch ist und deshalb für Pogrome kaum zu haben wäre. Wenn es auch nicht von der Hand zu weisen ist, daß am Anfang der Unruhen das antisemitische Schlagwort eine gewisse Rolle gespielt hat, so ist doch die Bewegung nach kurzer. Zeit darüber hinausgewachsen. In Budapest selbst stehen an der Spitze des Aufstandes die Führer der Sozialdemokraten Böhm, Weltner und Kunfi, die, wie wir schon berichtet haben, aus der Sowietregierung ausgeschieden sind, uni Bela Kun das Terrain allein zu überlassen. Die sozialdemokratischen Metallarbeiter waren die ersten, welche zu den Waffen gegriffen haben. Den Beginn der Unruhen bildete nach einer heute im Parlament verbreiteten Darstellung eine Flugzettelagitation der Sozialdemokraten, welche die gesamte Bevölkerung zur Erhebung aufforderten. In den Flugzetteln hieß es: „Wir erhalten nur 6 Dekagramm Hammelfleisch, ein Ei kostet 16 Kronen und Fleisch 200 Kronen, Butter 400 Kronen. Unser Geld ist vollkommen entwertet. Für 40 Kronen blaues Geld muß man 200 Kronen in weißem Gelbe geben. So weit sind wir gekommen." Diese Agitation hatte zunächst den Erfolg, daß es bei den Fronleichnams- Prozessionen am Sonntag zu großen Unruhen kam, die zwar unterdrückt werden konnten, aber doch so gefährlich schienen, daß sich die Regierung am Montag zur Proklamierung des Standrechtes entschloß. An: Dienstag kam es nun zu dem Angriff eines Donaumonitors auf das Hotel „Hungaria", in welchem sich die Sowietregierung befindet, während gleichzeitig in einer Matrosenkaserns Unruhen ausbrachen. Bei den Kämpfen, in deren Verlauf Maschinengewehre in Aktion traten, wurden viele Hunderte von Menschen getötet oder verwundet. Gegenwärtig herrscht in Budapest Ruhe, doch ist man auf den Ausbruch neuer Kämpfe gefaßt, die in einen furchtbaren Bürgerkrieg übergehen können. Die Szegedrner Gegenregierung bereitet sich zur Uebernahme der Herrschaft vor und wird mit Einverständnis der Entente das von den roten Truppen zu räumende Gebiet sowie das im Aufträge der Friedenskonferenz von den Rumänen freigegebene Territorium besetzen. Wie es heißt, stehen der Szegediner Negierung 20.000 Offiziere der alten Armee zur Verfügung-. Angesichts, dieser Vorgänge ist es selbstverständlich, daß man im Wiener Abgeordnetenhaus alle politischen Möglichkeiten berechnet. Zahlreiche Abgeordnete haben die Negierung aufgcfordert, für eine dichte Absperrung der Grenzen wenigstens jetzt Sorge zu tragen, um ein Uebergreisen der blutigen Kämpfe auf niederösterreichisches Gebiet zu verhindern. Die Meldungen christlich sozialer Blätter, die Regierung habe zahlreiche ungarische Offiziere und Mannschaften in Wien verhaftet und der Budapester Regierung zur kriegsrechtlicheu Aburteilung übergeben, wird an informierter Stelle als unwahr erklärt. Was die Friedensfrage anbetrifft, so übertviegen unter den Abgeordneten die Meinungen, daß die Noten Dr. Nenners, in denen die Unigöglichkeit der Konfiskation des deutfchöfterreichischen Privatbesitzcs in den Nationalstaaten dargelcgt wird, ihre Warnung aus die Entente nicht verfehlen können. Es ist ziemlich allgemein die Anschauung verbreitet, daß die Entente selbst die Liquidierung der Monarchie vornehmen werde. Wie r? fjfißf. besteht der Plan, eine neue Liquidicrungskorrvuissio» der Nationalstaaten zu bilden, in der Deurschöjn cretch gleichberechtigt wäre. Diese Kounnission unter dem Vorsitz der Entente stehen, die auch die Verhandlungsgegenstände bestimmen soll. Man spricht auch davon, daß über die Verhandlungen der Ententemissionen mit dem Auswärtigen Amt in irgendeiner Form der Oeffentlichkeit Bericht erstattet werden soll, um diese zu überzeugen, daß der insbesondere gegen die französische Mission des Herrn Allizb erhobene Vorwurf des Doppelspieles nicht stichhältig sei. Die Ententemissionen legen Wert darauf, die Oeffentlichkeit dahin zu informieren, daß in der Anschlußfrage seitens der deutschösterreichischen Negierung so schwere Versäumnisse und Fehler begangen worden sind, daß das Scheitern des Anschlusses in keiner Weise der Entente zur Last gelegt werden kann, die ihr Mißvergnügen an dieser Art der Lösung eines politischen Programmes von allem Anfang an ganz unzweideutig zu erkennen gegeben hat. _ Angeheure Judenpogrome in der Ukraine. Das Wüten von Banden. Stockholm, 25. Juni. (Tel. der »Wiener Morgenztg.") Dem Jüdischen Preßbureau wird aus London telegraphiert r Der Korrespondent der Londoner „Times" inZekaterinodar sagt in einem Bericht über Südrußland, daß dort Zustände wie im 17. Jahrhundert herrschten. Das Land sei von Banden überschwemmt, die von verschiedenen Häuptlingen geführt werden, wie Grigoriew, Seliony, Prepow usw. Sie kämpfen teilweise gegen die Bolschewiken, teilweise werfen sie sich auf die ZivttbsvSlkerun^. Am meisten werden die Juden von ihnen heimgefucht. Alle Banden, sagt der Korrespondent, ohne Anterschied, ob sie unter bolschewikischer oder ukrainischer Flagge anftreten, gleichen sich in einer Hinsicht, nämlich in der Inszenierung von Judenpogromen ungeheuren Umfanges. Das „Leml,erster Tagblatt" eingestellt. Lemberg, 25. Juni. (Tel. per.,'äZr. Morgenzeitung".) Die hiesige jiddische Tageszeitung „L'mberger Ta Matt" wurde von den polnischen. Behörden wegen angeblich „polenfeindlicher" Haltung eingestellt. Pogrome inder Slowakei. Nach beit spärlichen, hierher gelangenden Nach' richten wird die Situation der Juden in der Slowakei immer unerträglicher. Seit dem Wiederaufleben des Krieges zwischen Sowielungarn und der Tschecho« Slowakei und den damit zusammenhängenden militärischen Maßnahmen nehmen die Vexationen der Jude« gar kein Ende. Die Verhältnisse haben sich so zugespitzt, daß sie beinahe das polnische Vorbild erreichen Plünderungen von Juden seitens der Bauern sind an der Tagesordnung, dabei kommt es zu den roheste« Mißhandlungen und Verwundungen, nich! selten auch zu Mordtaten. Auch die militärische« Organe der Tschechen erlauben sich die schwer si e« Heb ergriffe und die Juden sind ihner schutzlos preisgegeben. Nicht nur die willkürliche, durch nichts begründete Verhaftung jüdischer Führer und ihr« Deportation, über die wir bereits mehrfach berichteten , sondern auch die Behandlung der jüdischen Beoölkeruno. durch die tschechische Soldateska enx>tuten den Eindruck, daß tatsächlich die polnischen Lorbeeren di, Tschechen nicht schlafen lassen und daß sie den Ehrgeiz haben, es in Pogromen den Polen gleich zu tun Die unflätigste Pogromagitation, die Verbreitung aufreizender Flugblätter wird durch nichts behindert, obwohl der Kriegszustand Mittel hierzu an di« Hand gäbe. Es ist sehr bedauerlich, daß die tschecho-flowa- - kische Regierung diesen Vorgängen gegenüber eine sc erstaunliche Indolenz zur Schau trägt.. Das tschecholowakische Volk ist durch seine Kraft und Tüchtigkeit )urch seine kulturelle Begabung groß geworden; es ollte gesündere Instinkte haben als das zerrüttete, mrch die Herrschaft einer entarteten Schlachta demörastierte Polen. An der Spitze der tschecho-slowakischer Republik steht ein Mann von starkem ethische« Charakter, zu dem insbesondere auch die Juden stets das größte Vertrauen hatten. Der Minister des Auswärtigen, B e n e s ch, hat in Paris der Delegation des jüdischen Nationalrates erklärt, er wisse wohl daß die Behandlung der Juden ei« Maß stab für die Kulturhöhe eines V o lkes fei. Sollten wirklich jene recht behalten welche behaupten, daß Masaryk und seine Freunds, nur ein schöner Aufputz der neuen tschecho-slowakischer Szenerie sind und daß hinter den Kulissen ganz ander« Elemente das Heft in Händen haben? Es liegt im Interesse der tsmecho-slowakischen Republik imb Ehre,daß schleimigst aufgeklärtwerde, was in der Slowake! eigentlich vorgeht und wer für die Anbill und di« Leiden, die den Juden angetan werden, occantwortlifh ist. Es ist Sache der Führer drO jüdischtu Politik, mit allem 9lachdruck diele Aufklärung zrc fordern.