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Wiener Morgenzeitung · 1919-06-27 · Heft 158 (27.6.1919) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 158 (27.6.1919)
Date
1919-06-27
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Darf man den großen Nachbarn gegenüber eine feindselige Haltung einnehmen, ohne eine Zurechtweisung der entenüstischen Schutzpatrone, befürchten zu müssen, so muß man den ^kleinen" Grenzvölkern gegenüber sich einige Gewalt gntun, da auch sie.Entente-Schützlinge sind. Dies gilt in erster Reihe von den Tschechen, mit denen feit Monaten bald militärisch, bald diplomatisch um das Teschener Gebiet gekämpft wird. Freilich, nicht ohne Prag offiziell der treuesten Freundschaft zu versichern. Biese „Freundschaft" konnte es jedoch nicht verhindern, daß die tschechö-slowakischen Komitate Zips und Arva von polnischen Truppen in dem Augenblicke besetzt wurden, als sich die Tschechen unter den Hieben der ungarischen Röten Armee zurückzuziehen begannen. Diese Freundschaft duldet es auch, daß die polnische Presse tägliche Ausfälle gegen den tschechischen Assoziierten unternimmt und mit besonderem Behagen Stimmen der polnischen Teschener Presse, aufnimmt und verbreitet. Polnische Zeitungen entnehmen zum Beispiel dem „Dziennik Cieszynski" folgendes ' Zitat: „Warum vchcht man denn endlich.-mit.'/diesen tschechischen MörgenLEsOtdnurrg? -KMryt-sprMmrt man ihnen, rüW magyaMch?? UKr^Wmnden" ein eigentümlicher Tön. :. Dasselbe Doppelspiel wiederholt sich im Verhältnis zu den Rumänen, welche jetzt einen Teil OstgÄlizie'ns besetzt Haltern Die Freude, darüber, daß man Mit den „assoziierten" rumänischer: Truppen unmittelbare Verbindung bekommen hat, war bald verraucht. Das unaufhörliche Jammern der polnischen Blätter über die rumänische Besetzung und Verwaltung Ostgaliziens mutet wie Katzenjammer an. Die antirumänischen Gefühlsentladungen werden freilich bedeutend durch die Angst gedämpft, welche die jüngst wieder aufqeflammte ukrainische Offensive gewissen polnischen Kreisen mit Recht einflößt. Das im Kriege so ausschlaggebende Überraschungsmoment kann den neuesten ukrainischen Kampfhandlungen unmöglich äbgesprochen werden. Hat man doch polnischerseits erst vor einigen Tagen in offiziellster Form die ukrainische Armee totgesagt. Und nun lesen wir plötzlich von der Wiedereinnahme großer östgalizischer Städte durch die Ukrainer, von Tausenden obdachloser Flüchtlinge, die vor dem wiederauferstandenen Heere des Generals Pawlenko flüchten, und-' wenn wir die amtlichen und halbamtlichen Berichte recht verstehen, dürfte die Stadt Lemberg entweder unmittelbar bedroht sein oder schon in den nächsten Tagen'in Bedrängnis kommen. Flehentlich bitten! ostgalizische Polen-Deputationen in Warschau um militärische Hilfe.. General Pilsudski lehnt sie rundweg ah, - da fein Auge unverwandt nach der westlichen Preußengrenze blickt. Ein Weilchen noch üyd die ukrainischen Divisionen können — vielleicht ohne es zu wollen — einen Teil des schweren Unrechtes - aus der Welt schaffen, dessen Schauplatz in d'en letzten. Tagen das „befreite" Ostgalizien war. Ein schwächer Trost, wenn man an die irreparablen Akte grausamer Verfolgung und unerbittlicher Rachsucht denkt, denen zum kleinen Teil die ukrainische, meistens aber die unglückliche jüdische Bevölkerung zum Opfer fiel. Aü. gleicher Zeit kommt schlechte Botschaft aus Paris. . „Die polnische Sache steht schlecht".-— sagte erst unlängst Herr Polybe, Redakteur des „Figaro", in einem Gespräch mit einem Mitarbeiter des Warschauer - sozialistischen „Robotnik". „Eines der wichtigsten Momente ist die antipolnische Agitation in englischen und amerikanischen Zeitungen, hervorgerufen durch die unglückselige Zusammensetzung eurer Pariser. Repräsentanz des Dmowskischen Nationalkomitees, dessen Mitglieder als Chefs jener Banden angesehen werden, die in PolenPogrome veranstalten. Aus .dem Grunde habt ihr auch jene Sympathien eingebüßt, von welchen die radikalen und sozialistischen . Kreise für Vte polnische Sache bisher erfüllt waren. ‘ Diese Kreise betrachten jetzt Polen als Vor- Die Polen paktieren mit den Bolschewiken. OfstzieÜe bolschewikische Meldungen. Der Ukrainische Pressedienst meldet: Die im Haag erscheinende russische. Zeitung „Golo s Rod in y" bringt nach offiziellen bolschewikische»! Quellen die Meldung, daß die Polen mit den Bolschewiken ein politisch»! militärisches Bündnis abgeschlossen haben. Das genannte Blatt kommentiert! diese Nachricht folgendermaßen r Die momentane Besserung der militärischen Situation der! russischen Bolschewiken ist das Resultat der Verständigung mit d en Pole»J Nach der Einnahme von Wilna wurden ans polnische Initiative Verhandlungen mit den Bolschewiken wieder ausgenommen, die zuerst in L o d z und später in Kursk geführt! wurden. An der Spitze der bolschewikische» Delegation stand Nakowski, polnischerseits verhandelte eine Abordnung unter Führung S lon ims ki s. Es ist eine v o ll e Verst 8 nd i gu ng erzielt worden^ auf Grund welcher die Bolschewiken ihre Armeen und Ne-! serven von der polnischen Front znrüÄziehen und dieselben gegen Koltschak und die Kiew bedrohende ukrainische Armee entgegenwerfen konnten. Die auf diese Weise freigewordene polnische Armee ist gegen die Akra ine rin Ostgalizien dirigiert worden. Die polnifchbolschewikische Verständigung hat sowohl den Polen als auch den Bolschewiken ihre Situation im großen Matze erleichtert. Hermann MMer und Dr. BeÜ werden nnLerzeichKen. Berlin, 26. Juni. (Korr.-Bur.) Das Wölfische Bureau meldet: Nefchsminifter Hermann Müller und Dr. B e L L haben sich auf einmütiges Ersuchszr. der Urichs-! regierrmg e nt f ch l.$>,f fe n, J.. '.MsL^Hetzolls machtlgte irr Versailles - d.err «’jSr'&tä §en & v e r t r ag zu u n t e r Zer ch ix e re. Sie haben. geglaubt, unter dem furchtbaren Drucke der V o! k s n o L und dem unbedingten Bedürftrrs, endlich zum Frieden zu kommen, sich diesem letzten und persönlich schwersten Opfer nicht entziehen zu können. Die Vorbereitungen in Paris.! Allgemeiner Jubel. j Genf, 26. Juni. (Tel. der „Wr. Morgenztg."). Zu den Zeremonien bei der Unterzeichnung des Frisdensvsrtrages werden 3 5 0 Io u rn al L st e n aller Länder und 3 5 v g e l a d e n e Ä äst e Mgelsffen werden^ -r- Ganz Papis ist! Mit den F l a g g e n der alliierten -Mächte!;g e s ch m ü ck t. Tag und Nacht sind die -Straßen von Paris mit d e m o n st r i e r e n d e n Menschenmengen belebt, die zu den Wohnungen der führenden Politiker ziehen und ihnen l e b h a ft e Ovationen darbringen. Ganz Paris scheint in einem F r e n d e n t a u m e l zu schwimmen. Merkwürdigerweise scheint sich der Sendling und Repräsentant des Pariser Dmowski-Komitees, Herr Paderewski, in letzter Zeit die Gewogenheit seiner Hintermänner in bedeutendem Maße verscherzt zu haben. Herr Dmowski verspürt nicht übel Lust, seinen bisherigen Platzhalter sanft beiseite zu schieben und höchstpersönlich auf den Plan zu treten. In der letzten Nummer der satirischen, von einem Nationaldemokraten geleiteten Zeitschrift „Liberum Veto" findet sich folgende, sehr bezeichnende Auslassung: „Paderewski ist der erste Bürger Polens, ist der Sendling der Vorsehung, er ist und bleibt seiner evangelischen Eigenschasteir wegen fast ein Heiligtum, welches man ohne Rührung und Dankbarkeit nicht anblicken kann, aber im Sinne des Gebotes, daß Heiligtümer nicht entweiht werden dürfen, sollte man diesen großen Patrioten und Künstler nicht länger mit Gemalt zwingen, ein Au:t zu bekleiden, welches mit Kunst und Schönheit nichts gemein hat." „Wenn Herr Dmowski über Aufforderung und Einladung des Staatsleiters nach Warschau kommt uud das Regierungssteuer übernimmt, so wird das bet Beginn von Konsolidierung und Ordnung sein und Europa diplomatische Garantien bieten, daß es mit einem^ Staat zu tun hat, welcher nicht einer Oper oder einem phantastischen Märchen entnommen ist, sondern der realen Wirklichkeit ..." So wird d.enn von den nicht einflußlosen Nationaldemokraten, der bisherigen verläßlichsten Stütze der gegenwärtigen Regierung, Herr Paderewski fallen gelassen und ein Kabinett Dmowski an die Wand gemalt. Diesem möglichen Regierungswechsel wäre übrigens ein bestimmter Grad von Aufrichtigkeit nicht abzusprechen. ° Es ist nicht einzusehcn, warum an der Spitze eines Kabinetts Dmowski, das ja seit Monaten in Warschau regiert, nicht Herr Roman Drnowski in eigener Person stehen soll? Die gegenwärtige Regierung bietet auä) sonst in letzter Zeit ihren Gegnern genehme Angriffspunkte. Insbesondere ist das Apprövisionierungsministerium Mittelpunkt eines großen Skandals. Schon vor einiger Zeit war der Leiter der SpirrtusadLeil'.u'.g verhaftet worden und jüngst erfolgte die weitere'Verhastpltb zweier Beamten im Zusammenhänge mit verschiedenen Ausfuhrbewilligungen, Geschenkannahmen usw. Der Approvisionierungsminister Minkiewicz und Vizeminister Machnitzki gaben beide, ihre Demission. Wahrend aber der Herr Minister mit? seiner verflossenen Amtstätigkeit sehr zufrieden tut und jedem vor: .seinen Erfolgen gern erzählt, fordert der Vizenlinistec sofortige Einsetzung einer Kommission! zwecks Ueberprüfung der Tätigkeit des Ministeriums und aller seiner Funktionäre ... Daß es (noch oder schon?) ziemlich faul ist im Staate Polen, bewies auch ein zweiter Skandal, welcher anläßlich der Verhandlungen des landtäglichen Wehrausschusses zutage gefördert wurde. Just der Abgeordnete Korfanty, ein Posener, welcher sonst als „preußisch" geschult gepriesen wird,^ legte dem Ausschüsse ein Schreiben eines gewissen Frankowskr vor, das sich gegen zwei Reserveoffiziere, darunter den gewesenen Generalstabschef der k. u. k. Polnischen Legion, Kehrt. Es wirst den beiden Herren, insbesondere aber dem Obersten Zagorski (gegenwärttg Konservenhändler und Militärlieferanten), vor, daß sie bei einer militärischen Konservenlieferung die Vermittlerrolle spielten und sich dabei eine Provision von jeder einzelnen Konservenbüchse ausbedangen. Eine ganze Reihe von Rednern griff nun vies versa den Briefschreiber an, welcher während der deutschen Oklmpation Millionen dadurch verdient haben soll, daß er bei den Bauern Vieh für die deutschen Truppen „requiriert" hat, es in herrschaftlichen Gütern unerügeltlich weiden ließ, um es später nicht etwa ans deutsche Militärärar abzulieferu, sondern denselben Bauern zu ungewöhnlich hohen Preisen zu verkaufen. Als sich die Deutschen zurückzogen, schloß sich Frankowskr ihnen an und trotzdem ist jetzt Beamter des polnischen Volksrates in Posen und erfreut sich der Freundschaft des Herrn Korfanty, welcher auch regelmäßig in feinem Hanse absteigt. Der verlegene Herr Korfanty hielt es nun für seine Pflicht, seinen Freund zu verteidige): und fand kein besseres Argument als dieses: „Ist es doch .besser, daß er uns geschunden und Millionen verdient bat. als wenn es ein anderer (lies: Jude!) getan hätte . . Eine merkwürdige Moral! Mit einen: Wort: es kriselt ganz unheimlich in Warschau. '7* rV ' ,;* j

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