Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 157 (26.6.1919)
- Date
- 1919-06-26
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Wiener Morgenzeitung Polens Finanzen. Die annektierten Gebiete werden die Steuerquellen bilden muffen. Die „Frankfurter Zeitung" berichtet: Es ist zwar richtig, daß der Friedensvertrag, wie die Entente ihn Deutschland vargelegt hat, Pylen nur mit einem Anteil an der vor dem Kriege vorhandenen Staatsschuld belastet. Trotzdem wird Polen in erheblichem Maße durch die Kriegslasten getroffen. Nach zuverlässigen Mit-- leilungen stellte die französische Regierung an Polen das Ansinnen, 25 Milliarden Franken als Anteil an den französischen Kriegslasten zu übernehmen. Außerdem sollen die Polen dem Vernehmen nach auch einen wesentlichen Teil d>er russischen Schulden übernehmen, und zwar wird behauptet, daß es sich um 11 Milliarden Rubel handelt. Zu diesen Schulden kommen die nicht unerheblichen Kosten, die die Polen aus der gegenwärtigen Kriegstätigkeit an allen Fronten zu zahlen haben. Dazu kommen die notwendigen Anforderungen für die Hebung des kulturellen Tiefstandes Kongreß-Polens. Eisenbahnnetz und Straßennetz stehen auf der tiefsten Stufe. Mit 680 Analphabeten auf 1000 Einwohner steht Polen so ziemlich an letzter Stelle in Europa. Auf tausend Einwohner entfallen 36 Volks- und 4 Mittelschüler, gegenüber 201 Volks- und 6 Mittelschülern in der Provinz Posen. Bei der ArmuMKongreß-Polens ist aber nicht daran zu denken, daß der Staat die Mittel für diese wirtschaftlichen und kulturellen Zwecke aufbringen kann. Träger der Last wird im Gegenteil überall der, gegenüber Kongreß-Polen hoch entwickelte und dem bisherigen preußischen Gebiet stammende Teil sein. Während bisher die preußischen Provinzen Westpreußen und Posen in ausgesprochenem Grabe Zuschußprovinzen waren und ganz überwiegend auf Kosten der übrigen Provinzen lebten, werden sie künftig ümgekehrtdieSteuerquellen für Kongreß-Polen bilden. Hetze in Ungarn. Die berechtigte Empörung des ungarischen Volkes wegen des Treibens der kommunistischen Näteregierung wird genau so wie in Wien vonAgentendermonarchlstischen und klerikalen Parteien zu einer regelrechten Pogromhetzr-benützt. Die Näteregierung hat. wie schon gemeldet, eine weitere „Aufhetzung zu konfcssiouellem oder Nassendaß" mit dem S t a n d r e ch 1 bedroht und gleichnUlg durch den Volksb.-austragtcn B a g o erklären lasten : „Man muß den Leuten in den Dörfern klar machen, daß man den Schuldigen nichtindem Juden erblicken kann, gegen den sich jetzt die Unzufriedenheit richtet, man muß erklären. daß derIude kein weißes Brot und kein Huhn hätte, wenn ihm das der kleme Landwirt nicht gäbe, man därf die judenfeinbliche Stimmung nicht unterstützen, man muß vielmehr jeden darüber auiklärcn, daß der Klastenkampf zwischen dem armen und dem reichen Bauern ausgenommen werden maß. In ähnlicher Werse sprach der Volksbeaustragte Georg N y i s z 1 o r. Er „lenkt die Aufmerksamkeit des Kongresses aus die Gefahren hm, die in dem AntisemriismuS liegen. Es gibt jetzt keine Inden und keine Christen, sondern nur Sozialisten und Kommunisten. Die allgemeine Mobilisierung kann leicht augeordnet, doch schwer durchgesührt werden." Daraus geht einerseits die Jnternatronalität der Pobelheye hervor, andererseits aber auch die schwere Verantwortlichkeit, die ein Jude aui sich lädt, wenn er sich hyperradikalen Strömungen anschließt. UebrigenS protestierten am Sonntag die jüdisch n Sozialdemokraten Budapests in einer großen Versammlung gegen die Pogromhetze, deren Anstifter die in Wien sitzenden Aristokraten sind. 26. Juni 1919 Nr. 157 Inland. Die Lander gegen Wien. Die „Reichspost" veröffentlicht eine Depesche aus Innsbruck, wonach der Tiroler Landesrat mit Rücksicht auf die VorSommnisse in der letzten Zeit einen Beschluß gefaßt hat, in dem mit Bedauern und Sorge festgestellt wird, daß die Staatsregierung den kommunistischen Wühlereien gegenüber nicht jene Entschiedenheit des Handelns betätigt, die allein die Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung sowie die Möglichkeit eines baldigen wirtschaftlichen Wiederaufbaues gewährleistet. Dic Regierung wird aufgefordert, sofort energische Maßnahmest zur Bekämpfung jedes gewaltsamen Umsturzes und jeder Vorbereitung hierzu zu ergreifen. Die Landesregirrungen, die für ihre Gebiete in derselben Richtung hin tätig sind, werden für alle Fülle die erforderlichen Maß. nahmen vorbereiten, um Negierung und Natwnalversanlmlung unter allen Umständen den Gefahre der Straße zu entziehen. Zur Beratung und Beschlußfassung ist unverzüglich eine Länderkonferenz einzubernfen. Wie die „Reichspost" ferner meldet, wurde in Beratungen der Christlich sozialen Vereinigung die Stimmung in den einzelnen Ländern erörtert. Der Gesamteindruck ging dahin, daß man überall die bestimmte Erwartung hegt, daß seitens der Negierung klar und unzweideutig Stellung genommen wird gegen die fortgesetzte Beunruhigung der Bevölkerung durch die kommnnistischen Umtriebe. Im Zusammenhang damit wurde das Verhalten der ungarischen Räteregierung lebhaft beklagt und gefordert, daß von unserer Negierung dagegen ernste Vorstellungen erhoben werden sollen. Allgemein kam der Wunsch zum Ausdruck, daß ehebaldigst eine Konferenz der Vertreter aller Parteien mit den berufenen Vertretern der Länder stattfinde. Die christlichsoziale Korrespondenz „Austria" meldet hierzu, daß der obgemeldete Beschluß des Tiroler Landesrates noch nicht bei der Staatsregierung eingelangt ist und in der „Reichspost" unvollständig veröffentlicht wurde. Der Wortlaut stehe überhaupt noch nicht fest. Zur Beratung der Christlichsozialen Vereinigung bemerkt der Obmann der Vereinigung Hauser in der „Austria", daß diese Beratung eine unverbindliche Aussprache der sich in Wien aufhaltenden Mitglieder der Vereinigung war und kein Beschluß über die politische Lage gefaßt wurde. Eine den christlichsozialen Kreisen nahestehende parlamentarische Korrespondenz meldet, daß die Regierung gezwungen sein wird, im Hauptausschuß oder vielleicht auch in der nächsten Sitzung der Nationalversammlung präzise Erklärungen über dis Kommunistenbewegüng abzugeben und zu den diesbezüglich eingebrachten Anträgen Stellung zu nehmen. Die Beziehungen zur Zentralregierung werden immer böser und die Unlust der Abgeordneten/ nachj Wien zu kommen, immer größer. Die Gefahr eines' vollständigen Abfalles der Länder vom Einheitsstaat ist in greifbare Nähe gerückt. Die Abgeordneten erklären, daß sie für die Nationalversammlung als Legislative gewählt wurden und nicht für eine Nebenregierung des Arbeiter- und Soldatenrates usw. Dis Regierung wird offen Farbe bekennen müssen, da ih^ die Parteien aus der Provinz geschlossen gegenüberstehen. Die Großdeutsche Vereinigung wird die Erledigung ihrer Anträge auf Einsetzung eines 21gliedrige«! Ausschusses für Aeußeres, dessen Bildung immer notwendiger wird, betreiben. Seite 2 _Wien, Donnerstag_ Pottttsche^RsWÄschKN. Wer trägt die Schuld an den polnischen „Mißerfolgen" in Paris? Daß die die stdepublik Polen betreffenden Bestimmungemdes ersten Versailler Fried<«»»4vertrag§;ntwuxfes den meisten ehrlichen Polen eins freudige Ueberraschung waren, ist eine unleugbare und vielfach offen Angegebene Tatsache. Die polnischen Wortführer in Paris forderten viel, sehr viel und handelten dabei wie gute Kaufleute: sie hofften, einen Teil ihrer Forderungen durchzusetzen. Daß ihnen alles nachgegeben wird, konnten sie nicht erwarten. Und doch kam es so, dank der uneingeschränkten Unterstützung, die ihnen Clemenceau lieh. Nun aber der endgültige Wortlaut beS Friedensinstrumentes sich nicht ganz , mit dem ersten Entwurf deckt und dem deutschen Standpunkt Konzessionen macht, hört man ein zorniges Rauschen im polnischen Blätterwald, Entrüstungsrufe über schmähliche Niederlage, Unrecht, Verrat, Undankbarkeit u. dergl. werden laut. Allenthalben wird die Schuldfrage erörrert. Zuerst kamen, wie es in dem antisemitischen Polen ja nur natürlich ist, die Juden an die Reihe. Sie hätten, hieß es, in Paris, London und Washington Lügen über die Polen' verbreitet, jeden Straßenexzeß zum Pogrom aufgebauscht und auf diese Weise den guten Leumund der Polen untergraben. Die ununterbrochene und systematische Arbeit der polnischen Pogromhelden sorgte jedoch dafür, daß die „Uebertreibungen" der Juden bald die Gestalt unleugbarer und greifbarer Wirklichkeit annahmen. Dann mußte das Haupt des Pariser Polenkomitees, Herr Roman Dmowski, herhalten. Insbesondere die polnischen Sozialisten machen ihn zum Sündenbock. An leitender Stelle veröffentlicht der „Naprzod" einen Artikel unter der Ueberschrift „Die Verantwortlichkeit Dmowskis". Neben Judenhetze und abstoßendem Imperialismus wird gegen ihn der hochwichtige Vorwurf erhoben, daß er sich ganz Herrn Clemenceau verschrieben habe, wiewohl er wissen mußte, daß im Rate der Alliierten eigentlich England den Ausschlag gebe. d Tatsächlich erfahren wir aus einer Mitteilung des Pariser Korrespondenten des „Czas", daß es zwischen Herrn Paderewski und Lloyd George zu sehr unliebsamen Auseinandersetzungen gekommen sein soll. Hierbei soll sich Lloyd George folgende Aeußerung geleistet haben: „Polen ist aus Strömen unseres Blutes auferstanden. Vor dem Kriege dachte niemand an einen Wiederaufbau dieses Staates und auch die Polen selbst täuschten sich diesbezüglich nicht. Es mußten 1,700.000 Franzosen und 1,000.000 Engländer fallen, damit der polnische Staat auferstehe! Und Ihr, habt Ihr etwas dazu beigetragen? Nein! Ihr erntet nur die Früchte des Sieges. Nicht einmal das konntet Ihr verhindern, daß die einen von Euch gegen die anderen kämpfen. Und nun möchtet Ihr vielleicht, baß wir Euch zuliebe -inen zweiten Krieg anfangen! Das tun wir nicht. Außerdem verratet Ihr auf Schritt und Tritt imperialistische Pläne und wollet russische Gebiete annektieren!" Das kurioseste Stückchen leistet sich aber unbedingt der ,Furyer Poranny", welcher es schwarz auf weiß heransgebracht hat, daß das Plebiszit in Oberschlesien direkt auf vatikanische Einflüsse zurückzuführen ist. Es tzben nämlich 1,000.000 Katholiken in Oberschlesien, die deutsche Seelsorge genießen. Nun habe sich im entscheidenden Augenblicke der Vatikan dafür verwendet, daß man nicht durch Abtretung Oberschlesiens an Polen die hochwürdigen oberschlefischen Pfarrer zur Verzweiflung bringe . . . Das jüdische Schulwesen in Palästina. Das Kopenhagener zionistische Bureau veröffentlicht den ersten Rechenschaftsbericht der von der englischen Regierung nach Palästina entsandten Zionistischen Palästina-Kommission. Der Bericht umfaßt den Zeitraum vom 1. April 19 L8 bis 28. Februar 1919. Wir entnehmen dem interessanten und historischen Dokument den Abschnitt über das Schulwesen. Das Problem der Wiederherstellung des Schultverkes war Gegenstand der besonderen Aufmerksamkeit der Kommission. Die Deportation des besten Teiles des Lehrermaterials durch die Türken, die Mgeschlossenheit des Landes von jeder Verbindung mit der Umwelt, der Mangel an Geldmitteln, die daraus folgende Armut der Lehrer, die enormen Preise der Lebensmittel, alles zusammen bewirkte eine qualitative und quantitative Herabsetzung des Unterrichts. Trotzdem harrten alle Lehrer, die zurückbleiben konnten, auf ihren Posten aus. Eine der ersten Aufgaben der Kommission war eine Untersuchung der Lebensverhältnisse der Lehrer und ihrer Gehälter, die lange nicht zum Einkauf von den allernotwendigsten Bedürfnissen reichten. Eine sofortige Bewilligung von 6000 Lst. wurde dem zionistischen Palästinaamt gewährt, unter dessen Aufsicht und Leitung der Waad Hachinuch (Unterrichtskomikee) wirkte, mit Dr. Lurie an der Spitze als Schulinspektor, Doktor Dourov und Dr. Epstein als verantwortlich für die Ausarbeitung und Veröffentlichung von hebräischen Schulbüchern. Man bestrebte sich zunächst, nicht bloß die Lebensverhältnisse und dadurch die Wirksamkeit der Lehrer zu verbessern, sondern auch ihre Zahl zu vermehren. Erfahrene Palästina-Lehrer, die bei Kriegsvusbruch ausgewiesen worden waren, wurden wieder eingestellt und eine Anzahl neuer Lehrer einberufen. Ferner wurden, da die vorhandenen hebräischen Schulen lange nicht dem Bedarf entsprachen, neue Schulen eröffnet und in Betrieb gesetzt. Im Juni 1918 wurden die Hilfsvereinsschulen von den britischen Militärbehörden geschlossen, und die zionistische Kommission erhielt die Mitteilung, daß die Schulen von ihr übernommen werden dürften, vorausgesetzt, daß sie dem hebräischen Schulwerk angrgliedert würden. Auf Veranlassung der Kommission übernahm der Waad Hachinuch die Schulen und führte das bestehende hebräische Schulprogramm dort ein. Bisher standen diese Schulen außerhalb des zionistischen Schulwerkes — genau wie die Alliance-Schulen und die Eveline de Rothschild-Schule — und hinderten die Vereinheitlichung des Unterrichtswesens. Diese wird daher durch die Uebernahme erheblich gefördert. Unterrichtswesen und kulturelle Arbeit beanspruchen beinahe 34.5 Prozent vom Dotalbetrag der Ausgaben. Es muß betont werden, daß ein Betrag von 8000 Lst. monatlich oder mehr .erforderlich sein wird, um das Schulwerk in Palästina im laufenden Jahre aufrecht zu erhalten. Die Steigerung im Verhältnis zum vorigen Jahre ist verschiedenen Umständen zuzuschreiben: erstens daß im vorigen Jahre die Kommission nur einen Teil der Ausgaben deckte; zweitens sind die Gehälter infolge der Teuerung um 76 Prozent erhöht worden, und endlich ist die Zahl der betreffenden Schulen durch die Eröffnung neuer Schulen und die oben erwähnte Uebernahme erheblich vergrößert worden. Für 30 Stunden Unterricht pro Woche erhalten examinierte Lehrer 10 Lst., unexaminierte 6 Lst. pro Monat. Lehrer mit einem akademischen Grad erhalten 15 Lst. für 24 Wochenstunden. Nach zweijährigem Dienst, erfolgt eine Steigerung von 25 Prozent, nach fünf Jahren eine Steigerung von 40 Prozent. Eine typische und erfreuliche Tatsache war das erfolgreiche Bemühen des Waad Hachinuch. die Schulen der orthodoxen Gemeinschaft unter seine Leitung und Aufsicht zu bekommen. Zusammen mit einem Aufsichtsrate der orthodoxen Gemeinschaft übernahm der Waad hie Tachkemoni-Schule und Kindergarten in Jaffa, die orthodoxen Schulen itt Petach Tikwah, Rischon und Ekron. Die Jahresbudgets dieser Schulen betragen zusammen 7185 Lst. Ferner wurden übernommen die folgenden orthodoxen Schulen in Jerusalem: die Neue Jeschiba, sechs Talmud Torahs, Tachkemoni und der orthodoxe. Kindergarten mit einem Jahresbudget von zusammen 8258 Lst. Auch die Uebernahme der Kolonistenschulen durch den Waad, deren Jahresbudget 2184 Lst. beträgt und in künftigen Jahren sicher noch steigen wird, bedeutet einen wichtigen Schritt zur Vereinheitlichung des Schulwerkes. Die Zahl der von dem Waad geleiteten, beziehungsweise beaufsichtigten Schulen beträgt jetzt 91 mit 291 Klassen, 9284 Schülern und 384 Lehrern. Diese Zahlen werden erheblich vermehrt werden, wenn alle Kolonistenschulen vom Waad übernommen sein werden. Während des größten Teiles des Jahres 1918 waren viele Jaffaer Schulen geschlossen infolge der Evakuation. Auch war eine große Anzahl von Schülern in Jerusalem und Jaffa eine Zeitlang von ihren Eltern und Verwandten abgesästitten und mußten daher vorn Waad unterhalten werden, der für diesen Zweck 1246 Lst. verwendete. , Erst in den letzten Monaten des Jahres wurde es möglich, mit Samaria und Galiläa in Verbindung zu kommen, so daß die aus diese Gebiete fallende Quote