Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 157 (26.6.1919)
- Date
- 1919-06-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Die in der segensreichen Zeit des Krieges ins maßlose gesteigerte Kriminalität der Bevölkerung der besonders hart mitgenommenen Gebiete, die allgemeine Verrohung der Sitten, bringt beinahe mit jedem Tage Falle perversen Verbrechertums, die in ihrer ganzen die Gesellschaft treffenden Fluchmürdigkeit zu empfinden der einfache Zeitungsleser beinahe verlernt hat. Nichts vermag aber so deutlich den Abgrund zu zeigen, an den die ganze Menschheit in diesem Krieg geführt wurde, wie die Betrachtung der zerrütteten gesellschaftlichen Zustände, die ihre Widerspiegelung in der Zerrüttung des menschlichen Bewußtseins, des Moral- und Rechtsempfindens haben. : Es ist eine einfache soziologische Wahrheit, daß durch die Abstrafung der Verbrecher das Verbrechen Nicht aus der Welt geschafft' ist: Auch die Abschreckungstheorie wird nicht recht behalten, wenn die psychologischen Voraussetzungen für eine Empfänglichkeit zur Abschreckung fehlen. Damm ist es schon notwendig, die Ursachen einer solchen gräßlichen Tat etwas eingehender zu analysieren und das Typische des Falles, das Symptomatische, möglichst klar zu erfassen. Zwei junge Menschen, kaum der Schule entwachsen, gebildet und intelligent, schmieden einen Mvrdplan, um Geld zu rauben. Der. eine billigt zwar die Tat, hat aber persörrüch ein gewisses Gruseln vor deck Töten. Der andere Mr berüft sich stolz und LWMtig darauf, daß er WFetze'Nckt, - kn'SMgensten Mvier des Todes, daß chm das Töten eines Mmschen keine Schwierigkeiten mehr macht. Sie führen die Tat aus, fahren mit ihrer Beute in die Großstadt und leben hier in Weinstuben und Nachtlokalen, verkehren mit Varietesängerinnen und machen Zechen von phantastischer Höhe. Dabei läßt sie die Erinnerung an ihr Verbrechen nicht ruhen; es wird berichtet, daß sie sich in Gesellschaft rühmten, einen Mord begangen zu haben. Mag sein, daß hierbei die Pathologie der verdrängten Gewissensbisse wie bei Raskolnikow eine Rolle spielten; im allgemeinen dürste es sich doch mehr um jene Frivolität handeln» die nicht einmal die Gesetze der Scham und der Furcht mehr respektiert. Am charakteristischesten aber ist es, daß die junger: Leute ihre Laufbahn mit Schleichhandel begonnen haben. Sie haben große Mengen Lebensmittel über die ungarische Grenze geschmuggelt und erst als dieses Geschäft nicht mehr ging, verfielen sie aus die Idee des Raubmordes.; Vom Schleichhandel zum Raubmord: es ist für die Auffassung unserer Zeit eigentlich nur ein Nuancenunterschied. Die Menschen des rationalistischen kapitalistischen Zeitalters sind schon vor dem Kriege weniger durch menschliche Scheu, als vielmehr durch die Angst vor dem damals noch eindeutigen Strafgesetz und im übrigen durch den bürgerlichen Respekt vor der Labilität der Gesellschaftsordnung im Zaume gehalten worden. Der Ausnahmszustand des Krieges hat mit einem Schlage diese Schranken gelöst. Es trat eine völlige Umwertung der Werte ein: was vorher schwerstes Verbrechen war, wurde jetzt durch den Fetisch des Patriotismus geheiligt; was früher höchste Tugend war, wurde plötzlich zum Verbrechen. Es kam so, daß bekannte Plattenbrüder Kriegsauszeichnungen erhielten und also gewiffermaßen sozial emporgehoben wurden, weil es ihnen gelungen war, ihr Friedenshandwerk mit gutem Erfolg auf oas militärische Gebiet zu übertragen. Wer es aber wagte, den Geist der Menschlichkett zu beschwören, an die einfachste Pflicht menschlicher Solidarttät zu mahnen, der wurde von jener großsprecherischen machthabenden Klasse, in deren Hynd nicht nur die Gewalt über Leben und Tod, sondern auch die Beherrschung des sittlichen Werturteils gelegt war, - als Hochverräter gebrandmarkt, nicht selten verfolgt und jnstifiziert, oder doch wenigstens als Defaitist verspottet. Alle Begriffe von A Ehre und Schmach, alle elementare Moral, die das Kind schon in der Schule lernt, wurde auf den Kopf gestellt. Die Erkenntnis von gut und böse wurde getrübt und gut und böse nicfjt durch vernünftiges Werturteil, sondern in Abhängigkeit von einem alles beherrschenden, sehr weltlichen Nutzzw-.'ck bestimmt. Während der kapitalistische.Staat keine höhere Tugend Clerneneeau HM den Krieg für nicht beendet.' Saint-Germaiir, 25. Juni. (Korr.-Bur.) Clemeneeau erschien gestern in den Wandelgangen der Kammer. Auf die Frage nach dem Datum der Demobilisierung antwortete er laut „Oeuvre" zur Begründung der Verzögerung, daß der Krieg noch ganz und gar nicht beendet sei. Es liege nur eine einzige Unterschrift vor. Das Schicksal des ganzen Ostens fei noch nicht geregelt, die Türkei und Bulgarien würden mindestens sechs Monate, vielleicht auch zwölf oder fünfzehn erfordern und vor allem müsie man mit der Denkweise der Deutschen rechnen, wiesichbeider Verbrennung derFahnen gezeigt habe. In Polen herrsche der absolute Krieg szu ft and. Er glaube, daß die Wahlen sobald wie möglich stattfinden müssen, wenn es geht, Ende September. Die Friedensseierlichkeit in Versailles. Berlin, 25. Juni. (Korr.-Bur.) Die „Deutsche Allgemeine Zeitung" meldet ans Versailles \ Das Programm der Feierlichkeit der Fried ensunterzeichnung sieht keine Reden vor. Auch soll den Deutschen ein Proteft nicht erlaubt sein. Die Unterschriften sollen in alphabetischer Reihenfolge der vertretenen Lander erfolgen: die Deutschen werden zuerst unterzeichnen. Rach Schluß der Feierlichkeit werden die deutschen Delegierten zusammen mit den anderen den Saal verlassen und die Ehrenbezeigung der republikanischen Wache entgegennehmen. Der deutschen Presse sind bisher 10 Karten zur Versagung gestellt. ’ Die Grenzen der tschechischen NeMblik.; sch Amsterdam, 25. Juni. Der Prager Korrespondent des „Algemeen Handelsblad" erfährt von gut rmternchteter poetischer Seite, daß die G r e n z e n z wisch e n Deut s chland und der Tschecho - Slowakei noch nicht endgültig festgesetzt seien. Man könne aber bestimmt darauf rechnen, daß die rein d ent scheu Randgebiete von Böhmen nnd Mähren, namentlich die Gebiete von Freiwaldau und Grasenb e r g sowie das Gebiet nördlich von Reichenberg mit Friedland und das Egerland zu Deutschland kommen werden. Ob noch andere Gebiete Böhmens Deutschland zugewlesen werden, sei noch nicht bekannt. Die tschechischen Sozialdemokraten stünden ans dem Standpunkt, daß eine ruhige Entwicklung der tschechischen Republik ein gutes «MonooHnonHoononanoHrai Kannte als die Geschäftstüchtigkett seiner Bürger, durch die sie selbst Reichtum erwerben und dadurch auch den Reichtum des Landes vermehren konnten, während er diese Tüchtigkeit fürs praktische Leben, die „Berufspflicht", als das höchste Ziel seiner Erziehung proklamierte, wurde plötzlich von den Menschen gefordert, daß sie auf die Ausübung dieser Tugend verzichten und daß sie ihre durch solche Erziehung erworbene Nattlr verleugnen. Ganz abgesehen davon, daß es dem Staat nicht gelungen ist, durch die zentralistische Bewirtschaftung auch nur annähernd die Bedürfnisse der Bevölkerung zu befriedigen und daß daher die Bevölkerung zur Selbsthilfe greifen und sich auf Schleichwegen versorgen mußte, hat er durch seine Vogel Strauß-Politik dem rücksichtslosen wirt-, schastlichen Egoismus nur Vorschub geleistet. Jeder Mensch im Staate wußte, daß er ohne Schleichhandel verhungem muß; jeder Mensch im Staate mußte also die Gesetze übertreten. Was Wunder, wenn allmählich das Gefühl für die Helligkeit des Gesetzes überhaupt erstarb. So wie während des Krieges hat man niemals Gesetze übertreten gelernt. Und die Relativität aller so gefundenen Rechtsbegriffe konnte sich gar nicht deutlicher erweisen, als wenn heute eine der höchsten Ehren und Auszeichnungen würdige Handlung ward, was gestern als Mord mtt dem Tode bestraft wurde, wenn heute höchster Patriotismus, was gestern Hochverrat gewesen wäre. Hier ist jeder Zusammenhang zwischen dem Recht und 'dem menschlichen Wertempfinden unterbrochen worden. Auf solchem Boden Können die Verbrechen üppig wuchern. Wo solcher Art alle Hemmungen beseitigt sind, bedarf es nur geringer Antriebe, um Menschen zu Bestien zu machen. Das Chaos, in das der Krieg uns geführt hat, ist wahrhaftig reich au solchen Antrieben. Die sozialen und wirtschasLftchen Znfti'.nd?, die allgemeine PWletarisimmg der Massen, mul; des Mittel- Einvernehmen mit Deutschland erfordere und daß es im Interesse des jungen Staates fei, soweit die wirtschaftlichen Interessen es zu- Laffen, abzntreten. Diese Losung werde die strittigen Fragen sehr erleichtern. Diese Entwicklung sei das Ergebnis eines heftigen innerpolitischen Kampfes der gemäßigten Elemente, welche das Auftreten der tschechischen Imperialisten als eine Gefahr für Europa betrachten. Nach den Beschlüssen der Pariser Konferenz erhalte die Tschecho-Slowakei von Deutschland nur einen schmalen Gebietsstreifen südlich von Ratibor bis an die böhmische Grenze. Deutschösterreich werde eventuell als Entschädigung für das Gebiet um Gmünd die Gegend von Rikolsbnrg erhalten. standes und der Intelligenz, bei unermeßlicher Bereicherung der Blutgeneräle und der Munitionsfabrikanten, die allgemeine Entwertung des Geldes, die die Sucht nach Geld ins Unerträgliche gesteigert hat, die Abkehr von ehrlicher und produktiver Arbeit, deren Ertrag die Bedürfnisse des Menschen kaum zu befriedigen vermag, haben die Menschen auf Abwege geführt und haben insbesondere die Jugend, die völlig verwahrlost aufwuchs, für Verbrechen geradezuprädisponiert. Als der Krieg ausbrach, waren die beiden Raubmörder von Rudersdorf fünfzehn Jahre alt. Die entscheidenden Jahre ihrer Entwicklung fallen in die Zeit, da alle Bande des Rechtes und der Moral gelöst waren, und das menschliche Gewissen durch eine Pfeudomoral vermint und betört wurde. Die traurigen wirtschaftlichen Verhältnisse dauern noch heute an und leider hat der Sieger wenig getan, um durch rasches Eingreifen diesen verheerenden Einflüssen ein Ende zu machen, die. nicht auf ein Land beschränkt bleiben können, sondern die ganze Menschheit wie eine anstechende Krankheit zu infizieren drohen. Es gilt, den Weg zur Arbeit und zur Arbeitsfreudigkeit wieder zu finden. Nun ist der Friede unterzeichnet worden. Er ist nur ein politischer Vertrag und noch dazu ein. höchst fragwürdiger. Die Gesundung der Menschheit wird er nicht bewirken können. Nur durch eine Besinnung aus sich selbst, durch eine > Erkenntnis der ganzen fürchterlichen Schwere der verhängnisvollen Verirrung wird sich allmählich wieder ein menschliches Bewußtsein aufbauen können, das die wahren Aufgaben des Menschenlebens begreift. Der Krieg war nur die folgerichtige Fortsetzung der vorhergegnugeneir entseelenden kapitalistischen Entwicklung. Nur wenn der Friede eine wirkliche Umkehr von diesen: Wege bringt; wird er die Menschheit sich selber wiedcrgeben können.