Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 156 (25.6.1919)
- Date
- 1919-06-25
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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lieber Nacht hat die Situation ein anderes Aussehen gewannen. Deutschland gibt seine Unterschrift — aber der Krieg ist damit nicht beendet. Schon in seiner Antwortnote-hieß es, daß die ungeheure Erbitterung der Bevölkerung in den den' Polen zn-- gesprochenen Provinzen einen bewaffneten Widerstand als möglich erscheinen lasse, wofür' die Negierung jede Verantwortung »ablehne. Die Potnische Telegraphenagentur verbreitete daranfhin sofort.die Meldung,' sie habe einen B e r l i n e r F u n ks p r u ch aufgefangen, in welchem angekündigt werde, daß Posen, Schlesien, O st - u n b Westpreu ß c n \ Pol n den Krieg crUa en würde. Die deutsche Zentralregierung erhebe offiziell dagegen Einspruch, lasse aber inoffiziell dieser Bewegung vollste Unterstützung angedeihen. Nachrichten, die von der Polnischen Telegraphenagentur verbreitet werden, rechtfertigen ein ganz besonderes Mißtrauen und zweifellos dürfte die Sache ein wenig anders liegen. Immerhin ist es unbestreitbar, daß die Stimmung im Osten explosionsreif ist, und da die vielfachen, im Ausland verbreitet gewesenen Nachrichten über eine von Deutschland in aller Stille vorgenommene Neuorganisierung der Armee insofern nicht ganz aus der Luft gegriffen zu sein scheinen, als sich der „Grenzschutz" im Osten zu einer immerhin achtunggebietenden Heeresgruppe entwickelt hat, haben die Alarmnachrichten viel für sich. Die „Post" erklärt heute, daß nach Erkundigungen an Regierungsstellen positive Meldungen ans dem Osten nicht vor liegen, weil anscheinend die Drahtverbindung mit lern Osten rmterLmidrn sei. Daraus folgert das Blatt, daß die von ihm Iviederholt angedeuteten Ereignisse, dgs heißt die Erhebung der deutschen Bevölkerung im Osten gegen die Polen, ihre Schatten bereits vorauswerfe. Die nächsten Stunden dürften uns im Osten vor Tatsachen stellen, so schreibt das Blatt. In der „Freiheit, dem Blatte der Unabhängigen, heißt es: Die Situation bleibt auch nach der Unterzeichnung des Friedens außerordentlich ernst. Di: nat'onalfti'che Erregung ist in mancher: Kreisen überaus groß. Das bezeugen Borfälle, wie die Herausholung der französischen Fahnen ans dem Berliner Zeughaus. Daß die Bewegung irrt Ostdn eine große Gefahr für das ganze deutsche Volk mit sich bringt, braucht nicht erst weiter ausgesührt zu werden. Dazu kommt noch die Protestbeweg u wg d er hohen Mi l i t ä r s gegen die Unterzeichnung des Friedens. Und als ob es an allem noch nicht genug wäre, hat M in i ste r No§ke e i ne Reihe von Verfügungen und Verboten erlassen, die auch die Erregung in der Arbeiterklasse steigern '"i'ssen. Diese Stimmung fand auch aus dem deutschen Soz'alisttnkongretz ihren Ausdruck. Auf diesem wurde eine Reihe von Entschließungen angenommen, von denen sich eine gegen die Versenkung der deutschen Flotte in Scapaflow und gegen die Verbrennung der französischen Fahnen in Berlin richtet. Schließlich gelangte noch eine Entschließung zur Annahme, welche die Regierung ersucht, mit aller Macht dafür zu sorgen, daß nach Unterzeichnung des Friedensvertrages nicht mit Waffengewalt gegen diese Mmachungerr vorgegangen werde, wie dies insbesondere in Oberschlesien geplant zu sein scheine. Diese besonnene Mahnung dürste allerdings ungehört verklingen.-Das Regierungsblatt, der „B o r w n r t S", stimmt völlig *n den Chor derjenigen ein, die die kommende Revanche plollamieren. Er erklärt: „Wir werden zu keiner Sekunde vergessen, daß der Friedens- Vertrag für' uns nicht mehr ist, als ein Fetzen Papier» dem nur jede Achtung versagen. Wir werden nicht ruhen, bis) dieses Schanddokmneut, das alle Begriffe von Ehre und Anstand! in der ' Welt besudelt, vernichtet und zerrissen am Boden; Seßt;- Die Schmach, die man uns anzutun unternimmt, wird; eines Tages auf die Gegner zurücksallcu. An diesem Tage aber/ müssen wir, bewaffnet nut aller Spannkraft der Muskeln und deL Willens, mit aller Elastizität bereit sein, den Platz einzunehmen,) der einem Volke von der Größe, Fähigkeit^ Tüchtigkeit und' Zähigkeit des deutschen zukommt. Glaubet nicht, daß die gestrigen Beschlüsse in Weimar den letzten Akt in der Geschichte des deutschen Volles darstellen. Es war gewiß nicht der letzte Akt. Wenn das sozialdemokratische Blatt bereits in dieser Weise) schreibt, darf es nicht überraschen, daß die konservativen Organe i noch schärfere Töne finden. Die „K r e u z z e i t u n g" sagt unter anderem: „Die einzige Rettung für uns liegt in, der Pflege des alten preußis ch e n G e i st e s, ans dem die Rettung unserer Nation geboren werden muß. Unsere Feinde haben den Haß g e s ä t, w i r w e r d e n d i e s e s S a m e n k ö r n ch e n p s l e g e n, bis das Volk stark genug sein wird, die entehrenden Fesseln zu sprengen." Es kündigt sich also ein ChaoS au, deficn Tragweite noch nicht übersehbar ist. Biel hänge auch von der Stellungnahme des Offizierskorps ab, von dem ein Teck jetzt in einer Depesche an die holländische Regierung erneut das Treugelöbnis zum geflüchteten Kaiser abgelegt hat. Infolge der Erklärung, die von den Generalen und Stabsoffizieren der Armee abgegeben wurde, daß sie bei einer bedingungslosen Annahme des Friedrnsvertrages ihre Stellen uiederlegen würden, da sie die Anerkennung der Schuldfrage und die Auslieferung der schuldigen Heerführer und Politiker mit ihrer Ehre nicht vereinbaren könnten, hatte der Reichswehrminister Noske seinen Rücktritt aus dem Kabinett erklärt. Nachdem es aber gelungen war, die Dlsserenzen mit den Offizieren beizulegen, bleibt der Reichswehrminister im Amte. Er hat an die Reichswehr einen Aufruf gerichtet, in dem cs heißt: In treuer Kameradschaft habe ich in den letzten Monaten mit der Truppe in Not und Gefahr zusammengestanden. Zn der schwersten Stunde, die das deutsche Volk erlebt, appelliere ich an den kameradschaftlichen Geist jedes Führers, jedes Mannes, mir weiter zur Seite zu stehen. Die Not unseres Volkes verbietet mir, fahnenfluchtartig meinen Posten zu verlaßen, auf dem ich aber dem Laude nur zu dienen vermag, wenn -mir opferwillige Männer wie bisher hingebungsvoll zur Seite stehen. Kameraden! Deutschland und da? deutsche Volk können euch nicht entbehren. Helft unser Volk aus Schmach, und Not erretten und einer hellen Zukunft entgcgcnführen. Auch General Lüttwitz» de. iomiuaud.elende General des Reichswehrtruppenkommandos, hat eine Proklamation erlassen, in welcher es heißt, der bedingungslos angenommene Friede sei mit des Vaterlandes Ehre unvereinbar. Doch fordert er Offiziere und Mannschaften auf, ihren Dienst weiter zu Um, mn Ruhe und Ordnung allsrccht zu erhalten. Wiener Morgenzeitung 26. Juni 1919 ' Seite 3 j »T"‘" -—... " ■ ■■ ... ....—— ' > ,lrf Vor neuen Kämpfen. W i e n, 24. Imn Nr. 156 Wien, Mittwoch W.... .. —.1 ■ ..... Ein neues Budgetprovisorium. DaZ gegenwärtige B u d g e t p r o v i s o r i u m läuft nt 80 b. M. ab. In der nächsten Sitzung der Nationalversammlung durfte ein neues Budgetprovisormm sür das zweite Seuiester des heurigen Jahres eingcbracht werden. Dq jedoch die nächste Sitzung erst am 2. Juli stattfinden soll, wild wahrscheinlich ein Zustand außerhalb des Gesetzes für mehrere Tage Platz greifen. Das neue Bndgetprovisorium wird auch, ähnlich wie das letzte, eine K r e d ijt c r m ci ch t ignn g enthalten,, welche dem durch die ordentlichen Einnahmen nicht zu deckenden Bedarfe entspricht. Ein Amschlazplatz in Innsbruck. Gestern find in Wien Vertreter der Innsbrucker kammännischen und industriellen Kreise eingctrosscn, um mit der Regierung wegen Schaffung eines U m s ch l a g p l a y e s in Innsbruck und wegen des Ausbaues der Stadl zu einem Handclsnnttelpunkt Rücksprache zu pflegen. Die Italiener wollen bekanntlich eineil großen Durchzugsvct kehr aus dem Norden Eurovas über Iuusbrllck, den Brenner nach Genna und Venedig cmrichten. .Die Vertreter der Industrie und des Handels haben bereits mit einer Reibe voll Abgeordneten Rücksprache gepflogen. Gestern nachmftttms begannen die Beratungen im StaatSamt für Handel, die einige Tage dauern werden. Die Explostonsschäden auf dem Sicinselde. In der gestrigen Sitzung des Heclesansschusses referierte Abgeordneter E i s c n h u t über den Antrag der Abgeordneten Rudolf G r u b e r und Genossen betreffend die, A n §- Zahlung der Explosionsschäden auf dem Steinfeld. Nach längerer Debatte wlirde folgender Antrag des Abgeordneten S m i t k a zum Beschlüsse erhoben: Der Ausschuß anerkennt die Notwendigkeit der SchadenSentschädlgung und beschließt: ES find die im Verzeichnisse 6 angeführten Schadensanmeldungen im Betrage von K 497.617.84 bei der Liamdierungsmafse anzumelden und der Betrag vom Staatsamte für Finanzen >m Wege des SiaalsamteS für Heerwesen an die Gemeinde vorschußweise zur Auszahlung zu bringen. Sodann bcschäfligte sich der AuSschilß m>k dem Anträge Ofenböck betreffend Beseitigung der durch die aut dem Stemfelde noch angchäusten Munitiousvorräle bestehenden Explosionsgefahr. Sektionschef Kupka. Der Präsident der Nationalversammlung hat den Kanzleidirektor der konstituie, enden Nationalversammlung Hofrät Josei Kupka zum S e k t i o n s ch e f ernannt. — Sektwusches Kupka der von der Pike auf seine Laufbahn im Parlamente des alten Oesterreich begann und nun die höchste Bcamtenstelle im Parlament der Republik belleidet wird auch als Sektiouschef das Amt eines Kanzleidirektors der Nationalversammlung behalten. Das Echo der Floktenversenkrmg. Zürich, 24. Juni. (Tel. der „Wr.Morgenztg.") Der überaus barsche und abweisende Ton der A n t w o r t n o t e C l e m e n c e a u s auf die deutsche Note bezüglich der bedingungsweisen Annahme des Friedeitsvertrages ist nach hier eingelangten Meldungen auf die Versenkung der deutschen Kriegsschiffe, die eine große Empörung im Lager der Alliierten hervorgerufen hatte, zurückzuführen. — Französische Politiker sehen in der Versenkung einen neuen Beweis dafür, daß Deutschland seine Gesinnung nicht wie es bisher so oft erklärt hat, geändert hat, und erklären, daß die Politik der englischen Liberalen und Arbeiterpartei eine vollkommen verfehlte war, als sie auf Erleichterungen im Friedensvertrage drangen. In diplomatischen Kreisen drückt man offen die Genugtuung darüber aus, daß keine großen Konzessionen den Deutschen gemacht wurden. Die Stellung Clemenceaus wurde durch die Versenkung der Schisse sehr gefestigt, da sie die vollkommene Richtigkeit seinerunversöhnlichen Politik beweist. Die Bedingungen für den Aufschub. Zürich, 24. Juni. (Tel. der „Wr. Morpcnztg."'» ■ Der Rat der Vter bat beschlossen, der wahrscheinlichen Bitte Deutschlands um einen Aufschub zur Unterzeichnung^ des Friedcnsvertrages unter Hinweis auf die tmtemt politischen Schwierigkeiten Deutschlands nur unter der Bedingung zu entsprechen, daß Deutschland sofort mit der Durchführung eines Teiles deS Friedensvertrages, und zwar nut demjenigen Teck, der sich auf militärische M a ß n a b m e n, ,wie. Herabsetzung , der Heeresstärke auf das von der Eulcnte bewilligte Höchstmaß, beginne. Dadurch wollen sich die Alliierten die Möglichkeit schaffen, die in ihren Ländern unterbrochene Demobilisierung, die sdwohl aus wirtschaftlichen, als auch aus politischen Gründen sehr notwendig ist, fortznsetzen, ohne befürchten zu müssen, daß Deutschland nachträgliche Einwendungen machen könnte. Frankreich gegen den neuen Außenminister in Deutschland. Genf, 24. Juni. (Tel. der „Wr. Morgenztg.") Franzöfische Diplomaten sehen in der Ernennung Müllers zum Außenminister einen großen Fehlgriff der deutschen Politiker, da Müller cs war, der knapp „vor Kriegsausbruch auf seiner Reise nach Frankreich den französischen Sozialisten die bindende Erklärung gegeben hat, daß btc deutsche n Sozialdemokraten niemals b i e K r l e,g sk fte d i t e bewilligen w e r d e n. Er hat aber, wie es W nachträglich herausstellte, die französischen Sozialisten'vollkommen getäuscht unb_ cs ist daher natürlich, wenn diese nun die Erklärung der deutschen Regierung, daß sie eine Annäherung der Arbeiterklassen aller Länder herbcizusnhrcn suche, nicht glauben können, wenn diese Bestrebungen von ein ent Manne geleitet werden, der das Vertrauen der Ärbeiterkkassen Frankreichs mißbraucht hat. Frettag erfolgt die Unterschrift. Genf, 24. Juni. (Tel. der „Wr. Morgenztg/) O b e r st H o u s e erklärte gesprächsweise, daß die Unterzeichnung des Friedensvertrages nicht vor Freitag stattfinden dürste, da die d e u t s ch e Regie run g zu diesem Zwecke eine n e u e Ts e letz a t i o n nach Versailles senden wolle. LN Panama und Girardi a, Hüte werde» prompt und billigst tincli -'iMMv'D neuester F.njon modernisiert 307 " ''' XVIII., Währlngergttrtei 81 und VII.. WCaviahllferstrasse 86 Amerika will Europa nicht länger ernähren. Paris, 24. Juni. (Tel.-Komp^) Laut „N e w D o r k H e r a l d" hat sich die amerikanische Negierung gegen den Vorschlag Englands erklärt, den Obersten Wirtschaftsrat auch im Frieden fortbestehen zu lassen. Zm Namen der amerikanischen Regierung hat Hoover Mitgetettt, daß die Vereinigten Staaten nicht gewillt sind, Europa länger zu ernähren, als es absolut notwendig sei. Laut „New fyvti Herald" wollen die Amerikaner Uhe neue bürgerliche Organisation ins Leben rufen, die außerhalb des Staates Amerika liegt. Sie find überzeugt, daß die Nahrungsmittelzustande in Europa früher wieder hergestellt sein werden, wenn die L a n d e r gezwungen sind, selbst ihre Produktion zu vermehren. DentschVsterreichische Vorstellungen wegen der Okkupationszone bei Klagenfurt. Salnt-Germain, 24. Juni. (Korr.-Bur.) Die deutschösterr eichische Fr i e d e n s d e l c g ation wird beider Friedenskonferenz Vorstellungen wegen der Abgrenzung der B e s e ß u n g szonen im Klagenfurter Becken erheben. Die gkplante Linie entspricht nicht den ethnographischen D e r h 8 l t n i s s e ir und oetläuft zu nahe an Klagenfurt. * Liebermann erklärt der Welt die Pogrome. Zürich, 24. Juni. (Tel. der „Wr. Morgenztg.") D er Abgeordnete von Przemysl, Dr. L i e b e r m a n n. „Sozialdemokrat israelitischer Konfession" ist in P a r i s eingetroffen, um die Oeffentlichkeit der Entente über das Wesen der polnischen Zudensragc aufzuklären. In der „Humanite" vom 17. Juni veröffentlicht er einen Artikel, in dem er erklärt, die Pogrome seien nur auf denHunger der Massen zurückzuführen. Gereizt werde das Volk durch den jüdischenNation a l i s m u s und durch d i e „U e b e r t r e i b u ug e n" der I u d e n. Es ist nichts Neues mehr, daß israelitische Politiker, denen der jüdische Nationalismus zuhause unbequem wird, in die Oeffentlichkeit gehen, und unter Preisgabe ihres eigenen Volkes irgendwelche Interessen nicht genau feststellbarer Art schützen. Dieser Fall dürfte immerhin vereinzelt dastehen, daß zu einer Zeit, wo jüdische Frauen und Kinder hingeschlachtet werden, ein Jude aus irgendwelchen persönlich-politischen Interessen heraus nicht nur die Wahrheit, sondern auch sein Volk verrät. Allgemeine Offensive gegen Ungarn. Agram, 23. Juni. In der Baranya erfolgten neuerliche T r u p p e n v e r s ch i e b « u g e n. Serbische Truppen, die von der Kärntner Front kamen, wurden der „französischen A cnuc für U n (i it r n" unterstellt. Ueberall sind. Q f f e n s i v v o r b e r e t t u n g e n im Gange. Der A rtgriff gegen Ungarn soll schon in den nächsten Tagen beginnen. General F r a n ch c t d'E s v c r e y ist ans Konstantinopcl m Belgrad emgettosfen, um den Beginn der militärischen .Opcrationen zn leiten.