Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 156 (25.6.1919)
- Date
- 1919-06-25
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette 2_Wien, Mittwoch_ Potttische^rmdscha«. Nikita von Montenegro soll ein Jude sein. Dem Semigotha widerfährt großes Glück. Jahrelang hat es sich bemüht, die Mische Abstammung des montenegrinischen Königshauses nachzuweisen, um sich bannt den begeisterten Dank jeder alldeutschen Biergesellschaft zu erwerben. Die ernste, ihrer Würde be-. wußte historische Forschung Zuckte die Achseln. Nun haben sich die südslawischen Klerikalen die Argumentation des Semigotha zu eigen gemacht und das Telegraphen-KorresPondenz-Bureau berichtet allen Ernstes aus Agram: Die klerikale Presse Südslawiens hat einen Feldzug gesell König Nikita von Montenegro begonnen, dem sie, nach neuen Quellen, jüdische Abkunft v»rtvirft. Nach ihren historischen- Enthüllungen führe sich das Königshaus der Njegus auf ein jüdisches Priestergeschlecht zurück, dessen eigentliche H.imat Abessinien war. Einer seiner Vorfahren kam im Jahre 1515 als Venetianer Kaufmann rn Ibas Land der schwarzen Berge und erwarb sich hier die Würde eines griechisch-orthodoxen Vladika (Bischof), die seit 1811 mit der obersten Staatsgewalt vereinigt ist. Die Feststellung der jüdischen Abstammung König Nikitas rust bei den Südslawen großes Aufsehen hervor. Sre wird in gleicher Weise verteidigt und bekämpft. Hier wird also wieder ein fein eingefädelte jüdische Intrige zerstört. Die Juden haben, wir aus der antisemitischen Literatur genugsam bekannt, mit den unter Führung der Pariser „Alliance israölite" stehenden Freimaurern und auf Geheiß eines Rabbiners in einer Gewitternacht auf dem Prager jüdischen Friedhof den Krieg gegen die Zentralmächte vorbereitet. Aber sie haben, wie nunmehr enthüllt wird, vorausschauend schon am Beginn des 16. Jahrhunderts einen „jüdischen Mann" in die Schwarzen Berge geschickt, damit er dort alles zu dem künftigen Unheil vorbereite. So wird es wahrscheinlich in der nächsten Woche in dieser Presse zu leisten sein. Die südslawische Lesart wird dahin lauten, daß die Juden schon im 16. Jahrhundert alles taten, um das Volk Marko Kraljewie ins Unglück zu stürzen. Fiume will zu Italien. Das Adriaproblem, welches mit eine Ursache für die gegenwärtige italienische Mnisterkrise bildet, ist von seiner Lösung noch weit entfernt. Gewisse Umstände erwecken beinahe den Eindruck, als sei der Interessengegensatz zu dieser Frage zwischen Italien und der Entente sowie Jugoslawien noch im Wachsen. Der gegenwärtige Nationalrat in Fiume, welcher bisher die Stadt in einer Form der provisorischen Autonomie verwaltet, besteht durchaus ' auf der Angliederung an Italien. Aus den italienischen Blättern erfährt man von einer bezeichnenden Sitzung des Fiumaner Nationalrates, welche vor einigen Tagen mit besonderer Feierlichkeit abgehalten wurde. Eine feierliche Begrüßung wurde dem bekannten italienischen Bühnendichter Sem Benelli, der auf eigenes Ersuchen das Fiumaner Bürgerrecht empfing. Hierauf hielt der Sindaco eine patriotische Ansprache und schlug einen Gesetzentwurf vor, der folgende Punkte enthält: „Es wird ein Fiumaner Heer errichtet. Die Emission von Schatzscheinen bis zum Betrage von hundert Millionen Lire wird genehmigt. Die Ausführung dieses Gesetzes wird dem ausführenden Komitee übergeben." Unter besonderer Begeisterung wurde nach Annahme dieser' Vorschläge mitgeteilt, oaß das Kommando des Heeres der „Mitbürger" Benelli übernehme. Der städtische Vertreter für Justiz legte nun einen mehrere Punkte enthaltenden Gesetzentwurf vor, welcher besagt, daß die Justiz im Fiumaner Ter:i or um imNamenS einer Majestät des Königs von Italien gehandhabt werde, daß alle Urteilssprüche, Notariatsakte und sonstige Verfügungen die Formel tragen müssen: Viktor Emanuel EL von Gottes Gnaden und durch de» Willen der Nation, König von Italien. Ueberflüssig zu sagen, daß sämtliche Vorschläge unter großem Enthusiasmus angenommen wurden. Die Fiumaner Exekutive will, wie man sieht, beginnen, das Selbstbestimmungsrecht in ihrem Sinne zu praktizieren, ohne irgend welche Entscheidungen von außen abzuwartcn. Ein Dokument ans dem polnischen Ostgalizie«. Die zerstörten Hoffnungen eine« polnische« Asftmilationsjuden. Ein vielsagendes Dokument über die geradezu trostlose Lage der Juden in dem soeben wieder befräte» Teile Galiciens ist das folgende Schreiben des assimilatorischen Landeszerichtsrates Neben zahl, worin dieser der Bezirkshauptnannschaft in Stanislau die Niederlegung seines Amtes nnes Negierungskommissärs der dortigen Kultusgemeinde bekanntgibt. Dieses Schreiben lautet: „Zahl 990/19. Löbl. Nezirkshauptmaunschast! Mit Reskript vom 28. Mat l. I., p,. 8748, wurde ich als Regierungskommissär der hiesigen b'raelitischen Kultusgemeinde eingesetzt und Hab« im Sinne ses Reskxripts dieses Amtes am 29. Mei 1919 protokollarisch von Herrn Dr. Karl Halpern übernommen. ' Ich verzichte jetzt auf dieses Amt aus folgenden Gründen: Line ganze Reihe von Mißbräuchen seitens der ukrainischen Loldateska hat die . jüdische Bevölkerung zu einem feierlichen Empfange des polnischen Heeres und der polnischen Staatlichkeit veranlaßt. Diese Stimmung wurde aber tn diesem dsychologischen Moment gänzlich zunichte gemacht. DaS Unrecht, die Erniedrigung und Grausamkeiten, die die jüdische bevölkerung zu erdulden hat, übersteigen jede menschliche Fantasie. Man fängt die Juden, auf de«. Straßen mit Hitze Wiener Morgenzeitung Die holländischen Sozialisten gegen Wilhelms Auslieferung. Haag, 24. Juni. (Korr.-Bur.) In der Frage der Auslieferung des deutschen Kaisers stehen die holländischen Sozialisten auf dem Standpunkt, daß das Asylrecht unter keinen Am standen verletzt werden dürfe, weil es das Höchste lei, was die Neutralen zu. schützen hatten. In allen Parteien ist man sich darüber einig, daß die Negierung nur der Drohung mit Gewalt weichen dürfe, wenn der Bestand des niederländischen Reiches in Gefahr käme. Man bezweifelt aber, daß die Entente nach dem Friedensschluß zu groberWaffenge w a l t übergehen würde. Admiral Reuter vor ein Kriegsgericht. Amsterdam, 24. Juni. (Korr.-Bur.) Dem „Telegraaf" zufolge meldet die „Times", daß Konteradmiral von Reuter wegen Verletzung der Bestimmung des Waffen st ill st an des betreffend die internierten deutschen Schiffe vor ein Kriegsgericht gestellt werden wird. Der alliierte Rat von Paris wird den Term'? f2r den Prozeß festsetzen. Wilson für Untersuchung der Pogrome. Kopenhagen, 24. Juni. (Tel. der „Wiener Morgenzlg") „Brrlinaske Tidende"vom 22.Juni veröffentlicht ein Londoner Telegramm, nach welchem Präsident Wilson beschlossen hat, gemäß einer Aufforderung seitens der volniHhen und litauischen Regierung eine Ko ui Mission zur Untersuchung der Pogrome in Polen einzusetzen. Trauertag in England gegen die Pogrome. Kopenhagen, 24. Juni. (Tel. der „Wiener MorgenZtg/^) Die britische Iudenheit hat beschlossen, den 26. Juni als jüdischnationalenTrauertagin ganz Großbritannien zum Protest gegen die polnischen Pogrome abzuhalten. Alle jüdischen Arbeiter werden an diesem Tage die A r b e i t n i e d e r l e g e n und die jüdischen Geschäfte werden ausnahmslos geschlossen bleiben. eines Lassos auf — ausschließlich Juden, man nimmt Kinder und Greise zu minder dringenden Arbeiten, ohne. Rücksicht darauf, ob dies ein Samstag oder Wochentag ist, ja man dringt selbst in die Synagogen während des Gottesdienstes ein und schleppt von dort die betenden Juden heraus, man schlägt die Rabbiner, und mit besonderer Vorliebe zieht man zu den Arbeiten Personen mit akademischer Bildung heran. Diese Tatsachen, die sich in vielen Ortschaften wiederholen, haben die jüdische Bevölkerung überzeugt, daß sie in polnischen Landen außerhalb des Rechtes stehen, und daß man bei ihr weder die Religion noch die prinzipiellen Menschenrechte achtet. Ich habe dieses Amt als ein ehrlicher, demokratisch gesinnter Pole einzig und allein in der Hoffnung übernommen, daß es mir gelingen wird, die Brücke zu bilden, vermittels welcher unsere Judenheit ins polnische Lager übergehen könnte. Ich habe in der Meinung, mich des vollsten Vertrauens und der vollsten Unterstützung der polnischen Behörden zu erfreuen, sowohl bei den Zivilals auch bei den Militärbehörden in Angelegenheit der Juden interveniert. Ueberall begegnete ich einer Verurteilung der Grausamkeiten,' so beim bevollmächtigten Delegierten Dr. Valeeki wie auch beim General Äleksandrowiez, aber trotzdem haben sich die Zustände nicht gebessert. Im Gegenteil: sie sind noch ärger geworden und verschlimmern sich von Tag zu Tag. Ich würde mich gar nicht wundern, wenn es auch hier zu Ereignissen komme» sollte, die sich Im November in Lemberg und vorgestern in Krakau abgespielt haben. Ich stehe ratlos da und bin ganz machtlos, deswegen lege ich bas mte anvertraut- Amt nieder das ich tn der besten Zuversicht, für das allgemeine Wohl wirken zu können, übernommen hatte."; ■ --J ,,I«de«b>»be»." Der zu Zeiten des alten Abgeordnetenhauses nur mühsam gebändigte Haß der alpenländischen Sozialdemokraten gegen die Wiener jüdischen Führer vertieft sich von Tag zu Tag. Die antisemitische Strömung in diesen Reihen, die Viktor Adler so viel zu -tun gab und ihn stets zur Einsetzung seiner ganzen Autorität zwang, ist seit dem Umsturz noch stärker geworden und hat es erzielt, daß die Partei bis auf wenige Inseln, so Graz und Linz, .sich ihrer jüdischen Führer entledigt hat.. Die sozialdemokratische Presse des flachen Landes verfällt jedesmal, so oft der Judenpunkt berührt wird, in Krämpfe, redet von den „jüdischen" Kriegsgewinnern und die jüdischen Flüchtlinge sind ihr ein liebgewordenes Objekt des Haffes geworden. Der Kampf gegen die Kommunisten und ihre Führer, die, was jüdisches Bewußtsein anbelanat, den getauften oder noch nicht getauften deutschen Sozialdemokraten vo llkommen gleich stehen, hebt 25. Juni 1919 . Ar. 156 nun die letzten Schranken vor der arischen Gestnnungstüchtigkeit. Genosse Resel in Graz, der Landesverteidigungsminister der Steiermark, läßt die jüdischen Redner verhaften und ausweisen und der sozialdemokratisch«; Abgeordnete von Salzburg, einst Alterspräsident der Nationalversammlung, der deutsche David aus Smichow bei Prag nennt die kommunistischen Führer „Judenbuben". Wir haben nie daran gezweifelt, das die deutschösterreichische Spielart «der völkerbefreiender Sozialdemokratie genau so antisemitisch ist wie etwe Wolf und Vergant und verzeichnen daher diese Aeußerungen nur der Vollständigkeit halber. David ist übrigens der gerechten Strafe nicht entgangen: Di« deutschradikale Presse lobt ihn... Radikalisierung der finnischen Sozialdemokratie. Der Kopenhagener „P o l i 111 e n" wird von einem finnischen Sozialdemokraten berichtet, daß diese Parte« immer mehr dem Kommunismus znneigt. Die Gründ« hierfür seien einerseits in dem zügellosen Treiben der aus 15- bis 16jährigen Schulknaben gebildeten .S ch u tz k o r p s, andernteilS t« der Haltung der bürgerlichen Presse zu suchen, die täglich „a n t i p a r l a m e n t a r i s ch e" Artikel bringe, die davor ausgehen, daß die Bürgerklaffe in gewissen Situationen zur Gewalt greifen müsse. Das wirke aufregend und dränge daS Voll immer weiter nach links.. So fei in der letzten Zeit die Organi» sütion der christlichen Arbeiter vollständig zum Sozialismus über» gegangen. _____ Die Volksabstimmung in Rordschleswig. Der von der Friedenskonferenz gefaßte Beschluß über die m deutschen Frirdensvertraa ursprünglich enthaltene Bestimmung über die Volksabstimmung?« der d ritt e n Z o n e S ch l e s> w i g S wird von der „Politiken" als ein für Dänemark freudiges Ereignis lebhaft begrüßt. Im ganzen dänischen Volke, schreibt daZ Blatt, wird diese Bestimmung, von einem sehr eng begrenzten Kreis abgesehen, mit ungemischter Freude ausgenommen werden „Wir Dänen wünschen nicht, uns an einem Volke zu vergreifen, mit dem wir nicht national zusammengehören. Wir wissen,' daß unsere alte nationale Flagge in der neuen Zeit, die eben anhncht. über einen rein dänischen Nationalstaat Md nicht über einen von inneren nationalen Rlvalitätm Md Kämpfen bedrohten dänisch' deutschen Staat wehen. ___ Inland. - OberSsterreich den OberösterreichernI Das öffentliche und private Leben Deutschösterreichs steht unter einem fast unerträglichen Druck. Die Nerven der Gesellschaft sind durch die geräuschvollen und blutigen Ereignisse zum Zerreißen angespannt, die Teuerung wächst ins Groteske, und die abenteuerlichen Gerüchte, zu deren Verbreitung und Uebertreibung sich hie Wiener Presse in vollständiger Verkennung ihrer Pflicht Beruhigung zu schaffen, hergibt, Haben einen Grad der Unsicherheit erzeugt, der kaum mehr zu überbieten ist. Dazu kommt noch die Todfeindschaft der Nationalstaaten, die die vielen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verbindungslinien mit Deutsch Österreich durchschneiden wollen und Paßschranken errichtet haben, die sich wie ein Gipspanzer um den siechen Körper Deutschösterreichs legen. Aber nicht genug daran: auch innerhalb des Staates selbst werden chinesische Mauern gezogen. Der Kampf der Länder gegen Wien, der kurze Zeit geruht hatte, beginnt wieder, und der Haß gegen Wien führt zu einer neuerlichen Abschnürung der Großstadt, die man unter den mannigfachsten Borwänden betreibt. Nun ist auch die Monroedoktrin zuuns gekommen, und es ist bezeichnend, daß gerade der Führer der Christlichsozialen, Landeshauptmann Hauser, die neue Parole ausgibt. Gestern hat er im oberösterreichischen Landtag ' in seiner Programmrede gesagtr „Oberösterreich den Oberösterreichern!" Wenn der Stein ins Rollen kommt, weiß niemand, wo er aufhört. Und so können wir es noch erleben, daß im selben Landtag irgend jemand Herrn Hauser zurufen wird: „Linz den Linzern!" Die Landtagssitzung, in der Prälat Hauser dieses Programm verkündete, war nicht ganz so interessant wie die gestrige Sitzung des Salzburger Landtages, zu der sich nebst den Abgeordneten auch die Vertrüuensmäüner der organisierten Arbeiterschaft eingefunden hatten. Ihr Führer, der Kondukteur Gunz, hielt eine Rede gegen den Schleichhandel. Ein Redner der k o m m u n i st i s ch e n Partei wendete sich in scharfen Worte« gegen die Zulassung von Priester» in die Vertretungskörper und gegen die Weiterverwendung reaktionärer Beamter. Redner verlangte, daß bis zur Erlassung eines entsprechenden Gesetzes die Gerichtsbarkeit in Schleichhandelsfällen dem Arbeiter¬ und Holdatenrat übertragen werde, und schloß mit dem Rufe: Los von Wien! Den Beschwerdeführern, die aus hem Zuschauerraum gesprochen hatten, antworteten die Landeshauptmanusrellvertreter Ott und Preußler sowie die Landesräte Lackner und Breitenfelder. Landeshauptmannftellvertreter Preußler protestierte gegen die wirtschaftliche Absperrung des Landes Salzburg von Oberösterreich und erklärte, wenn dieser Zustand nicht geändert werde, würden sich die Salzburger bas, was sie brauchen, im Lande OberSsterreich selbst holen. Däs ist also die Kriegserklärung gegen - Häufte.