Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 155 (24.6.1919)
- Date
- 1919-06-24
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Wien, Dienstag - Wiener Morgenzeitung Der Friede. Wien, 24. Jum. ." Die Entscheidung ist endlich gefallen. Die deutsche Nationalversammlung hat beschossen, den Frieden, den die Entente bietet, zu unterschreiben. Gestern abends sollte der traurige Schlußakt erfolgen. Der Sturz der Scheidemann-Regierung, das Chaos, bas zunächst noch in Weimar herrscht, machen aber ein genaues Einhalten der von den Siegern gestellten Frist unmöglich. Die neue Regierung hat um einen 48stündigen Ävfschvd gebeten. Die Entente hat zwar das Ansuchen abgelehnt, aber da es tatsächlich nicht möglich ist, daß die neugewählte Delegation rechtzeitig in Versailles eintrifft, dürste sich irgend' ein Ausweg finden. Vorläufig hat Gesandter von Hackel im Auftrag des ReichsNiinisteriunts dein Vorsitzenden der Friedenskonferenz, dem Ministerpräsidenten' WemeNrean, vier Noten zustellen lassen, und zwar 1. eine Note, in der die Zusammensetzung der neuen Reichere gi erring mitgekeilt wird, 2. eine Note, in Kev das Ergebnis der heutigen Wstimrmmg in' der deirtschen Nationalversammlung LtzkäNntMgeben wird, 3. eine Rote, in der Clemen'ösüu zur 5^nntNis gebracht wird, daß' Gesandter von Hackel bevollmächtigt ist, die Antwort der ReichsreMrung auf die Note des Präsidenten der Friedenskonferenz vom 16. Krui zu übergeben, Erklärungen atzzugeben, Gegenerklärungen entgtzgenzu- .-.ehmen und Verhandlungen M führen, und 4. die in der dritten Note erwähnte Antwort dtzr Reichsregiermrg auf die Note' des PräsidenLM der Friedenskonferenz vom 16. Jüni. Diese letzte Note ist bre Erklärmrg Der deutschen Regierung zur Frage der Annahme der FrießensTe-- dingungen der alliierten und assoziierten Negierungen. „Die alliierten und assoziierten Regierungen", heißt es dort, „haben die Regierung der deutschen Republik durch eftt am 23. JüUi ablüüfendes Ültvmatuin vor dis Entscheidung gestellt, den von ihnen vorgelegwn Friedtznsverkrag zu unterzeichnen oder die Unterzeichnung zu verweigern. Das deutsche Volk will nicht die WitzderäufnähM des blutigen Krieges, will aufrichtig einen dauernden Frieden. Es hat keiwe andere Macht iil öär Hüirö', als die Berufung auf das ewige unveräußerliche Recht eines selbständigen Lebens, bas, wie allen Völkern, so auch dem deutschen 5§»I& zusteht. Die Regierirng der deutschen, Republik kann diesem heiligen Recht des deutschen VKVes durch Änwendimg vort Gerockt keinen Nachdruck verleihen. S!-' kann nur ans die Unterstützung durch das Gewisse» der Menschheit hoffen. Kein Mlk. wirb KM deutschen Kolke züMüteN, einen: Friedensinstrument aus innerer Ueberzeugung zuznstimmen, durch das lebendige Glieder vom Körper des Deutschen Reiches ohitze Beftagrn her Nt ÄrttachL lvnrmenden Bevölkerung losgelöst, die die deutsche Staatshoheit dauernd verletzt und dem deutschen Volke unerträgliche wirtschaftliche und finanzielle Lasten auferlegt werden sollen. Wenn die Regierung der deutschen Republik gkeichwohl bereit ist, die MMerüng ÄMierben ucktt nachstehendem Vorbehalt zu unterzeichnen, so geschah dies nicht aus freiem Wilsen. Die Regierung der deutschen Republik erklärt feierlich, daß ihre Haltung dahin zu verstehen ist, daß sie brr Gewalt weicht, in dem Entschluß, dem unsagbar böidenben deutschen Volke einen neuen Krieg, die Zerreißung seiner Nationalen Einheit durch weitere. Besetzung deutschen Gebietes. entsetzliche Hungersnot für Frauen und Kinder und unbarmherzige längere Zurückhaltung der Kriegsgefaugenen zu ersparen. Deutschland legt den größten Nachdruck auf die Erklärung, daß es den Artikel 231 des FritzöeNsverirages, der von Deutschland fordert, sich als de« alleinigen Urheber des Krieges zu bekennen, nicht an nehmen kann und durch seine Unterschrift nicht deckt. Ebensowenig kann es ein Deutscher mit seiner Würde und Ehre vereinbaren, die Artikel 227 bis 230 anzunehmen Und auszuführenitt denen Deutschland zugemutet wirb, Angehörige deZ deutschen Volkes, die von den alliierten und assoziierten Mächten der Verletzung internationaler Gesetze und der Vornahme von Handlungen gegen die Gebräuche des Krieges bezichtigt werden, den alliierten und afstziicrten Mächten zur Aburteilung auszuliefern. >...ur Schluß richtet die Regierung folgendes Ersn.-.Nu ätt die Enkenteregielungen, bas als wesentlicher Bestandteil des Vertrages betrachtet werden sbll: Innerhalb zweier Jahre vom Tage btt Unterzeichnung des Vertrages ab gerechnet, werden die alliierten und assoziierten Regierungen den gegenwärtigen Vertrag dem hohen Rat der Mächte, so wie et vom Völkerbund nach Artikel 4 eingesetzt ist, zwecks Nachvrüfung unterbreiten. Vor diesem hohck Rat sollen die deurschen Bevollmächtigten dieselben Rechte und Vorrechte genießen, wie die Vertreter der anttun kontrahierenden Mächte des gegenwärtigen Vertrages. Dieser Rat soll über die Bedingungen des gegenwärtigen Vertrages entscheiden, die die Rechte der Selbstlestim- Mung des deutschen Volkes beeinträchtigen, ebenso wie Über die Astiminungen, durch' welche die freie, gleichberechtigte wirtschaftliche Entfaltung' Deutschlands' behindert wird-. Nun bleibt abzuwarten, ob die Entente mit der Formulierung btt deutschen Regierung einverstanden sein wird. Insbesondere die Franzosen bestehen darauf, daß keinerlei irgendwie geartete Vorbehalte ausgenommen werden. „Journal des Debats" schreibt: Keines der Mitglieder der deutschen Regierung bietet UM die geringste Bürgschaft für KMkiM Ditz alliierten und assoziierten Regierungen müssen sich dementsprechend verhalten. Wir müssen jede mit Btztzingungen verknüpfte Annahme als Verweigerung betrachten. Das geringste Zugeständnis unsererseits würbe als Schwäche ausgelegt werden. Wenn wir infolge wirksicher-. Schwierigkeiten einer neiden deutschen Regierung gegenüberstünden, welche sich grundsätzlich bereit erklärt, zu unterzeichnen, aber die Unterschrift verschiebe« will, so muß Foch provisorisch die sofortige Durchführung der Klausel bezüglich der AbnÜHmg Deutschlands verlangen. „Libertß" erklärt, die Mami-< schüft, die in Deutschland ans Ruder kam, hat nichM gelernt und nichts v-ttgessen und ist ebenso verschlagen und alldeutsch wie ihre Vorgängerin. Mißtrauen ist notwendiger als je. Die Nachricht, daß man in Berlin französische Fahnen verbrannt hat, dürfte allerdings nicht geeignet sein, dieses Mißtrarren zu beschwichtigen. Die Frage Deutschösterreichs tritt nunmehr endlich wieder in den Vordergrund der Diskussion. Hierbei tritt zutage, daß die Beurteilung dieser Frage seitens der Enke'ntt? eine entschiedene Wandlung . durch gewacht hat. In' seinem wirtschaftlichen Teil bringt der,Iemps" folgenden Artikel: Obgleich die Fritzdensvttyandkmrgen Mit Oesterreich üNsE Btzdolkmä'chOAM nur in zweiter LiNie beschäftigten, interessiert doch ihre Lösung de» französischen Sparer und den anderer Länder, da seit langem in der alten DoppelmvNarchie zahlreiche Gelder dieser Spater angelegt würden. Man begreift, daß sich unsere Kapitalisten die Finanzklauseln sehr genau besehen werden, die man schließlich rN den österreichischen FriedeNsöertrag auf- NehMeN wird. Dev Bankerott dieses Landes würde allen feinen Gläubigern schaden, einschließlich jener, die politisch von ihm ab getrennt wurden. Ist es denn tatsächlich möglich, daß die 6,200.000- Einwohner des neuen Oesterreich, diese Ueberbleibsel einer Bevölkerung von 28 Millionen, der schweren Last gerecht werden sollten, die ihnen aus der alleinigen Verantwortung für eine Kriegsschuld von 63 Milliarden erwächst, wozü ein entsprechender Teil -der Borkriegsschulben von 11 Milliarden käme, angesichts der Tatsache, daß dieses NeU8 Oesterreich noch dazu feiner hauptsächlichsten PrEMönsmöglichkeitett beraubt ist. Die Alliierten, heißt es weiter, haben bU Pflicht, ein Werk der Gerechtigkeit und Hilfe zu leisten. Das neue Oesterreich erwartet von ihrer Seite noch Vorschläge und ein Programm. Mögen sie nicht überrascht sein, wenn Deutschösterreich mehr noch gus Geschäftssinn als aus politischer UNd ethnischer Zuneigung den Anschluß an Grotzdeutfchland erstecht. . Nach dem Anschluß besteht die Frage des - ruinösen Wechselkurses Nicht mehr, weil sich die Skaaksfinattzen beider Repitblistn vermischen. Die Aussicht ist verführerisch. Es ist die höchste Zeit ffit bit Enke Ute, daß sie eine Situation in ernstliche Erwägung zieht, die, wir wiederholen es, auch ihre eigenen Kapitalisten nahe berührt. An diesem Aufsatz ist insbesondere wesentlich, daß die Nationalstaaten zum ersten Mal als Kriegsteilnehmer mit uns gleichgestellt werden Und daß ihnen von btzrüstntt Seite vorgehalten wird, es gehe nicht an, alle akven Verbindlich- ^ittzn einfach adzustreisen. Düs bedeutet für die deUtfch'- österreichlsche Delegation, ganz abgesehen von dem entscheidenden sachlichen Argument, das sich kaum Wehr wird widerlegen lassen nach so viel bitterer Kränkung, eine gewisse moralischeGenugk Nun g. Als Staats-» kanzter Dr. Renner in seiner Rede anläßlich der Ueberreichung der Friedensbedingungen genau dieses Argument vorbrächte, geschah es, daß Kramatsch feinen Unwillen durch eine abwehtendtz Bewegung kundgab. Zum ersten Mal hören wir von alliierter SötK eine l Stimme, die von Mt MMeUNMit unftrtt Rettung spricht. Deutlich wird sestgehalteU, baß bi.- .. ch.s geschehen ist, um uns auf eigenen Füßen eine LebeNs- Nrögkichkeit zu bic^n. so daß uUs der Anschluß an Deutschland als einzige Rettung erscheinen mußte. 24. Juni 1919 Nr. 155 —---< Auch „New Aork Herald" veröffentlicht eine» Bericht seines Pariser Mitarbeiters üb'er Deutsch öfterreich. Die einzelnen Nationalstaaten, die aus der alten Monarchie entstanden sind,, zeigen sich in Paris groß, zu Hause aber sind ihre Regierungen schwach. Den Völkern wurde Freiheit und'freies Wirtschaftsleben versprochen, aber ÜberM herrsche Mißtrauen, so daß - die einzelnen Nationen vom Wirtschaftsverkehr ab geschreckt sind, da die Frachtwagen unterwegs gestohlen werden. Kaufmännisches Vertrauen- und Kredit bestehen nichh da jede Nation eine andere Währung hat. ' Jede Nation ist von Hatz erfüllt, den sie durch Jahre in sich aufgespeichert hatte. Allüberall stehen Eckenredner, die mit Emphase über den Kohlen- und Nahrungsmittelmangel und hundert andere Fehler sprechen, die ihre Regierung begangen hattedabei aber nicht die glorreiche Geschichte der Vergangenheit vergessen und die ruhmreich, gewonnenen Schlachten der letzten zehn Jahrhunderte aufzählen. Wenn man nun bedenkt, daß die T s ch e cho - S lo w a-k ei - Kohle« Stahlwerke und Zucker hat, Ungarn ein ungeheurer Getreidespeicher ist, K'ro a t iett eine berühmte Viehzucht und Galizien Petroleum hat, so bleibt für den Ueberrest des alten Oesterrech nicht .viel übrig. Jeder einzelne der neuen Nationalstaaten hat einen Ueberfluß me eigenen Poodukten, Mrr Deutschösterreich hat nichtsdas es gegen Lebensmittel oder Rohstoffe ein tauschen könnte. Wenn die früheren Bewohner DesterMch- Ungarns tatsächlich das Recht erhalten, Deutschösterreichs Guthaben zu expropriieren, soverliert dieses *Land zwei Drittel feines Vermögens. Wenn dann Deutschösterreich seinen eigenm Staatsbürgern die Verluste in den Nationalstaaten ersetzen und noch überdies Kriegsentschädigung zahlen soll,- so ist es. buch- . stäblich ruiniert. . ■ Bedingungslos. Deutsche Nationalversammlung. Weimar, 23. Juck. (Tel.der „Wr.Morgen» Zeitung".) In der deutsche» Nationalversamm» lung teilte gestern Ministerpräsident Bauer mit, die Entente habe die Bervehatte Deutschlands Dr eine bedingte Änterzsichnung des Friedens^ abgelehnt» Diese Bergswaltigung an L»ib «nd Seele miiffe ertragen werden. Die Negierung beantrage, den Vertrag zu unterscheeibe». Wehrlos. ist nicht ehrkosk Ein Antrag der Dentschnattonalen auf n a m e » t l i ch e A b st i mm u n g w » r d e ad g et eh» t. Das Hand beschloß mit allen ge g en die Stimme« d e r D e » t f ch» a t i o- »ale«, det Volkspartei »»d eines Teiles des Aentrnms und der Demokrat e n, der A « f fass « n g d e r 9t e g i e r u « g b e i z »t r e t e n . Es wurde soda»« ein Ausruf an d a s Heer beschloffen, in welchem alle Soldaten anfgefordert werden, an der WiederanfrichtNng des Vaterlandes mitzuarbeiten. Der N o t e t a t von sechs Milliarden dis 1. Oktober wurde angenommen Und den Banken die A n z e i g e p f l i ch t für alle Wertpapiere feit ü» Oktober 1914 ans- Die Unterzeichnung Deutschlands — Mittwoch. Paris, 23. JMi. (Tel.-Komp.) Die neue Delegation Unter Führung Erzdergers wird am Dienstag in Versailles erwartet. Die Anterzeichnung wird Mittwoch stattsinden. Wilson reist am Dienstag nach Amerika zurück. Ledebonr freigefprochen. Berlin, 23. Juni. (Korr.-Bur.) Heute nachmittags wurde im Prozetz L e d e b o n r der Wahrsprnck» der Geschwdrnen verkündet. Er lautete ans Verneinung sämtlicher Schuldfragen, was im Zuhörerraum leVhafte B e if a l l s k u n d g e b ü n g e n hervotrief. Der Angeklagte wurde hierauf f r e i g e f p r o ch e n. Der Haftbefehl wird als anfgeh o b e n erachtet. Me K a st e n fallen der Staatskasse zur LäD Ungarn stellt die KSWpfe ein. Budapest, 23. Juni. Der Armeekommans dant Böhm hat dem Oeneral Pell s mitgeteikt/ er fei bereits die O p e r a t i o n e n ÜM 24. Iutti, S Ahr früh, e i n z u st e l l e n. Kkagenfurt wird geräumt. Graz» 23. Juck. (Tel. der „Wr. Morgenztg.") Die Zugoslawen schicken sich an, Kla^enfurt zu räumen. Die zurück^eblredenen deutschösterreichischen Bergegsiter werden von ihnen adtransportierk.