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Wiener Morgenzeitung · 1919-06-24 · Heft 155 (24.6.1919) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 155 (24.6.1919)
Date
1919-06-24
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Man erinnert sich noch, daß Knapp vor der Abreise Dr. Renners nach Saint- Germain aus den Kreisen der französischen Militär- Mission in Wien Mitteilungen kamen, die alte Pariser Sympathie für Wen werde eine harte Behandlimg Deutschösterreichs nicht zulassen, die Interessen der kleinen Kriegsanleihezeichner schützen und die nationale Geschlossenheit Deutschösterreichs wahren. Diese Mitteilungen wurden von der Bevölkerung in ihrer Not und Verzweiflung mit grenzenlosem Optimismus angehört. Um so niederschmetternder war dann der Eindruck des, Friedensvertrages, der Deutschösterreich ethnographisch und verkehrspolitisch bis zur Lebensunfähigkeit verstümmelte, es seiner Nahrungsquellen beraubte und durch die ganz willkürliche und durch nichts gerechtfertigte Annahme, es sei der Nachfolger der Monarchie; für alle Schuld am Kriege verantwortlich machte. In den Vertrag wurden Bestimmungen aus dem deutschen Vertrag wörtlich ausgenommen, die nt, Wirklichkeit nicht auszuführen wären, weil, wie zum Beispiel bezüglich der Ausrüstung einer Armee und des Luftfahrwesens, die technischen Voraussetzungen vollkommen fehlen. Auch die Zerstörung, der Gebietshoheit durch die Eisenbahnherrschaft der angrenzenden Nationalstaaten bewies den Mangel jedes sympathischen Verständnisses auf Seiten der Entente,; die Deutschösterceichzals Verbündeten Deutschlands betrachtete und den , A^dgen das Preußentum wähl-: und unterschiedlvs auf/alles Deutsche übertrug, wie denn überhauptalle Erwägungen der Ententestaaten von dem Moment der Freundschaft oder Gegnerschaft zu Deutschland beherrscht werden. Auch in diesem. Punkt zeigt es sich, wie grundfalsch unser Auswärtiges Amt die psychische Verfassung der Entente beurteilt hat. Nicht nur Frankreich, dessen abgrundtiefer Haß noch durch die eigenen leeren Kassen verstärkt wird, sondern die ganze Entente identifiziert Deutschland, das deutsche Volk und nizn nach der Erklärung Deutschösterreichs als „unverzichtbarer Bestandteil" der deutschen Republik auch die um Wien gelagerten Gebiete deutscher Zunge mit dem Preußentum, das früher oder später die Herrschaft übernehmen, den Revanchekrieg vorbereiten und so weiter die WeltinUnruhe erhalten werde. Diese Anschauung, die durch keinerlei Tatsachen gestützt und durch die heutige Zerfahrenheit und Schwäche Deutschlands widerlegt scheint, besteht in Paris ebenso wie in London; in Washington, in Prag und in Warschau und das alldeutsche Maulheldentum, das so viel Unglück erzeugt, so viele Mißverständnisse geschaffen und ausgebeutet hat. tut auch heute noch alles, um die Phantasien jedes französischen Strategiepolitikers zu unterstützen. Die rechtsstehende deutsche Presse gebärdet sich noch heuteso, als wäre überhaupt 'nichts geschehen, als bestände das Streben nach dem Weltimpermrn noch ungeschwächt fort; als wohnte in Deutschland ein einiges geschloffenes Volk, bereit, das den Hohenzollern aus, der Hand geschlagene Schwert jeden Augenblick wieder zu erheben. Diese Presse und die hinter ihr stehenden ostelbischen Junker, Kanonenjabrtkaulcu und Generäle sind in der Tat nicht ganz }o einflußlos, wie mau in Wien glaubt; sie verfügen' über einen großen Heerbann von Pastoren und Mittelschullehrern, die Deutschlands Arbeiter auf die Schlachtfelder sterben geschickt haben und ihnen heute das Leben nicht gönnen wollen. Aber diese Millionen Arbeiter, die Deutschlands Reichtum, seine Größe und Weltgeltung erarbeitet haben, sehnen sich heute nach dein Frieden, um frei von den äußeren Gefahren, die im November begonnene Abrechnung mit den Hetzern zu Ende führen zu können; und unter ihrem Druck mußte der mit den Reaktionären verschwisterte Scheidemann weichen, der sein „Unannehmbar" etwas zü laut in die Welt geschleudert hatte. Deutschland unterschreibt den Frieden und schafft damit die psychologische Stimmung für den Beginn der Arbeit am Frieden. Wenn Nun heute freundlichere Töne für Deutsch- Österreich erschallen, so ist zwar noch immer die vorsichtigste und kühlste Haltung geboten. Es ist aber nicht zu übersehen, daß gerade Deutschlands Einlenken Radikale Aenderungen im Vertrage mit Deutschösterreich. P a vis, 23. Juni. (Tel.-Komp.) Am Samstag morgens hat der Rat der Drei sich mit der Ausfüllung der Lücken im Vertrag mit Oesterreich beschäftigt. Die Alliierten beabsichtigen, radikale Aenderungen an den bisher gemachten Bestimmungen vorzunehmen. Besonders in den finanziellen und wirtschaftlichen Bestimmungen, da man sich klar ist, daß die finanzielle Lage Oesterreichs sehr schlecht ist. Man verlangt nicht mehr die ursprünglich geforderte Zahlung von einer M i lliarde als Rate durch Oesterreich, da das Land sonst über kein Arbeitskapital verfügt. Die ganzen Fragen der Entschädigungen werden überhaupt der Zukunft überlassen. Man ist sich darüber einig, daß Oesterreich finanziell geholfen werden muß, damit es nicht in Armut verkümmert. Es besteht also ein wesentlicher Unterschied inderBehandlung von Oe st e rreich und ^Deutschkannd und die Hoffnung der Italiener sowie der ' anderen Südstaaten, große Geldbeträge von Oesterreich zu erhalten, wird mit einer neuen Enttäuschung endigen. Ein Block der kleinen Nationen. b G e n f, 22. Juni. (Tel. der „Wr. Morgenzeitung".) Die Unstimmigkeiten unter den Alliierten wachsen von Tag zu Tag. Ein immer schärferer G egensatz entwickelt sich zwischen den kleinen Rationen und den Großmächten. Die kleinen Rationen haben unter Führung Bratianus einen festen Block geschloffen und wollen sich vom Rate der Fünf vollkommen l o s s a a e rr, falls dieser ihre Forderungen nicht erfüllen sollte. Drr Angriff gegen den Fünferrat hätte bereits vor drei Wochen stattsinden sollen, doch wurde er auf Anraten V e n i z e l o s' bis zur Unterzeichnung des deutschenrFriedensvertrages verschoben. Die Unzufriedenheit der kleinen Nationen richtet sich h a u p t f ä chlich gegen die Bestimmungen über den Schuh der Minoritäten in den einzelnen Ländern. Einzelne Führer tragen sich mit der Absicht, sich sogar vom Völkerbünde loszusagen, falls diesbezüglich keine durchgreifende Aenverung eintreten sollte. Außer diesem gemeinsamen Angriffspunkt hat jeder dieser kleinen Staaten noch Separatwünsche und -Beschwerden. Besonders gegen Italien, das durch sein Vorgehen gegenüber den Jugoslawen und seiner Unterstützung Deutschösterreichs den Haß der kleinen Rationen sich zugezogen hat, richten sich die Hauptangriffe. Polen ist über die Bestimmung des abgeanderten Vertrages, der eine Volksabstimmung in einzelnen Gebieten Ostschlesiens voraussieht, sehr erzürnt und hat die Absicht, die Volksabstimmung zu verhindern. Abbruch der Waffenstillstaudsverhandlungen Mischen Polen und Ukrainern. Der Ukrainische Pressedienst meldetr Dev polnische Generalstab meldet unter dem 21. d. M., daß die vom General P am lenk o namens des ukrainischen Armee-Oberkommandos mit den Polen geführten Waffen still st an d s verhandlungen abgebrochen worden sind. Gern gegenüber wird konstatier', daß die Waffrnstillstandsbedingungen der Polen derartige waren, daß sie seitens des ukrainischen Armee-Oberkommandos unmöglich akzeptiert werden konnten, und daß somit den zwischen General Pawlenko und dem polnischen Armee-Oberkommando vorbehaltlich vereinbarten Bedingungen die G enehmigung seitens des ukrainischen Armee-Oberkommandos nicht erteilt worden ist. Nachdem die Polen bedeutende Truppenmengen konzentriert und zu einem neuerlichen Angriff gegen die Ukrainer bereitgestellt hatte,‘ sah sich die ukrainische Heeresleitung genötigt, Gegenmaßnahmen zu treffen. Die ukrainische ArmeehatimGegenangrifsBrZezany genommen. Die deutsche Negierung zur Unterschrift ermächtigt. Weimar, 23. Juni. (Korr.-Bur.) Zn einfacher Abstimmung erklärte die Nationalversammlung mit großer Mehrheit, daß die Regierung auf Grund des gestrigen Votums die Ermächtigung z n m Abschluß des Friedens erhält. Heute nachmittags um 4 Ahr 40 Minuten hat der deutsche Gesandte v. Haniel dem Vorsitzenden der Friedenskonferenz die Rote zustellen lafferr, worin die deutsche Regierung sich bereit erklärt, die Bedingungen der alliierten und assoziierten Regierungen vorbehaltlos anzunehmen. die Situatiou in Saint-Germain wesentlich entlastet. Unsere Delegation steht der Tatsache gegenüber, daß die Entente für den Augenblick wenigstens von der drückenden Angst vor Deutschland befreit ist, den großen und gefährlichen Gegner beseitigt sieht und jetzt mit den Vertretern der kleinen, zitternden und hungernden Republik an der Donau zu tun hat. Die Entente kennt die Schwierigkeiten Deutsch Österreichs, sie sieht den Kampf zwischen der Vernunft und der kommunistischen Straßcndemagogie: sie sieht aber auch die Gefahren, die ihren mitteleuropäischen Verbündeteidrohen, meint ein harter Hungcrsriede den Sieg DtePalästinafrageimFriedensvertrag mit der Türkei. Die Meisten zionistischen Vorschläge aufgenommen. Paris, 22. Juni. (Tel. der „Wr. Morgenztg.") Der Friedensvertrag mit der Türkei ist bereits fertig gestellt. Der P a l ä ft i n a f r a g e sind darin 80 Punkte gewidmet, die fast a lle Pr-Positionen der zionistischen Friedensdelegation enthalten« Zm übrigen enthält der Vertrag auch Bestimmungen über die Stellung der Araber und Englands als Mandatar über Palä« st i n a. Bela Kuns über Wien sichern würde. Fäll Wien,, dann sind auch die Tage der tschecho slowakischen und bet polnischen Republik gezähl Wenn die Entente aus solchen Erwägunge! heraus' sich zur Menschlichkeit bekennt, dam handelt sie nur im Sinne der politischen Entwicklunc die des Schreckens genug sei,; lassen will. Alles ii Europa drängt zum Abbau des Kticges und verwirs das Geschrei der uationalisüsaiea Eisensresser. Ein milde und gerechte Behandlung Deutschösterreichs mär ein Gliick und eine Rettung \\k ganz Europa.

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