Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 153 (22.6.1919)
- Date
- 1919-06-22
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette 4 ^-'-^-_ Inland. NationalversamMlnrrg. Die parlamentarischen Kreise beobachten bis zur Ueberreichung des zweiten Teiles der Friedeusbedingnngen an unsere Delegation in Saint-Germain eine abwartende Haltung. Man glaubt, daß die nächste Sitzung der Nationalversammlung fürMittwach oder Donnerstag der kommenden Woche werde anberaumt werden köntnen. Die Parteien halten sich bereit. Was die Aussprache unserer Unterhändler von. .Saint-Germain mit den Regierungsmitgliedern betrifft,' so ist diesbezüglich noch keine Disposition getroffen worden. Vielfach wird jedoch der Wunsch geäußert, daß der Staatskanzler und einige Mitglieder der Delegation auf kurze Zeit nach Wien kommen, da auch die innerpolitischen Ereignisse Konferenzen notwendig erscheinen lassen.. Im Abgeordnetenhaus wird auch darauf hingewiesen, daß das weitere Verbleiben der Friede ns Unterhändler in Saint-Germain nicht notwendig sei, da sie zu persönlichem Verkehr mit den Ententevertretern gar ieine Gelegenheit haben. Nur GeneralSlatin-Pa cha, der Referent für die Angelegenheiten der Kriegsgefangenen, führt mündliche Verhandlungen. Die Tätigkeit der anderen Delegierten besteht in der Verfassung und Ausarbeitung der schriftlichen Noten, in welchen die deutschösterreichischen Einwendungen und Gegenvorschläge gegenüber den Friedensbedingungen niedergelegt werden. Diese wichtige Arbeit kann auch in Wien besorgt werden. Und wenn der Einwand gemacht wird, daß in diesem Falle der Notenaustausch eine Verzögerung erfahren würde, so kann dem entgegnet werden, daß die Zeit, welche durch die Reisen der Kuriere in Anspruch genommen wird, reichlich wettgemacht würde durch die größere Zahl von Hilfskräften, die hier zu diesen Arbeiten zur Verfügung stehen. Ueberdies würden in diesem Falle auch das Reisen hiesiger Funktionäre und die Fahrt von Friedensdelegierten aus Saint-Germain nach Feldkirch zur Aussprache über Einzelheiten der Notentexte überflüssig werden. Sektronschef Klimbnrg — Gesandter in Jugoslawien. Die „Wiener Zeitung" verlautbart: Der Präsident der Nationalversammlung bat den Sektionschef Otto Klimbnrg zum bevollmächtigten Vertreter der deutichösierreichischen Republik bei der Regierung des Könlgreiches der Serben, Kroaten und Slowenen in Belgrad ernannt. Auflösung des Volkswshrersrtzbataillons. Das in der Roßauerkaserne disloziert gewesene V o l k swehrersatzbataillon wurde aus dem offiziellen Verzeichnis der Verbände gestrichen. Damit bestätigt sich die von uns seinerzeit angekündigte Auslösung dieses'Bataillons. Die tschechische Regierungskrise. Kombinationen über die kommenden Männer. Prag, 21. Juni. (Priv.-Tel.) Der Wiener tschechische Gesandte T u s a r, der seit zwei Tagen hier weilt, wird nicht mehr nach Wien zurückkehren. Präsident Masaryk lud ihn ein, die Kabinettsbildung einzuleiten. Dr. K r a m a r s ch wird nach Verabschiedung des Budgets seine Demission über-. reichen, welche auch angenommen werden dürfte und T u s a r wird sodann mit der Bildung des neuen Kabinetts offiziell betraut werden, in welches nur sehr wenige Mitglieder des alten, etwa drei, eintreten dürften: Uttterrichtsnnnifier Habermann. (Sozialdemokrat), Minister für öffentliche Fürsorge Dr. Leo Winter (Sozialdemokrat) und der Poftminister Stribrny (Nationalist). Aus dem Kabinett werden scheiden : Iusttzminister Doktor S o u k u p, zu dessen Nachfolger Dr. Meißner ausersehen ist, der zwar einmal bereits abgelehnt hat. Sämtliche vier Agrarier im Kabinett werden zurücktreten, ebenso der Minister des Innern Soehla, dessen Ressort der designierte Ministerpräsident Tus ar übernehmen soll. Landeskulturrats - Präsident P roll u p e k und Minister für öffentliche Arbeiten S t a n e k werden durch sozialdemokratische Fachleute abgelöst werden. Das Ressort Dr. Z a h r a d n i k s übernimmt der ehemalige Sektionschef im österreichischen Arbeitsministerium, der frühere Direktor der Staatseisenbahngesellschaft Wenzel Burger. Als Handelsminister soll an Stelle Dr. S t r a n s k y s der ehemalige Handelsminister im Kabinett des Baron B e ck, Doktor Fiedler, eintreten. Das Ministerium für Volksgesundheit und Volksernährung wird aufgelassen. Das Ministerium für Landesverteidigung, welches K l o f a c inne hatte, übernimmt ein hoher Militär. Wenn es nach dem Wunsche M a s a r y k s und der Sozialdemokraten geht, wird Finanzminister Doktor R a s ch i n verbleiben. Muna soll enthaftet werden. z Prag, 21. Juni. (Tel.der „Wr. Morgenztg.'H. „Vecer" vernimmt, daß Muna wieder freig elass en werden soll, weil ihm bei seinen bisherigen Verhören nichts Positives nachgewiesen werden konnte. Die Tschechen in der Offensive. Budapest, 21. Juni. (Ung. Tel.-Korr.-Bur.) Die in den jüngsten Tagen gemeldeten Verteidigungskämpfe dauern au der ganzen tschechischen Front auch weiter an. Unsere Truppen werfen den angreisenden Feind überall erfolgreich l u v ü ff. '^«.orgerrzeirn.rg Telegramme. Der Fünferrat berät über Ostgalizien. Saint-Germain, 21.Juni. (Korr.-Bur.) Der Fünferrat versammelt sich heute nachmittags, um über die Fragen der Grenze in Oftgalizien und über die andauernden Streitigkeiten zwischen Polen und Ukrainern zu beraten. Nach den letzten Nachrichten haben die Ukrainer die Polen tatsächlich in der Gegend von Stanislau neuerlich angegriffen und suchen die Vers bindung zwischen Polen und Rumänen zu bedrohen. _ Eine Weltfinanzliga. Lyon, 21. Juni. (Funkspruch.) Die Depntiertenkammer setzte am Donnerstag die Beratung über das Bndgetprovis o r i u m fort. Zm Laufe der Debatte entwickelte der Abgeordnete Zagues Ster« den Gedanken einer Weltfinanzliga, welche eine Liquidier ungsanleih 2 ausgeben sollte, die von den Vereinigten Staaten, Frankreich, Großbritannien, Italien und Belgien zu garantieren wäre. Dies wäre der einzige Weg, um die Kriegslasten zu vermindern. Eine solche Anleihe könne mit 4 Prozent verzinst werden, während bei Anleihen der einzelnen Staaten vom Publikum eine viel höhere Verzinsung würde gefordert werden. Frankreich allein könnte dadurch jährlich mindestens 3 bis 4 Milliarden ersparen. Die Kammer nahm die Ausführungen Sterns mit großem Beifall zur Kenntnis. Vorbereitung dev Unterzeichnungszeremoulsn. Saint-Gevmain, 21. Juni. (Korr.-Bur.) In der Präfektur von Versailles hat, wie der „Temps^ heute meldet, eine Konferenz stattgesunden, in der man sich mit den letzten Vorbereitungen für die Unterzeichnungszeremonie imSchlofse von Versailles beschäftigte. Die adriatische Frage. ro Zürich» 20. Juni. (Tel. der „Wr. Morgenzeitung".) Präsident Wilson erklärte, daß er seinen Aufenthalt in Belgien nur deshalb auf zwei Tage beschränken mußte, weil er vor seiner Abreise nach Amerika noch die adriatische Frage ihrer Lösung zusühren müsse. Aus diesem Grunde kehrt auch Oberst H o u s e, der als Sachverständiger in dieser Frage gilt, Dienstag nach Paris zurück. Die Italiener wollen österreichische Staatsgüter annektieren. Saint-Germain» 21. Juni. Der Viererrat hat sich gestern vuch mit gewissen politischen und,finanziellen Fragen beschäftigt, die sich mtf den F r i e d c n s v e rtra g mit Oesterreich beziehen. So * wollen zum Beispiel die Italiener konform den Bestimmungen, die für Elsaß- Lothringen getroffen worden sind, für sich das Recht in Anspruch nehmen, die ö st e r r e i ch i s ch-u n g a r i s ch c u Staatsgüter in den von ihnen erworbenen Gebieten Mt a n n e ktieren. Der Generalsekretär des italienischen Ministeriums des Aeußern, di M a r t i n o, hat über diesen Gegenstand gesprochen. Wilson setzt eine Antersuchungskommisston wegen der Pogrome ein. Auf Ersuchen der polnischen und litauischen Regierung. London, 21. Juni. (Tel.-Komp.) Reuter berichtet, Präsident W i!s o n habe auf Ersuchen der polnischen und litauischen Regierung beschlossen, eine K o m m i s s i o n z u r U n t e r s u ch u n g der aus Polen gerneldeten Pogrome zu ernennen. (Ob diese Kommission ein Erfolg des famosen Paderewski- Briefes ist, ist aus der Reutermeldung nicht zu ersehen. D. Red.) Heute tagt die deutsche Nationalversammlung. Berlin, 21. Juni.. Wie die „Deutsche Allgemeine Zeitung" meldet, findet die nächste Sitzung der Nationalversammlung morgen Sonntag um 3 Uhr nachmittags statt. Man erwartet eine große Debatte. Bayern für die bedingte Unterzeichnung. Berlin» 21. Juni (Tel.-Komp.). Wie dem „Abend" aus München gemeldet wird, hat die bayrische Negierung beschlossen, daß uur einer bedingten Aunahme des Friebensvertrages zugestimmt werden könne. Erzberger schützt „die Ehre" Deutschlands. Berlin» 21. Juni. (Tel.-Komp.) Die Meldung, daß Neichsministcr E r z b 11 6 e r mit der Entente in Fühlung getreten sei und in Versailles angefragt habe, wie sich die Entente bezüglich der Punkte verhalte, die die Ehre Deutschlands berühren, worauf die Entente habe erkennen lassen, sie sei einem Nachgebey in dieser Hinsicht nicht abgeneigt, entspricht nach einer Meldung deZ „8 Uhr-AbendblatteS" den Talsachen. Boranssichilich dürfte nunmehr ein offizieller Schritt der neuen Reae-una in dieser Angelegenheit unternommen werden. 22. Ium 1i>10 Nr. 153 Gegenrevolutionäre Umtriebe in Deutschland. Berlin, 21. Juni. (Korr.-Bur.) Es wurde die Nachricht verbreitet, daß in Deutschland royalistische Machenschaften zur Wiederh c r st e l l u n g der Monarchie unter Führung des Generals von Lettow-Vorbeck im Gange seien. Wie das „8 Uhr-Abendblatt* von zuständiger Seite erfährt, sind diese Meldungen völlig aus der Lust gegriffen. (Das „8 Uhr-Abendblatt* scheint uns allerdings nicht das kompetente Organ zum Dementi dieser garnicht unglaubwürdigen Nachricht. — D. Red.) Dis derrtsche Valuta steigt. Haag» 21. Juni. (Tel.-Komp.) Auf der Amsterdamer Börse haben die Berliner und Weimarer Nachrichten eine günstige Wirkung auf die deutsche Valuta ausgeübt. Sie stieg seit gestern um 1.40 auf 19.20. Ein polnisch-deutscher Krieg? Berlin, 21. Jmü. ..Dsiennik Berlingski" meldet, daß die Polen durchaus mit der Möglichkeit eines Krieges gegen Deutsch-: land rechnen. Alle Polen vom 18. bis 45. Jahre sollen eingezogen werden. Polen verhandelt mit Moskau. Berlin» 21. Juni. (Tel.-Komp.^ Der Sonderberichteut.tttcr der „Vossischen Zeitung" meldet aus Stockholm, daß nach Meldungen aus Polen und aus Rußland U \yt crbandlungen von polnis cher Seite mit Moskau emge-- leitet wurden, um zu emcm moäu» vivendi zu kommen.. In Lodz fanden neuerliche Verhandlungen zwischen dem Sowietvertreter Rakovskh und einem polnischen Delegierten statt, die zu einem Abkommen geführt haben, nach dem den Polen der Besitz eines Teiles von L i 11 a u tn mi t Wilna garantiert wird, wofür Polen sich seinerseits verpflichtet, die F e i n d s e l i g k e i te n einzustellen und btt Truppen hinter eine noch festzusetzende Demarkationslinie zurück-, zujlrhen. Petersburger Situationsbericht. Helsingsors, 19. Juni. (Korr.-Bur.) Die Peters-' burger Zeitung „P e t r o g r a d s k a j a P r a w d a" meldet Es hat sich eine sozialistische föderative kirgisische Sowjet-, republik als Teil Sowietrußlands gebildet. Jalta ist zum Zentrum iür die kommunistische Agitation in der Türkei und Persien bestimmt worden. Die Gouvernements Charkow und' P o l t a w a mobilisieren gegen Demkin. In Kischinew haben unter den französischen Truppen bolschcwikische Umruhen, stattgesunden. Der Kommissär Petersburgs ist zum Leiter der Verteidigung Petersburgs ernannt worden. K r o n st a bt'; wird eiligst geräumt. Russisches Ultimatum an Finnland.^ ' London, 2t. Juni. (Tel.-Komp.) Die „Times" meldet aus Helsingsors: Der bolschewikische Volkskommissar deS Aus-, wärtigen, T s ch i t s ch e r i n, hat der finnischen Regierung eine Note übersendet, deren Inhalt den Charakter einer' Kriegserklärung trägt. Die Note enthält eine Fülle von Beleidigungen gegen Frankreich, England und Finnland und schließt mit der Erklärung, dir Sowtetregrerung sei sich ihres R e ch t e S b e w n ß t, die gegenwärtige Weltordnung durch eitle f o z i a l e R r v o l u 1 i o n z n st ü r z e n. WaffenftillstandsanSot der Bolfch«rp-MM'M' Rumänien. Bukarest, 2i. Juni. (Tel.-Komp.). Da» Rumänische Prefseburan meldet: In Bender sind zwei bolschewistische Parlamentäre eingettoffen, um dem Kommando der alliierten Truppe die Bitte um einen Waffenstillstand zu übrrbringev Odessa, Gerson und Rikolajew von den Bolschewiken geräumt. Bukarest, 21. Juni. (Tel.-Komp.) Die Agentur Dacia meldet: Ein in Konstantinovcl eingetroffenes Radiotelegramm aits Odessa berichtet: Die Truppen des Hetmans Gregoriew haben nach blutigem Kampfe Odessa besiegt. Weiter wurden 'btt Plätze Gerson und N i k o l a j e w genommen, Die Bolschewiken ziehen sich in größter Unordnung zurück. Das neue rumänische Kabinett. Bukarest, 2i. Juni. (Tel.-Komp.) Wie das Rumänische Preßbnreau meldet, tritt an Stelle des Kabinetts B r a t i,ä n u ein neues Kabinett unter dem Vorsitz des Dr. Julius Maniu. Die slowakische Räterepublik. Konstituierung des Regierungsrates. Budapest» 21. Juni. (Korr-.Bur.) Das Ungarische Telegraphru-Korrespondenz-Bmean meldet auS K a f ch a u: Das slowakische Preßbnreau meldet: Der slowakische r e v o l u t i onä re,Vollzugsausschuß hielt heute, eine Sitzung ab, worin der revolutionäre Rcgierungsrat konstituiert wurde. Die Mitglieder des Reglerungsrates sind: Aeußeres — ' Anton Ianouschek und Ernst P o r,, Krieg — Johann V a v r i k a und Julius K o v a e s. Finanzen — Josef H a n z i k und Wilhelm B a j a n. Inneres — Josef F 6 h 6 r und Josef S l u k a, Landwirtschaft — Stephan Mokranh und Josef Z a b a l h, Handel und Eisenbahnen —' Johann Iirosikund Josef Vav.recha, Justiz -—Nikolaus Ungar und Wladimir C s o r n h, Sozialisierung — Samuel S z ä b o., und Matthäus Fl e i s ch e r, Unterricht — Wenzel S a k und Eduard Krompeski, Approvisionierung — Stephan S t e h l i k. Santtät und Bolkswohlfahrt — Ludwig ,J ä k o bJ Tue Volkskommissare gingen entsprechend der Zusammensetzung der Bevölkerung der Slowakei aus 'den. .slowakischen, ungarischen und deutschen Kommissären hervor. Die slowakische Räteregierung beschloß, daß die neue Räterepublck den Namen „S l o w a k i s ch e R ä t e r e p u b l i k" sichren soll. Die in der Slowakei gebräuchlichen Sprachen wurden als gleichberechtigt erklär^ weshalb die Verordnungen des regierenden Rates m allen diesen Sprachen verlautbart werden. Rumänien pocht auf seine politische Weisheit. Saint-Germain, 21. Juni. Der..Temps" meldet, aus Bukarest: Die rumänischen Blätter sind über den Vertragsentwurf für Oesterreich schwer enttäuscht. Sie empfehlen einstimmig der Regierung, die Bedingungen, die die U e b e r w a ch u n g der M i n o. r i t ä t e n innerhalb Rumäniens durch., .die Großmächte ins Äuge fassen, rncht anzunehmen, protrstietcü aber gegen die Klauseln, die sich a u f d i e F r e i h e i t d e s T r a n s i t v e r k e h r e s und ans den Handel der Alliierten beziehen. Die Blätter wessen darauf hin, daß die Rumänen immer bewiesen haben, daß sie ein Volk seien, dessen nationales G c w i s s e it und dessen P o I ,,itische Weisheit icuci der gva"en A'Ii.nteii in nichts nackm-be.