Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 153 (22.6.1919)
- Date
- 1919-06-22
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 153 innen, Sonmug Politische Rundschau. iuneutv ^orgerrzenung '*£. ^uiu iüiy Sette 3 Der rote Militarismus. Ungarischer Sowietkongreß. — Böhm und Knn gegen de« Defaitismus. — Knu gegen die Pogromagitatto« im Sowietkongreß. — Für die Fortsetzung des Krieges. Budapest, 21. Juni. (Meldung des Ung. Tel.- Korr.-Bur.) Der Sowjctkongreß beriet heute über die militärische Lage. Armesoberkommandant Böhm erklärte, er wolle mit ganzer Offenheit die Lage darlegen. Wiewohl die Rote Armee Sieg auf Sieg ernte, wie die Ereignisse der letzten Tage beweisen, sei die Lage kyrgenblicklich nicht die rosigste. Obwohl gestern die Tschechen mehrfach geschlagen wurden, sei die Stimmung der siegreichen Truppen keine gehobene, da sie sehen, daß sie vom Hinterland nicht entsprechend unterstützt werden. Der in Budapest sich seit einiger Zeit geltendmachende Defaitismus sowie die Verbreitung von Schreckens- und Lügenna'chrich ten vergifte die Stimmung der Soldaten. Dazu komme der mangelnde Nachschub und die schlechte Behandlung der Familien der Kämpfenden durch die neuent ft andere Bureaukratie. Man könnte eine ganze Division bilden aus den .; in den Bureaus sitzenden gesunden Leuten. { Die auswärtige Debatte habe bewiesen, daß derzeit nicht nur die Tschechen die Feinde der Räterepublik sind, sondern daß diese auch von anderer Seite auf Angriffe gefaßt sein müsse. Dagegen müssen wir, erklärte Böhm, gerüstet sein. Denn mit der kleinen, an Mängeln leidenden Armee können wir nicht an allen Fronten Krieg führen. Ich wünsche keinen Beifall, sondern Taten, und verlange klare Antwort auf die Frage, ob die Note Armee die notwendige Unterstützung erhalten wird, ob das Proletariat die Entbehrungen tragen will, die notwendig sind, um die Räterepublik zu sichern und insbesondere, ob die Rote Armee die entsprechenden Verstärkungen erhalten wird, und zwar nicht nur seitens des industriellen, sondern auch des landwirtschaftlichen Proletariats. Auch ich glaube an den Ausbruch der internationalen Revolution, aber Strategie kann nicht auf theoretischen Erörterungen.aufgebaut werden. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) ■; i; Volksboauftragter Bela Kun erklärte, er seinerseits würde : :; i altes im Interesse des Frieden- . - tun, aber die Annahme der von der Entente festgesetzten Grenzen bedeute noch nicht, daß die Entente ihre Befehle bei den Ungarn umgebenden imperialistischen Ländern zur Geltung bringen könne. Es bedeutet auch nicht ,-7 sägte Redtter — - baß wir innerhalb dieser Grenzen" die Proletarierdiktatur aufrechterhalten können, wenn wir diese Grenzen nicht mit einer starken Roten Armee gegen die unmittelbaren oder mittelbaren Angriffe der Entente verteidigen können. Das Ziel der Entente ist nicht, uns den Frieden zu bringen, : ' sie wird uns vielmehr erdrosseln, i! wenn sie es kann. Unsere bisherigen diplomatischen Erfolge verdanken wir der Roten Armee. Wer die Proletarierdiktätur will, muß vor allem für die Entwicklung der Roten Armee sorgen. Ueber das Verhalten des Hinterlandes könnte ich noch traurigere Mitteilungen machen als Böhm. Ich könnte von >;; . | i gegenrevolutionären und Pogromagitationerr erzählen, welche sich sogar in den Ratekongreß ein ge schlichen haben. Wie soll die Rote Arnree kämpfen, wie soll ihre Stimmung sein, wenn auf dem Parteikongreß und im Sowietkongreß Pogrvmagitationen sich bemerkbar machen? (Bewegung.);• 5 Jedes Mittel der physischen und geistigen Gewalt muß zur Aufrechterhaltung der Proletarierdiktatur in Anwendung gebracht werden. Man darf kritisieren, aber die KritiL darf nicht in Defaitismus ausarten. Dieser Kongreß ist eine arbeitende und nicht eine schwächende Körperschaft. (Lebhafter Beifall.) : In der weiteren Debatte wurde von einem Redner die Arwrdmrng einer allgemeinen Mobilisierung befürwortet. j Ein Volksbeauftragter erklärte, daß die Durchführung einer allgemeinen Wehrpflicht in der Provinz infolge der defaitistischen und gegenrevolutionären Agitation auf Hindernisse stoße. Die Annahme der von der Entente festgesetzten Grenzen wurde als Todesurteil für Ungarn erklärt. Lolksbeauftragter Vngo erklärte: Wir dürfen uns nicht erdrosseln lassen,; ' wir müssen den Krieg sorischen gegen die Tschechen, gegen die Rumänen und gegen jeden, der uns angreist. - ■ Tolksbeauftragter Böhm verwies auf die einschneidende Bedeutung des.Augenblicks. Im ganzen Lar.de werde eine planmäßige in-e^'i" ' Arbeit betrieben.- Das Proletariervaterland sei in Gefahr. Mögejeder zu seiner Verteidigung eilen. Die künstlich hervorgerufene Mißstimmung müsse beseitigt werden. Man möge die Arbeiter der Fabriken zusammenberufen und ihnen klar machen, daß im gegenwärtigen Augenblick jedermann Entbehrungen ertragen und Opfer' bringen müsse. Redner sehe von der Unterbreitnng eines Beschlußantrages ab, richte aber im Namen der Roten Armee an den Rütekongreß die Aufforderung, dafür zu sorgen, daß jedermann von dem Bewußtsein durchdrungen sei, daß das Proletariervaterland in Gefahr schwebe- . Nach der beifällig aufgenomulenen Rede B ö h m s wurde die Sitzung unterbrochen. Nach der Pause unterbreitete Vorsitzender Kovacs im Namen des Präsidiums folgenden Beschlußantrag: \ ' Der Landesrütekongreß ist von dem Bewußtsein durchdrungen, daß eine starke R o te A r m e e die einzige Bürgschaft der Proletarierherrschaft bildet. Aus diesem Grunde ordnet er im Interesse der Stärkung der Roten Armee die allgemeine Mobilisierung der Arbeitenden an und betraut den regierenden Rat mit der Durchführung der Einzelheiten. Hinsichtlich der Art und Weise und des Zeitpunktes der allgemeinen Mobilisierung möge der regierende Rat sich vor Augen halten, daß die Mobi-» lisierung heute unser wichtigstes Lebensintere s s e i st. Allen Mitglieder der Arbeiterräte wird es zur Ehrenp flich t «gemacht, sei es an der Front, sei es hinter der Front, sofort alle Kräfte zur erfolgreichen Durchführung der Mobilisierung auzuspannen. Mit Rücksicht auf die große Aufgabe wird der Landesrätekongreß nach dringlicher Verabschiedung des Verfassungsentwurfes und - Durchführung der Wahlen seine Tagung schließen. Der Veschlußantrag wurde vom Kongreß ein-' stimmig angenommen. •— Nächste Sitzung morgen vormittags. - - ' Die MinoriLätsrechte in Polen. Jüdische Erklärungen im polnischen Landtag. In der letzten Sitzung des Sejm haben die Vertreter der großeil jüdischen Parteien sich zum Wort gemeldet und Deklarationen über die Frage der Erteilung von Minoritätsrechten in Polen ab gelehnt. Der Präsident erklärte, er müsse den Text dieser Deklarationen vorher vorgelegr erhalten. Darauf überreichte Abgeordneter Hirschhorn namens der Vvlkspartei und Abgeordneter Grünbaum namens der Zionisten die Erklärung, der Präsident erklärte jedoch, das Wort zur Verlesung nicht erteilen zu können, und die Antragsteller müßten sich damit begnügen, baß die Erklärungen dem Protokoll einverleibt wurden. Die Erklärung der Zionisten hatte fvlgenden Wortlaut: „Der Artikel 93 des Friedensvertrages zwischen den alliierten Mächten und Deutschland sowie auch der beabsichtigte Vertrag mit den Staaten, welche ihre Auferstehung oder die Erweiterung ihrer Grenzen dem Sieg der Entente verdanken, ist ein Ausdruck der edlen Bestrebungen der großen tvestlichen Demokratien, das Zusammenleben der Völker auf neue Grundlagen her Gleichheit und Gerechtigkeit zu stellen, jede nationale Unterdrückung zu besei Ligen, welche dem allgemeinen Frieden so schädlich ist. Nur auf diese G r u n d ln g e n kann sich der Völkerbund stützen, welcher der Welt einen ewigen Frieden sichern und die Bedingungen für eine allseitige ungestörte Entwicklung der Völker schaffen soll. Die Proklamation dieser Grundlagen ist eine Angelegenheit aller Völker, aller zukünftigen Mitglieder des Völkerbundes und nicht einzelner Staaten. Diese Grundlagen müssen vor allem in den Fragen angewendet werden, welche nicht' nur ein Volk oder einen Staat betreffen, sondern die internationale, allgemein menschliche Fragen sind. Zu dieser Art Fragen gehört — ebenso wie die Arbeiterfrage, deren Regelung durch internationale Abmachungen durch niemanden beanstäirdet wird — auch die Frage der nationalen Minderheiten, insbesondere aber der Minderheiten, welche territorial nicht konzentriert sind. Unter den letzteren Fragen befindet sich auch die der jüdische n nationalen- Minderheit i.n allen Ländern, wo Juden in Massen wohnen-. Der internationale Charakter dieser FragenMelcher schon jetzt keinerlei Zweifel wachruft, erfordert, daß Man a l l g e m e i n e Prinzip i e n feststellt, welche in allen Staaten die Rechte der nationalen oder religiösen Minderheiten garantieren, Pxinztpien, welche,durch Gesetze und Verordnungen, Prinzipien, kvelche dann dürch Verfassungsgesetze seitens der einzelnen Staaten eingeführt werden müssen. ..." Das internationale Uebereiir kommen über diese Prinzipien ist nach unserer Meinung absolut keine Sache, die im Gegensatz zur Souveränität der polnischen Republik steht, da der verfassunggebende Sejm ünd die Regierung bereits mehr als einmal erklärt haben, daß sie diese Prinzipien anerkennen und die Absicht haben, auf sie die Existenz und das Leben des freien und unabhängigen polnischen Staates zu gründen. ''' Die Wirklichkeit, besonders der letzten Zeit, hat leider diese feierlichen Erklärungen mit dem Blut und den Tränen der Juden ausgestrichen. Aber wir verlieren noch immer nicht die Hoffnung und den Glauben, daß schließlich doch den erwähnten Worten Taten folgen werden." Unterschrieben ist auf der Erklärung als erster Abgeordneter Grüubaum. Die Entente und Rußland. / Der Krakauer „N aprzo d" bringt aus dem Exposee des Vizemiuisters Skrzynski in der vertraulichen Sitzung des Landtagsausschusfes für Aeußeres folgende Erklärungen: Die Entente betrachtet K o l isch ak als Bundesgenossen und stellt ihm folgende Bedingungen: Unabhängigkeit Polens und Litauens, Autonomie für Litauen. und die Ostseeprovinzen. Die Ukraine wird überhaupt nicht erwähnt. In der Debatte' erklärte der bäuerliche Abgeordnete Rataj, daß das Bündnis der Entente mit Koltschak eine große Gefahr für Polen bedeutet. Abgeordneter Rataj erklärt sich fjjr die Unterstützung der Unabhängigkeitsbestrebnngen der Ukrainer. 'tz Die schwedischen Sozial st:::. i. Einem Berichte der „Politiken" über den zu Pfingsten in Stockholm abgehaltenen Kongreß der schwedischen I n n g s o z i a l i sie n ist zu entnehmen,' daß Stcfc sich in einer mit 117 gegen 5 Stimmen angenommenen Resolution ganz auf den Boden der kommunistischen Internationale gestellt haben, deren Programm und Richtlinien sie sich völlig zu eigen Mächen. Das genannte Blatt meldet ferner, daß die 7000 Mitglieder zählende Organisation der Metallarbeiter Schwedens in einer am 13. d. M. abgehaltenen Versammlung eine Resolution nit die Neuerung schlossen hat, welche die Wiederausnahine der H'rndt'leök-stcb'rngcn mit Rußland fordert. Die Fortschritte der Zioniste«. Aeußerung eines englischen Publizisten. Kopenhagen, 21. Juni. (Tel. der „Wr. Morgenzeitung".) Wie das Kopenhagener zionistische Bureau meldet, schreibt der Spezialkorrespondent des „Daily Telegraph", P e r c i v a l L a u d o n.: Es ist interessant, festzustellen, daß die Z i o n i st e n mit ihren Plänen betreffend die künftige Entwicklung P a l ä st i n a s großeFortfchritte machten. Das Gedeihen des künftigen jüdischen Staates wird zum großen Teile davon abhängen, welche Grenze dem jungen Staate im Norden gezogen werden, aber man ist bereits mit den Plänen für die Wiederbevölkerung und Wiederaufrichtung Palästinas beschäftigt. Was die jüdischen Führer Dr. Weizmann und Professor Frankfurter bereits erreicht haben, geht beträchtlich über das hinaus, was gegenwärtig in Angriff genommen werden kann. An dem Versuche des Wiederaufbaues Palästinas ist die ganze Welt interessiert, er hat den fast allein dastehenden Vorteil, daß er das einzige Projekt vor der Friedenskonferenz ist, das ohne Verkleinerung des Reichtums oder Gedeihens irgend einer anderen Nation voll erfüllt werden kann. Die intensivste Kultivierung des Landes ist die fundamentale Bedingung des gegenwärtigen Planes, die nötigen Menschen und Geld sind ohne Schwierigkeiten zu beschaffen. Von führenden Zionisten wird als Vorbedingung für ihre Arbeit die - Uebertragung des Mandats f ü r P a l ä ft i n a an Großbritannien betrachtet, was als eiu Kompliment für die britische Verwaltung, dem sich bi* übrige Welt anschließen wird, angesehen werden kann- Die EinigungsKonferenz der deutschen Sozialdemokraten. Berlin, 21. Juni. Dem „Berliner Tageblatt zufolge be" gann heute die Konferenz für die E i n i g u n g d e r S o z i a 1* d e m o k r a t e n, an der etwa 300 Delegierte der beiden sozialdemokratischen Parteien teilnahmen. Nachdem Eduard Bernstein die Konferenz erönuet hatte, sprach der Vorsitzende des Zentralrates, Cohen- Rens;, iiber die p o l i t i s ch e N o t w e n d i g k e i r der Einigung und entwarf sodann, ein Zukunftsmindcstprogranim der Sozialdemokratie. In erster Linie sei die Einsicht notwendig, daß Deutschland vor allem gezwungen sei,' eine u m fassende P r o d u k 1 i o n s p o l i t i k zu treiben, wobei ans die Form nicht der Hauptwert gelegt werden dürfe. Die Träger dieser Produktionspolitik müssen die Arbeiter sein Auch die Sozialisierung habe sich d e n M a ß n a h m e n n n z u p a s s e n. die eine Erhöhung der Produktion ermöglichen. Erweise sich die Sozialisierung nicht als eine solche Maßnahme, dann habe sie zu unterbleiben. Das Zukuustsprogramui müsse unter allen Umständen dir strikte Verwerfung derDikiatnr enthalten. , Der zweite Reserent zudem Thema, Strobl (Unabhängiger Sozialdemokrat), wies zunächst die Vorwürfe Cohens gegen dre Kriegspolitik der, sozialdemokratischen unabhängigen Parte: zurück und erörterte /sodann die Folgen einer Unterzeichnung ' oder Nlchtuutcrzcichuuug. Würde der FriedtuSvrrirag unterschrieben, so sei eine ruhige Entwicklung im Innern noch nickr gegeben, vi;!- mehr werde der Kamps zwischen Kapitalismus mw von neuem entbrenneri. Sodann entwickelte Redner di« Grundlagen. :",-n rr» Einigung möglich sei.