Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 153 (22.6.1919)
- Date
- 1919-06-22
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette 2 Wien, Sonntag Zionismus und Kommunismus. Don Heinrich Margulies. Der Kommunismus ist zum Teil eine idealistische Sehnsucht — zum Teil aber ist er auch der Aufstand der Entrechteten, der Enterbten. Da es nun wenig Idealisten, aber um so mehr Enterbte, gibt, so verleihen ihm diese Vielen, nicht jene Wenigen sein Gepräge. Ml die dumpfen Hassen, die Europa im Laufe der Jahre ausgebeutet, ausgesaugt und expropriiert hat, alle jene, die unterjocht, gedehmütigt, verfolgt und verachtet wurden, sie bilden das unübersehbar anschwellende Heer der Rebellen, sie alle scharen sich zusammen zum gewaltigsten Aufstand, den je die Weltgeschichte gesehen hat. Spartakus, der Sklavenrebell, ist ihr Vorbild. Und ihr Ziel nicht'minder einfach zu formulieren als das seine. Sie wollen Rache und Vergeltung. Sie wollen eine Umwertung der Werte. Wer Herr war, der soll Sklave werden, und der Sklave wird zum allmächtig herrschenden Diktator. Hochachtung vor dem Idealismus deS einzelnen! Respekt vor der Ueberzeugung eines j-eden, auch wenn wir sie nicht teilen! Die Masseninstinkte aber, die hier in Bewegung gerieten haben keinen Anspruch auf milde ' Beurteilung, und sie zu analysieren, vielleicht zu verwerfen und dann zu bekämpfen, kann uns niemand verwehren. Zunächst die Analyse: Es ist kein Zweifel, daß alles, was je an Haß und Verfolgung irgendwo in Europa ausgesät wurde, hier in schauerlichster Ernte aufgegangen ist. Was irgendwo als Paria, als Ausgestoßener lebt, bringt seinen dumpfen Haß in diese Bewegung hinein. Heimkehrer, Invalide, Arbeitslose — und Juden; unglückliche Opfer 'der Vampirpolitik von ’ Ausbeutern, Kriegshetzern, Pogromhelden, sie bäumen sich hier auf. Die Dinge so formulieren, heißt noch nicht sie verurteilen. Vielleicht wäre es richtiger, ursprünglicher, wenn wir uns ganz unserem tiefsten Mitleid hingeben würden, dem Mitleid mit diesen Aermsten der Armen, die keinen anderen Ausweg mehr fanden aus ihrer Not als den des verblendeten Hasses. Unsinnig wäre es auch, ihnen gegenüber den Moralisten zu spielen. Wer Haß sät, kann nicht Liebe ernten. Sklaven stehen außerhalb der Gesellschaft, außerhalb des Gesetzes. Man kann nicht die Menschen in Ketten schmieden und sich dann entrüsten, daß sie wie wilde feiere brüllen und die Ketten zu sprengen suchen. Daß es soweit kommen konnte, wie es gekommen ist, daß sich ein solches Meer von Haß und Rachsucht ansammeln konnte, ist letzten Endes doch nur Verschulden jener, die die Saat ausgestreut haben. Darum geht es auch nicht an, daß man aus der Anteilnahme von Juden am Kommunismus Argumente für die Berechtigung des Antisemitismus ableiten will. Diese Anteilnahme gibt dem Antisemitismus nicht Recht, sie ist vielmehr — gerade wer wiewir Zionisten dem Kommunismus als Bewegung der Rachsucht fernsteht, vermag eS auszusprechen — eine logische Wirkung des Antisemitismus. Der Antisemitismus im Mittelalter hat die Juden von allen Berufen ausgeschlossen, bis ihnen nichts offen blieb als der Handel. Darf man sich bann wundern, daß viele von ihnen zu Wucherern wurden? Daß in dem Chor der Enterbten und Gedemüttgten auch Juden, die 'Enterbtesten und GedemÜtigsien aller Parias, nicht fehlen würden, war allzu selbstverständlich; daß in dem Sklavenaufstand deS Hasses und der Rachsucht auch Juden den durch 2000jähriges beispielloses Martyrium notwendig erzeugten Haß mit einbringen würden, war unvermeidlich. Juden — nicht das jüdische Volk. Und bas ist der Punkt, wo die Analyse zur Stellungnahme Überleitet. Daß sich Juden an diesem Sklavenaufstand beteiligen, begreifen wir. Europa hat eS nicht anders gewollt. Wir begreifen es und sprechen die einzelnen, die unglücklichen Opfer der Gesellschaft, frei von der Schutt). Aber wir billigen eS nicht und ziehen eine harte, deutliche Grenze zwischen ihnen und unS. Nicht etwa, weil wir zu bürgerlich sind, wohlsituierte Bourgeois, Besitzende, die andere Interessen haben, nein, das Pariabewußtsein lastet auf uns nationalen Juden vielleicht noch deutlicher als auf jenen; aber wir halten den Zionismus für völlig unvereinbar mit jeglicher Bestrebung, die an Haß und Rachsucht grenzt. Als unser Volk vor 20 Jahren erkannte, daß eS nicht weitergehen dürfe wie es ging, als es sich gewaltig aufbäumte, um sich von Haß und Verfolgung zu befreien, da wäre es leicht gewesen, diese neuendftammte Bewegung mit Haß und Rachsucht zu vermengen. Führte nicht jeder Schritt, den wir gingen, durch Stätten grauenhaftester Erinnerungen? Haben wir alt das Entsetzliche vergessen, was unsere Väter erdulden' mußten? Waren nicht alle Schreckenstaten Europas, die es an uns unglücklichen Opfern vvllübte, noch in unser aller Erinnerung? Was wäre' wohl natürlicher gewesen, als ein Aufschrei blinden, sinnlosen Hasses? Wir haben anders gewählt. Die 20^ Jahre der nationalen Bewegung haben eine ungeheure Hülle an Zeitungen, Zeitschriften, Literatur ' jeder'Art zutage gefördert.' Man zeige darin eine einzige Stelle, in welcher der Haß und die Rachsucht gepredigt werden! Wir wollen friedlich von Europa scheiden, hieß es überall ohne Ausnahme, ohne Liebe zwar, aber auch ohne Groll. Wir wollen euch unsere Toten nicht anrechnen und wollen unsere Ohren verstopfen vor dem Schrei des Blutes unserer ungerächt bleibenden Brüder. Wiener Morgenzeitung 22. Juni 1919 Nr' 153 Der Friede in Sicht. Die deutsche Regierungskrise. — Nervosität in der Entente. — Die Bedingungen für Deutschösterreich. Wie», 31. Juni. Nachdem sich die Mehrheit der deutschen Nationalversammlung für die Unterzeichnung der Fricdensbedingungen ausgesprochen hat, sah sich' die Regierung Scheidemann genötigt, ihre Demission zu geben. Die bis zur Stunde vorliegenden u Nachrichten lassen die Schwierigkeiten für die Kabinettsbildung erkennen. Immerhin wird damit gerechnet, daß die neue Regierung eheMns gebildet sein wird, so daß die Nationalversammlung schon morgen zur Beratung des Friedensvertrages werde zusarnmentreten können. Die Auffassung ist allgemein, daß für die Unterzeichnung eine " Mehrheit unter allen Umständen Vorhänden sei. Das neue Kabinett wird voraussichtlich wieder einen Komprvmißcharakter tragen und ans Mehrheitssozialisten und Zentrum gebildet werden. Die Demokraten, deren Forderung nach Absendung einer sechs Punkte enthaltenden Zwischennvte an die Entente, von deren Annahme die Unterzeichnung abhängig gemacht werden sollte, an dem Widerspruch der Mehrheitssozialisten scheiterte, scheiden von der Mehrheitsbildnng aus. Die Fraktionen der deutschnationalen und der deutschen Volkspartei haben eine Erklärung veröffentlicht, worin sie den Friedensentwurf ablehnen, dessen Annahme sie als eine n ationale Schmach bezeichnen. Das letzte Gut, nämlich Deutschlands reiner Name vor der Welt, müsse bis zum äußersten gewahrt werden. Die Gefährdung der nationalen Ehre sehen diese Nationalisten inder Forderung der Entente nach Auslieferung Deutscher vor ein fremdes Gericht. Die Entrüstung dieser Herren verliert allerdings vieles von ihrer Tragik, wenn man bedenkt, wie der Friede ausgesehen hätte, den sie als Sieger diktiert hätten. Nach einer Mitteilung der ,Z8. Z. am Mittag" soll übrigens der Bierverband auf eine Anfrage Erzbergers geantwortet haben, daß er einem Nach geben in den „Ehrenpunkten" nicht abgeneigt set, und es sei infolgedessen ein offizieller Schritt in dieser Richtung unternommen worden. Von den bisherigen Ministern dürften einige im Amte verbleiben, für die freiwerdenden Stellen werden verschiedene Namen genannt. Minister des Aeußern soll Graf Bernstvrff werden, Ministerpräsident wird einer von Scheidemanns engeren Parteifreunden werden. Die Nachricht, daß Deutschland eine neue Fristverlängerung von der Entente verlangt habe, wird von Berlin aus dementiert, wogegen Reuter meldet, die Deutschen hätten tatsächlich um Verlängerung angesucht. Hingegen scheint nach Meldungen aus Paris die Entente alle Vorbereitungen getroffen zu haben, falls die Unterzeichnung nicht zustande kommen sollte. Unter anderem wird von der ehesten Besetzung Frankfurt», Berlins und des Ruhr gebiete» gesprochen, doch wird eS zu alledem vermutlich nicht kommen, wenn nicht der letzte Augenblick unvorhergesehene Ueberraschungen bringen sollte. Die nervöse Spannung in Paris, vb Deutschland den harten Diktatfrieden unterzeichnen und eine Regierung erhalten wird, die für die Einhaltung der schweren Bedingungen auch Garantien zu bieten vermag, wird nicht gering sein. Auch trifft die Entente der Ausbruch der Italienischen Mtntsterkrlse gerade im gegenwärtigen Moment recht unangenehm. Die vielfach phantastischen und sensationell aufgebauschten Nachrichten der letzten Tage über Italien sind sicherlich 'mit aller Vorsicht aufzunehmen, aber sicher ist, daß die Demission der Regierung der sichtbare Ausdruck einer schon seit längerer Zeit vorhandenen schleichenden Krise darstelle. In Italien, welches ein kapitalarmes und durch den Krieg stark mitgenommenes Land ist, das auf die Kredite und Belieferungen der Entente angewiesen ist, kreuzen sich verschiedene Strömungen, die sich in ihrer Opposition gegen die Regierung berühren. Im organisierten Proletariat, namentlich' in der züm Bolschewismus neigenden „Avanti"-Gruppe, äußert sich eine starke ' soziale Unzusriedenhstt, die in 1 c:t vielfachen Streiks der letzten Zeit -zum Ausdruck kam, die nationalistischen Parteien wieder' werden durch den Kampf um die Befriedigung ihrer Forderungen in der Adria zur Opposition gedrängt. So Zagt „Jdea Nazionale", daß das Votum der Kammer-.insbesondere ein Urteil über die Politik der Friedenskonferenz darstelle. Sicher ist, daß bisher in der Äd'riafrage keine Einigung erzielt werden konnte. Die Demission der Negierung muß, trotzdem hierbei verschiedene innerpvlitische Momente mitspielen, im wesentlichen doch auf diesen Umstand zurückzuführen sein. Damit im Einklang steht auch eine in amerikanischen Blättern mitgeteilte Aeußerung Wilsons, dah er Wse Veränderung in Italien seit Wochen voraus gesehen hätte. Orlandos Demission wird voraussichtlich hie Er-- ledigung der österreichischen- Fragen verzögern. Offiziell verlautet, daß -Wilson auf jeden Fall gleich nach Entscheidung der deutschen Angelegen-, heit die Heimreise antreten werde. Was die Frage D e u t s ch ö st e r r e i ch s anlangt, so wird von .einer Sitzung des Obersten Kriegsrates gemeldet, die, verschiedene militärische Bedin gungen.beschlossen habe, welche Deutschösterreich auferlegt werden Mlen. In welchem Stadium sich die Kardinalfrage-/von Deutschösterreichs Zukunft befindet und wann diese, zur Erörterung kommen soll, darüber ist bisher,nichts..he-, kannt. Es scheint beinahe, daß man nicht nur im neu-, traten Ausland, sondern in den Ländern der Entente selbst allmählich die Schwierigkeiten zu erkennen , beginnt, welche das Liquidierungsproblem der. ,zusammengebrochenen Doppelmvnarchie enthält. In der „Times" liest man, die Wahrheit des Satzes, daß man Oesterreich schaffe« müßte', falls es nicht bestünde, werde jetzt wieder kundtg. Wenn es auch gelingen sollte, die beinahe unlösbaren nationalen Probleme zu lösen, so würden wirtschaftliche Fragen Zurückbleiben, deren Entwirrung noch schwieriger sei. Die einzig vernünftige Lösung wäre eine wirtschaftliche Wiedervereinigung der zersprengten Teile der Monarchie, welche Lösung aber Italien und Deutschland 'zu hindern suchten. „D aily Telegrap h" kommt zu ähnlichen Schlüssen und auch „Manchester Guardias" nimmt sich Deutschösterreichs an.. Märtell Dun an informiert im Pariser „Temp s" über .die Wiener Volkswehr und drückt Zweifel aus, ob sich diese der Entscheidung der Friedenskonferenz Über den Abch au unterwerfen werbe. Deutsche, russische und ungarische Agenten seien an der Arbeit, um zur Unterbrechung der Verbindungen der. Alliierten mit Polen und Tschechien beizutragen. Da vvrauszusehen set, baß die Friedenskonferenz nicht nur. die Rechtsbedingungen des neuen Europa, sondern auch die Mittel zu deren Durchführung regeln werde, so sei die Schaffung einer OrdnungSzone quer durch' Mitteleuropa unerläßlich. Unseres Erachtens wäre die verläßlichste Ordnungszone ein Friede, der nicht bloß die- Interessen der neuen Alliierten auS der früheren Monarchie, sondern ebenso die Deutschösterreichs berücksichtigen würbe. Die Stellung Deutschösterreichs den Feinden gegenüber ist eine andere als die Deutschlands und die Nationalstaaten können nicht infolge ihrer im letzten Augenblick vollzogenen Schwenkung zur Entente einfach mit den Feinden in eine Reihe gestellt werden. DaS primitive Recht Mm Leben wenigstens wird die Entente auch D'eütschösterreich zuerkennen müssen. Vorläufig merkt man nur das. Streben, die Nationalstaaten nicht zu kurz kommen-zu lassen und ein Deutschösterreich zu schaffen, bas selbst im Falle des Anschlusses an Deutschland für dieses keinen allzu großen Machtzuwachs bedeuten könnte.. Wir wollen im Geiste der Versöhnlichkeit UNS friedlich von einander lösen, um drüben, in Palästina, der Welt zu zeigen; wie ein Gemeinwesen ohne Haß geschaffen werden kann. Das war unsere Wahl! Wir hätten damals Kommunisten werden können und die Rache an Europa zum Felbgeschrei erheben. Der „Bund" hat eS getan und viele von denen, die sich in den Dienst der Revolution stellten. Wir anderen aber, wir haben eS nicht getan und wollendes nicht tun. Diese klare Grenze, die zwischen uns Zionisten und den jüdischen Wortführern des Sklavenaufstanbes verläuft, müssen wir deutlich betonen. Wir machen ihnen keine Vorwürfe, denn nicht sie sind daran schuld, daß sie es wurden, sondern Europa. Aber wir haben nichts gemein mit ihnen, denn unser stolzes, freies Nationaljubentum verschmäht es, auf Not und Verfolgung so zu reagieren, wie es in diesem Sklavenaufstand geschieht. Prager Protestjuderrtum. Sine Scheinfitzung de» Kultusvorstandes. Prag, 31. Juni. (Priv.-Tel. der „Wr. Morgen^.") Wie ihr Korrespondent aus absolut zuverlässiger Quell« erfährt, hielt in der vergangenen Woche die Prager israelitischen Kullusgemcinderepräsentanz eine Geheimsitzung^ ab an. deren Verhanolungsgegensiand „Maßnahmen zur ' V er- Hinderung der drohenden nationalen A n e r k e n n u U g d e S jüdischen Volkes" bildete. M könannte diese Tatsache m einem Zeitpunkte, da Präsiden tWilsonjs mit Unterstützung der anderen Staatsmänner sowie her ganzen zivilisierten Welt seinen unbeugsamen Willen erklärt, die nationalen Rechte des jüdischen Volkesindeu neugebildeten Staaten dürchzusetzen und zu garantieren, wobl kaum anders als einen schlechten Witz bezeichnen. Vielleicht läßt sich diese „Aktion" der Prager Kultusgemeindcrepräsentanz, die anscheinend kerne andern Sorgen hat, angesichts der Wahlen in die Gcmcmdevertrcttma, bei denen überall die große Majorität der Inden durch die Wahl nationaliüdlscher Vertreter bekundete, daß sie sich weder dem tschechischen, noch dem deutschen Volke zurechnrk, besser mit ciircrii Worte bezeichnen, für das es im Jüdischen nne ebenso prägnante wie zutreffende Bezeichnung gibt.