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Wiener Morgenzeitung · 1919-06-22 · Heft 153 (22.6.1919) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 153 (22.6.1919)
Date
1919-06-22
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Nicht einmal die Rücksicht auf das Staatswohl, welches dürch die Pogromagitation zweifelsohne nach außenhin gefährdet wird, kann dem Treiben dieser Ueberpaüioten Halt gebieten. Wie stark muß der Einfluß dieset Agitatton sein, wenn ihr gegenüber sogar die von der Entente so vielgerühmte Disziplin der polnischen Truppen nicht standhalten kann. Wäre es sonst möglich, daß die Hallerschen Soldaten in wohlüberlegter und systematischer Weise, trotz Intervention ihres obersten Kommandanten, fortfahren, ihr Mütchen an "jüdischen Passagieren und Straßeypassanten zu kühlen? Es macht allgemein, den Eindruck, daß die Soldateska von vornherein der Straflosigkeit ihrer Handlungsweise sicher ist, da sie auf stillschweigende Billigung des . gesamten antisemitisch verseuchten Polentums rechnen kann. Die täglich und stündlich sich wiederholenden Ausschreitungen gegen die Juden werden von - offizieller Seite nicht mehr in Abrede gestellt, jedoch' im Umfange verkleinert und in eigentümlicher Weisel „erklärt". Charakteristisch war'das Verhalten des Wgeürdüsten Haszynski Dläßsich^ seiner letzten - W-l' > verwahrM'siW^ töähreW er die emzelnen Pogromhandlungen der letzten Tage äufzahM (allen voran den Krakauer Pogrom), mit aller Entschiedenheit gegen die Zumutung, daß in Polen Pogrome Vorkommen. „Gott sei Dank" ries er aus, ^,düß es in Polen keine Pogrome gibt." In dieser Methode der Behandlung des momentan so akuten Zustandes der polnischen Judensrage findet sich merkwürdigerweise der Sozialdemokrat Daszynski mit dem Nätionaldemokraten Paderewski, dessen heute veröffentlichtes Schreiben an Präsidenten Wilson allgemeines Ausschen erregt. Auffallend an dieser Publikation der polnischen Telegraphenagentur ist zunächst. die Einleitung, worin Klipp und klar erklärt wird, daß sich das Schreiben „gegen die von Juden betriebene Polenhetze" wendet. Noch auffallender ist aber die Tatsache, daß dieser offene Brief des Ministerpräsidenten vom 31. Mai 1919 erst heute publiziert wird. Hat man den Brief vordatiert, um sagen zu können, die Ableugnung vorgekommener Pogrome beziehe sich nur auf die Zeit bis zum 31. Mai? Inzwischen waren Pogrome in Krakau, Chelm, Zawiereie und anderswo zu verzeichnen. Oder ist'das Datum richtig und wurde die Veröffentlichung nur aus dem Grunde hintangehalten, weil es Herr Paderewski doch für zu gewagt fand, der aufhorchenden Welt eine offenkundige Lüge aufzubinden? Oder erblfchte er vielleicht gar — und mit Recht — eine Demütigung darin, daß er, der Leiter des polnischen Staates, kein unbedingtes Vertrauen für seine Behauptungen beanspruchen könne und erst das Urteil einer objektiven amerikanischen Mission anrusen müsse? Wie dem auch sei, wir wollen hoffen, daß der Bitte Paderemskis ivillfahrt wird. Die volle Objektivität der Mission und ihre unmittelbare Zugänglichkeit vorausgesetzt, wird es den Juden Polens gelingen, das Gegenteil der Paderewskischen Behauptungen zu beweisen. Dabei werden sie die Genugtuung haben, sich auf das „unparteiische" Urteil der polnisch-jüdischen Assimilanten berufen zu können. Gibt es ja hierfür gerade aus den letzten Tagen ein klassisches Dokument: hie Amtsniederlegung des nach Einnahme Stanislaus vor einigen Tagen von den Polen zur Würde eines jüdischen Gemeindepräsidenten berufenen waschechten Assimilanten Nebenzahl. . . Währende so die Judensrage alle politischen Geister beschäftigt, erscheint am Horizont ein neues Gespenst: die polnische Agrarfrage. Die radikalen Tendenzen der in verschiedene Parteigruppierungen gespaltenen polnischen Bauern bereiten dem jungen Polen schwere Sorgen. Da fand in Warschau am 16. Juni ein von 2000 Teilnehmern besuchtes Bauernmeeting statt, an dem sich die Anhänger der Stapinski-Partei Starkiewicz- und Witos-Gruppen beteiligten. Bauerndelegierte aus i die unentgeltliche Expropriation der Herrenhöfe und Die neue deutsche Negierung. Weimar, 21. Juni, 5 Uhr nachmittags. (Korr.- Bur.) Das neue Reichsmini st erium setzt sich wie folgt zusammen: Präsidium — Hauer? Vertreter des Neichsministerpräsidenten und Reichsminister der Finanzen — Erzberg er; A e u ß e r e s — Hermann Müller; Inneres — Dr. David; Reichs Wirtschaft — Wissel; Arb eit — S ch licke; Schatz — Mayer (Kaufbeuren); Po st wesen — Giesberts; Reichsverkehrsminister und weiter mit der Führung des Kolonialamtes betraut — Bell; Reichsweh r m inister — Noske; Reichs ernährungsminister — Schmidt. Der Posten des Reichsjustizministers bleibt offen. Unter den Ministern befinden fich ein Bayer und ein Württemberger. Deutsch-Südttrol bleibt bei Deutschösterreich? vVersailles, 21. Juni. (Tel. der „Wr. Morgenzeitung".) Rach der „Chicago Tribüne" soll das deutschösterreichisch-italienische Abkommen über Tirol fast gesichert sein. Darnach soll Tirol bis südlich von Bozen, das heißt bis zur Salnrner Klause bei Deutschöfterreich bleibe«, aber militärisch vollkommen neu t r a l i s r e r t werden. Das Trents fällt an Italien. Drandeis in Paris. Zur Vorbereitung der Verwaltung Palästinas. ro Zürich, 21. Juni. (Tel. der „Wr. Morgenzeiiung".) Der Führer der amerikanifchen Zionisten, Louis Brandeis, kommt Anfang nächster Woche in Paris an, wo er mit Wilson Besprechungen haben wird. Dann wird er seine Reise über Marseille nach Palästina fortsetzen, wobei ihn der Präsident der englischen zionistischen Föderation, Chaim Weizmann, begleiten wird. Die beiden Zionistenführer wollen sich über die derzeitige Lage in Palästina genau unterrichten, um» so bald die türkische Frage gelbst und England d s Mandat Aber Palästina erhalten hat, an die Bildung einer autonomen Verwaltung schreiten zn können. Der amerlkanisch-jüdischeKougretz wird wieder tagen. Wegen der Pogrome. Stockholm, 21. Juni. Dem Jüdischen Preßbureau wird aus London telegraphiert: Die Exekutive des amerikanisch-jüdischenKongresses beabsichtigt, in nächster Zeit den Kongreß zu einer neuen Tagung zusammentreten zu laffen, und zwar hauptsächlich zur Beratung der Mittel und Wege zur Bekämpfung der Judenpogrome, die die amerikanischen Juden als die größte Katastrophe in der jüdischen Geschichte erkannt haben. dem ganzen Lande waren massenhaft erschienen. Die Versammlung nahm eine Resolution an, worin festgestellt wird, daß nur die Annnahme der bäuerlichen Forderungen die Erhaltung des inneren Friedens verbürgen könne.' „Sollte" — heißt es weiter — „die Agrarreform vom Landtag verworfen werden, so fordert die Versammlung die Abgeordneten auf, den Landtag zu sprengen und Neuwahlen zu bewirken". Die Versammlung war eigentlich der Auftakt zu den Verhandlungen des konstituierenden Landtages über i die Agrarreform-Anträge der polnischen Bauernpartei. I Offen forderte im Landtag der polnische Bauer Wojcik Verteilung des Bodens unter die Bauern. An der Debatte, die einen sehr stürmischen Verlauf nahm, beteiligten sich auch jüdische Abgeordnete. Der polnische Hausjude Dr. Kolifcher, ein vielfacher Millionär, Fabriks- und Gutsbesitzer, sprach sich natürlich gegen die Reform aus. Der Zionist Grünbaum vertrat den Standpunkt, daß die Frage die Juden nur mittelbar interessiere, soferne davon die innere Ruhe im Staate abhängt. Er sprach sich für die Expropriation mit Entschädigung, Statuierung eines Besitzmaximums uttbj Stellung von Grund und Boden extra commercium aus. Der Volkist Hirschhorn war für Gpropriatton' eventuell auch ohne Entschädigung. Bei der großen Erregung der Gemüter, welche die Diskussion hervorgerufen hat und bei dem starken Bauerneinschlag des Warschauer Landtages kann die Sache eine dem Herrn Paderewski und seinen reakttonären Hintermännern' unerwünschte Entwicklung nehmen. J Dazu kommt die Finanznnsere. Das polnische, Staatswesen hat noch immer keine eigene geordnete- Finanzwirtschaft und die polnischen Bürger, speziell die des gewesenen österreichischen Gebietes, legen eich ganz unverhüllte Beunruhigung über die Zukunft ihrer Valuta an den Tag. Während die anderer! Sukzeffionsstaaten Oesterreichs sich durch Abstempelung der Kronennoten eine eigene Währung geschaffen haben, war die Warschauer Regierung , diesem System abhold. Der Kurs der „polnischen" Krone ist nun rapid gesunken und bei der bereits beschlossenen Einführung der polnischen Guldenwährung sollen - die polnischen Kronennoten zu dem jetzigen minimalen Kurs in Umrechnung genommen werden. Natürlich zum Schaden der Bevölkerung, die besser gefahren wäre/ wenn seinerzeit durch Abstempelung ein höherer Kurs' erreicht worden wäre. . Darob, großes Murreft Was aber die hiesige politische Welt zu besonderer Verzweiflung bringt, ist die Taffache der Anerkennung der Reaierung des Admirals Koltschak in Rußland durch dre Entente. Die gesamte polnische Presse gibt ihrer Beklemmung über die Folgen dieser Anerkennung für Polen unverhüllten Ausdruck, und' sogar manche französische, von Polen inspitterte Blätter machen die Angelegenheit zum Gegenstand eingehen-, der Erörterungen. So der hier eingelangte „Terftrs" vom 28. Mai. „Unter Berufung auf das Nationalitätenprikzip wird Rußland" — so schreibt der „Temps" — „alle von Russen bewohnten Gebiete revindizieren: Großrußland, Kleinrußland, Rotrußland (Ostgalizien. Anm. der Red.) und Weißrußland. Auf Grund des Wiffonschen Prinzips, welches den Völkern freien Zutritt zur See garantiert, wird es das Recht beanspruchen, sein Verhältnis zu den Völkern des Balttkums selbständig zu regeln, es wird nicht dulden, daß ein fremder Staat das Protektorat über die Armenier erhält und auf Grund von Gefühlsbanden,' die vielleicht zeitweise gelockert, aber nie'ganz gelöst werden können, wird es die Tschechen mit besonderer Freundschaft umgeben. . ." Kein gegenwärtig ausgesprochener Verzicht würde auf die Dauer Verbindlichkeit haben. „Könnte ich ein gegebenes Wort halten" — meint einer der Helden von Voltairs „Candide" — - „wenn ich versprechen würde, daß mein Haar zu wachsen aufhört?" . . . In nebliger Ferne zeigt sich der Schatten einer deutsch-russischen, gegen Polen gerichteten Interessengemeinschaft... < Indessen scheint man der bisherigen Stütze Polens, der bewaffneten Macht, nicht ganz sicher zu sein. Eine Meuterei stand letzthin auf der Tagesordnung des Landtages. Es bedurfte vieler Reden, damit ein meritorischer Beschlußantrag verhindert wurde. Zwei Abteilungen der polnischen Polksmiliz hatten sich freiwillig an die Front gemeldet. Dort angekommen, erschienen sie zur ersten Inspizierung mit einer peinlichen Verspätung und — mit roten Kokarden. Sie weigerten sich, andere Truppen abzulösen und ließen sich zurück nach Warschau einwaggonieren. Als der Zug unterwegs von Gendarmen angehalten wurde, entspann sich ein regelrechtes Feuergefecht mit Toten und Verwundeten.' Erst einem Panzerzug gelang es, die Entwaffnung zu erzwingen. Auf jeden Fall ein sehr bedenkliches Zeichen . . . Noch lange vor den Hundstageu dürfte es in Warschau Ziemlich heiß werden und Herr Paderewski, dem bisher viel zu viel Rosen gestreut wurden, dürfte bald auch die Dornen schmerzlich verspüren. Ja, in der Klaviervirtuosemvelt zu herrschen, ist leichter und angenehmer.

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