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Wiener Morgenzeitung · 1919-06-21 · Heft 152 (21.6.1919) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 152 (21.6.1919)
Date
1919-06-21
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seile 2 Wien, Samstag Wiener Morgenzeitung *21. Juni 1910 Nr' 152 fitton, die immerhin Menschen von Rang waren und besonders bei Sozialisten Ansehen genossen, hat sich die sozialistische Regierung eine besondere Methode zurecht gelegt: man ließ sie von unkontrollierbaren Mördem erschlagen, nachdem man vorher ihren Namen durch die unflätigsten Lügenmeldungen einer gefügigen Presse besudelt hatte. Gegen die Mörder Liebknechts und der Luxemburg veranstaltete man einen lächerlichen Prozeß vor dem „Kriegsgericht", ließ die Mörder beinahe straflos und den 'Hauptschurken entfliehen. In München hat die famose Regierung Hofsmann .. den Revolutionär Leoinä, über dessen Persönlichkeit widersprechende Nachrichten im Umlauf sind, ebenfalls von einem Militärgericht aburteilen und hinrichten lassen. Und über den Tod Gustav Landauers, von dem man bisher gar nichts erfuhr und dessen Mörder nicht einmal zur Wahrung des Scheines gesucht werden, berichtet ein Augenzeuge nach einer Wiedergabe der in Wien erscheinenden Wochenschrift ^,Neue Erde" folgende schauerliche Einzelheiten; Es war am '2. Mai. Ich stand noch als Wache vor dem großer: Tor zum Stadelheimer Gefängnis. Gegen viertel 2 Uhr. Unter Schreien: „Der Landauer, der Landauer!" brachte ein Trupp bayrischer und wttrttembergischer Soldaten Gustav Landauer. Auf dem Gang vor dem Aufnahniezimmer versetzte ein Offizier — eS soll Leutnant Geister gewesen sein — dem Gefangenen einen Schlag ins Gesicht. Die Soldaten riesen inzwischen: „Der Hetzer, der muß weg. Derschlagts ihn!" Landauer wurde dann mit Gewehrkolben an der Küche vorbei in den ersten Hof rechts htnausgestotzen. Landauer sagte zu den Soldaten: „Ich bin kein Hetzer, ihr wißt selbst nicht, wie verhetzt ihr seid!" Im Hofe begegnete der Gruppe ein Major in Zivil, der mit einer schlagelürtigen Keule auf Landauer einschlug. Unter Kolbenschlagen und den Schlügen des Majors sank Landauer zusammen. Er stand jedoch wieder auf und wollte zu reden anfangen. Da rief ein Vizewachtmeister: „Geht mal weg!" Unter Lachen und freudiger Zustimmung der Begleitmannschaften gab der Vizewachtmeister zwei Schüsse ab, von denen einer Landauer in den-Kopf traf. Landauer atmete immer noch. Da sagte der Bizewachtmeister: „Das Aas hat zwei Leben, der kann nicht kaput gehen!" Ein Sergeant vom Leibregiment, der sich noch immer in Stadelheim befindet, rief: „Zieh'n wir ihm doch den Mantel runter" und wollte auf den Ring hin, den Landauer am Finger trug. Ich sagte dem Sergeanten, er möge Landauer' den Ring lassen. Der Mantel wurde ihm jedoch von dem Sergeanten ausgezogen. Da Landauer noch immer lebte, legte man ihn aus den Bauch. Unter dem Ruf: Geht zurück, dann lassen wir ihm noch eine durch!" schoß der Vizewachtmeister Landauer in den Rücken, daß es ihm das Herz herausriß und er vom Boden wegschnellte. Da Landauer immer noch zuckte, trat ihn der Äizewachtmeister mit den Füßen zu Tode. Dann wurde ihm alles heruntergerissen und seine Leiche zwei Tage lang ins Waschhaus geworfen. Ueber diese furchtbaren Gewalttaten berichtet die deutsche Presse kein Wort. Gerade Landauers Schicksal ist für den Geist des neuen Deutschland sehr charakteristisch. Denn Landauer, über den so viele Lügen wie überhaupt Nachrichten in die Welt gesetzt wurden, war kein „Spartakist", auch kein „Bolschewik"; feinem innersten Wesen widerstrebte jede Gewalttat; wenn er überhaupt an den Bewegungen der Kommunisten teilnahm — sein Zusammenhang mit ihnen war, wie jetzt erwiesen ist, ein äußerst loser — so tat er es nur, um immer wieder mit dem ganzen Gewicht seiner Persönlichkeit gegen die Anwendung von Gewatt Einspmch zu erheben und zu erinnem, daß nur durch Menschlichkeit und Liebe das Werk der Revolution vollendet werden könne. Eine Zeitlang übernahm er das Volkskommissariat für Volksausklärung, weil er meinte, in diesem Amte seinem einzigen Ziel dienen zu können: der Erziehung der Menschheit im Geiste der Menschlichkeit zu einer Gemeinschaft der Liebe. Alle, die durch gedankenloses Nachplappern .der Schmähungen das Andenken dieses großen Juden beschmutzen, haben die Pflicht, wenigstens seinen (eben im Verlag Paul Cassirer, Berlin, neu aufgelegten) „Auftuf zum Sozialismus", dann das Buch „Rechenschaft" zu lesen, und dann selbst zu urteilen, wer dieser Mann war. Einen Menschen, der den Geist Tolstois in wunderbarer Synthese mit dem Pathos der jüdischen Propheten verband, hat das neue Deutschland von wilden Tieren zerreißen lassen. Wäre sein Geist verstanden worden, hätte man ihn gehört, anstatt des niederträchtigen Satans der Machtsucht, dann wäre Deutschland unüberwindlich gewesen und kein Imperativ der Gewalt, kein Pariser Diktat hätte ihm etwas anhaben können. Nun aber geht Deutschland hin und unterschreibt. Das äußerste, wozu man sich die Zeit über aufschwingen konnte, ist die bis zum Ueberdruß wiederholle Drohung mit dem Bolschewismus. Aber nicht der Bolschewismus, der sich auch auf Gewatt stützt und Kriege führt, ist der entscheidende Gegensatz; nicht die Sozialisierung oder ähnliche mechanische Maßnahmen werden die Menschheit erlösen und das furchtbare Joch der Unterdrücker, das auf ihr lastet, brechen. Was not tut, sind nicht heillose Verwünschungen gegen andere, sondern eine Einkehr bei sich selbst. Solange wir bei anderen die Schuld suchen, werden wir niemals die ganze Schwere dieses entsetzlichen Sündenfalles der Menschheit mit all seinen Scheußlichkellen mit lebendigem Schauder empfinden. Wir alle firib schuldig. Von Paris wird die Neugestaltung der Welt nicht ausgehen,, die deutsche Niederlage hat keine Erneuerung gebracht, der Bolschewismus wird uns nicht retten. Nur wenn es gelingt, daß, langsam und bescheiden, wieder Menschen kommen, nur wenn der Geist sich dieser zerfallenen, entgeisleten Welt erbarmt: dann dürfen wir hoffen. Deutschland unterschreibt! Rücktritt der Regler««« Scheidemann. Wien. 20. Juni. Nach Bekanntwerden des Ententeulttmatmns haben in Weimar die Sitzungen der drei Mehrheitsparteien über die Friedensfrage begonnen. Eine nach langen Beratungen vorgenvmmene Probeabstimmung der Mehrheitssozialisten ergab eine Majorität für die Unterzeichnung, allerdings fehlten zahlreiche Abgeordnete, worin man einen für die Mehrheitssozialisten charakteristischen Zug finden kann. Die Mehrheit des Zentrums schlug den übrigen Parteien ein Kompromiß vor, das die bedingte Annahme der Friedensbedingungen enthielt: Man sollte unterschreiben, jedoch gleichzeitig das Schuldbekenntnis ablehnen, ebenso die Auslieferung deutscher Heerführer und Politiker, und erklären, baß die wirtschaftlichen Bedingungen unannehmbar seien. Die Demokraten wollten diesen Kompvomißvorschlag des Zentrums durch die Forderung nach Einsetzung eines internationalen Schiebsg e r i ch t s h o f e s zur Auslegung der 14 Punkte Wilsons ergänzt sehen, und 58 Abgeordnete dieser Gruppe stimmten für die Ablehnung des Friedensverträges, falls die Gegner den Kvmpromißvorschlag ablehnen sollten. Schließlich erklärten sich nach langen Beratungen die Mehrheitssozialisten bereit, an die Entente den dringenden Wunsch zu richten, daß auf eine Auslieferung deutscher Staatsangehöriger verzichtet werde, wollten jedoch von der Erfüllung dieses Wunsches die Unterzeichnung nicht abhängig machen, wie es die Demokraten forderten. Das Kabinett selbst nahm den Standpunkt ein, baß die Unterschrift verweigert werden solle, wenn der Feind aus die deutschen Kompromißvorschläge nicht eingehen wolle. Die Sozialdemokraten und das Zentrum jedoch haben es abgelehnt, den Wünschen des Kabinetts Rechnung zu tragen und für die Unterzeichnung gestimmt. Infolgedessen sah sich bas Gesamtkabinett durch den Beschluß der Mehrheit der Nationalversammlung genötigt, noch in spater Nacht zurückzutreten. Wie offiziell gemeldet wird, wird es die Geschäfte weiterführen, bis der Reichspräsident ein neues Kabinett gebildet haben wird. Man spricht jedoch auch von der Möglichkeit einer Präsidentschaftskrise, da Reichspräsident E b e r t durch seine wiederholt abgegebenen Erklärungen ebenso festgelegt erscheint wie Sch ei bemann durch sein „Unannehmbar. Als Scheidemanns Nachfolger sollen entweder Hermann Müller oder Noske in Betracht kommen, jedoch werden auch andere Namen genannt. Doch ist diese Frage, so wichtig eine solche in normalen Zeitläuften fern mag, augenblicklich weniger interessant als die zu erwartenden Ereignisse. Die Regierungen der Entente haben nunmehr beschlossen, die Friedensbedingmrgew gemeinsam mit den genehmigten Derbesserungen im Wortlaut zu v er äffentkichen, was bisher bekanntlich verboten war. Zu gleicher Zeit gehen die von Foch geleiteten militärischen Vorbereitungen, die für den Fall vorgesehen sind, daß Deutschland nicht unterzeichnen wollte, vor sich. Es ist nunmehr zvc erwarten, daß sie sich bald als überflüssig erweisen: werden. Die Pariser Presseist bisher natürlich vielfach der Meinung, daß Deutschland nicht unterzeichnen werde. Deswegen dürfe man im Westen nichts dem' Zufall überlassen, und man werde bald sehen, ob die bisherige Hilfeleistung an Polen genüge. Inzwischen bleibe die- Tschecho-Slowaker in prekärer Lage und die Alliierten täten nichts, um den ungarischen Brand zu ersticken. Die deutsche Delegation habe in: Versailles auf die Streiks in Frankreich spekuliert. Nun müsse man ihr auch die Hoffnung nehmen, die sie auf den ungarischen Bolschewismus gesetzt habe. Deutschlcnck werde nur unterzeichnen und Wort halten, wenn es fühle, daß es zwischen Hammer und Arrckosl gestellt sei. Der Hammer im Westen sei stark, Wdjsolle man den Ambos im Osten nicht vergessen. Nach einer Meldung der Agenoe Havas hat der Oberste Wirtschaftsrat über die Frage der Wiederaufnahme privater Handelsbeziehungen mit Deutschland beraten mtb zum Ausdruck gebracht, daß es den Behörden jedes einzelnen der alliierten, und assoziierten Länder überlassen bleiben solle, selbst 'zu entscheiden, ob sie ihre Staatsangehörigen für Wiederaufnahme der Handelsbeziehungen mit Deutschland in den durch die Blockade gezogenen Grenzen ermächtigen wollen. Nach den Meldungen Pariser Blätter soll die Antwort ans die Bemerkrmgen Dr. Renners j nahezu fertiggestellt sein und der deutsch österreichischen Delegation vermutlich gleich nach Wilsons Rückkehr aus Belgien übermittelt werden. Nunmehr, da man mit der Unterzeichnung des Friedensvertrages durch Deutschland nahezu sicher rechnen kann, darf man der Antwortnote an Deutschösterreich mit Spannung entgegensetzen. Das größte Hindernis für den Deltftieden der Zukunft würde mit Deutschlands Unterschrift aus dem Wege geräumt. Es ist mehr als eine Frage müßiger Neugier, ob die Entente Deutschösterreich gegenüber mehr Entgegenkommen beweisen wird, als sie es gegen Deutschland getan hat. Dieses ist und bleibt ein großes Land , und ein geschlossenes Wirtschaftsgebiet und wird sich mit der Zeit wieder erholen können, der Friedensentwurf für Deutschösterreich schafft einen Zustand, der von vornherein unmöglich ist und geändert werden muß, wenn g evrdneteZustänbein Mitteleuropa einkehren sollen. Ein Brief PaÄerervskis cm Wilson über die jüdische Frage. Der Krakauer „Czas" meldet aus Warschau: Der polnische Ministerpräsident Paderewski richtete an Wilson folgenden Brief: „Paris, 31. Mai 1919. Geehrter Herr Präsident! Ich habe Kenntnis von den Meettngs in den Vereinigten Staaten erhalten, auf denen gegen die Behandlung der Juden in Polen protestiert wurde. Die Rapporte, welche die Grundlage jener Proteste bildeten, sind von der Wahrheit weit entfernt. Die polnische Nation hat wiederholt Gelegenheit gehab, ihre Toleranz der jüdischen Bevölkerung gegenüber zu betonen. Wir haben oft bewiesen, daß wir keine judenfeindliche Politik betreiben. Der Krieg hat den Keim zu Konflikten in allen Ländern, nicht nur in Polen, gelegt. Infolgedessen ereigneten sich in einigen Teilen unseres Landes bedauernswerte Fälle, welche jedoch nur lokale Ausschreitungen sind, wenn wir sie mit den täglichen Massakres der jüdischen Bevölkerung in manchen Teilen Rußlands vergleichen. In überwiegender Mehrheit war die herausfordernde Haltung der jüdischen Bevölkerung die Ursache jener Vorgänge in Polen. Die in den jüdischen Zeitungen erscheinenden zahllosen Artikel weisen ebenfalls einen eminent herausfordernden Charakter auf und vertiefen, Indem sie die öffentliche Meinung aufreizen. die Kluft der gegenseitigen Mißverständnisse. Die in Polen vorgekommenen Ausschreitungen wurden von dkr Negierung und von der Nation streng verurteilt. Man würde daher sowohl der Negierung, wie auch der Nation Unrecht tun, wenn man den tendenziösen Gerüchten Glauben schenken würbe. Ich wende mich an Sie, Herr Präsident, mit der Bitte, dieser unwürdigen Agitation durch Entsendung einer Spezialmission nach Polen zwecks Untersuchung der tatsächlichen Lage und der Berichterstattung über dieselbe ein Ende zu bereiten. Dadurch würden die Anschuldigungen, unter denen mein Vaterland leidet, hinfällig werden. Polen hat immer durch die Tugend der Toleranz geglänzt, und dies sogar in jenen Zeiten, da diese Tugend in anderen Ländern noch'unbekannt war. Meine Natton erachtet es daher als erstklassige Notwendigkeit, daß ein unparteiisches Zeugnis. gerechter Männer diese Anschuldigungen entkräfte. Paderewski." . * So wird's gemacht; erst veranstaltet man Pogrome, dann leugnet man sie, dann schiebt man den Juden die Schuld zu. Die Juden zeigen eine herausfordernde Haltung. Die Herausforderung liegt nämlich in ihrer Existenz. Und was die Toleranz der polnischen Nation anlangt, so besteht sie in der Duldung der Leichenbegängnisse der Pogromopfer, eine Toleranz, die tatsächlich bank der ganzen Arbeit der Po jener und Hallerscheu Soldaten sehr weit geht. Die „lokalen Ausschreitungen" haben sich in fast jehem von Juden bewohnten Ort auf der Linie Warschau—-Krakau zugetragen und es sind ein paar tausend Männer, Frauen und Kinder um Leben oder Gesundheit gekommen. Wenn man das >,lokale Ausschreitungen" nennen will, so ist das eine starke Korrektur der Wahrheit. Es ist sicherlich jedermann klar, h-ß es zwischen Polen und Juden zu irgendeinem Ausgleich kommen muß. Der heutige Zustand ist unhaltbar. Aber, ist den polnischen Machthabern noch nie der Gedanke ge- Kimmen, daß es jedem Vertreter der Idee eines vernünftigen Zusammenlebens der beiden Völker schwer, ja unmöglich gemacht wird, einem modusvidendi das Wort zu reden, wenn unaufhörlich jüdisches Blut unter den Äugen der polnischen Regierung vergossen, jüdisches Gut geplündert, jüdisches Eigentum zerstört wird? Angesichts solcher Vorfälle von gegenseitigen Mißverständnissen zu sprechen, ist mehr als Zynismus. . Zur gleichen Zeit mit dieser Ableugnung des Ministerpräsidenten geht uns aus Breslau folgende Meldung zu: ,Don amtlicher Stelle wird auS Polen - gemeldet, daß in Praszka an der deutschen Grenze ein großer Judenpogrom stattgefunben habe. Zwanzig Juden wurden getötet. Die „Krakauer Zeitung" gibt als Grund für die Unruhen dir Agitation und die „herausfordernde Haltung" der Juden an, die andauernd „demonstrativ sich der deutschen , Sprache bedienen" und auf diese Weise die Soldaten der Armee Haller Herausforderin" Das ist die Tugend der Toleranz, durch die Polen immer geglänzt hat und die zu rühmen Herr Paderewski, der ehemalige Herausgeber des blutrünstigen Nitnalmordblattes. „Zweigroschen", unternimmt.

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