Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 152 (21.6.1919)
- Date
- 1919-06-21
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Heute vormittags wurde eine Rote des Reichsmmisters Grafen Brockdorff-Rgntzau an den Präsidenten der Friedenskonferenz, Clemeneeau, übergeben, in welcher unter anderem gesagt wird: Die Prüfung der vier Urkunden, die dem Generalkommiffär der Delegation am 16. d. M. ausgehändigt worden sind, hat ergeben, daß in dem Begleitschreiben und in der Denkschrift eineAnzahlvonZugeständnissen angekündigt wird, die sich nachher in dem Text, wie er jetzt handschriftlich verändert worden ist, nicht Vorgefunden haben. Die Entscheidung fällt Dienstag Berl 1 n, 20. Juni. (Korr.-Bur.) Die „Voffische Zeitung" schreibt: Es ist ganz ausgeschlo s s e n, daß bis zum Montag, abends 7 Ähr, die deutsche Antwort in Versailles sein kann. Die deutsche Friedensdelegation wird daher um eine Verlängerung der Frist b i t L e n. Man glaubt, daß diese Verlängerung gewährt werden wird. Für diesen Fall soll die Nationalversammlung erst am Dienstag ihre entscheidende Sitzung abhalten. Roske berät mit den Generalen. B e r l i «, 20. Juni. (Korr.-Bur.) Der „Lokalanzeiger" meldet aus Weimar r Im Schloß Belvedere fand gestern eine Besprechung statt, an der außer dem Reichswehrminister Roske die Generale G r o e n e r, Märke r, Lüttwitz» von Oldershansen und KMösminifter R e i chih a r dJ" Mknahmen> In sör Befprechung beschäftigte matt sich mit d e^ Militärischen L a g e. Schlechte Getreideernte in Kanada^ Bedeutend weniger Weizen als im Vorjahre. London, 20. Juni. (Tel.-Komp.) Aus Montreal wird gemeldet: Rach amtlicher Feststellung ist die G e t r e i d e e r n t e v i e l geringer, als ursprünglich erwartet wurde. ES wurde nicht nur bedeutend wenigerWeizen als im Vorjahre angebaut, die Ernte litt hener auch durch zahlreiche Gewitter und Stürme. Hermann Müller mit der Bildung des Kabinetts betraut. Berlin, 20. Juni. (Korr.-Bur.) Die „Voffifche Zeitung" erfährt kurz vor Redaktionsfchluß, daß Reichspräsident Ebert den mehrheitsfozialistifchen Abgeordneten Hermann Müller mit der Bildung des Kabinetts betraut hat. Schwierigkeiten der Kabinettsbildung. Berlin, 20. Juni. (Korr.-Bur.) Der neuen Regierung sollen auf alle Fälle Mehrheits fozialisten und Zentrumsmitglieder angehören. Ob auch Demokraten als Vertreter ihrer Partei in die Regierung eintreten werden, ist höchst ungewiß. Zn der Sitzung der demokratischen Fraktion heute vormittags werden für den Eintritt in die Regierung PedLügUNgen ausgestellt, die von den Mehrheitssozialisten sicher ab gelehnt werden. Polnische Zndenmetzelei. Berlin, 20.Juni. (Korr.-Bur.) Die„Vossische Zeitung" meldet ans V r e s l a u: Von amtlicher Stelle wird aus Polen gemeldet; In P r a s z k a, südlich von Wiblung, an der deutschen Grenze wurden gestern 26 Juden erschossen. Kiew von der Entente besetzt. Prag, 20. Juni. (Tel. der „Wr. Morgenztg.") Hier ist aus Paris die Nachricht eingetroffen, daß Ententetruppen die Bolschewiken aus Kiew verdrängt und die Stadt besetzt haben. Der Triumph der Gewalt. j w 2B i c n, 21. Juni. \ „Ein Mythos, eine Zettungsphrase: in Deutsche lanb sei Revolution ausgebrochen. Ein paar Meutereien, die alte Obrigkeit drückte sich. Im Horror vacui machte die Untrigkeit neue Behörden." Mit diesen Worten zieht der junge deutsche Dichter Alfred Döbliu in Deutschlands angesehendster Zeitschrift der „Neuen Rundschau", die Bilanz der deutschen Revolution. In dem Augenblick, wo Deutschland sich anschickt, mit größtem Widerstreben und mit schmerzlichsten Empfindungen den Frieden zu unterschreiben, den ihm derSieger,erbarmungslos auf seine Gewalt pochend, diktiert, muß man mit tiefster Enttäuschung feststellen, daß hier eine Chance der Geschichte mit beispielloser Verständnislosigkeit vertan ward. Nicht selten ist es geschehen, daß, wer in der relativen Welt des irdischen materiellen Getriebes Sieger war, in Wirklichkeit der Besiegte wurde, daß der Besiegte, durch äußere Gewalt in Fesseln geschlagen, sich ergeben mußte, aber in der Welt des Geistes, wo Ideen gegen Ideen Kämpfen, wo Gewalt machtlos und Mogeln wirkungslos ist, entscheidend triumphierte. Die Niederlage Deutschlands gab eine Hoffnung; aber nur zu bald zeigte es sich, daß die deutsche Revolution keine Revolution war — die immer ein geistiges Ereignis ist — sondern eben nur Meutereien eines durch die Nichterfüllung der gemachten Versprechungen enttäuschten, über die Niederlage mißvergnügten, im übrigen durch fünfjährigen Krieg zuchtlos gewordenem Haufens. Deutschland muß heute unterschreiben, denn es kann sich der Einsicht nicht verschließen, daß dieser Friede der Lage entspricht. Alles Räsonnieren über den Rechtsstichen, alle an die Adresse der Entente' und besonders Wilsons gerichteten Ermahnungen,' ihrem« Idealismus doch treu zu bleiben, mußten wirkungslos, bleiben, weil dieser Idealismus nirgends eine reale Macht geworden war, nirgends lebendig war, auch in den Herzen der Deutschen nicht. Man scheut sich gar nicht einzugestehen, daß Deutschland, hatte es gesiegt seinen Feinden einen noch härteren Frieden auferlegt hätte; und stellt man dies in Abrede, so tut man das in bewußter Heuchelei, um vielleicht doch auf die Tränendrüsen der Entente zu wirken. Man hat sich verrechnet, das ist alles; Gewalt erleiden ist Zimmer unangenehm und immer wird der Unterdrückte ^dagegen remonstrieren. Aber selten, nur zu selten, führt dieses Erlebnis der erlittenen Gewalt zu einer wirklichen inneren Läuterung, welche eine Ueberwindung des Gewaltbegriffes überhaupt ist. Die Partei, welche durch die deutsche Revolution zur Macht gekommen fft, die Mehrheitssozialdemokratie, hat sofort einen Staat aufgerichtet, dev sich in allem wieder aus Gewalt stützt. Während das Gottesgnadentum der Hohenzollern sich immerhin auf eine jahrhundertealte Tradition aufbaute, hat die Regierung der deutschen Republik für die Heiligkeit ihres Systems nichts anderes geltend zu machen als den Erfolg. Der Revolutionär, dem die Revolution noch nicht beendet scheint, weil zu viel Requisiten des alten Systems noch lebendig find, ist ein „Hochverräter" — wenn er nämlich nicht selbst Erfolg hat. So sehr ist diesen seltsamen Revolutionären der ideelle Gehalt des Begriffes Revolution entschwunden, daß sie über „Hochverräter" Gericht zu halten sich vermessen, daß sie mit Galgen, Polizei und Maschinengewehren die errungene Machtposition gegen neue Revolutionen schützen. In dieser Zeit, wo Deutschland aus tausend Kehlen Gerechttgkeit anrief, hat es nicht verstanden, daß es nur einen Weg zur Gerechtigkeitgibt: Gerechtigkeit verwirklichen. Daß dies eine Macht wäre, von der alle Bajonette der Entente wirkungslos abprallen müßten. Man braucht nicht Kommunist zu fein — wir sind gewiß weit entfernt davon — und kann über die notwendigen und ersprießlichen Formen der Wirtschaftsorganisation und der Güterproduktion seine eigenen Anschauungen haben, aber man wird nur mit tiefstem Bedauern und. äußerstem Abscheu die Art verurteilen, mit der das neue offizielle Deutschland gegen Menschen vorging, die über das Wesen der Revolution anderer Ansicht waren. Das traurige Kapitel der Spartakistenkämpfe und des Bürgerkrieges ist noch nicht genügend aufgehellt; sicher ist, daß die deutsche Regierung nichts tat, um die Stimmung des Volkes zu beruhigen und daß sie ganz im Geiste Ludendorffs förmliche Feldzüge gegen die Unbotmäßigen veranstaltet hat, über die dann geschmacklose, abstoßend wirkende Schlachtberichte! veröffentlicht wurden. Und gegen die Führer derOppo-> Spartakus rüstet. Waffenschmuggel. — Kommnnistenzentrale Hamburg. — Spartakistischer Kurierdienst. — Eichhorn im Braunschweig. Berlin, 20. Juni. (Korr.-Bur.) Wie eine Lokalkorrespondenz meldet, sind die Behörden jetzt einem im großen Stil angelegten Waffenschmuggel zwischen Hamburg, Berlin und Braunfchwerg auf die Spur gekommen. Bekanntlich find von Mitgliedern der kommunistischen Partei in Berlin Waffendiebstähle und Wäffenküufe vorgenommen worden, die größeren Ämfang annahmen. Wie jetzt feststeht, befindet sich die Zeutrale dieser auf neue bewaffnete Putsche hinarbeitenden Gruppe in Hamburg. Von dort aus wird die Bewegung, die sich wieder über ganz Deutschland ausdeh nen so ll, geleitet. Besondere Kuriere verkehren zwischen Hamburg, Berlin und Braunschweig, dem Aufenthaltsort Eichhorns. Die Boten find vielfach Eiseubahnangestellte, unter denen eine starke kommunistische Propaganda getrieben wird. Der Verkehr zwischen Berlin und Hamburg geht zumeist auf dem Wasserwege vor sich. Der Sträflingsputsch in Weimar. Ei« kou^nunistisches Unternehme«. — Sturz der Reichsregiernng geplant. Berlin, 20. Juni. (Korr.-Bur.) Der „Lokalanzeiger" meldet ans Weimar: Die Untersuchung in Sachen des Weimarer Putsch es hat ergeben, daß es sich um ein planmäßig vorbereitetes Unternehmen der Kommunisten gehandelt hat. Man beabsichtigte, die Weimarer Negierung aufzuheben und nach Gotha zu bringen, worauf eine kommunistische Regierung für das Reich in Weimar eingesetzt werden sollte. Die Gothaer Regiernngskreise find in den Hochverrat verwickelt und Verhaftungen stehen unmittelbar bevor.