Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 151 (20.6.1919)
- Date
- 1919-06-20
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Dien, Freitag Wiener MorgenzeiL»ng Die Arbeit der Kommunisten. Die Festung in -er Alserstratze. — 124.00» Arbeitslose in Wien. — Ungar« will den Schlag gegen die Entente vorbereiten. — Die Beisetzung der Todesopfer. Wien, 20. Sunt. Mil unverminderter Intensität wird die kommunistische Agitation weiter betrieben. Das Parteilokal .der^ ffottttttuiu st e 11 in der Alserstraße ist militärisch in Verteidigungszustand ’: besetzt und steht unter der fortdanerndcn Bewachung von Mannschaften des kommunistischen Volkswch r» vataillons in der Selzergasse. Im Hause sind auch zwei Maschinengewehre ausgestellt. In dem Hanse haben die Kommunisten ihr Parteisekretariat eingerichtet und wollen dort auch eine eigene Druckerei für ein täglich erscheinendes Organ umstellen. In der Umgebung des kommunistischen Parteihäuses herrscht ein ungemein lebhaftes Treiben. Den ganzen Tag über fahren Automobile ab nhb zu, deren Insassen deirtlich als Ausländer, namentlich Ungarn, zu erkennen sind. Die Bewachung war besonders am Dienstag abends stark, als die Kommunistenführer im Hause eine Besprechung abhielten. . , In allen Straßen setzen die Sendkinge dieser Partei ihre Tätigkeit fort. Flugzettel werden gedruckt, und da die Polizei deren Verbreitung verhindern wollte, werden die Zettclausteiler von kommunistisch gesinnten Volkswehrmännern begleitet, die jede 'Störung der Agitation lnntanh alten. Auch dir Umtriebe der aus Budapest entsendeten Agitatoren werden imgeschwächt und unter dem bewaffneten Schutz der Wiener Kommunisten fortgesührt. Die Regierung ist zwar entschlossen,! diese Emissäre auszuwcisen, steht aber vor der Schwierigkeit, daß diese Herrschaften aus den Hotels', in denen sie sich bisher befanden, in kommunistische Kasernen oder in das ungarische G'esändtschaftspalais in der Bankgasse übersiedelt sind, daher fiir den Augenblick wenigstens der Behörde nicht erreichbar sind. Ein Einschreiten gegen die ungarische Gesandtschaft bas von vielen Abgeordneten, namentlich von den sozial-' demokratischen und den christlichsozialen Führern gefordert wird, wird ebenfalls unterbleiben müssen. Im vorgestrigen Kabinettsrat, wo dieses Verlangen gestellt wurde, entschied man sich gegen eine solche Maßregel. Bestimmend hierfür waren die Bedenken, die der Staatssekretär für Aeußeres Dr. Bauer äußerte und die er mit dem Hinweis auf die in Ungarn befindlichen deutschösterreichischen Milliardeuwerte, die dadurch gefährdet würden, begründete. Es soll zunächst versucht werden, die ungarische Regierung im Verhandlungswege zur Einstellung ihrer kommunistischen Propaganda in Vien zu bewegen. Die Negierung ist ferner entschlossen, die kürzlich publizierte Ausweisverordnung gegenüber den nach dem 1. Marz eingewanderten Ungarn strenge dnrchzuführen. Rach Ansicht der Abgeordneten-müßte auch ein Einreiseverbot erlassen werden und eine strenge G'renzüberwachung gegenüber Ungarn stattsinden. v Bei der Beurteilung der ganzen Sachlage darf man nicht übersehen, daß die Verordnung über die Einstellung Arbeitsloser in die Betriebe sich bisher noch nicht ganz durchsetzen konnte. Es wurden bisher im ganzen 3000 Personen, zumeist Metallarbeiter, Holzarbeiter, Bäckergeh ilsen und Kellner untergebracht. Dagegen.ist infolge der Transportkrise die Zahl der arbeitslosen Transportarbeiter und Hilfsarbeiter gestiegen, während die Zahl der stellenlosen Handels- und Privatangestellten sich nicht verringern will. In Wien zählt nian derzeit ■ t-; '<; ~~ =' ' - 124.000 Arbeitslose, die einerseits durch die staatliche Unterftützung das Budget außerordentlich belasten, andererseits aber dir soziale Krise in dauernder .Spannung erhalten« Inland. Die Nationalversammlung und der Frieden. ' Die Nativnatbersainnilung wird, wie bereits gem'ledet, voraussichtlich im Laufe der nächsten Woche, und zwar, falls bis dahin die finanziellen Fried ensbedingungen, wie man erwartet, bekannt sein sollten, bereits am Dienstag zu ihrer nächsten Sitzung zusammentreten. Borher wird» der!Hauptaussch uß zu' den finanziellen Friedensbedingungen Stellung nehmen. Diesen Beratungen wird eine Besprechung des Staatslanzbers Dr. Renner mit dem Präsidenten Seitz, dem Vizekanzler Fink und dem Staatssekretär Doktor Bauer vorangehen. Für die nächste Sitzung der Nationalversammlung 'würde der Friedensvertrag als' "Ganzes vorliegen und in seiner Gesamtwirkung beurteilt werden können. Die Gegennoten auf den ersten Teil des Friedensvertrages sind, tvie bekannt, bereits an die Entente abgegangen. Derselbe Vorgang würde auch bei den wirtschaftlichen und finanziellen Fragen ein gehalten werden. Es würde also eine wirtschaftliche und eine finanzielle Antwortnote von der Friedensdelegation im Einvernehmen mit der deutschösterreichischen Regierung ausgearbeitet und der Entente überreicht werden. In Abgeordnetenkreisen mißt man den Verhandlungen, die mit der italienischen Negierung über D e n t s ch s ü d t i r o l eingeleitet wurden, große Bedeutung zu. Man hält es nicht für ausgeschlossen, 'daß auf diesem Wege das Problem Deut schsüdtirols eine Lösung erfährt, die eine gänzliche Losreißung dieser deutschen Gebietsteile von Deutschösterreich verhindert. Auch besteht die Meinung, daß der endgültige Friedensvertrag speziell in wirtschaftlicher und finanzieller Beziehung nicht unwesentlich e Erleichterungen gegen über den ursprünglichen Bedingungen aufweisen dürfte. Schon im Zusammenhang mit der nahen entscheidenden Schicksalsstunde des dmtschöslerreichischen Staates betonen die Abgeordneten, daß die deutsch« Jft also auf diese Weise der kommunistischen Hetzerei ein ständiges, stets aktionsbereites und für alle Schlagworte zugängliches Reservoir offen, so fließt auch aus Ungarn ein stets breiter werdender Geldstrom nach Wien. Schon . die letzte, auf morgen vertagte Debatte im Wiener Kreisarbeiterrat, erwies deutlich die Gefährlichkeit der ungarischem Anstrengungen, den Boden Deutschösterreichs zu unterwühlen, um der kommunistischen Welle das Terrain - bis an die Schweizer Grenze vorznbereiten und' zum Schlag gegen die Entente zu rüsten. Vor allem aber erwartet die ungarische Räteregierung von einen Umsturz in D'eutschösterreich, Rettung ' aus der finanziellen Krise, in der sie sich befindet. Daraus erklären sich ihre verzweifelten Bemühungen, durch ihre Sendlings die Dinge in D'eutschösterreich dem von ihnen ersehnten Ziele zuzutreiben. Trotz der Knappheit der 'Geldmittel in Budapest und der daraus erwachsenden Verlegenheiten der Sowietregieicung werden immer neue MMisnen über die Grenze gebrächt, die entweder durch Vermittlung der Ungarischen 'Gesandtschaft oder direkt den Wiener Vertrauensmännern der Budapester Kommunisten zur Verfügung gestellt werden. So ist erst in den letzten Tagen ein Budapester Kommunist, der sich Preiß nennt, aber mit seinem richtigen Namen Barn auerheißen soll, in Wien eingetroffe'n und in einem Hotel in der Inneren Stadt abgeskiegcu. Dieser Mann ist! auf bisher unaufgeklärte Weise über die Grenze gelangt und hat, wie in ungarischen Kreisen mit aller Bestimmtheit erzählt wird, einen Betrag von rund.70 Millionen Kronen hereingeschmuggclk. Diese enorme 'Geldsumme ist mit der Bestimmung hergebracht worden, die Agitation und die Vorbereitung des Putsches zu fördern. Der . angebliche Herr Preiß ist nach kurzem Aufenthalte ini Hotel aus diesem spurlos verschwunden« Die Beerdigung! der Opfer. Der Ausschuß des Kreisarbeiterrates hat für die heute nachmittags stattfindende Beisetzung der bei den Unruhen am Sonntag erschossenen siebzehn Personen folgendes beschlossen: Die Leichen werden in der Volks halle des neuen Rathauses a u f g e b a h r t. Die Besichtigung der Leichen wird.nur geaen Eintrittskarten bis 2 Ahr nachmittags gestattet sein. Bei der Beisetzung der 'Leichen, werden nur drei Reden gehalten werden, und zwar von' den Delegierten' der sozialdemokratischen, der kommunistischen Partei und der Jugendorganisation. Der Leichenzug, der von den Bezirksarbeiterxäten flankiert wird, wird sich bis znm Schwarz enb erg platz bewegen. Dort wird sich der Zug auflösen, und der Kondukt wird nur von den nächsten Angehörigen der Toten bis zum Friedhof begleitet werden. Die Volkswehr wird ohne Waffe an dem Zuge teilnehmen. , Außerdem ist im Ärbeiterrat ein Uebereinkommen dahin erzielt worden, daß an dem Tage des Leichenbegängnisses keinerlei parteipolitische Flugzettel verteilt werben. Rote Fahnen werden, wenn sie beim Leichenbegängnis Verwendung finden, ohne Inschrift getragen werden. An der Bahrender Toten werden, dem ■ Beschluß. des Arbeiterrates gemäß, insgesamt nur d r e i K r ä n z e von jeder Partei niedergelegt werden. Wir richten an die jüdische Bewohnerschaf't Wiens die dringende Aufforderung, heute, wie überhaupt in Zukunft, diesen und ähnlichen Veranstaltungen fernzubleiben und insbesondere die Kinder unter sicherer Aufsicht i n d e n W o hn un g e n z u b e l a s s e n. österreichische Bevölkerung und' der deutschösterreichische Staat keinen verhängnisvvllen Erschütterungen ansgesetzt werden dürfen. Ein neuer Land esbefehlsh ab er für Niederösterreich. Da Generalmajor Emanuel W e r z, Landesbefehlshaber für Niederösterreich, schon durch mehrere Monate an der Einrückung auf seinen Dienstposten verhindert ist, wurde vom Staatsamt für Hermesen seine Enthebung verfügt. Zum Landesbefehlshaber für Niederösterreich wird Oberst Johann Haas ernannt. Beratungen über die polnisch-ukrainische und deutschösterreichisch-jugoslawische Grenzen. Saint-Germain, 19. Juni. (Korr.-Bur.) Die fünf Minister des Aeußern haben sich gestern versammelt, um über die Grenze zwischen der Ukraine und Polen, insbesondere in Galizien, zu beraten. Nach den Pariser und den englischen Blättern wurde keine Einigung erzielt. Ueberdies wurde über die Bestimmung der internationalen Verwaltung Danzigs und über die Grenzen zwischen Oesterreich und Jugoslawien in Kärnten verhandelt. t Friede bis 10. Juli. Bevorstehendes Ultimatum an Deutschösterreich, n Genf, 19. Juni. (Tel. der „Wr. Morgenztg.") „Temps" meldet: Auch die Antwort der Alliierten auf die d e u t s ch ö st e r r e i ch i s ch e Gegennote wird dasselbe Ultimatum enthalten, wie es jetzt Deutschland gestellt worden ist. Die Alliierten sind entschlossen, unter allen Umständen b i s 10. Juli alle Friedensverträge unter Dach und Fach zu bringen. Eingesendet. Tekpam tittd fmk «ach MKa befördert .--Amerikaner Grossr, Cafe Weiss, Taborstvasse, jeden "J’.-ie von 10 bis 4 Ubr nachmittags, nri-i 20. Juni 1919 'Nr. 151 Telegramme. Die Zwischenfälle in Odessa: Französische Kammer. Paris, 19. Juni. (Haoas.) Die Verhandlung der Interpellationen über die Zwischenfälle in Odessa und über die Politik der Verbündeten in Rußland wurde gestern beendet, Unterstaatssekretar Abrami teilte der Kammer die Ergebnisse der von General Humbert veranstalteten Untersuchung mit, wobei er feststellte, daß Fälle grober Fahrlässigkeit zu verzeichnen waren. Clemeneeau habe Franchet d'Esperey telegraphisch den Auftrag gegeben, alle notwendigen Strafmaßnahmen gegen nachlässige Offiziere, erforderlichenfalls sogar gegen den Oberbefehlshaber der französischen Armee, General Maclavont, zu ergreifen. P i ch o n nahm Stellung gegen den Bolschewismus und legte die Politik der Regierung hinsichtlich Rußlands dar. Es fei notwendig, daß die ganze russische Demokratie wiederhergestellt werde, die der deutschen Umarmung sich werde entwinden können. Hierauf wurde die Debatte geschlossen. Die englischen Truppen kampfmüde. Amsterdam, 19. Juni. „Daily Herald", vom 16. d. M. berichtet über neue Fälle von Weigerungen englischer Truppen.! sich Übersee einschifsen zu lassen. Zweihundert Mann des Regiments Gordon Highländer in Aberdeen, die nach Indien transportiert werden sollten, verließen die Baracken und traten mit den städtischen Behörden von Aberdeen in Fühlung, um darzulegen, daß sie sich nur für die Dauer des Krieges verpflichteten und daher ihre Verschiffung nach Indien sechs Monate nach Abbruch der Feindseligkeiten eine Nichteinhaltung der Bedingungen durch die Regierung, unter denen sie sich verpflichtet, haben, darstelle. i Aehnliche Zwischenfälle ereigneten sich im. Brocktownlager in der Nähe von Stafford. Ein radikal-sozialistisches englisches Kabinett. Berlin, 19. Juni. (Korr.-Bur.) Der Korrespondent der New-Borker „Evening Post" meldet, er habe aus guter Quelle erfahren, daß Lloyd George die Absicht habe, unmittelbar nach der Unterzeichnung des Friedensvertrages das englische Kabinett umzubilden und an die Spitze eines aus Radikalen und sozialistischen Ministern zusammengesetzten Kabinetts zu treten. Die gleiche Entwicklung werde sich in I t a 11 c n vollziehen, wo Bisiolati ein radikales sozialistisches Kabinett bilden werde.; Die kriegerischen Ziele des Völkerbundes. New-2)ork, 19. Juni. (Korr.-Bur.) Die Debatte über die Resolution K n o x, die die Trennung des Friedensvertrages vomVölker- Kunde verlangt, wurde gestern eröffnet. K n o x wurde mit großer Aufmerksamkeit angeyört. Entgegen der Bestimmung, die Beifallsbezeugungen der Galerie verbietet, wurde an der Stelle seiner Rede, wo er erklärte, daß nach seiner Meinung die Liga der Nationen eher kriegerische als friedliche Ziele verfolge, mit Applaus überschüttet. Protest der englischen Frauen gegen die Blockade. Amsterdam, 19. Juni. (Korr.-Bur.) In London wurde am Montag eine große Protestversammlung von Frauen gegen die Blockade abgehalten. Aus Wien war ein Telegramm der Frau Ethel W i l l i a m s eingelaufen, worin sie erklärt, daß sich 80 Prozent der Mütter Wiens im Zustande dauernden Hungers befinden, da alles für die Kinder geopfert wird. Engländer und Amerikaner vernichten Kriegsmaterial. Saint-Germain, 19. Juni. (Korr.-Bur.) Dem „Matin" zufolge hat die englische Armee in der Gegend von Lille mit der Vernichtung des Kriegsmaterials begonnen, dessen Heimtransport sich nicht lohnt. Die Amerikaner haben bei Chateau-Roux ungezählte imprägnierte Plachen und ihre gesamten Barackenlager verbrannt. j England hält nach Deutschland bestimmte Transporte zurück. i n Basel, 19. Juni. (Tel. der „Wr. Morgenztg.") Die „B a s e l e r N a ch r i ch t e n" melden: Amerikanische Schiffsladungen, die für Deutschland bestimmt waren, wurden im englischen Hafen Falmout h aufgehalten.! Wahrscheinliche Wiedereinführnng der Höchstpreise in England. London, 19. Juni. (Korr.-Bur^ Angesichts der Lebensmittelteuerung ist es sehr wahrscheinlich, daß die vor einigen Wochen ausgegebene Preiskontrolle seitens der Regierung vor dem Winter wieder emgeführt werden wird.