Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 151 (20.6.1919)
- Date
- 1919-06-20
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 161 Wien. Freitag Politische^krmdschau. Der Versailler VernichLungsplan. So sinalso die letzten Hoffnungen, die man in den vergangenen Wochen auf eine Milderung der Friedensbedingungen setzen mochte, dahin. Eine Zeitlang schien es, als ob, vor allem unter dem Einfluß der englischen Liberalen, wenigstens die wirtschaftlichen Bestimmungen eine Aenderung erfahren würden. Der englische Kaufmann hat ein gutes Auge für wirtschaftliche Möglichkeiten und Unmöglichkeiten, er weißdaß er bak> den mitteleuropäischen Lieferanten und Abnehmer brauchen wird, und die politische Reise und Tradition schützt ihn davor, aus reiner Rachsucht Pfeile abzuschießen, die schließlich auf den Schützen zurückfliegen müssen. Alles das, was die ursprünglichen Bedingungen für Deutschland unannehmbar machte, ist unverändert aufrechterhalten. Die Kolonien werden nichr zurückgegeben, trotzdem wird die wirtschaftliche Gleichberechtigung versagt. Und da Deutschland feinen Feinden die einseitige Meistbegünstigung gewähren muß, so wird es weiter um seine lebensnotwendige Einfuhr zu ihnen bitten gehen urrd die Preise zahlen müssen, die man ihm diktiert. Auch bei der Auslieferung der Flotte wird es bleiben. Nicht nur, daß dadurch die Abhängigkeit im Außenhandel von England noch stärker wird, entgehen der deutschen Volkswirtschaft dadurch jährlich Milliarden, mit denen sie nunmehr an England tributpflichtig wird. Der dauernde Entgang, der daraus erwächst, ist schlimmer als eine Erhöhung der Kriegsentschädigung um das Doppelte des Geldwertes der Fktte. Was die Entschädigungssrage betrifft, so hatte Deutschland einen Betrag von 100 Milliarden Mark in Gold zur Zahlung angeboten. Nach Ansicht kundiger Kreise ging diese Summe weit über seine Leistungsfähigkeit hinaus; sie wurde offenbar in der Absicht festgesetzt, den Feinden die Ueberzeugung beizubringen, daß es Deutschland nicht ums Schachern zu tun sei, sondern daß es den festen Willen habe, bis an die äußerste Grenze seiner Leistungsfähigkeit zu gehen. Daß es mir seinem Anbot über diese Grenze hinausschoß, geht daraus hervor, daß man in Amerika und England fast geneigt war, darauf einzugehen. Die Entente'hat schließlich abgelehnt. Offenbar rechnet sie damit, 'weit mehr zu erhalten. Denn wegen einer Differenz .von einigen Milliarden hätte man bas Anbot doch nicht zurückgewiesen. Nur schade, daß die Antwortnote nicht auch verrät, durch welche Mittel die Entente zu ihrem Geld zu kommen gedenkt. Aufrecht bleiben die Bestimmungen über die'Konfiskation deutschen Eigentums im Ausland. Es ist' besonders auffallend, daß hier den deutschen Argumenten nicht im geringsten Rechnung getragen wurde,- obwohl diese Bestimmungen gerade das angelsächsische Rechtsempfinden am schroffsten.verletzen. Damit, gehen Engländer und Amerikaner noch weit über das hinaus, was sie im Krieg getan haben, wo sie sich durchaus nicht über alle Schranken von Recht hinweggesetzt haben. Wie die deutschen Kaufleute ihre alten und ' neuen Schulden bezahlen werden, und wer ihnen bei solchen Bedingungen in Zukunft Kredit geben soll, ist /vorläufig noch nicht zu sehen. Wahrscheinlich wird in diesent Falle die immanente Vernunft aller Dinge sich dahin durchsetzen, daß die Amerikaner ihre Baumwolle ebenso dringend loswerden wollen, als sie Deutschland nötig hat, und daß dieser doppelte Zwang sich schließlich die Mittel zu seiner Lösung schaffen wird. Daß bei dieser Grundstimmung an den wirtschaftlich-territorialen Klauseln, wie Saarbecken, nsw., nichts geändert wurde, ist selbstverständlich, so daß man mit der dadurchverminderten wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit, zuin Beispiel denl Rückgang der Kohlenproduktion um ein .Drittel, definitiv zu rechnen hat. Daß England und Amerika diesen furchtbaren Bedingungen vorläufig ihre Zustimmung gegeben haben, wesst deutlicher als alles andere auf die verzweifelte Situation hin, in der sich Frankreich bereits befindet. Dort scheint es entweder an der Macht oder an dem ernsten Willen zu mangeln, die finanzielle und wirtschaftliche Lage aus sich heraus, von innen zu sanieren. Schon im April haben England und Amerika durch Kündigung von Krediten und Entziehung der Stütze für den Wechselkurs den Franzosen einen, nicht mißzuversteh enden Wink gegeben, endlich mit der Herstellung der Ordnung im eigenen Hause zu beginnen. Dennoch ist der Widerstand der Oeffentlichkeit gegen eine eingreifende Vermögensabgabe geblieben .und. mgn scheint noch immer zu glauben, daß man mit indirekten Steuern usw. das Auslangen finden und daß den Rest Deutschland, vielleicht einzelne Nationalstaaten, jedenfalls aber Polen tragen wird. Nichts beweist den Mangel an wirtschaftlichem Urteil besser, als daß man sich gerade von Polen einen teilweisen Ersah für die Verluste in Rußland erhofft. Für Deutschland ist es natürlich kein Trost, daß dereinst vielleicht sein ärgster Feind die Folgen seiner eigenen Verblendung zu tragen haben wird. Für welchen Weg es sich jetzt entscheiden mag — für Annahme «oder Ablehnung — seinem Volk stehen Jahre, Jahrzehnte härtester Arbeit bevor. Es bleibt ihm nur die Hoffnung, daß es gesund genug sei, diese Zeit der Prüfung zu bestehen und so wenigstens feüre Nachkommen von: Fluche des Weltkrieges zu befreien. K. F. Wiener Morgenzettnng 20.. Juni 1919 Seite 3 Die MtMeidendeN BSratrmgw in Weimar. SLiMmMgsuMschwrsng für die Unterzeichnung? — Furcht vor dem Abfall Süddeutsch lands. Weimar- 19. Juni. (Korr.-Bur.) Den ganzen Tag über dauerten die Fraktionssitzungen an. Der ZentrumsfrakLion, die wegen des Fronleichnamsfestes erst heute nachmittags Zusammentritt, wird ein Beschluß des Fraktionsvorstandes vorgelegt werden, der sich ' gegen bk LLdingunZsloft Unterzeichnung richtet. Ganz besonders die Ehren fragen sind es, hie der Fraktionsvorstand des Zentrums für unannehmbar hält. Das, Kabinett, das den ganzen Vormittag über getagt hatte, ist um 6 U h r nachmittags wiederum zu einer Sitzung zusammengetreten. Ebenso hat sich der Staatenausschuß in den späten Nachmittagsstunden zu einer wichtigen Besprechung versammelt. Wegen der noch ungeklärten Lage in den Fraktionen dürfte die ursprünglich für heute nachmittags in Aussicht genommene Sitzung des Friedensausschusses nicht vor morgen Nachmittags stattfinden. Die Handelsbeziehungen Ententeangehöriger zu Deutschland. Pari s, 19. Juni. (Korr.-Bur.) Der Oberste Wirtschaftsrat hat beschlossen, daß jede Verbandmacht selbst entscheiden soll, ob sie ihren Antertanen gestaltenwill, privat Handelsbeziehungen mit Deutschland im Nahmen der Blockade anzukriüpfen. Der Wiederaufbau der vernichteten jüdischen Existenzen. 'Daris, 19. Juni. Die Delegation des Jüdischen National: aLes für Oftgalizien tele- §rap Lert r Die Wie'srraufdankommission beginnt nunmehr ihre Tätigkeit in Sachen der P o g r o m o P f s r. Es wurde ein juristisches Spszialkomitee gebildet, bsstrhend ans Louis M a r s h a L l' (Amerika), Dr. M. N i n g e l (Lemberg), . Anterstaatssekreiüv N o s e nb a u tn (Litauen), , M. W i n a w e r (Nnßland). D ie P o g r o m Z o in tu i s s \ o n, welcher auch Dr. Nirrgel und Dr. Tennenbn n m an^ohören, bereitet wichtige Schritte und Interventionen vor. Der soMWeMskraLifche Parteitag in DenLschland. /: . . Schade mann hat in den Fragen^ der auswärtigen Politik einen großen Sieg errungen. Seine Resolutionen wurden mit einer fast an Einstimmigkeit grenzenden Majorität von' dem Parteitag angenommen.' Zu den „Besiegten" gehören vor allem Eduard Bernstein und Max C o h e n - Neuß.' Diese saßen als Vertreter der „Kontinentalpolitik" auf der Anklagebank, aber wenn sie auch gemeinschaftlich verurteilt wurden, s) stimmen sie mit ihren Anschauungen und anscheinend auch mit ihren Motiven keineswegs überein. Soweit man sich aus den vorliebenden Berichten über die Rede Bernsteins ein'Bild. Machen k-nn, hat Bernstein mit der ihm eigenen idealistischen' Betrachtungsweise eine Politik gefordert, welche einer rückhaltlosen Versöhnung aller Völker wirklich die Wege öffnet. Da nun der deutschnationale Chauvinismus der Richtung Scheidemann- Roske mit seiner hochmütigen Weigerung, die eigene Schuld am Kriegsausbruch zu erkennen, mit das wesentlichste Hindernis für die Schaffung einer Atmosphäre des Vertrauens zwischen den Siegern und.den Besiegten bildet, hat Bernstein sich auf das allerschärfste gegen jene' Politik gewendet, die mit allzu lauter sittlicher Entrüstung ihr „Unannehmbar"- in die Welt schreit. Hierbei ließ er sich zu einer etwas unklar formulierten, unter dem Drucke der aus gelösten Erregung wieder eingeschränkten Bemerkung verleiten, daß die Friedensbediu'gungeu im großen Ganzen gerechtfertigt werden könnten. Rief diese Rede Bernsteins bereits einen Sturm der Entrüstung hervor, so gestaltete sich die Diskussion über Max Cohen-Neuß geradezu zu einem dramatischen Parteigericht. Cohen ist der hauptsächlichste Vertreter jener Richtung in der Kontinentalpolitik, welche vor allem Anschluß an Frankreich sucht. Nun wird ihin vorgeworsen, daß. er in Wirklichkeit nur ein deutschfranzösisch-russisches Bündnis erstrebe, welches sich mit erneuter imperialistischer Tendenz gegen das Angelsachsentunr wenden solle. Wenigstens ist dies der Punkt, welchen Bernstein zum Anlaß einer Polemik gegen Cohen nahm, indem er auch .darauf hinwies, daß das Volk einer Versöhnung -mit allen Völkern, und nicht einer Allianz mit einzelnen gegen andere Völker zustreben müsse. „Der Weg zur Freundschaft v:\L. England", gab Cohen zur Antwort, „die auch i., djc, kann nur über Europa führen." Er blieb aber auf dem Parteitag vollständig isoliert, es wurde mit ihm, wie der „Vorwärts" schreibt, eine Abrechnung gehalten, die ihn „bis auf weiteres erledigte". Es ist schwer, den Anlaß hierfür zu begreifen, und noch erstaunlicher ist, daß Scheidemann es nicht verschmäht hat, Cohen mit den unsachlichsten Mitteln zu bekäinpfen. Er suchte ihn zu- Brrlln, 19. Juni. (Korr.-Bur.) Das' „'8Uhr-Abendblatt" meldet aus Weimar: Nach Informationen, die man hier in parlamentarischen Kreisen erhalten kann, wächst die Stimmung für eine Unterzeichnung der . Bedingungen. Es handelt sich weniger darum,. ob die parlamentarischen Kreise einsehen, daß die Bedingungen unannehmbar sind, als darum, baß die Meldungen, die aus Süddeutschland kommen, außerordentlich düster lautem Man befürchtet allgemein, daß die Franzosen; und Engländer eine Trennungslinie zwischen! Süddeutschland unb Norddeutschland ziehen werden, und daß die Süd d e u tsche n d ann so fort vom Reiche ab fallen und einen Sonderfrieden unterzeichnen werden. Die Minister der süddeutschen Staaten, in erster Linie Bayerns, haben darüber auch keinen Zweifel gelassen. . \ nächst dadurch zu Kompromittieren, daß er seine Politik mit der ziemlich imperialistisch orientiert gewesenen Politik Georg Bernhards in der „Vossischen Zeitung" identifizierte. Wer da auch dieses Argument noch nicht zugkräftig genug war, kramte er aus seinem Archiv ein vorsorglich vorbereitetes Protokoll aus, welches besagte, daß Cohen im Jahre 1914, vier Jahre vor der Revolution, der Relchsleitung gegenüber geäußert habe, daß' die Arbeiterschaft eventuell auch mit einem verständigen Pluralwahlrecht zufriedenzustellen wäre! Diese „Enthüllung" hatte dann den gewünschten Erfog. Aus der ganzen Diskussion ist leider überhaupt kein einziges sachliches Argument gegen die Kontinentalpolitik zu entnehmen. Die Haltung der Mehrheit ist daher schwer zu begreifen. Sämtliche Ausführungen, welche sich gegen Bernstein und Cohen wendeten, waren rein polemischer Art und entbehrten völlig, wie es' scheint, einer Vertrautheit mit den Wsichten ,deren Bekämpfung sie dienten. Es muß schlimm um das sachliche Programm einer Richtung stehen, die zur Bekämpfung ihrer eigenen Parteigenossen zu antisemitischen Mätzchen greifen muß. Chefredakteur Wolf Braun-Nürnberg, einer der sechs Hauptgegner der beiden Genannten, vermochte nichts anderes auszusagen, als daß „Bernstein nichts von praktischer Politik verstehe" und „daß wir seine talmudistische Methode nicht mitmachen können". Ein Zweiter in diesem Kollegium, Hermann Müller, warf Bernstein vor, daß er „alle Angelegenheiten unter dem Gesichtspunkt des Rabbiners von Minsk behandle". Und Scheidemann leistete sich; in seiner Rede gegen Cohen folgenden Satz: „Der Kreis der Kontinentalpolitiker sammelte sich um Georg Bernhard, der wegen seiner nahen Verwandtschaft zunr Grafen Reventlow den Namen ,Neventlewi' erhielt." Lamrnasch klagt Wilson an. New-Aorker Zeitungen veröffentlichen ein Interview mit Professor Lammasch. Er fiihrte aus: „Ich bin nicht in Saint-Germain geblieben, ich wollte nicht nur für dekorative Zwecke dort sein. Man hat uns zwar freundlich ausgenommen und die französischen Offiziere waren überaus liebenswürdig, aber die Zeiten sind viel zu traurig, als daß die Staatsmänner, welche Millionen Hungernder vertreten, sich eines müßigen Vergnügens erfreuen könnten. Präsident Wilsons Politik verstehe ich nicht mehr. Mein Zutrauen in seine Führerschaft der Welt ist allerdings zu stark gegründet, um durch die Ereignisse allzu leicht' erschüttert zu werden, aber ich bin bestürzt und verstört wie alle seine europäischen Anhänger. Meine früheren militaristischen Gegner wollen mich ins Unrecht setzen, wie sie es im Winter 1917 im Oberhaus des österreichischen Parlaments versuchten, aber mein pazifistischer Optimismus ist sich gleich geblieben. Ich bin überzeugt, daß Wilson die stärkste Macht ist, die auf die Rettung der Welt vor dem Militarismus hinarbeitet, aber finstere Kräfte sind in Paris los gelassen worden, während die Ideal, fielt zunr Schweigen gezwungen wurden. Der Militarismus scheint nun gerechtfertigt, wieder gibt es eine gepanzerte Faust — aber auf der gegnerischen Seite. Guter Wille und gegenseitiges Verständnis scheinen verbannt zu sein, eine wirkliche Versöhnung scheint gar nicht erwartet zu werden. Nichtsdestoweniger war Wilson mein Abgott und ich habe mich trotz allem an ihn geklammert. Sollte er aber ausgelöscht werden, dann werden finstere Zeiten anbrechen. Meine politischen Ansichten über die Zukunft der Staaten in Mittel- und Osteuropa sind genugsam bekannt. Wenn die Entente beabsichtigt. Deutsch Österreich zur Vereinigung mit Deutschland zu zwingen, wäre ein anderer Friedensvertrag vielleicht noch schneller zu finden gewesen. Sogar die Röthäute setzen sich nach einem Kampf mit ihren Gegnern zum Beratungsfeuer nieder und rauchen die Friedenspfeife, weil sie instinktiv wissen, daß man zusämmenkommen muß, um die Ansichten miteinander auszutauschen. Der Zivilisation des 20. Jahrhunderts ist es Vorbehalten geblieben, baS unglaubliche Vorgehen in Versailles und Saint-Germaiu zu erfinden. Auf diese Art wird kein Krieg beendet nnb Mn dauerhafter Frieden geschlossen."