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Wiener Morgenzeitung · 1919-06-19 · Heft 150 (19.6.1919) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 150 (19.6.1919)
Date
1919-06-19
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 150 Wie», Donnerstag Die Bedingungen der Entente. Fast gar keine Abänderungen. Weimar, 18. Juni. (Korr.-Bur.) Ucbcu die Giundzüge her gegnerischen Antwort ist folgendes zu bem^ken: An deru Völkerbundsiatut wird n : ch t s geände r t. Deutsclilaud soll vor seiner Aufnahme in den Völkerbund erst eine Art Pro bez e i t durchmachen. ' ' An den Bestimmungen für Belgien, Luxemburg, dTS Saargebiet, Elsaß-Lothringen und Deutschösterreich, ferner Westvreußens. Danzigs und Ostvrrußens, und zwar sowohl bezüglich der südlichen Kreise bei Allenstein wie. auch Memels, wird nichtsgeändert. Für Oberschlesien soll eine Volksabstimmung in einer später fcsizusetzenden Zeit erfolgen. In der Kolonialfrage wird jede- Entgegen-. kommen kategorisch abgelehnt. In bezug auf die deutschen Rechte und Interessen außerhalb Deutschlands, also Außenhandel und Schiffahrt, sind keinerlei Konzessionen gemacht. Hinsichtlich der deutschen Handelssiotte bleibt cs beim Vertragsentwurf. Das Gleiche gilt für die Grundlagen unserer Schadenersatzpflicht. Unser finanzieller Gegenvorschlag ist nicht akzeptiert worden. An den allgemeineir handelspolitischen Bestimmungen wird gleichfalls nichts geändert. Deutschland wird auch für den Fall seiner Aufnahme in den Völkerbund die a l l g e m e i n e G l e i ch b e r e ch t igung nicht zuge st anden. Neu ist ein b e s o n d e r e r B e r t r a a s e n t w u r s über die Besetzung der rheinischen Gebiete. Die Frist nt der B e s e tz » n g werden nicht geändert, sondern nur im einzelnen bestimmt, wie daS Gebier während der Besetzung verwaltet 'werden soll. In den Rechtsfragensind Zugeständnisse g e m a ch t, die zum Teil der Bedeutung nicht entbehren. Die sofortige Freilassung verdeutschen Kriegsgefangenen war schon zugesianden, aber unser Verlangen, auch die wegen gewisser Straftaten in Haft befindlichen Gefangenen freizulassen, wird abgelehnt. In Militärfragcn wird das Zugeständnis gemacht, daß wir zunächst drei Monate lang 200.00p Mann behalten dürfen. In Bezug aufdieAburteilungdesfrÜheren deutschen Kaisers und die Auslieferung der deutschen politischen und militärischen Führer wird lediglich das Zugeständnis gemacht, daß uns die Liste der Personen, die der gegnerischen Gerichtsbarkeit ausgeliefert werden sollen, innerhalb eines Monats mitgeteilt werden wird. , Ueber das Arbeiterrecht wird nur gesagt, daß kein Anlaß vorliege, diese ganze Frage nochmals auszunehmcu. Die Unabhängigen für die Unterzeichnung. Berlin» 18. Juni. (Korr.-Bur.) Die PcU'teileitung der unabhängigen sozialdemokratischen Parte: Deutschlands richtet an das arbeitende Volk eine Kundgebung, :n der es heißt: Das deutsche Volk steht vor der Entscheidung. Das Ultimatum der Entente ist überreicht. Binnen wenigen Tagen must der Friede unterzeichnet sein oder der Kriegszustand lebt wieder auf. Ablehnung des Friedens heißt maßlos i gesteigertes Elend, neue Menschenopfer, Erschwerung des Wirtschaftslebens, Gefährdung der deutschen Einheit, ordnungslos.es Chaos. So steht das deutsche Volk in der großen Gefahr, durch Kapitalismus un.d Militarismus in eine vernichtende Katastrophe hineingerissen zu werden. Die unabhängigen Sozialdemokraten lehnen jede Verantwortung Pr die Folgen ab, die nach innen und außen durch die Ablehnung d e s F r: e d e n s u l t i m a t u m s entstehen. Sie warnen die Regierung, die Politik der Provokationen und der militärischen Diktaturversuche länger fortzusetzett. Diese Politik ist um so der b r e ch e r i s ch e r, weil sie gleichzeitig die Arbeiicrklaffe durch die Ablehnung des Friedensvertrages in cme v e r zw eifelteSituatron hinerntreibt. Die unabhängigen Sozialdemokraten sind überzeugt, daß die Arbeiter der militärischen Reaktion nicht die gewünschte Gelegenheit geben werden, die Zeit der n a t i v n a l i st i s ch e n Erreg u n g z u r Verwirklichung ihrer Diktatnrgelüste auszuuützen. Sie vertrauen aus den siegreichen Vormarsch der Arbeiterklasse und wissen, daß die fortschreitende proletarische Revolution den Vertrag von Versailles vernichten w i r d, wie sie auch die Verträge von Brest-Litowsk und Bukarest beseitigt hat. Das letzte Frredenswort kann und wird nur der internationale Sozialismus sprechen. General Groener nach Weimar berufen. Weimar» 18. Juni. (Tel.-Komp.) Zu den Beratuilgen des Kabüielts ist auch General Groener, der Nachfolger Ludendorffs von der Reichsregierung nach Weimar berufen worden. Seine Anwesenheit soll den Zweck haben, die volle Uebereinstimmung der Auffaffung der leitenden politischen Stellen mit dm militärischen Befehlshabern herbeizuführen. Werden die Deutschen Unterzeichnen? Paris, 17. Juni. (Tel.-Komp.) Die daß die Deutschen die Friedensbedingungen unterzeichnen werden, stehen gegenwärtig 9:1. Der Friedensvertrag mit Deutfchosterreich. Paris, 18. Juni. (Funkspruch des Korr.-Bur.) Der Rat der Bier beschäftigte sich heute nachmittags mit verschiedenen Punkten des Friedensvertrages mit Oesterreich. Das Dokument dürste morgen zur Ueberreichung an die österreichische Delegation sertiggesiellt sein. 1 'IteSS'' Hüte werden prompt und billigst nach neuester Fa$on modernisiert 397 3CVI1X, W&hriagergärtel und VII., HKarf&hllferstrass« 80 in allen DreiSiane«. Reparaturen unter Garantie, fknrl'bündrr für olle Systeme, erstklassiges Material. Leop. Kurzer, Wie», Uli, Westbuhnstraße 23. Telephon 31537. . - sv Wiener Morgenzeuung Wien,, 18. Jnm. Der Ar iede n s a nS sch u ß der deü t s che 11 N a-, tionalversaMmlung ist gestern, in Weimar zusammengetreten' Mnisterpväsident S ch e i d emo n n hielt eine Rede über die somdlicha Mantelnote und stellte mit Bedauern fest, daß die Entente die deutschen Vorschläge zur Schaffung eines neutralen Schiedsgerichtes, ivelches die gegen Deutschland von der Entente erhobenen Beschuldigungen objektiv hätte prüfen können, abgelehnt habe. Die Belastung des ganzen Volkes' mit den in der Note angeführten Verbrechen solle eine Bere chtigung zu den schweren Friedensbedinguitgen schassen. Es sei : : - wenig Hoffnung, daß Deutschland auf ein wesentliches Entgegenkommen rechnen könne. Angesichts verschiedener Unklarheiten könne keine Entsch ei d ung geUoffen werden, bevor der end gültige und v ollständ ige Text der feindlichen Antwort vorliege. Deutschland sei vor die f0 l ge n s ch w e rste Entscheidung gestellt, und niemand dürfe im Zweifel sein, daß das deutsche Volk den schwersten Zeiten entgegengehe. Die Nationalversammlung dürfte vermutlich Freitag zusammen treten. Die Verhandlungen sollen am Samstag fortgesetzt und an diesem Tage erledigt werden. Der Berichterstatter des „V 0 r w ä r t s" meldet ans Weimar, daß sich unter dem Druck der Verhältnisse eine Strömung entwickelt hat, welche die Unterzeichnung für den taktisch sicheren Ausweg hält. Wenn aber die Antwort der Entente nicht meh'r enthalten werde, als die Mantelnote erwarten lasse, könne man es als sicher betrachten, daß Regierung und Friedensdelegativn in ihrer jetzigen Zusammensetzung den Vertrag nicht unterzeichnen werden. Es müßte erst innerhalb der kurzen Frist eine neue Regierung gebildet werden, die neue Friedensdelegierte mit der Unterzeichnung des Vertrages zu betrauen hätte. Die Mehrzahl der Berliner Blätter tritt für die Ablehnung des Friedensvertrages ein, doch melden sich auch Stimmen, welche die Unterzeichnung des Friedensvertrages trotz seiner Härten befürworten. Auch die „Frankfurter Zeitung" erklärt, Deutschland sei außerstande, die Unterschrift zu verweigern, wenn es durch das Ultimatum gezwungen werde. Wenn die Hoffnung auf jedes weitere Zugeständnis aufgegeben werden müsse, so müsse dieser tödlich ernste Schritt ohne Schwanken getan werden. Auch die „Freiheit, das Organ der Unabhängigen, ist für die Unterzeichnung, da das Elend im Falle der Verweigerung unübersehbar wäre. Interessant ist die Auffassung der französischen Presse, welche behauptet, daß die Deutschland gemachten Zugeständnisse zu bedeutend wären, als daß man sie gutheißen könnte, und das „Journal" meint, die Schärfe der Note Clemenceaus hätte den Zweck, durch die Festigkeit des Tones den Eindruck abzuschwächen, der sich aus den Zugestärckmissen an Deutschland ergebe. In der Tat können die künftigen Tage die schicksalsvolle Entscheidung nicht nur für Deutschland, sondern unter Umständen für ganz Europa bedeuten. Die gegenwärtige Situation birgt ungeahnte Möglichkeiten in sich. Wenngleich der Wortlaut der endgültigen Antwort der Entente zur Stunde noch. nicht hvrliegt, so kann man sich, trotzdem Scheidemann von manchen Unklarheiten spricht, doch ein ungefähres Bild davon machen, wie der Inhalt der Note beschaffen ist, welchen die sogenannte Mantelnote ankündigt. Wird sich Deutsch- Die Kredite für Deutschösterreich. Saint-Germain-eni-Laye, 17. Juni. (Verspätet eingetroffen, an: 18. Juni, nachts.) Der Oberste Wirtschaftsrat hat den Brief des Staatskanzlers Doktor Renner bezüglich der für die Lebensmittelsendungen zu bestellenden Sicherheiten heute beantwortet. Der Staatskanzler hatte in dieser» Briefe sich bereit erklärt, die vom Obersten Wirtschaftsrate verlangten Sicherheiten: ausländische Werte, Edelmetalle, Gelder der Valuteneingänge aus der Holzausfuhr, Garantie der Stadt Wien zu gewähren, daran aber das Ersuchen geknüpft, diese Sicherstellungen nicht nur für die schon gelieferter: Lebensmittel, sondern auch für die späteren Lieferungen und für die Sendung von Rohstoffen gelten zu. lassen. Der Staatskanzler hatte ferner die Erwartung ausgesprochen, daß vor Durchführung der einzelnen Verpfändungen die deutsch österreichischen Finanzsachverständigen gehört werden. Das Schreiben Dr. Renners begründete ferner die Notwendigkeit, Schmuckgegenstände der Privaten und das Gold der Oesterreichisch -ungarischen Bank aus diesen Sicherstellungen ausz uscheiden. In der Antivort des Obersten Wirtschaftsrates wird das Schreiben des Staatskanzlers zur Kenntnis genommen und zugleich der Wunsch ausgesprochen, daß zunächst die in deutschösterreichischem Besitz befindlichen a u S l ä n d i s ch e n W e r t e, die in Deutsch öfterreich oder irr neutralen Staaten erliegen, sowie die Eingänge a u s d em Holzexport zur Sicherstellung de.r LMnsniiltelkr.edite verwende^ werdem. / ** 19. Juni 1919 Seite 3 land/unler das caudinische Joch beugen und die Unterschrift unter das Dokument fetzen? Oder werden jene Strömungen recht behalten, welche absolut für eintz Ablehnung emtreten und selbst einen Sprung ins Dunkle ... . -, nicht scheuen? ES ist leicht möglich, daß auch'der Entente in: Falle der Ablehnung ernste Unannehmlichkeiten er-. wüchsen, und es macht den Eindruck, als würde maitz in Ententekreisen, von den chauvinistischen Parteien! Frankreichs abgesehen, die auf eine durch die Besetzung zu erlangende völlige Zerstückelung Deutschlands spe-' kälteren, mit der Unterzeichnung durch die Deutschen' rechnen. Sicher ist, daß die im Ablehnungsfälle zN gewärtigende Besetzung Deutschlands den Entente st aalen; namentlich England, keineswegs angenehm wäre. Eine? solche länger dauernde Okkupation würde aber leicht nicht bloß zu einer Lahmlegung und Drosselung eines! großen Volkes, sondern auch zu einer dauernden und unter den heutigen Verhältnissen doppelt gefährlichem Störung der internationale:: Völkrrbeziehimgen führen,, deren Folge ein allgemeines Chaos werben könnte. Deutschlands Politiker werden 31t entscheiden haben, ob die Bedingungen der Entente so hart sind, daß sich ihnen gegenüber sogar eine Katastrophenpolitik rechtfertigen ließe. Die Unterzeichnung, des Vertrages wäre ein Unglück für Deutschland, aber ein begrenztes, und Deutschland, dessen wirtschaftliche. Tüchtigkeit, dessen Unternehmungsgeist ungebrochen ist,, könnte sich mit der Zeit erholen und nach seiner Aufnahme in den Völkerbund, die ihm auf die Dauer nicht; verweigert werden kann, auf eine gerechte Behandlung Anspruch erheben. Wenn sich ein neuer, bisher nieoergehaltener Geist in Deutschland zeigte, wo ja die rücksichtslose Säbelherrschaft unvermindert spukt, so müßte; der Geist internationaler Menschheitssolidaritüt,'der trotz! allem auf dem Marsche ist, dem deutschen Volke als! Helfer beispringen. Die Nichtunterzeichnung enthält tos Gefahr innerer Kämpfe \\ zwischen der sich gerade in den letzten Tagen kräftig regenden Reaktion und dem rücksichtslosen Radikalismus! der aufgewühlten Masse::, die Gefahr weiteren Blut« Vergießens, einer wachsenden Verrohung, die an Deutschlands Grenzen keineswegs Halt machen würde. Es. ist fraglich, ob Amerika gewillt wäre, sich an der Okkupation. zu beteiligen, ob Frankreich und England auf die Dauer auf die Verläßlichkeit der großen Truppenmassen rechnen können, die nötig wären, um Deutschland! besetzt zu halten. Die Unruhe im Proletariat der West-, machte ist nicht so groß, wie tendenziöse Meldungen glauben machen wollen, als Symptom jedoch muß sie vermerkt werden. Nur eine kurzsichtige Politik kann heute, da die Welt aus den Fugen gekommen ist und! sich allerorten Stur in Zeichen künden, auf Katastrophen, in den Ländern der Sieger spekulieren. Ein Zusammenbruch der Ordnung in den Ländern des Westenswürde das Chaos für ganz Europa bedeuten, eine schaudervolle Weltendämmerung', Me keim Einsichtiger wünschen kann. Welche Gefahr dies insbesondere für das schwache und wehrlose Deutschösterreich bedeuten müßte, ist zu klar, als daß es erst erörtert zu werden brauchte. Vielleicht liegt in diesen. Tagen noch einmal die Entscheidung über die Zukunft! Europas und der Zivilisation in Deutschlands Händen«! Jedenfalls aber wäre zu wünschen, daß eine Verlängerung der Frist zur Annahme der Bedingungen an ge strebt wird, u:n eine allgemeine Volksabftinrmung in Deutschs land möglich, zu machen.! ■' Die türkische Delegation beim Diererrat. , Paris» 18. Juni. (Reuter.) Der oberste Rat hat die türkischen Delegierten empfangen. Der Größwesier gab eine Erklärung ab, in der er die Schuld der Teilnahme der Türkei an: Kriege dem Komitee fürEinheit nndF 0 rt-- s ch r: t t zuschiebt, das gegen die Wünsche des Volkes gehandelt habe, und namens des Sultans gegen die Abtretung von Smyrna an Griechenland protestierte. Ferner forderte er die Aufrechterhaltung der Unversehrtheit des türkischen Reiches. Wilson in Brüssel. Paris, 18. Juni. (Reuter.) Präsident Wilson ist. heute nach Brüssel abgereist. j Generalstreik der französischen Bergarbeiter. Berlin» 18. Juni. Die „Vossische Zeitung"' meldet aus Bafel: Der Generalstreik der Bergleute ist in ganzFrankreichTatsache geworden. Der Pariser Berichterstatter der „Baseler Nachrichten" ist der Ansicht, daß die Bergarbeiter mit ihrer Bewegung das ganze, Leben Frankreichs aufs schwerste bedrohen. r Fortdauer der tschechisch-ungarischen Kampfe.! Budapest, 18. Juni. (Korr.-Bur.) Das Ungarische Telegravhen-Korrespondenzbureau meldet: Da die Tschechen ihre allgemeinen und heftigen Angriffe auch heute nicht ein-» gestellt haben, dauern unsere Verteldigungskämpse in der Gegend von Leva, im Rima- und Sajotale sowie westlich von Eperjes weiter an. Armeeoierkommando. Bevorstehende Offensive der Angar«? 2»ni. (Tcl.-Komv.) Die Agentur Dana meldet: Mit Rücksicht aut die bevorstehende Offensive der Ungarn bat der Kommandant der siebenbürglschen BcsatzungSüuppe, General Madercscu, eine Kundniachung erlassen, derzufolge ganz Siebenbürgen bis zur Theiß als O P e r a t t 0 n 3 q c b 1 c ti erklärt wird.. * Smmrnsr— - rar MW 505377

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