Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 150 (19.6.1919)
- Date
- 1919-06-19
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2979076-2979077-2979227--01333-2986724- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 2 SBicu. Tounerslag Akrairrer, Polen und Juden. ^IN Interview mit dem Chefredakteur des Kiew er Tagblattes „Nkraina", W. Kalynowytsch. Der größte Teil des jüdischen Volkes in Europa wohnt auf ethnographisch ukrainischem Gebiete und schon aus diesem Grunde ist eine Aussprache, die zu einer Verständigung fiihren . müßte, vom Standpunkt der nationalen Interessen beider Völker notwendig. Vor allem muß inan sich vergegenwärtigen, daß die Politik der ostgalizischen und bukowinaischen Hilden mit der Politik der Juden in der Großukraine nicht identisch ist. Während die ostgalizischen Juden durch ihre neutrale, ja sogar loyale Haltung im polnisch-ukrainischen Streite die Sympathie und Anerkennung seitens der ukrainischen Bevölkerung, erworben haben, beweisen die politischen Ereignisse in der großen Ukraine gerade das Gegenteil. Ein bedeutender Teil der polnischen Juden scheint aus angeblich ökonomischen Erwägungen die Bestrebungen der ukrainischen Nation nach staatlicher Souveränität nicht zu teilen. Hier ist der Keim für einen für beide Seiten geiviß unerwünschten Konflikt gegeben. Schon vor zwei Jahren hat sich das erste ukrainische Volksparlament, die „Ccutralna Rada", für die uneingeschränkte Autonomie der Juden, Russen und Polen innerhalb der ukrainischen Volksrepublik ausgesprochen. Die jüdische Bevölkerung fand in dem jüdischen Nationalministerium ihre Vertretung. Sämtliche politischen Organisationen, soweit sie einen ausgesprochen jüdischnationalen Charakter besitzen, fanden und finden unsere warme Unterstützung. Während im polnischen Staate die jüdischnationale Bewegung ebenso wie in Rußland unter allen wechselnden Regierungen unterdrückt wurden, sind die Ukrainer entschiedene Freunde der politischen Eman- Zipationsbestrebungen des Nationaljudentums, verlangen aber jüdischerseits unbedingte Anerkennung der ukrainischen Volksrepublik. Wir Ukrainer sind nun sehr erstaunt, daß dieselben Juden, die im einheitlichen Rußland — genau so wie in Polen — rücksichtslosen Schikanen, systematischer Unterdrückung und periodischen Pogromen ausgesetzt waren, Anhänger eines zentralistischen Rußlands sind. Nun existiert gerade im ukrainischen Volk — das muß mit allem Nachdruck gegenüber entgegengesetzten verleumderischen polnischen Behauptungen festgestellt werden — keine organisierte antisemitische Partei urch keine antisemitische Zeitung, die aus Ukrainern bestehen, beziehungsweise von Ukrainern herausgegeben wurde. Auf dem Standpunkt der zentralen Rada steht auch jede Regierung und das gegenwärtige Direktorium. * Was nun die gegenwärtige politische Lage unseres Volkes in der Ukraine betrifft, so ist dieselbe keineswegs so trostlos, wie unsere nationalen Gegner in die Welt hinausposannen. Wohl halten sich in den größeren Stäb teil der Ukraine, Charkow, Kiew und Tschernichow, die russischen Bolschewiken, welche mit ihren chinesischlettischen Söldlingen' das vielgeprüfte Land ausgebeutet haben und immer noch ausbeuten. Auf dem flachen Lande aber ist die Bolschewikenherrschaft so gut wie zu Ende. Die Befreiungsbewegung der aufständischen Bauern, die gruppenweise gegen die Bolschewiken auftreten, greift immer weiter um sich und auch die ukrainische nationale Armee des Direktoriums weist erfreuliche Erfolge auf. Das- Gouvernement Podolien ist von den Bolschewiken befreit und schon stehen unsere Truppen vor Kiew. Zuversichtlich hoffen wir, daß nach Einbringung der Ernte das Direktorium an die Vollendung des staatlichen Aufbaues wird ungehindert schreiten können. Viel schlimmer ist allerdings die polili,che Lage kn der Westukraine (Ostgalizien, Bukowina sowie Nordungarn). Die polnischen Truppen des Generals Haller, welche von der Entente zur Bekämpfung der Bolschewiken ausersehen waren, haben unter offenbarer Zustimmung sowie der tatkräftigen Unterstützung der französischen und rumänischen Imperialisten, Ostgalizien besetzt und verüben daselbst Greueltaten an der ukrainischen und jüdischen Bevölkerung. Unsere ukrainisch-galizischen Truppen, welche sechs Monate den polnischen Eroberern' hellrenmütig die Stirne boten, mußten sich zurückziehen und sich mit der großukrainischen Armee, die in.Podolien die Bolschewiken verdrängt hat, vereinigen. Die jetzige französische Bourgeoisieregierung, die für die Polen und gegen die Ukrainer offenkundig Partei ergriff, hat den Bolschewiken einen nicht zu unterschätzenden Dienst erwiesen, denn da es keine ukrainischen Truppen in Ostgalizien mehr gibt, welche den Vormarsch bisher aufhielten, ist den Hallerschen Truppen nun Gelegenheit geboten, ihre Tapferkeit im Kampfe mit den Bolschewiken zu bekunden. Wie auch immer die Verhältnisse momentan sich gestalten mögen, so steht es fest, daß das ukrainische 45-Millionen-Volk keinen Fußbreit seines nationalen Territoriums polnischen und rumänischen Eroberern zu überlassen bereit ist. Ostgalien, Nordbukowina und Nordosturrgarn sowie die ukrainischen Teile Beßarabiens und das Kolmerland müssen restlos mit der Ukraine vereinigt werden, wenn die französischen Patrone rrrr Polen und Rumänen keinen neuen Balkan in Osteuropa wollen. Wirrer Morgenzeitung Das Ultimatum der Die Frist gestern mittags abgelaufen. Budapest, 18. Juni. Das Ungarische Telegraphen-Karrespondenz-Bureau meldet: Der Präsident der Friedenskonferenz, C l e m e n e e a u. hat an die ungarische Regierung eine Note gerichtet, in welcher es unter anderem heißt: Die alliierten und assoziierten Mächte, welche in ihrer Depesche vom 7. d. M. ihren „festen Entschluß, allen unnötigen Feindseligkelten ein Ende zu bereiten" ausgedrückt haben, halten a n d i e s e m E n t s ch l u ß i e st und rechnen damit, daß die interessierten Länder (?) und Negierungen behilflich sein werden, denselben durchzuiührm. Im Interesse des Friedens und der Gerechtigkeit erklären sie daher: 1. daß jene Grenzen, welche sie in den nachfolgenden Depeschen schildern. Ungarn ständigvonderT1 chech o-S l o w a k e i u n d R u m ä n i e n scheiden werden, 2. daß die Armeen dieser Mächte verpstlchtet sind, die Feindseligkeiten sofort e i nz u st e l l e n und sich binnen der kürzesten Frist hinter die derart bestimmten natürlichen Grenzen z u r ü ck z u z i e h e n. 'Wenn die alliierten und assoziierten Mächte aus Grund der Information ihrer an Ort und Stelle befindlichen Vertreter innerhalb vier Tagen, vom 14. Juni mittags gerechnet, nicht darüber Mitteilung erhalten, daß diese Bestimmung tatsächlich durchgefiihrt wurde, so wird es ihnen f r e i ft e h e n, v o r z ud ringen oder wie immer geartete sonstige Maßnahmen zu ergreifen, welche zur Sicherung des gerechten Friedens geeignet erscheinen. 19. Juru j.^ Nr. 150 Entente an Ungarn. — Note Bela Kuns an Clemencea«. Clemenceau richtete an die ungarische Regierung eine weitere Depesche betreffend die Festsetzung der Grenze» Ungarns der Tschecho-Slowakei sowie gegenüber Rumänien. In Beantwortung sandte Volkslbeauftragter für Aeußerrs, Bela K u n, folgende Depesche ab: Herr Präsident! Die Regierung der ungarischen Räterepublik hat der Aufforderung der alliierten und assoziierten Regierungen, die Feindseligkeiten an der tschecho-slowakifchen Fronj einzustellen, unverzüglich entsprochen. Die Weisung der Negierung der Räterepublik wurde auch vom Armeeoberkommando sofort durchgeführt, ohne Rücksicht auf die Kommando- und Durchführungsschmierigkeiten. Trotzdem richtet das Oberkommando der tschecho-slowakifchen Armeen, ohne den Befehl der alliierten und assoziierten Regierungen zu respektieren, neuerlich einen Angriff gegen unsere die besetzten Gebiete räumenden Armeen. Bela Kun verweist auf' eine Depesche des ungarischen Armeeobcrkornmandos, der zufolge die Rätetruppen die Feindseligkeiten eingestellt haben, die Tschechen dagegen offensiv Vorgehen. Kun schließt: Herr Präsident! Indem ich Sie bitte, dem Ansehen der alliierten und assoziierten Regierungen in der tschecho-slowakifchen Republik Geltung v erschaffen zu wollen, bitte ich Sie, gleichzeitig zu ermöglichen, daß wir Ihrer Aufforderung entsprechen und ü b e rflüssiges Blutvergießen einstellen können. Ein StrMngsputsch in Weimar. Ausbruch aus dem Gefängnis. — Straßenkampf. — Die Negierung in Gefahr^ Gefangennahme der Sträflinge. Weimar, 18. Juni. (Korr.-Bur.) In der heutigen Nacht gegen 2 Uhr befreiten sich hier etwa 60 militärische Strafgefangene, darunter einige Schwerverbrecher, aus dem Gefängnis. Sie entwaffneten die Vers chiedenen militärischen Wachen. Es kam in der Nähe des Schlosses zu einer Schie ßerei, in deren Verlauf es mehrere Verwundete gab. Die Absicht, in das Schloß einzudringen, mißlang. Ein Teil der Ausgebrochenen wurde ge fangen genommen, ein anderer Teil hat sich heute vormittags gestellt. Dom Landjägerkorps sind zwei Mann und von den Strafgefangenen vier Mann verwundet worden. * Berlin, 18. Juni. (Korr.-Bür.) Die „B. Z. am Mittag" meldet über den Ausbruch von Strafgefangenen in Weimar: Während die^ hiesigen Truppen des Generals Merker auf dem Bahnhof mit den Vorbereitungen für die Abreise beschäftigt waren, sie sollten in ErfurtOrdnung schaffen, wurden in Weimar die Wachen des Untersuchungsgefängnisses überrumpelt und die Häftlinge schafften sich den Weg ins Freie. Inland. Vor der Einberufung der Nationalversammlung. Vorgestern nachts beriet der K a b i n e t t s r a t mehrere Stunden lang über die Vorgänge am Sonmag und über die durch die kommunistische Agitation geschaffene Lage. Du Beratung dauerte bis 3 Uhr ftüh. Erst um 1 Uhr nachts erschien Staatssekretär E l d e r s ch im Kabmetlsrat, um über die Beratung des Zentralarbeiterrates zu berichten. Es trat die Meinung zutage, daß die nervöse Stimmung von Sonntag Nicht gerechtfertigt war. Die überwältigende Mehrheit der Arbeiterschaft verurteile das Treiben der von den ungarischen Bolschewiken bezahlten Kommunisten. Es stehe fest, daß sich die Volkswehr.nicht für ausländische Zwecke mißbrauchen lasse. Die Nationalversammlung wird wahrscheinlich zu Anfang der nächsten Woche zusammentreten. Vorher wird der Hauptausschuß zu den weiteren Friedensbedingungen Stellung nehmen. Mit größter Spannung steht man der Entscheidung in Deutschland entgegen, die ja auch für die Gestaltung der Dinge bet uns von größter Bedeutung srm wird. Die C h r i st l i ch s o z i a l e Vereinigung erörterte gestern die Vorkommnisse vom letzten Sonntag und drückte das schmerzlichste Bedauern über das Blutvergießen und die Todesopfer aus. Sie erwartet, laut dem über die Beratung ausgegrbenen Commumqus, von der Regierung, daß diese ungesäumt alle Vorkehrungen treffen wird, welche ein derartiges Unglück für die Zukunft verhüten. Die Christlichsoziale Vereinigung . kam nach Ueberprüsung der Sachlage zur Ueberzeugung, daß für die Bevölkerung keine Ursache zur Beunruhigung vorliegt. Die Bevölkerung wird dringend ersucht, sich von allen Straßenkundgebungen ferne zu Halle «und insbesondere auf dre schutzvefohleuen Haus- und Familienangehörigen einzuwi r k e n. Es hat sich bei dm bedauerlichen Demonstrationen gezeigt, daß die beklagenswerten Ovier der Ausschreitungen znm großen Teil den zahlreichen Neugierigen entstammen. In den tiefernsten Tagen ist es Pflicht jedes Deutschösterreichers, die Widerstandskra't des Staates unyeschwächt und um gebrochen zu erhalten und zu dreftm Zweck die öffentliche Ruhe und Ordnung sowie die Sicherheit des Staates vor jeder Störung und Beeinträchtigung zu bewahren. Anschaffungsbeiträge für Lehrer. Die Staatsregierung wird in einer der nächsten Sitzungen der Nationalversammlung einen Gesetzentwurf cinbringen, durch den den Lehrpersonen der öffentlichen Volks- und Bürgerschulen für das erste Halbjahr 1919 Anschaffungsbeiträge bewilligt werden sollen. Der Gesamtaufwand der Anschaffungsbeiträge für daS erste Halbjahr 1019 wird mit rund K 12,<;00.000.— veranschlagt gegen K 20,000.000.— für das ganze Jahr 1918. Sie versahen sich mit Waffen und zogen in der Stärke von etwa 60 Mann vor das Schloß, wo die Regierung ihren Wohnsitz hat. Dort ivurde die zahlenmäßig weit schwächere Wachs der Regierungstruppen überwältigt, die ohne Widerstand ihre Waffen ablieferte. Auch die in der Nähe des Schlosses liegende Kaserne der 94e? wurde von den Aufrührern unter starkes Feuer genommen, womit erreicht wurde, daß auch" diese Truppen jede Lust, die Regierung zu schützen, verloren. In dem Momente der höchsten Gefahr wurde den Trirppen des Generals Merker Kenntnis von den Vorfällen gegeben. In wenigen Minuten marschierten sie kriegsmäßig ausgerüstet in die Stadt, besetzten das Post- und Telegraphenamt, und bemächtigten sich wieder des Schlosses, dessen Haupteingang ein beherzter Posten mit einer? schwerey Eisentüre geschlossen und so das'. Eindringen in das Innere des Schlosses verhindert hatte. Nach wenigen Stunden war die Ordnung wieder, hergestellt. Das Schicksal Südtirols. Nach Mitteilungen aus Rom beschäftigt die Südtiroler Frage gegenwärtig eingehend die italienische Negierung. Die Kundgebungen Deutschöfterreichs, die Wünsche Md Vorstellungen der dcutschösterreichlschen Regierung, haben in Italien Eindruck gemacht und werden jetzt mit allem Wohlwollen neuerdings eingehend geprüft. Aller Voraussicht nach wird die Möglichkeit sich ergeben, dem Verlangen der beteiligten Länder und der deutsch-, österreichischen Regierung in einigen Punkten entgegenzukommen.' Man wird sich gewiß damit beschäftigen, die Grenzregulierungen nochmals genau zu studieren, und hoffentlich wird es auch gelingen, zu einem für Deutschösterreich besserem Resultat zu kommen. Freilich dürfte sich Italien für den Fall der N e u t r a l isierungTirols mit dem Rechte der Besetzung allem nicht zufrieden geben. Immerhin dürfte aber in derFrageBozen-Meran die ursprüngliche Forderung vielleicht gemildert werden können, wodurch im Friedensvertrag der deutsche Charakter von Bozen undMeran gewahrt werden könnte. , Bozen und Meran würden politisch und wirtschaftlich unabhängig und bei Deutschösterreich blerben, während sich Italien allerdings daS Recht Vorbehalten müßte, die Grenze bis zum Brenner militärisch zu besetzen. Das wird sich aus den Verhandlrmgen ergeben, die jetzt über die Grenzbestimmungen gepflogen werden. Mit Aufmerksamkeit verfolgt die italienische Regierung die jüngstenUmsturzbewegungeninWien. Die italienische Neaierung hat für Deutschosterreich volle Sympathien und den lebhaften Wunsch, großes Entgegenkommen an den Tag zu legen und Deutschösterreich in der schwierigen Situation nach Kräften zu unterstützen. Sollten aber die politischen Unruhen andauern oder die bolschewikischen Strömungen die Oberhand gewinnen, dann würde Italien nicht nur jegliche Lebensmittelsendung nach Wien und Deutschösterreich fistieren, sondern es würde, wie anzunehmen ist, die Entente neuerlich die Blockade überDentschösterreich verhängen. Verzögerung der Besoldungsreform der Staatsangestellten. Der Finanz-und Budgetausschuß beriet gestern über den Antrag des Abgeordneten Dr. M a t a j a betreffend die Neuregelung des Dienstverhältnisses der Straßenwärter, Strom- und Brückcnaufscher. An den vom Abgeordneten Dr. Michael Mayr erstatteten Bericht knüpfte sich eine längere Debatte, bei welcher auch die Besoldungsreform der Staatsangestellten zur Sprache kam. Nach den Erklärungen des Regierungsvertreters muß bierbet mit einer kleineren Verzögerung gerechnet werden, da die Gutachten der Angestclltenorganisatlonen nur langsam einlaufen, in vielen Punkten sich stark widersprechen und bereits einen maschm" geschriebenen Band von 1500 Seiten bilden.