Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 150 (19.6.1919)
- Date
- 1919-06-19
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2979076-2979077-2979227--01332-2986723- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
ÄUy»>Hre«plarr Preis 3€£ Hrilrr prLnmttr-ationspvetl'- r Die»; Mit Zustellung inl. Hau»» U-natlich. ...» V.- Vtretrl iilrrrg . . 80.- a*llri&htftg . . .7, 40.- vanrfShris. .-'•*» 80.— BHt Post»erfand» tzttMtatttch. . . .L 7.50 . HierteUSiivig. . „ 22.— wtei tk~ »ÄS 48819, av S^hr »be»d» rener Rr. 150 Wien, Donnerstag, den IS. Juni ISIS iftttjmsrmwitri Kreis preise süv da« A«Oskmr^ Monatlich . . .K 8.50 Niertolfah-rs. S5.-j galbföhrkg » . . „ 89.-^ Sanifährlg. .'.>,^NSüs Nedaltlkon ».Administva^ tionr s Wien. rr. «ador»r«»» Kr. 1-S ' Postsparkassen-Aont« 'vr.lS0.SSS 1. Jahrgang Die Ententepolittk und Osteuropa. - k Wien, 19. Jum. Je länger die Friedensverhandlungen dauern, iw so mehr wächst auch in den Staaten der Entente die Mißstimmung sowohl über den Inhalt des Friedensvertrages, der diesen Namen nicht verdient, als auch Wer die Methode, der er seine Geburt verdankt. Daß die Opposition allüberall gegen dieses Machwerk wächst, tst darauf zurückzuführen, weil man auch in den großen Volksmassen der Staaten der Entente sowie der Neutralen einzusehen beginnt, daß dieser Friedensvertrag nicht das Selbstbestimmungsrecht der einzelnen Völker respektiert, sondern mit Füßen tritt. ' Aber den in der Friedenskonferenz versammelten Diplomaten handelt es sich ja gar nicht — wie der Verlaus ihrer «Tätigkeit" in den letzten Monaten Drastisch zeigt — um Realisierung des Völkerbundes, des Völkerfriedens und zu diesem Zweck einer großzügigen Lösung der europäischen und asiatischen Streitfragen, sondern um Befriedigung der imperialistischen Sonderinteressen chauvinistischer Bourgeoisiekreise und ihrer proletarischen Nachbeter in den einzelnen Staaten. Das Opfer dieser Politik sind ganze Völker, nicht nur Deutsche, sondern auch Juden, Ukrainer, Kroaten usw., kurzum alle jene zahlreichen Nationen und nationalen Minoritäten, welche in Europa,. Asien und Afrika, einer einseitigen nationalistischen Staätsidee zuliebe vergewaltigt, entnationalisiert sowie wirtschaftlich ausgebeutet werden, und die man auf diese Weise bewußt oder unbewußt in die Arme des Bolschewismus treibt. , Das hier gesagte wird, besonders drastisch durch die Behandlung der polnisch-ukrainische:: Frage durch die Entente illustriert. Hierbei zeigt sich auch, wie sehr die einzelnen Ententemächte in ihren Zielen divergieren. Die regierenden Kreise der Franzosen haben ein Hauptziel: Die dauernde Schwächung Deutschlands. Hierzu erscheint ihnen in erster Linie ein Großpolen eine Notwendigkeit. Diesen unterordnen sie die Forderungen der Ukrainer und Juden nach Autonomie und Gleichberechtigung in Polen, Galizien, Bukowina sowie in der Ukraine. Dazu tritt nun noch der Umstand, daß die Rumänen ihnen ein rassenverwandtes, die Ukrainer aber ein tassenfremdes Volk sind. DcherhabendiefranzösischenRegierungskreise bisher die Aspirationen des polnisch-rumänischen Blockes auf Ostgalizien und Bukowina gefördert. Nun mehren sich aber in Rußland, mit dem trotz aller Differenzen in der inneren Politik auch in Zukunft die stanzöfischen Regierungskreise gegen Deutschland kooperieren wollen, jene Strömungen, die eine russische Völkerföderation und weiters Ostgalizien sowie die Bukowina unter allen Umständen, wenn halbwegs möglich aber auch Polen, für dieses föderierte Grußrußland fordern. Durch diese neue russische Strömung sind die französischen Sympathien für die großpolnischen und großrumänischen Ziele sehr abgekühlt, um so mehr, als diese auch sehr auf den Widerstand Englands und Tlmerikas stoßen. Weder die englische noch die amerikanische Regierung ist geneigt, jene uferlosen großpolnischen Postulate zu unterstützen, die auf die brutalste Vergewaltigung der Ukrainer, Juden und Deutschen Hinzielen und diese Völker in Osteuropa in ihrer Totalität in das sozialrevolutionäre Lager treiben würden. Andererseits aber wollen die jetzigen amerikanischen und englischen Machthaber aus nationalen wie ökonomischen Gründen keine Stärkung Rußlands und trauen aber auch den Polen nicht, die unter Umständen wieder mit Rußland paktieren könnten. Darum neigen nun Amerika und England der Meinung zu, daß Ostgalizien sowie die ukrainischen Gebiete der Bukowina ukrainischer Besitz bleiben müsse. Das offizielle Italien zeigt sich an diesen Fragen desinteressiert, hat aber ein Hauptinteresse, daß die Völker in Osteuropa sowie in Mitteleuropa und am Balkan, einander nicht nähertreten und weder politisch noch wirtschaftlich zu einander in engere Beziehungen treten, weil dadurch seine Machtstellung und speziell seine Aspirationen im Adriagebiete gefährdet wären. An diesen zahlreichen Differenzen sowie an der anwachsenden sozialrevolutionären Strömung unter den eigenen Völkern muß der Gewaltsriede ickeit-.r'.^ Die deutsche Friedensdelegation gegen die Unterzeichnung. Das Reichskabinett nimmt denselben Standpunkt ein. Weimar, 18. Juni. (Korr.-Bur.) Die Friedeusdelegation ist heute morgens mit Mehrstündiger Verspätung hier eingetroffen. Am 10 Ahr vormittags trat das Kabinett zu einer Sitzung zusammen. \ Berlin, 18.Juni. (Korr.-Bur.) Wie das „BerlinerTageblatt" hört, ist die Frieden sdelegation ohne jede Ausnahme für die unbedingte Ab lehn uu g der Ententeantwort. Man sagt sich, daß die überaus schroffe und beleidigende Form dieser Antwort den Deutschen die Ablehnung noch erleichtere. Sollte Graf Brochdorff als Chef der Delegation mit dieser Ansicht nicht durchdringen, so würde er unverzüglich die Konsequenzen daraus ziehen und aus seinem Amte auch als Minister scheiden. Es liegt aber nicht die geringste Veranlassung zu der Annahme vor, daß das Neichskabinett einen anderen Standpunkt als hie Friedensdelegation ein nehmenkönnte. Der Bericht der Friedensdelegqtion schließt geradezu mit einem Votum, in dem die Ablehnung der Note verlangt wird. Sturmszenen in der französischen Kammer. Keine Intervention in Rußland. — Die Rationalisten beschuldigen die Sozialisten der Bestechung durch Deutschland. SainL - Germain, 18. Juni. (Korr.-Bur.) Die gestrige Kammersitzung, in der die Debatte über Rußland beendet wnrde, verlief ungeheuer stürmisch. Pichon erwiderte den sozialistischen und radikalen Kritikern, indem er sagte, daß MN her Regierung mit Anrecht ein c E xp edition nach Rußland vorwerfe. Frankreich sei dort mit niemand im Kriege. Die französischen Truppen seien in Rußland wenig zahlreich. Der Bolschewismus sei eine Schöpfung der Deutschen. Die Rede Pichons wurde fortwährend unterbrochen. Es kam zu heftigen Szenen zwischen den Sozialisten, den andern Parteien und dem Präsidenten Deschanel. Sturmfzenenfo lgt e w als E a ch i n und Thomas angesichts der von nationalistischer S, e.iMe gegen die Sozialrsten erhobeney Beschuldigungen der Bestechuntz durch Deut sch l a n d von der Regierung Erklärungen verlangten. P i ch o n erklärten daß den Mitgliedern der Regierung keine Akten bekannt seien, die auf die Beschuli g « n g irgend welchen Bezug hätten. Die Kammer verwarf die von den Sozialisten beantragte einfache Tagesordnung mit 349 gegen 153 Stimmen und drückte der Regierung mit 349 gegen 437 Stimmen das Vertrauen aus. Die Lebensmittelkredite für Deutschösterreich genehmigt. Gesandter AllizL an die Regierung. Amtlich wird gemeldet r Dem Staatsamt für Volksernahrung ist vom französischen Gesandten Herrn A l l i z o folgende Mitteilung zugekommen r ,i „Die französische Budgetkommisfion hat die Gesamtheit der zur Ernährung Europas, einschließlich Deutschösterreich, bestimmten Kredite genehmigt. Die notwendige Gesetzesvorlage, wird unverzüglich der französischen Kammer vorgelegt werden.' Wie bekannt, beziffert sich der aus Frankreich entfallende, Deutschösterreich gewährte Lebensmittelkredit mit 15 Millionen Dollar. i Am die Versorgung Deutschösterreichs nicht zu unterbrechen, hat Frankreich noch vor offizieller Genehmigung des erwähnten Kredites den Zuschub der notwendigen Lebensmittelnach Deutschs st erreich in die W eg e geleitet, so daß seit 15. Mai die Versorgung Deutschösterreichs bereits durch Frankreich erfolgt." Verhandlungen nach der Unterzeichnung des Friedens? Ein „Versprechen" der Entente. New-Vork, 18. Juni. (Tel.-Komp.) „Philadelphia Ledger" erhält von seinem Pariser Korrespondenten eine Depesche, in der darauf hingewiesen wird, daß, obwohl der Wortlaut des Antwvrtbriefes an Deutschland den Eindruck großer Strenge macht, dennoch Aenderungen an den Friedensbedingungen vorgenommen worden sind. Es bestehe daher jetzt die Hoffnung, die deutsche Regierung werde das deutsche Volk darauf Hinweisen, daß ein bestimmtes Versprechen der Alliierten vorliege, nach derAnterschrist des Friedens- Vertrages Verhandlungen nt eröffnen. Deutschland erhält ein Mandat in Deutschostafrika. B r ü s f e l, 18. Juni. (Tel.-Konrp.) Die Besprechungen über das Schicksal von Deutsch-! ostafrika haben zu folgendem Ergebnis : geführt r England wird seine Zustimmung er-! teilen, daß Deutschland ein Mandat über jene Teile von Deutsch-! ostafrika, die an Belgisch-Kongo grenzen, e r h a l t e n w i r d. Diese Teile würden das gesamte Gebiet umfassen, die gegenwärtig von belgischen Truppen besetzt find.; (Diese Meldung hat wenig Wahrscheinlichkeit für sich, nachdem aus der Antwort der Entente auf die deutschen Gegenvorschläge keine Aenderung ihres Standpunktes in der Kolonialsrage zu ersehen ist? Die Red.) ~