Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 149 (18.6.1919)
- Date
- 1919-06-18
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 149 Wien. Mittwoch Wiener Morgenzeitung 18. Juni 1919 Seite 9 Inland. Der mißlungene Putsch. »-5. Die Erregung der Oeffentlichkeit wegen der sonntägigen Vorfälle in Wien Hot sich einigermatzen gelegt. Doch wird selbstverständlich überall die Frage nach den Urhebern der Krawalle gestellt. Die Entrüstung Über das Treiben der verantworwngslösen Agitatoren, die so tun, als ob die ganze Wiener Arbeiterschaft ihnen Gefolgschaft leister, ist allgemein. Natürlich versuchen die Parteien, aus den blutigen Ereignissen politisches Kapital zu schlügen. Die sozialdemokratische „Arbeiter-Zeitung" veröffentlicht wieder Enthüllungen, die aber nichts Neues besagen, als daß der sonntägige Putsch' von dem Direktorium der Kommunisten bis in die letzten Einzelheiten vorbereitet war. In einem Flugblatt wurde den Volkswehr- Soldaten versprochen: Wenn ihr die Diktatur des Proletariats verwirklicht, so wird es euch so ergehen, wie euren ungarischen Brüdern, die dreifachen 8 d h n benelnn und in dm Palais der Reichen wohnen. Habt ihr dir Diktatur der Proletariats errungen, so wird die ungarische Räterepublik ihre durch die Eroberung der Slowakei g e» füllten Getreidespeicher auch euch zur Vers fügung stellen. Wie lange wollt ihr noch mit verschränkten Armen zuwarten? Arbeiter, heraus! Hinweg m»t der Bourgeoisie! Hoch die Proletarierdiktatur! Hoch die Räterepublik Deutschösterreich! Die antisemitische Preffe stimmt wegen der paar Leute Mischer Abstammung einen hellen Iubelchor an. In allen Tonarten wird das Lied von den Juden, die an allem schuld sind, gesungen und in den Betrachtungen über die Kommunisten, deren Wirksamkeit letzten Endes durch die permanente Hungersnot und auf die Blockade Wiens durch die deutschen Bauern des niederösterreichischen Flachlandes gestützt wird, kehrt man immer wieder zu den „jüdischen Bolschewiken" zurück. Wir haben unsere Meinung über diesen Punkt oft und Klar genug geäutzert. Wenn es jüdische Intellektuelle gibt, deren überreizte Nerven den Aufregungen des Tages nicht standhalten, so fällt die Schuld ausschließlich auf jene Verbrecher, die den Krieg angezündet und verlängert haben, auf die Hetzer deutschradikaler und christlichsozialer Färbung, die die Massen durch vier lange Jahre in einem fürchterlichen Blutrausch festgehalten haben, in dem dem einfachen, unkomplizierten Gehirn der Sinn für Recht und Unrecht abhanden gekommen ist. Aus den im Krieg so oft angeordneten Plünderungen, aus den standrechtlichen Hinrichtungen, aus der Kriegslyrik, aus der frechen Zensur ist diese Sturmernte hervorgegüngen, an deren Aussaat die Juden wahrlich nicht beteiligt waren. Ihnen heute die Schuld dafür ausbürden zu wollet:, daß die von aller Welt verlassenen Heimkehrer und die unglücklichen Invaliden zur wohlfeilen und wehrlosen Beute hirnrissiger Schreier und bezahlter Agenten geworden sind, ist eine sinnlose Dummheit. Im übrigen verweisen die „Arbeiter-Zeitung" und die ihr im Kot freudig nachstampfenden antisemitischen Blätter — es sind dieselben, die im Juli 1914 „Hoch der Krieg!" gebrüllt haben — gerne bei dem halben Dutzend jüdischer Nm/.m. Was ist aber mit den Herren Mühl, Poor, Kozma,Tomann, Kasper, d'All Oglio, Witaschek? Die Liste dieser Herrschaften, die das Geld angenommen haben, das ihnen ein angeblicher Jude aus Budapest mit einem Grütze des urmagyarischen Landadengen Bela Kun gebracht hat, könnte noch um ein beträchtliches vermehrt werden. Was wäre aber damit bewiesen? Doch nichts anderes als die alte Erfahrung, datz Bestechung und Korruption in keiner Weise an Nation gebunden sind. * Ein Aufruf des Soldatenrates. Der Vollzugsausschuß der Wiener Soldatenräte hat einen Ausruf „An düs Wiener Proletariat!" erlassen, in dem er unter anderem seststellt: „Das Direktorium der kammuniftischen Partei ist nicht die Vertretung der Arbeiterklasse Wiens, ihre sonntägigeAktion war keine Aktion des Proletariats. Die von mehr als einer halben Million Wiener Arbeiter erwählten Arbeiterräte haben mit Zustimmung des Vollzugsausschusses der Soldatenräte Wiens in einer feierlichen Kundgebung erklärt, daß nur der Arb erterrat den wahren Willen des ganzen klassenbewußten Proletariat- Wiens aller Richtungen zum Ausdruck bringt , und daher allein die Kompetenz hat. Massenaktionen der Wiener Arbeiterschaft einzulerten, zu beschließen und zu, ihnen aufzufordern. Es ist eine unerhörte Entstellung der Wahrheit, die Volkswehr als ein willenloses Werkzeug einer „kapitalistischen Regierung", als die Mauer einer „Weißen Garde" hinzustellen. Der Vollzugsausschuß erklärt, daß die Bolkswehr Sonntag im Sinne ihrer Parole fest ' entschlossen war, jeden Putschversuch niederzukämpsen. Wir proletarischen Soldaten , lassen d i e Revolution durch wahnsrnNige Verbrechen nicht gefährden! Die Arbeiterschaft hat die Teilnahme an diesem wahnwitzigen Abenteuer abgelehnt. Unsere Pflicht als die berufenen Hüter der Revolution war es, das. Treu» gelobnis dem Proletariat zu halten und seine Revolution zn schirmen und zu beschützen. Im Dienste dieser Aufgabe stand Sonntag auch die Stüdtschutz- und SlcherheitsWNche. Wir leugnen nicht die N o t w e n d i g k e i t e i n e r strengen u.nb a e r e ch t e n U n t e r s u ch u n g der blutigen Zusammenstöße. Aber wir stellen fest, daß die gegen Kordone der Sichcrheitswache anstürmmden und feueruden, als Sturmbock vorgeschobenen Jugendlichen und Invaliden nicht als das Wiener Proletariat amusehen sind, und lehnen rntschieden den Versuch des kommunistischen Direktoriums ab, die schwere Blutschuld, die auf ihm lastet, auf die „Weiße Garde" und die „kapitalistische Regierung" übzumälzen. Die Blutschuld für das sonntägige Morden fällt mit zermalmender Wucht er u f das k o in munifti f ch e D i.r e k t o r i it nt l Der sonntägige Putsch war in allen Einzelheiten vorbereitet. Wir Soldaten stehen auch fernerhin ' treu znr Arbeiterklasse Wiens und dem von ihr erwählten Arveiterrat." Ostgalizien unter polnischer Herrschaft. Quälerei der Juden. — Auflösung der Natioualräte. — Verrat der Assirnilauten. Dem Pressedienst der Delegation des Jüdischen Nationalrates für Ostgalizien wird gemeldet: Seit der polnischen Herrschaft in Ostgalizien nehmen die Bedrückungen der jüdischen Bevölkerung kein Ende. Die dort herrschenden Zustände sind unerträglich und die Ausschreitungen der polnischen Truppen gegen die Juden geradezu grausam. Sogleich nach dem Einmarsch der polnischen Armee wurden die jüdischen National rate, die erst vor kürzester Zeit auf Grund des allgemeinen Wahlrechtes vom jüdischen Volke gewählt worden sind, aufgelöst. Bei der von den polnischen Behörden vorgenommenen Konskription wird die jüdische Nationalität nicht anerkannt und die Juden gezwungen, sich als „Polen" zu bekennen. Die jüdischen Beamten, die unter den Ukrainern Dienst machten, wurden entfernt. Während den ukrainischen Beamten eine Wrederanstellung in Aussicht gestellt ist, werden die Juden von derselben völlig ansgeschlösfen. Die jüdischen Schulen wurden geschlossen und die Wiederaufnahme der jüdischen Schuljugend in die allgemeinen Schulen den ärgsten Beschränkungen unterworfen. Zahlreiche Juden werden van der Strafe, von B eth äu s ern zn schweren Arbeiten, jüdische Frauen vom Hanse in die Kasernen zum Kartoffelschälen und dergleichen selbst an Samstagen und jüdischen Feiertagen geschleppt. Hiebei werden die Leute ihrer Kleidung, ihres Geldes und Wertsachen beraubt. Die Soldateska drangsaliert unaufhörlich die Juden und schneidet jüdischen Passanten die Bärte ab, wobei viele an Blutvergiftung sterben. Als am 11. Juni die Ententemifsion in Stanislau weilte und deren Leitet den Wunsch äußerte, jüdische Vertreter über die gegenwärtige Lage der Juden zu befragen, wurden von den polnischen Behörden keine Nationaljuden zugelassen, sondern drei Asfimilanten, Dr. Halpern jun., Dr. Atlas und Rabbiner Hororvitz als Vertreter der Iudenheit vorgeführt. Die Genannten überreichten anf eigene Faust ein Memorandum, in welchem sie den Wunsch äußerten, datz ganz Galizien dem polnischen Reiche einverleibt werde, da die Lage der Inden unter polnischertzerrschaft eine gute fei (!). Trotzdem die jüdische Bevölkerung erst vor einigen Wochen den Jüdischen Nationalrat als ihre vertretende Körperschaft eingesetzt hatte, versuchen die Asfimilanten noch immer gegen den Willen der Massen die alte verräterische Moschkopolitik zu betreiben. Eine Kundgebung der jüdischen Nationalratdelegation für Ostgalizien. Die Wiener Delegation des ostgalizischen Nationalrates hat nach Anhörung der Referate Über die jetzige Lage in Ostgalizien folgende Resolution aügenomnlm r I. Die jüdische Neutralität. Anlnüpsend an die feierliche Entschließnng des ersten jüdischen Rationalrattages für Ostgalizien vom 18. bis 20. Dezember 1918 „im nationalen Streit zwischen bilden das Land bewohnenden ssawuchen Völkern nach wie vor v o l l e Neutralität zn wahren", erhebt das jüdische Volk gegenüber beiden kämpfenden. Völkern b e n A n s p r n ch a u f R e s P e ktrerung fein-er nationalen Sonderheit .und verlangt die Weiterbelassung der von ihm nach dem Zusammenbruch per Monarchie geschaffenen nationalen V r k 11 e t tt it ft e n und Institutionen. II. Protest gegen die polnischen Nechtstzrüchs. Die Delegation des Jüdischen Nationalrates für OstgalizitU protestiert!, a) gegen die von dev polnischen Behörden ungeordnete Auflösung d e r a u s b r e i t e st e r d e m o k r a t is ch e t Wahlvrd tt u n g ch e r v v r g e g a n g e n e n j it b i s ch e n R a t i o u a l r Ü t e, sowie auch gegen die W i e d e r b e r u s u n g der alten, vom j ü dischen Volke einmütig äbgelehntett israelitische Kult n s g e M e i n d e v^d r 1 r e t u n g e tt-; b) gegen die Verfolgung bei? gewählten Vorstandederjü dis chen Nationalräte, von denen unter anbeten Dr. R o t t e n st r e i ch. Präsident des Jüdischen Nationalrates in Sambor, unrechtmäßig verhaftet und v or ein Kriegsgericht ge st,ellt wurde; c) gegen die Verletzung der von Juden proklamierten Md von beiden Parteien anerkannten Neutralität im polnisch-ukrainischen Kanrpfe durch die rechtswidrige Heranziehung der ostgalizischen Juden zum Dienst im polnischen Heere; 6) gegen die rechtswidrige Entlassung jüdischer Staatsbeamten vom Dienste, weil siegemäßder Haager Konvention auf ihrem Posten ausharrten, ihre Neutralität bewahrten und sich keines anderen „Vergehens" schuldig machten, als daß sie sich zur jüdischen Nationalität b Sennen; s). gegen den Ausschluß j ü d i s ch e r M i t t e lu n b Hochschüler in Ostgalizien ans öffentlichen , Unterrichtsanstalten. III. Protest gegen die rumänische Invasion. Die Delegation des Jüdischen Nationalrates für Ostgalizien erhebt ferner Protestgegen die Besetzung ostgalizischer Gebietedurchdie Rumänen, die den Juden im eigenen Lande die primitivsten menschlichen Md bürgerlichen Rechte stets verweigerten Md auch nach Galiziern auf welches fie weder einen ethnographischen noch den geringsten Schein eines historischen Rechtes beanspruchen können, das rumänische System der Judenknechtung und der Judenverfolgung' die bereits in Kolomea in blutigen Ausschreitungen gegenJuden seinen Ausdruck fanden, hineintragen. IW Gegen den materiellen Ruin der Juden. Die Delegation des Jüdischen Nationalrates für Ostgalizien fordert die jetzigen Machthaber in Ostgalizien auf, gemäß den ihnen nach der Haager Konvention obliegenden Verpflichtungen die V a l u t ü f r a g e auf dir Weise z« ordnen, daß die jüdische Bevölkerung in Ostgalizien von einer materiellen Katastrophe bewahrt werde, indem die von der ukrainischen Regierung zwangsweise angeführte eigene Valuta in ihrem vollen Nominalwert tt* halten werde. Die Todesopfer deö Schreckensormtags. Die Z.chl der T o d e s o p f e r des sonntägigen Putschversuches ist aus fünfzehn gestiegen. Außer den elf Opfern, deren Namen, schon verlautbart wurden, sind noch folgende vier Personcu gcstoiben t der .Rjährige Geschäftsdiener Robert S i m a c z e k. der 33jährige Verkäufer Franz V e j p n t n i k, der SOjähriae MoUteurgehrlfe Jgüüz Ei s s i k lind der 19j8hrige Expedient Leopold M a d l. Gerüchte und Falschmeldungen. Den Hetzern ist es an den fünfzehn Toten und den sechzig Verwundeten nicht genug. Sie beunruhigen die Oeffentlichkeit noch durch allerlei Schauermaren. So wurde gestern erzählt, die Kommunisten hätten auf den Kopf von Renner und Seitz Prämien ausgelevt und in Edlach hätten zwei ungarische Agenten die Grafen Apponyi. Croy und Consy vergiften wollen. Das sind natürlich ganz offenkundige Lügen. Die angeblichen Einschnßhülsem Amtlich wird Mltgeteilt: Die Antichrist auf den von der Stadtschutzwnche am Sonntaa verwendeten Pattynenkarlotis: „Schärfe Patr. mit E^Hülien bot einem Wictter Äbendblaite Anlaß zur Behauptung, daß sogenannte „Etnschußhülleu" vorliegen. Das sind explosive JnfaNteriegeschosse. die selbst im Kruge völkerrechtlich unzulässig sind. Tatsächlich beamtet „E.-HÜlsen" Eisenhül'en, die in letzter Zeit in Ermangolnng anderer Metalle in der Munitionsfabrik Wöllersdorf bei der Erzeugung von Jnfauteriegeschoffen verwendet wurden; keineswegs handelt es sich also um mit Ammonal gefüllte Explosivgeschosse- ___ Voraülverger Landtag. Innsbruck, 17. Juni. (Korr.-iBuk.) Der Vorarlberger Lündtag trat heute zu seiner ersten Sitzung zusammen. Zum LandeShaiiptmann wurde mit 88 von 80 abgegebenen Stimmen der bkshengc LandeShattpimann Dr. E n der gewählt. Zu Landeshauptilialinftellverlreteiil wurden gewählt: Dr. R Ü d l e r (chrisilichsozial) Mid P r e i s; (Sozialdemokrat'. Aus dem Parlament. Unter den gestern im Parlament erschienenen Ab- .geordneten wurden die Vorgänge des letzten Sonntags eifrig erörtert. Was den von vielen Politikern geäußerten Wunsch nach Rückbernsung Doktor Renners betrifft, so wurde darauf vertviesen, daß nach der Entgegennahme finanzieller Vorschläge der ENtente jedenfalls eine Besprechung der maß gebend eit Funktionäre mit Dr. Renner entwÄer in Feldkirch oder, falls die Zeit .es gestattet, inW ie n erfolgen werde. Zur Frage des Zusammentrittes der Nationalversammlung wurde von mehreren Wgevrdneten erklärt, daß vorläufig kein Arbeitstnaterial fertiggestellt sei und sich daher die Debatte nur zn einer fruchtlosen Kritik der traurigen Vorgänge vom Sonntäg gestalten würde. Gleichzeitig wurde die Meinung geäußert, daß im Falle einer Wiederholung der sonntägigen blutigen Ausschreitungen es im Interesse der Gesetzgebung gelegen wäre, wenn diese ihren «Sitz von Wien, das in letzter Zeit zu einem Heck von Unruhen geworden sei, in eine Prov i nzstadt verlegen würde- Das wäre natürlich die vollständige mtb restlose Ausschaltung der Volksvertretung. Der Ausschuß für soziale Verwaltung trat gestern in die Beratung des HausgehilfengesetzeS ein- Der Beratung liegen Anträge der Abg. Popp und Genossen mtb der Abg. Dr- Hildegard Burjan und Genossen zugrunde. Der Ausschuß beschloß, ein engeres Komitee einznsetzen, welches die vorliegenden Anträge beraierk und -dem Ausschuß hierüber bestitiiniteVorschläge unterbreiten soll. Schließ- 11 lich wurde das Gesetz betreffend die Beschäftigung