Mannheim
Compact Memory

Wiener Morgenzeitung · 1919-06-18 · Heft 149 (18.6.1919) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 149 (18.6.1919)
Date
1919-06-18
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2979076-2979077-2979226--01324-2986714
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 2 Wien, Mittwoch Wiener Morgenzerrung 18. Juni ISIS Nr. 149 Pottttsche^Rundscha«. Der Gerechtigkeitsfrieden. Die Antwort ber Entente an Deutschland, die am Montag abends dem Grasen Brockdorff übergeben wurde, ist von einer Note begleitet, in der Clemeuceau wieder Deutschland als den am Krieg Schuldige« erklärt und bas Diktat von Versailles wiederholt, das als ein „Gerechtigkeitsfrieden" bezeichnet wiÄ>. Bebgefügt sind die Gegenvorschläge der Entente, die von Zugeständnissen sprechen, ohne jedoch ihr Ausmaß genauer zu umschreiben. Es wird nur die Dolksabstim- "rnung für Oder ch'eswn sowie für die an Dänemark und Belgien abzutretendett Gebiete zugestanden. Die deutsche Negierung, welche binnen sieben Tagen antworten soll, wird also zunächst eine Maus Textierung der Konzessionen verlangen müssen. Es ist aber nach dem Dott« der Mantelnow, die an manchen Stellen in Beschimpfungen ättsärtek, Nicht zu erwarten, daß es doch Noch zu einem Bergleichsfrieden kommen wird. Die Entenw scheint übrigens schon damit zu rechnen, daß Deutschland die Üriterfertigung dieses Friedens VerWeigeM wird, Und kündigt bereits ihre Gegenmaßnahmen an. Die belgische Armee soll Berlin besetzen, die französische Armee gegen Hanau Vorgehen und die amerikanische Armee eine Verbindung zur tschechischen Herstellen- Gleichzeitig sollen polnische Truppen die vberschltzsischen Kohlenfelder besetzen, wodurch Deutschland nach der gleichzeitigen Absperrung des Essener Reviers vollständig stillgelegt würde. Die Entente glaubt, daß sie aüs diese Weise ein Siebzig- Milli onen-Bolk zerbrechen kann. Mer das hat auch Napoleon geglaubt . - . Der Geist der Versöhnlichkeit, von dem die französische Presse immer spricht, sieht so aus: Die vorgestern von Versailles abreisenden Mitglieder der deutschen Friedensdelegation wurden Mit Steinen beworfen und einige von ihnen verletzt. Die polnischen Protestrabbiner. Ein Ptivaktelögräinnt äüs Warschau berichtet Übet eins Aktion der polnischen Assimilsnten, die — wenn sich die Nachricht bewahrheiten sollte --- ein scharfes Licht auf die leelische Verfassung des polnischen Judentums werfen würde. Die maßlosen Leiden, denen die Juden in Polen ausgesetzt sind, haben eine beispiellose Angstpsychose hervorgerufen. Die Furcht vor neuen Pogromen ist so stark angewachsen, daß sie sich selbst Überschlag! und zur Furcht vor jeder Maßtegel geworden ist, die den Pogromen Vorbeugen soll — weil solche Maßregeln die Wut der Polen nür Noch mehr reizen würden, sso haben wir es erlebt, däß Nach den Novemberpogromen sich Juden zu Verteidigern ihtek Hettwr üufwarfen. Wö immer die polnische Regieküng näch aüßen hin die UirkerstützuNg jüdischer Kreise brauchte, suchte sie nicht vergebens: Und gestützt auf die Führer der Ässimilanten konnte sie stets dem Ausland versichern, daß die Pogrome gar nicht stattgesunden hätten oder däß sie Nür als Hungerkrawalle betrachtet werden dürften; öder daß es sich um eine interne polnisch-jüdische Differenz handle, die das Ausländ Nichts cmginge, und daß die Hilferufe ausländischer Juden nun eine von deutschen und antipolnischen Interessen diktierte Mache seien. All diese Mnzelfälls, Symptome Unbeschreiblicher psychischer Erkrankung des polnischen Assimiläntenütms, werden weit IN den Schatten gestellt durch einen Protest, den die „vereinigten israelitischen Kultusgemeinden der polnischen Territorien" gegen den voni Friedenskongreß beschlossenen Minoritätenschutz Veröffentlichen. Der Wortlaut dieses Protestes liegt Ms vorläufig nur unvollständig Und verstümmelt vor; immerhin ist bereits etwa folgende Argumentierung zu entnehmen: ,Me Verwirklichung der jüdischen Schulautonomie würde künstlich und im Gegensatz znr natürlichen historischen Entwicklung leine jüdische Nationalität schaffen» Das Land würde von einem Netz von JargonschNleN überzogen werden, welche die Ghettomauern Neu errichten Und di« jüdischem Kinder dem Einfluß der polnischen Gchule entziehen würben. Jargon- Schulen befestigen aber den Einfluß der deutschen Zivilisation, da der Jargon nur ein deutscher Dialekt ist." Dieser angst- ,schlotternde Protest, diktiert von der Not ber polnischen Pogromregiernng, die sich vom Ausland bedroht sieht, allzuwillig nachgeschrieben von den Spitzen der Kultusgemeinden, äst eines der traurigsten Dokumente Unserer Läge. Die Männer, die ihn unterzeichnet habest, scheuest sich nicht, zu jener Ver- . leumdung des Jüdischest KU greifen, die heute das Hauptargument der polnischeil Jubenhetzer bildet sie bekämpfen es, nicht weil es häßlich, kulturlos oder weil es jüdisch, sondern weil es angeblich deutsch istl Diese Männer handeln unter Zwangsvorstellungen der Angst. Aber Angst wovor? Bor neuen Pogromen? Die Millionäre, die Kapitalisten, die Nätanson, Dickstein, Löwenstein, Diamant, hüben sich noch stets vor Schaden zu wahren gewußt. Opfer der Pogrome sind nicht sie, sondern der jüdische Proletarier, der Ladenisthaber, sind jene Klassen, die sich von der Assimilation längst aögewandt haben, die heute hinter den gewähltest Volksvertretern stehen, und die, trotz aller Drohungen und Verfolgungen, daS Minoritätengesetz ersehnen und veilattgen. Wenn sie es ablehsten würden, wenn sie ihren Mut und ihre Standhaftigkeit Verlieren, wenn sie, die täglich um ihr Leben fürchten müssen, kleinmütig würden — wer könnte ihnen sein Mitleid versagen? Unter dem Protest aber stehest jene Männer, die sticht ihr Leben, sondern nur ihre Titel, Aemter und Orden zu verlieren fürchten. Mehr stsht für sie nicht auf dem Spiel — warum überlassen sie die Wortführung in dieser Frage, von deren Entscheidung Leben oder Tob vieler Tausender abhängk, nicht den Vertretern dieser Tausenden selbst? Krieg oder Friede? Geringfügige Aenderungen. — Das letzte Wort der Alliierte«. — Der deutsche sozialdemokratische Partettag gege« jede« Gewaltfriede«. Gestern abends um s/*7 Uhr überreichte der Generalsekretär der Friedenskonferenz, Dutasta, dem Generaldirektor S i rN o n s die neuen Dokumente, indem er bemerkte, daß diese die endgültiger Bedingungen der Entente enthielte«. Die deutsche Delegation solle innerhalb einer Frist von fünf Tagen vom Zeitpunkt der Ueberreichung an gerechnet erklären, ob sie gewillt sei, den Friedens- Vertrag zu unterzeichnen oder nicht. Generaldirektor Simons erwiderte, die Frist von fünf Lagen sei zu kurz bemessen. Im Aufträge des Reichsministers des Auswärtigen, Grafen BroöLorff- ' Rantzau, erkläre er, dis deutsch« Awgwnmg und die deutsche Friedensdelegatwn behielten sich vor, eine Verlängerung der Frist zu verlangen. Die UeberreichnngSzeremouw dauerte im ganzen sieben Minuten. Kurz vor 9 Uhr kam Herr Dutasta nochmals nach Versailles und teilte dem Generaldirektor Simons mit, die alliierten und assöMrtenNegwrttngen hätten sich bereit erklärt, die Frist um 48 Stunden zu verlängern. Namens der deutschen Friedensdelegation erklärte Generaldirektor Simons, die Frist einzuhalten, jedoch werde erst die deutsche Regierung in der Ärge sein, einen endgültigen Entschluß zu fassen, Und sie werde den alliierten und assoziiertem Regierungen Mitteilen, ob die Frist vo» Me« Tage» eingehalten werden könne. Die Antwort der alliierten und afsöziwrtsn Machte erklärt, der von ihnen vorgeschlagene Friede fei vom Grund aüs ein Gerechtigwitsfriede und entspreche den von den beiden Teilen für den Waffenstillstand angenommenen Grundsätzen. Im einzelnen besagt die Antwort daß an der Ostgrenze überall, wo der Volkswille zweifelhaft sei, eine Volksabstimmung vorgesehen werde. Danzig werde als Freistadt von Deutschland gelöst, um Polen einen freien Zugang zum Meer zu geben, aber nicht als Bestandteil Polens. Ob Oberschleswn deutsch bleibt oder polnisch wird, soll durch Volksabstimmung entschieden werden. Die politischen Bestimmungen über das Saarbecken bleiben unverändert. Die Abtretung deutschen Gebietes an Dänemark und Belgien soll nur das Ergebnis einer Volksabstimmung sein. Andere Aenderungen des Frwdens-- entwurfes sollen nicht stattfinden, Deutschland also auch die Kolonien nicht znrückethalkeN. Am Schlüsseheißt es: Diese Rote und das. beigsfügte Schriftstück bedeuten das letzte Wort der alliierten «ud assoziiert«« Mächte. Sie beharren auf den Grundlinien des Vertrages, haben aber bedeutende Zugeständnisse in der Anwendung gewährt. Infolgedessen erwarten sw binnen fünf Lagen von der deutschen Delegation die Erklärung, daß sw bereit ist, den Vertrag, so ww et heute ist» zu unwvzeichneu. Erfolgt diese Erklärung, so wirb dw sofortige Unterzeichnung des Friedens in Versailles herbeigeführt werden. Anderenfalls bedeutet dw gegenwärtig« Mitteilung die Aufkündigung des Waffenstillstandes, und dw Mächte würden jene Maßnahmen ergreifen, dw fw für notwendig erachten, um die Bedingungen aufzuerlegen. Dw MitgllÄer der deutschen FriÄrenSdelegatwn, Retchsminister Graf VroSd-rff-Ranhau, LandSberg,Giesberts. Professor Schücking und Doktor Melchior sind unverzüglich von Versailles nach Weimar abgeretst, um dortselbft mit der deutschen Regierung und der deutschen Nationalversammlung Über dw Antwort der alliierten und assoziierten Mächte zu beraten und Beschluß zu fassen. Auf ihrer Fahrt vom 'Hotel des Reservoirs zum Bahnhof von Noisy-leS-Rois wurden sw von einer Menschenmenge mit Steinen beworfen. Hierbei wurden leicht verletzt das Mitglied der Delegation Dr. Melchior, Oberstleutnant von Lylander, Professor Dr. Mayer mtb Frau Dornblüht, dw sich an der Seite des Reichsvostministers GieSberts befand. Dw Kundgebungen der Menschenmenge dauerten den ganzen Abend an und verstärkten, sich, als dw Mitglieder der Delegation aus der Straße zwischen dem Hotel deS Reservoirs Und dem Hotel Vawl sichtbar wurden. Run hängt alles von der Entscheidung der deutschen Regierung ab. Bon den Berliner Blättern sind heute infolge des Streiks erst nur einzelne erschienen, so daß das Echo der neuen Bedingungen noch nicht feststellbar ist. „Germania" betrachtet Abänderungen als etwas günstiger, alS dw Meldungen von Havas erwarten ließen, aber sw bwiben doch sehr weit hinter den Erwartungen zurück. Der „Vorwärts" dagegen verweist darauf, baß der sozialdemokratische Parteitag" „nahezu einmütig dw bisherige auswärtige Politik der Partei gebilligt habe. Roch einmal ist in schärfster Form ein dem deutschen Volk von ber Entenw zugedachwr Gewaltfriede zurückgcwwsen , worden." Ueber die Taktik, dw im ferneren Kampf um einen gerechten Frieden anzuwenben fei, habe sich der Parteitag wohlweislich nicht ausgesprochen. Sw zu bestimmen, werde Sache des Kabinetts und ber Nationalversammlung sein. Sollten jedoch dw Sozialbemokraten in der Regierung zu der Ueberzengung kommen, daß auch der ab geändert« Frwdensvertrag der Entenw nicht unwrzeichnet werben könne, so würden sitz durch den Beschluß des Parteitages gedeckt sein. Bei dieser Swllungnahme der gegenwärtigen Regierungspartei ist es begreiflich, baß man sich.mit größerem Interesse der Frage zuwendet, was dw Entente für drn Fall der Ablehnung für Maßnahmen vorbereite. Dw New-Aorker Blätter veröffentlichen Pariser Meldungen ihrer amerikanischen Berichterstatter, wonach sich allem Anschein, nach dw Deutschen auf die Besetzung des Landes bereits vorbereiten, da sw Kriegsbedarf und Truppen aus dem Westen zurücknehmen und im Osten anhäufen. Es scheint, als ob sie beabsichtigten, die Alliierten im Westen einmatschieren zu lassen, ohne Widerstand zu leisten, während sie sich gleichzeitig im Osten auf Polen stürzen, für dessen Schutz dw Alliierte» bisher Noch nichts getan haben. i Die im Hauptquartier der Alliierten kn Luxemburg stattgefundenen Unterredungen sowie dw Beschlüsse des Obersten WirtschaftSraws wegen der endgültigen Entscheidungen im Falle der Nichtnnterzeichnung des Vertrages durch dw Deutschen haben andererseits, gleichfalls nach New Porter Meldungen ergeben, daß dw Alliwrwn tatsächlich entschlossen sind, Deutschland in kürzester Zeit nwderzuringen, falls es am Samstag nicht bereit sein sollw, den Vertrag zu unwrzeichmn. Jedes Moment, das den Deutschen die Möglichwit geben würde, ihre Versuche, Zwietracht zwischen die Alliierten zu säen, und die alliierten Völker zur Erhebung aufzufordern, ww dies bereits durch dw französischen und italienischen Ausstände während der Zeit, in dev die Alliierten sich mit der Prüfung der deutschen Gegenvorschläge befaßten, geschehen, muß ausgeschlossen werden. Dw militärischen, Marine- und wirtschaftlichen Behörden der Verbündeten haben bereits alle Maßnahmen getrosten, um dw Deutschen nwderzuringen, bevor es ihnen glücken sollte, in . nur einer dwser Richtungen Erfolge zu erzielen. Hinsichtlich, des Gerüchtes, daß Italien sich weigern werde, den Vertrag zu itnwrzeichneN, falls nicht dw Adriafrag« nach seinen Wünschen geregelt weiche, erklärte» maßgebende Konferenzmitg lieber, baß, da Frankreich, die Vereinigten Staaten, Großbritannien und Japan eines Sinnes sewn, Italiens Stellungnahme keinerlei Besorgnis errege. Was, i i **! ' Frankreich antangl. dessen knnerpolitische Gttuatwn der Regwrung dw Handlungsfreiheit mehr und mehr beengt, so bietet dw Regwrung alles auf, um der Arbeiterunruhen' wenigstens so lange Herr zu bwiben, bis der Friedens- Vertrag unterzeichnet ist. Tatsächlich ist e8 gelungen, den Streik der Untergrundbahnbedwnfteten beizulegen, den Generalstreik einstweilen aufzuschwben und den Streik der Bergarbeiter 24 Stunde« später beginnen zN lassen. Um dws alles zu erreichen, mußw dw Regierung jede Gewaltmaßnahm« sorgsamst vermeiden, dw Arbeiter ganz unbehelligt lassen und den Arbeiterführern überaus freundlich entgegenkommen. Nichtsdestoweniger ist eine Entspannung des krisenhaften Zustandes bis jetzt nicht bemerkbar. DW Arbeiterführer ihrerseits sind gesonnen, den günstigen Augenblick aus das äußerste anszunützen, um Begünstigungen jeder Art, wenn auch Lei Verzicht auf dw letzten Pressionsmittel, zu erlangen. Dw Deutschen bütfen daher Nicht z« vwl auf eine Politik des Widerstandes baue«, der ohne Hilfe ber französischen Sozialisten vergeblich wäre. Dw bisherigen Streiks in Frankreich haben aber jedenfalls dw Friedenskonferenz beeinflußt und bei. ihr den Wunsch wachgerufen, den Friedensvertrag von den Deutschen freiwillig unterzeichnet zu sehen. Präswent Wilson, der gestern abends nach Belgien abgereift ist, beabsichtigt. Freitag Morgens wieder in Paris einzutreffen. Wenn Deutschland den FrwbenSvertrag am Montag unterzeichnet, wird sich Wilson am Dienstag den 24. in Brest nach Amerika einschiffen. Wenn Deutschland nicht unterzeichnet, wird der Präsident SamStag den 26. dw Heimreise antrewn Und die Ausarbeitung deS neuen Friedens den in Paris verbleibenden Beratern überlassen. Auch er hat mit einer Komplizierung der innerpolitischen Situation zu rechnen. Auf dw Entschließung des Senates, ber eine Vorlegung des vollständigen Textes des FrwdenSvertrages fordert, teilw Präsident Wtlson durch das Staatsdepartement mit, die Mttwilung des FrwdenSvertrages widerspreche dem öffentlichen Interesse, da der Vertrag unvollständig sei und noch nöer viele heikle Punkte verhandelt werde.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.