Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 149 (18.6.1919)
- Date
- 1919-06-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Im Anschluß daran Wurde davon gesprochen, daß Japan sich von der Friedenskonferenz zurückzuziehen beabsichtige. Diese Nachrichten lenken wieder die Aufmerksamkeit aus die merkwürdige Haltung, welche der Staat des Mikado während des ganzen Krieges eingenommen hat und die sich mehr und mehr zu einer zwar stillen, aber um so eindringlicheren Bedrohung ausgestaltet. - Daß England und Deutschland auf dem Meere und insbesondere im vorderen Orient gegeneinander stießen, war eines der Haupthindernisse für eine Pazifizierung^ der Welt. Von nicht minderer Tragweite war der Streit zwischen der österreichisch-ungarischen Monarchie und Rußland um die Balkanhegemonie. Auch die zunehmende Gefahr einer Bedrohung der englischen Herrschaft in Indien durch eine russische Expansion bildete den Herd schwerster Verwicklungen. All diese Konflikte sind nun durch Waffengewalt aüsgetragen und für absehbare Zeit erledigt worden. Der Aufrichtung eines Friedens zwischen denjenigen großen und kleinen Mächten, welche irgendwie mit chnen verknüpft waren, steht nichts im Wege. Aber es wäre recht; kurzsichtig, wollte man annehmen, daß damit überhaupt einem Weltfrieden der Weg bereitet sei. Mtt nicht geringerer Furchtbarkeit als alle früheren Konflikte erhebt sich vor uns als neue Drohung: der \ Streit der Flottenmächte England, Japan und Amerika, i England hat den Krieg genau sp gewollt, wie; jede.Lgndere d§r beteiligten Mächte. .Aber die Ursache! der englffchen Kriegspolitik lag nicht nur in deiDBau der Bagdadbahn. Diese bildete nur den letzten Anstoß. Aber wirklich entscheidend für die Entschlüsse der weitschauenden britischen Politiker sind nie die wechselnden Tagesereignisse, sondern jene geradezu mathematische Formel, die unabhängig von Einzelgeschehnissen ihre Geltung besitzt und rücksichtslos verfochten wird: England darf nicht zugeben, daß die Flotte eines j anderen Staates oder auch nur, daß die Flotten zweier , Staaten zusammengenommen, mächtiger werden als die eigene englische Flotte. In einem klugen Büchlein, „Winke zur Friedenskonferenz", welches soeben im Verlag S. Fischer, Berlin, erschienen ist, hat Bernard Shaw , auf diese Formel hingewiesen und auch jene Folgerungen gestreift, die sich hieraus für die nahe Zukunft ergeben. Bis zum Jahre 1914 sah England ^die einzige Bedrohung seiner Flotte in Deutschland. Nun ist die deutsche Flotte zwar unschädlich gemacht, aber es zeigt sich, daß die Gefahr, welcher England durch den Krieg, Vorbeugen wollte, verdoppelt und verdreifacht auf anderer Seite auftaucht. Amerika hat nicht nur bereits während des Krieges seine Gesamttonnage in wahrhaft amerikanischer Weise vergrößert. — während England als Hauptleidtragender des V-Bootkrieges hoffnungslos ins Hintertreffen gerückt ist — es hat auch durch seinen Marineminister Daniels schon ankündigen lassen, daß es eine riesige Kriegsflotte zu bauen beabsichtige. Und wenn es dieses Programm damit begründen wollte, daß Amerika gegen Japan gerüstet sein müsse, so würde man dieser Begründung ihre Berechtigung nicht absprechen können, wenn man erwägt, daß Japan durch seine verschmitzte Politik der Zurückhaltung, der Konsolidierung und Verankerung aller errafften Kriegsvorteile unter Vermeidung jeglichen unnützen Opfers ungeheure Expansions- Kräfte an Geld, Arbeitskraft, Kriegs- und Flottenmaterial aufgespeichert hat. Es ist ganz außer Zweifel, daß diese Kräfte über kurz oder lang zu einer Explosion hindrängen. Nunsieht sich England plötzlich von zwei Seiten bedroht; an die Stelle der deutschen Flotte treten die japanische und amerikanische, die in absehbarer Zeit einzeln der englischen Flotte gewachsen und ihr in ihrem Zusammenwirken heute bereits überlegen sein dürften. Damit ist für England genau so der Zwang zur Kriegspolitik gegeben, wie es vor 1914 der Fall war. Es muh nach Möglichkeit darnach trachten, zumindest einen, womöglich aber beide Rivalen im Wettlaus zmückzudrängen, ohne selbst Schaden zu nehmen. Es hat also allest Interesse daran, daß es zwischen Japan und ■ Amerika über kurz oder lang zum Kriege komme. Die bloße Tatsache, Deutschland wird nicht unterzeichnen. München, 17. Juni. (Korr.-Bur.) Wie die „Bayrische Staatszeitnng" aus parlamentarischen Kreisen aus Weimar meldet, ist mit Sicherheit anzunehmen, daß die Nationalversammlung, mit Ausnahme der Anabhängigen, sich gegen die Unters zeich nun g des Friedensvertrages erklären werde. Bor der Entscheidung Berlin» 17. Juni. (Korr.-Bur.) Der „Vorwärts" meldet aus Weimar: Von den vier Dokumenten, die gestern abends der deutschen Friedensdclegation in Versailles überreicht worden sind, ist bisher nurdieMantelnotein Berlin eingetrosien. Von der Denkschrift soll heute noch ein Auszug gemacht werden, der m o r g e n bekanntgegeben werden wird. Der Reichsreglcruug in Weimar ist die Note noch nicht bekannt und sie wird sich frühestens heute um 6 Uhr abends mit der Antwort befassen können. Da Graf Brockdorff-Rantzau erst 12 Uhr nachts in Weimar e i n t r e f f e n k a n n, wird über die Stellungnahme der Re^ gierung morgen noch nichts Entscheidendes bekannt werden könnend Die Nationalversammlung wird wahrscheinlich Freitag! znsammentreten. Bis dahin mutz sich das Kabinett über seine Stellungnahme schlüssig gemacht haben. Die Frist für dieBeantwortung derfeindlichen Friedensbedingungen ist auf, Montag, spät nachmittags, verlängert: worden. Sobald die Frist abgelaufen ist, können Feindseligkeiten wieder eröffnet werden. Kein bewaffneter Widerstand Deutschlands. Berlin, 17. Juni. (Korr.-Bur.) Zur Meldung über die militärischen Maßnahme^ d e r E n L e n t e für den Fall, daß Deutschland den Friedensvertrag nicht unterzeichnen sollte, bemerkt der! „Vorwärts": Die ungeheuren militärischen Vorbereitungen der Entente wirken einfach lächerlich angesichts der Tatsache, daß an einen bewaffneten Widerstand kein Mensch in Deutschland denkt. Deutschlands Widerstand im Falle der Nichtunterzeichnung könnte nur moralischev Natur sein und diesem moralischen Widerstand ist auch durch die schönsten strategischen Manöver nicht beizükommen. _ Bevorstehende Demission Brockdorff-Rantzans? Paris, 17. Juni. (Funkspr. der Tel.-Komp.) Graf B r o tk d o v f f -- R antz au Wird nicht nach V'sa' s H iIeh r e n. Man glaubt, daß er direkt durch einen and eren Delegieri eti ersetzL wird, der wohl unterschreiben dürfte. Kronstadt in Flammen. London, 17. Juni. (Reuter.) „Daily Mail" berichtet ans Helsingfors: Die Festung Kronstadt st ehr in Flamme u. Einige Forts haben die weiße Flagge gehißt. Auch sieben bolschewikische Kriegsschiffe haben die weiße Flagge gehißt und sind auf dem Wege, sich dem. britischen Geschwader zu ergebe«. „Slowakische Räterepublik" in Eperjes. Budapest, 17. Juni. (Ung. Tel.-Korr.-Bur.)' Präsident Pokanhi machte in. der Sitzung des Sowietkongreffes die Mitteilung» daß gestern in Eperjes die f l o w a k i f cha Räterepub lik aus gerufen worden ist. , Jndenmafsakers in Kamenetz^ Podolsk. § Lyon, 17. Juni. (Funkspr. des Korr.-Bur.^ Einem Berichte aus Bukarest zufolge Hab der Rabbiner von Chotin an den Kom« Mandanten der rumänischen Truppen da» Ersuchen gerichtet, das Gebiet von Kamenetz-Podolsk zu besetzen, um den Iud enMassakers ein Ende zu machen.! daß zwischen beiden Ländern tief einschneidende Interessengegensätze bestehen, kann dabei für England keine ausreichende Beruhigung sein, denn wenn sich im Weltkrieg England und Rußland, Japan und Amerika miteinander vereinigen konnten, so ist das Beweis genug dafür, daß Kein Gegensatz stark genug ist, um zwei Länder au der gemeinschaftlichen Bekämpfung eines dritten zu behindern. Und so lange eine amerikanisch-japanische Allianz auch nur denkbar ist, muß England sie mit allen Mitteln, das heißt, natürlich auch mit dem des Krieges, bekämpfen, beziehungsweise, gegenstandslos machen. Es ist also außer Zweifel, daß sich, nachdem die kontinentale Auseinandersetzung beendigt ist, eine außerkontinentale Katastrophe vorbereitet. Diese zu verhindern, wäre einzig und allein eine Verwirklichung des Völkerbundes im Sinne der Idealisten und Pazifisten in der Lage. Aber daß jene Liga der Nationen, über deren Zustandekommen die Pariser Konferenz entscheiden wird, nichts weniger als eine solche Verwirklichung bedeuten kann, dürfte inzwischen jedem klar geworden sein. Die Mächte, die das Statut beraten, vertreten in erster Reihe ihre eigenen Interessen, und so lange die Situation so ist, daß von drei der entscheidendsten Staaten jeder einzelne mit der Möglichkeit einer Allianz der beiden anderen gegen ihn zu rechnen hat, ist die Zeit für eine wahrhafte Pazifizierung noch nicht gekommen. Alle Hoffnungen darauf, daß der Völkerbund doch mehr zum Instrument der Gerechtigkeit als zu dem der Interessenvertretung werde, klammert sich an die Person Wilsons. Aber auch in diesem Punkte müssen wir umlernen. Die lautere Persönlichkeit des amerikanischen Präsidenten wird von niemandem bezweifelt. Aber es.war ein Mißverständnis anzunehmen, daß dieser Persönlichkeit tatsächlich ein entscheidender Einfluß eingeräumt sei. Nicht nur, daß die gesamte Ententekonserenz sich seinen, idealen Gedankengängen unzugänglich zeigt, wird auch seine amerikanisch-innerpolitische Situation von Tag zu Tag unhaltbarer. Es war vielleicht überhaupt ein Irrtum, in Wilson den Repräsentanten der amerikanischen Nation zu erblicken. In Amerika selbst begreift man nicht, was für ein Aufhebens man von diesem Manne in Europa macht. „Er hat," schreibt Shaw,- „in Europa einen Ungeheuern Eindruck gemacht und gilt als großer Mann; in Amerika scheint man ihn bloß als Dekorationssigur seiner Partei anzusehen. Der Prophet gilt nichts in seinem Vaterlande. In Europa ist der Präsident der Bannerträger des Gewissens und der Anständigkeit geworden. Wenn man dies aber ausspricht, sieht man öfters erstaunte Mienen; und immer sind es die Mienen von Amerikanern, gewöhnlich von amerikanischen Demokraten. Wir erleben also das merkwürdige SchauspU, daß ein amerikanischer Staatsmann in eine europäische Konferenz geht mit außerordentlichem moralischen Rückhalt in Europa und einem vergleichsweise schwachen in Amerika." Wenn dies aber so ist, dann sinken alle Hoffnungen, die man auf ihn gesetzt hat, auf Null. j Es ist nicht anzunehmen, daß die gemeldete Llbreise des japanischen Botschafters aus Washington tatsächlich jetzt schon zu einer Krise führen wird. Das hieße der Entwicklung vorgreifen. Daß sich aber dort ein Zusammenstoß vorbereitet, deffen Schrecken denjenigen des Weltkrieges nicht nachstehen werden, ist mehr als wahrscheinlich. Der Kontinent bleibt davon unberührt. Seme Aufgabe wird um so mehr darin bestehen, die Zeit auszunützen und sich zu einer umfassenden sried-, lichen Einheit zu organisieren, welche stark genug sein! wird, an der späteren Entwicklung der Weltgeschichte! wieder aktiven Anteil zu nehmen.