Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 148 (17.6.1919)
- Date
- 1919-06-17
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 143 Wien, Dienstag Wiener Morgenzeitung 17. Juni 1919 Seite 5 Juden und Jüdinnen! Reklamiert euer Wahlrecht zym Jüdischen Nationalrat für Deutschösterreich! Wahlberechtigt ist jeder Jude ohne Unterschied des Geschlechtes, der sich zur jüdischen Nation bekennt und das 20. Lebensjahr überschritten hat. / Anmeldung zur Eintragung in die Wählerliste im Bureau des Rationalrates: Wien, II., Taborstr. 20» Tagesbericht. Die Prager Gemein-eratswahle«. Das Prager jüdischnationale Wochenblatt „Selbstwehr" erzählt nachstehende heitere Episoden aus dem Wahlkampf: Im Deutschen Kasino. Einer unserer Gegenredner sagt den versammelten Deutschen und Dentschjuden: „Haben wir noch nicht genug unter dem Chauvinismus gelitten? Was ich aber hier von seiten der deutschen Wahlredner gehört habe, erinnert mich lebhaft an den Geist von 1914."; Da schallt es ihm ans dem Saal entgegen: „Drückeberger!" . v ' ■ * * ■ - Das „Möntagsbtatt" schreibt (9. Juni) im Leitartikel über die deutschbürgerliche Kandidatenliste: .„Gewiß kann man zugeben, daß diese'Liste nicht das Wohlgefallen aller deutschen Wähler finden wird, daß dem einen zu viel Juden, dem andern zu wenig Antisemiten auf die Liste gesetzt sein werde:: . . ." Der Redakteur wollte offenbar sagen „zu viel Antisemiten", aber als richtiger deutschjüdischer Wähler hat er vor den neuen antisemitischen Verbündeten nichts als Respekt und^ so folgt er unwillkürlich dem Beispiel des bekannten Kriegsberichtes: Bald lieg ich uitten, bald liegt er oben . . . Nebenbei: ein hübscher Beitrag für Freuds „Psychopathologie des Alltags". '• *. '. Die „Ceski Zide" („Tschechische Juden" — Organisation der tschechisch-jüdischen Assimilanten. Anm. d. Red.) haben in ihren Versammlungen eine neue Art wir Militärdiktatur einführen wollen. Ein Jüdischnationaler macht einen Zwischenruf. Sofort erscheinen die drei jüdisch-tschecho-slowakifchen Legionäre. Einer stürzt sich löüieub, kriegerisch auf den Ruhestörer. Dieser rber streckt ihm lächelnd die Hand entgegen: „Servus, -vir sind. ja. miteinander in die d e it tsche Handels-- " Akademie, gegangen". — Die Versöhnung der „feindlichen B r ü d e r" war nicht mehr aufzuhalten. f A. A. Harkawi gestorben. Marschau, 16. Juni. (Tel. der „Wr. Morgenztg.") Soeben ist hier die Nachricht eiugetroffen, daß der berühmte jüdische Uelehrte A. A. H a r k a w i am 15. März . in Petrograd jcfiorbcn ist. Harkawi, der in der wissenschaftlichen Welt als Autorität ms dem Gebiete der jüdischen Archäologie galt und mehr als nerhundert Werke veröffentlichte, erreichte ein Mer von :4 Jahren. •/ Panik in einem Kaffeehause. Wegen Eindringens angeblicher Kommunisten. Gestern abends erregte in einem Kaffeehause in der Taboriraße ein Gast beim Kellner dadurch Verdacht, daß er, mit einer Llausendkroncmwte zahlen wollte. Er ließ in unauffälliger Weise :inen Wachmann holen, dessen Erscheinen und Intervention im Kaffeehause bei den übrigen Gästen eine große Unruhe hervorries, lüötzlich erscholl der Ruf: „K o m m u u i st e n s i n d d a!" Das' war das Signal zu einer f ö r m l ich e n Panik, die um entstand. Alles eilte zu den Ausgängen, wo eine solche Ttannng entstand, daß einige Gäste in ihrer Angst und Ver-- .wcistnng die großen S p i e g e l f e n ft e r e inch lugen und auf diesem Wege ins Freie flüchteten. Die Paffanten der Straße wurdet! von dieser Bewegung nitgerissen und der Rnf, daß Kammunisten ins Kaffeehaus ein- ^edrungen seien, pflanzte sich blitzartig fort. Die in der )c ä h e befindlichen G e s ch L f t s i n h aber i ch l o s s e n ihre Geschäfte und bald war der Teil »wischen der Gredlergaffe und Karmeliterplatz von einer : u f g e r e g t e n Menge überflutet, die natürlich rcn bisher gar nicht aufgeklärten Fall ganz willkürlich ausbauschte. Einigen besonnenen Elementen gelang cs endlich, die aüf- »eregte Menge, zu der sich bereits die gewissen lichtscheuen Elemente gesellt halten, zu beruhigen, was um so leichter gelang, US inzwischen bekannt wurde, daß der angebliche „Kommunist" tt Begleitung . des Wachmannes und des Kellners sich zum lwlizeckommiffariate begeben hatte, von wo er nach seiner Leäitinterung, die zur Anhaltung keinen Anlaß gab, sofort entlassen vurde. Erst allmählich zerstreute sich die aufgeregte Menge, den Aufforderungen der Wache Folge gebend. Die Kriegspsychose, welche weite Kreise während des Krieges ergriffen hat, scheint eine neue Krankheitserscheinung n 'Wien hervorgerufen zuhaben: den „Kommunistenschreck".' Andauernde Wohnungsnot in Wien. In dem Mangel an Wohnungen und GeschäftSlykalen in iui ist keine Neuerung zu. verzeichnen. Nach dem Berichte Wohnungsamtes der .Stadt Wim. über den Monat Mai bot rüg die Zahl dxr vermietbarem, mmtMierten Wohnungen 189, davon 158 leerstehend, was einen Rückgang, gegenüber öcfnt Vormonat der vermietbaren und leerstehenden Wvhunagen bedeutet. Die Lage am Dohnungsmärkt muß ms sußer st an günstig bezeichnet werden, da von den genannten ftLrsteheud geuwldcten Wohnungen der größere Teil urstzlge ««Sber FMMgkrit ÜH^icher . Mvgel p i ch t Die Gemeindewahlen im tschecho-slowakischen Staat. Alts den bisher vorliegenden Wahlresultaten ist I bürgerliche und 5 die deutsche sozialbetnokratische Partei. bereits zu ersehen, daß auch in detn tschecho-slowakischen Staat das jüdische Volk anläßlich der sonntägigen Gemernderatswahlen mit überwältigender Mehrheit bekundet hat, daß es seine Politik nicht mehr in der Nasalität dieses vde* jenes Volkes sieht, sondern daß es sich ausschließlich von den Interessen des Judentums leiten lassen will. ^Der Zusammenbruch Oesterreichs, die folgende Revolution und die Befteiung aller Völker hat den Juden die Augen geöffnet und sie gelehrt, daß 'auch sie nur leben können, wenn sie selbst aufrecht und würdig für ihre Interessen ein stehen, däß sie ihre Existenz nur dadurch retten und die Achtung der Mitwelt nur dadurch erwerben können, daß sie sich rückhaltslos auf den Boden des eigenen Volkstums stellen und jede Lüge und Falschmeldung für immer von sich' abtun. Die Tschechen, die selbst erst vor kurzem zu nationaler Freiheit gelangt sind, und ein Empfinden für nationalen Stolz haben, müssen auch dem Mischen Nationalismus Verständnis entgegenbringen. Der Minister des Aeußern, Be ne sch, erklärte bekanntlich der Pariser Delegation des Jüdischen Nationalrates, daß die Tschechen niemals die Juden so wie der österreichische Staat zur Unterdrückung schwächerer Völker mißbrauchen werden. Diese Erklärung beweist auch die Hinfälligkeit der deutschen Argumente, welche von dem Prager deutschen Wahlkomitee in der Wahlkampagne gegen den Jüdischen Nationalrat immer wieder vorgebracht wurden, daß nämlich die Inden durch ihre Abkehr vom Deutschtum zur Unterdrückung des Dent'schtums vertragen und sich „der Mehrheit" entschließen. In Prag wurde eine überwiegend antisemitische deutsche Liste aufgestellt, die ganz unverfroren um die Stimmen der Juden bettelte und sogar zwei Inden, die sich dazu hergaben, ans die Liste setzten. Diese Wähltaktik mußte dazu beitragen, den Juden ganz deutlich zu machen, für ivelche Zwecke man ihren politischen Einfluß verwenden wollte. Die Juden haben nun auch die Antwort gegeben, indem sie das Selbstverständliche taten und jüdisch wählten. Ganz abgesehen von diesem Sieg des jüdischen Volksgedankens ist es außerordentlich erfreulich und bedeutungsvoll, baß die Juden, welche durch gewisse Vorgänge und auch durch das nicht immer einwandfreie Verhalten der Behörden im tschechischen Staat in jüngster Zeit Leanders in ihrer wirtschaftlichen Existenz stark bedroht find uird sich einer wüsten antisemitischen Hetze gegenübersehen, nunmehr in den kommunalen Körperschaften eigene Vertreter haben werden, die sich ihrer Levensinteressen mit aller Tatkraft annehmen werden. ■; . >>; / ....... »•: Nachstehend die bisher eingelangten Resultate: ■? Prag» 16. Juni. (Tel. der ,Wr. Morgenztg.") In Groß- Prag wurden folgende j ü d i s ch,n a t i o ri a l e Gemein d e r ä t c gewählt: Prag 3: Dr. Ludwig Singer, Dr. Ed. F i s ch l, Dr. Sal. Sieben. Karolinenthal 3: Emil R o s e n b e r g, Doktor Rudolf B e ck, Jg. Vrba. Weinberges: Norbert Adler, Ernst P o l l a k. Ferner ein P o a l c z i o n i st: Prof. Dr. / Artur Pollak. Prag, 16. Juni. '(Tsche'cho-slowakisches Preßbnreau.) Amtlich wird folgendes Ergebnis der Gemeindewahlen in Prag gemeldet: Bei den gestrigen Gemeindewahlen betrug die Zahl der berechtigten Wähler 132.97-7; von diesen gaben 120.774 Wähler ihre Stimme ab. An Mandaten erzielten die Nationaldenr-okraten 29 mit 38.938 .Stimmen, die tschechischen Sozialisten 21 mit 27.901' Stimmen, die Sozialdemokraten 20 nnt 26.498 Stimmen, die Gewerbetreibenden 3 mit 4095 Stimmen, die Modracek-Partei 2 mit 2927 Stimmen, die Klerikalen 5' mit 70871 Stimmen, die deutschen Sozialdemokraten 2 Mandate mit 2449 Stimmen, die nativnalbewußten Inden drei Mandate mit 3945 Stimmen, die vereinigten deutschen Parteien .4 Mandate mit 5034 Stimmen und die Partei der j üd is chen Sozialdemo kr a ten (Poale-Zion) ein Mandat mit 132 6Stimmen. Auf die selbständige wirtschaftliche Vereinigung mit 455 Stimmen und ans die Agrarier mit )73 5 Stimmen entfällt kein Mandat. Prag, 16. Juni. Nach den Aufstellungen des „Prager Tagblattes" Haben die Deutschen inGroß-Prag 20 Mandate erhalten, und zwar: 15. davon die deuisch- Die Gesamtzahl der Mandate in Groß-Prag beträgt 432. Im', ganzen wurden rund 15.000 deutsche S t i mm e n abgegeben bei einer Gesamtzahl der Stimmen von ungefähr 285.000. ,, Unter den tschechischen Parteien, stehen in Groß- Prag die Nationalsozialisten mit 81.674 Stimmen an erster Stelle. Ihnen folgen die Natwnaldemvkräten mit 79.568 und sodann die Sozialdemokraten, mit. 65.502 Stimmen. "> Das „Prager Tagblatt" bemerkt zu den bisher bekannten Wahlergebnissen: Im nordweftböhmischen Kohlenrevier, dessen starke tschechische Arbeiterbevölkerung niemals angczweifelt wurde, kommen naturgemäß entsprechend viele Tschechen in die Getneinderüte. In Deutschböhmen.überwiegen die Sozialdemokraten, aber auch die Nationalsozialen haben au sehnlich e Erfolge , er- , zielt. Die Deutschbürgerlichen segeln nicht mehr unter der Flagge der alten Parteibezeichnung, und der Name. der Deutschradikalen ist aus dem politischen Wörterbuch Böhmens gestrichen. Im Prager Gemeinderat iverden die Sozialisten; aller Schattierungen beider Nationen uin einen Mann mehr zählen als die Hälfte aller Sitze beträgt. Es kann also der Fall eintreten, daß der Vertreter der jüdis chen Arb eiterp ar te i bei einer wichtigen Abstimmung den Ausschlag gibt. * Nach den Berechnungen des „Pravo Lidn" dürste die Gesamtzahl der in Tscherho-Slo.walien für die tschechischen Sozialdemokraten abgegebenen Stimmen rund ' eine Million betragen. „Pravo Lidn" sowohl wie „Ceske Slovo" stellen fest, das; der gestrige ^Wahltag dein sozialistischen Block einer: großen Erfolg gebrächt hat. „Prabo Lidn" bezeichnet die gestrigen Wahlen als ersten entscheidenden Schritt zur sozialistischen Nepub lrk« ■ ^. --’-v . . u*-, •.&>* . v : f*•. K ■ V- Prag, 16. Juni. Das „Prager Tagblait" berichtet unter anderem iiber folgende Teilresnltate aus der Provinz: Brünn: Im ganzen wurden 97.876 tschechische und 35.530 deutsche Stiutmen abgegeben. Davon erhielten unter anderem die tschechischen Sozialdemokraten 20.311 Stimmen, die dentschetr Sozialdemokratett 17.552, die tschechischen Nationalbetnokraten 17.554, die tschechischen Nationalsozialisten 15.220 Stimnten. O lnt ütz: DeutscheSozialdemokfaLeu 10 Manoate, vereinigte Tschechischnationäle 2, tschechische Klerikale 5, tschechische Nationaldemvkraten 10, Nationalsozialisten 2, tschechische Sozialdemokraten 17. Die deutschen.^ Agrarier erhielt'n keiti Mandat, die deutschen Christ lichsozialen 1 Mandat. M ä h r i s ch - S ch ö n b? r g : Deutsche Volkspartei 13, Sozialdetnokrateu 11, Christ- - lichsoziäle 6, nationalsoziale Arbeiterpartei 4, Tschechen 2 Mandate. Reichenberg: Vereinigte deutsche Par- . teien 22, Sozialdemokraten 5, vereinigte tschechische Parteien 5 Mandate. Täplitz: Sozialdemokraten 15, Deutschbürgerliche 16, Juden 3, Nationalsozialisten 2. Leitmeritz: Dentsnationale 18, Sozialdemokraten 8, Nationalsoziale 2, Jüdischnationale 1, Tschechen 7 Mandate. T c t s ch e n : Natiottalsozialisten 13, Sozialdemokraten 10, Deutschbürgerliche 8, Christlichsoziale 3, Tschechen 2 Mandate. Trauten an: Deutschbürgerliche 10, Sozialdenrokraten 13, Christlichsoziale 4, deutsche Sozialisten 3, Tschechen 6 Mandate. Asch: Sozialdemokraten 25, Deutschbürgerliche 17 Mandate. Eger: Sozialdemokraten 18, Christlichsoziale 8,, All- Cdeutsche Nationalsozialisten 6, Deutsche Fortschrittler 2, Deutschradikale 3 Mandate. UMtkisch-Hradisch, 16. Juni. (Tel. der „Wiener MorgenMtung".) Bei den Mischen Genteindewahlen wurden insgesaiut 245 jüdische Stinunen abgegeben, von denen 242 ans die Mischnationale Liste entfielen. Die Jüdischnationalen haben drei Mandate errungen, und zwar wurden gewählt: Oberlandesgerichtsrat Schwarz köpf, Karl Schindler und Moritz März. Tepliß - Schönau, 16. Juni. (Tel. der „Wieners Morgenzeitung".) Die Gemeindewahlen brachten einen großen Mischnationalen Wahlsieg. Die Mifchnatwnale. Liste erhielt 1001 Stimmen von 1700 Mischen Wählern. Damit sind drei jüdische Kandidaten gewählt. Brünn» 16. Juni. (Tel. der „Wr. Morgenztg.") Der Listenführer der Poale-Zion, Dr. Felix L o r i a, ist gewählt. vermietbar, beziehimgsweise bewohnbar fit. Von den 158 unmöblierten Wohnungen entfallen auf die Gruppe der Kleiutvohmmgen 115, der kleineren Mttelwohnungen 17, der größeren Mittelwohnungen 15 und der großen Wohnungen 11. Auch die vermietbaren Geschäftslokale haben gegen den Vormonat einen bedeutenden Rückgang erfahren. Die Zahl der vermietbaren möblierten Wohrnuigen (Zimmer, Kabinette) ist im Mai tauf 1.6.4 gesunken, >> ____________ A * Aerzte nach Palästina. Sämtliche Aerzlr, die sich für Palästma interessieren, bezteh:mgsweife für die Auswanderung dorthin in Betracht kommen, werden, eingeläden zwecks. Besprechung der einschliimgen Organrsaüvnssraar'n, Samstag den 21. d. M. im großen Saal des ZioMischen BureauZ, II., Zirkus- 'gaffe 39, ztwecsichllich zu erscbcinen. Für das vrovtsvrische Aerztekomitce: Dr. Leopold Sosfcr, Dr. Emil Stein, Dr. Moritz Lauterstein. . Eingesendet. Telegramme aad Briefe nach UmeriHa befördert »Amerikaner Gross«, Cafe Weiss, Taborstrasse, jeden Tag von 10 bis 4 Uhr nachmittags. ist* Sanatorium £aab im Aaiüe veilvien. Pbysikaliscb'Uiltiiche Beilan$(alt Dr. Blttmcnkmx