Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 148 (17.6.1919)
- Date
- 1919-06-17
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2979076-2979077-2979225--01316-2986705- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 148 Wien, Dienstag Wiener Morgenzeitung HeiteS thtett detaillierten Bericht über die Fragen der UebergangSzeit der zweiten Kongreßtagung vorlegte. Diese arbeitet nun in sehr sachlichen und staätsmämiischm Verhandlungen . Rahmenabmachungen über Maximalarbritszeit (48-Stundenwoche), Minimallöhne, die Vorkehrungen gegen Arbeitslosigkeit aus, die wieder den Einzelabmachungen nach großen Gesichtspunkten die Wege weisen sollen und bereitet die Schaffung eines ständigen Zentralrates der gesäurten Industrie vor. Sowohl Arbeiter wie Unternehmer werfen immer wieder auf die Notwendigkeit iutcr- «ationaler Bindungen für die Arbeitsbedingungen hin. Unser Bild der gegenwärtigen Industrieverfaffung Englands wäre aber nicht vollständig, wenn nicht darauf hingewiesen würde, daß die geschilderten Organisationen nur die breite Mitte der englischen Industrie umfaffen. Ans der einen Seite steht die mangelhaft organisierte Industrie noch außerhalb des Systems der Jndustrieräte. Für diese sind die nach einem Gesetz vom Jahre 1809 errichteten Gewerberäte (Trade Boards) wirksam. Auf der andern Seile halten sich die höchstorganisierten Arbeiter, die bekannte Tripelallianz der Eisenbahner, Kohlen- und Transportarbeiter von dem Nätcsyftem noch fern. Ihre ungemein, mächtige, immer mehr ins Politische wachsende Kraft ist gegenwärtig wohl zn stark mit den großen Aktionen zur Verstaatlichung der Verkehrswege und Bergwerke beschäftigt, um der inneren Umorganisierung ihres Gefüges Aufmerksamkeit zu widmen. Die große KohlenverstaatlichungSenquete, die jetzt in Gang ist und die eine besondere Beachtung verdient, zeigt, daß die englischen Arbeiter nicht nur im Betrieb, sondern auch im Staate entscheidende Macht und Mitbestimmung gewinnen wollen. Und hierbei ist noch auf eine stir den neuen Geist der englischen Arbeiter bezeichnende Tatsache hinzuweisen: die gewerkschaftliche Aktion beginnt zum Unterschied von der früher streng eingehaüenen Praxis auf das politische Feld überzugreifen; so hat die Tripelallianz im April beschlossen, unter Streikdrohung die Aufhebung der Blockade und die Freilassung aller wegen antimilitaristischer Ueberzeugung gefangenen Personen zu erzwingen. Also läßt auch in dieser Beziehung der Radikalisnms der englischen Arbeiter eine neue Entwicklung erwarten. All diese neuen Züge geben freilich nur ein Augenblicksbild. Man weiß noch nicht, ob das Aufstrcben der Arbeiter, das sich greifbar zunächst durch hohe Löhne und kurze Arbeitszeit ausdrückt, die internationale Konkurrenzfähigkeit Englands ungebrochen läßt, die Pessimisten bereits von der amerikanischen und kolonialen Konkurrenz untergraben sehen. Und ungewiß ist es, ob der politische Auffchwuug in nationaler Engherzigkeit gebunden bleibt oder ob von dieser selbstbewußten Arbeiterschaft auch der weitere Blick über die unnatürlichen Irrungen in der Arbeitsgemeinschaft der Kulturländer zu erwarten ist. Amerikarüfch-japanlscheKrise? Paris, 16. Juni. (Tel.-Komp.) Die Blätter melden aus Washington: Die Abreise des japanischen Botschafters in Washington, Vicomte Ishni nach Japan bestätigt, daß in den Beziehungen zwischen Amerika und Japan eine Krise ausgebrochen ist, die offenbar mit der Schantungfrage zufammenhärrgt. Mit dieser Tatsache wird hier die Nachricht in Verbindung gebracht, daß Japan beabfichtige, sich von der Friedenskonferenz znrückznzießen. Slowakische Räterepublik? Budapest, 16. Juni. Das Angarische Telegraphen - Korrespondenzbureau meldet aus E p e r j e s: Die slowakische Regierung hat eine Proklamation an die Proletarier der ganzen Welt erlassen, worin sie die Schaffung einer selbständigen slowakisch e n N ä t e r e b u b l i k mitteilt. der Held des Abends. Es ist ihm ein wahres Wunderwerk gelungen. Er hat weniger Wert auf filingetreue Massenszenen gelegt, sondern mit gutem Grunde holzschnittartig scharfe Gesamtgesten heraus gearbeitet, die jeweilige von Dichters Gnaden sehr stark wechselnde Stimmung des Volkes von Theben durch einzelne, glücklich gestellte, harmonische, lebende BiLer gekennzeichnet. Und er lehrte seine getreue, dem Werbe sehr ergebene Künstlerschar mit Klarheit und Ebenmaß sprechen. Ein großartig gebautes Bühnenbild (nach Entwürfen von Professor Oskar Strnad), ausgezeichnete Beleuchtungswirkungen und stilvolle Kostüme gaben der Tragödie eine Folie, daß man den Autor zn seinen Beiständen nur beglückwünschen kann. Der Köllig Kreon des Herrn Josef Danegger ist nicht nur stimmlich eine ganz seltene Leistung. Auch sein Mienenspiel war meisterlich und dies will um so mehr besagen, als dieser König fast immer in greller Beleuchtung starr auf einsamer 'Höhe zu stehen hat und die ganze Aufmerksamkeit auf sich lenkt. Frau Wagner gelang es, den peinlich kitschigen Text, welcher der Antigone in den Mund gelegt ist, durch hoheitsvollen, weiblich milden Ton zu verklären. Härtere Linienführung vor der Volksbekehrung, ein Einschuß von Dämonie in den Wechselreden mit dem fürchterlichen Kreon wäre dieser verunglückten Gestalt zuträglich gewesen. Alle anderen Mitwirkenden — es sind fast sämtliche Künstrer des Deutschen Volkstheaters — seien bedankt. Sie waren mit geringen Ausnahmen wirklich hervorragend. Das Publikum war hingerissen wie das Volk von Theben. Es war ein Erfolg der Jnszenierungskunst und der Schauspielerei. Die Ernüchterung wird nicht ansbleiben. Otto .Abc l es. 17. Juni 1919 Friede oder Abbruch Graf Brockdvrff hat heute Mittag die Antwortnote der alliierten Negierungen erhalten. Nach monatelangen Verhandlungen steht die Welt endlich vor der Entscheidung. Binnen fünf Tagen hat sich Deutschland nun zu entscheiden,' ob es sich dem Machtspruch der Sieger willenlos fügen, oder aber, ob es die Entscheidung anderer Instanzen anrufen soll. Nach welcher Richtung die Entscheidung fällt, hängt von dem Ausmaß der Abänderungen ab, zu welchen sich der Vieverrat unter der Einwirkung des entschiedenen Auftretens der Deutschen entschlossen hat. Wie ein diplomatischer Situationsbericht der Agence Havas besagt, gehört zu den wichtigsten prinzipiellen Punkten, an denen eine Aenderung vorgenvmmen wurde, die Bestimmung, daß die erste Summe, welche die Deutschen als Anzahlung auf die Gesamtsumme der Entschädigungen zu entrichten haben werden, mit 100 Milliarden Mark in Gold, gleich 125 Milliarden Franks, festgesetzt wurde. Die Zahlungstermine sind unverändert geblieben. Was die Zulassung Deutschlands zur Gesellschaft der Nationen betrifft, wird der Friedensentwurf besagen, baß es dem Feinde nicht verwehrt ist, sie in naher Zukunft zu erhoffen. Dann werden die Deutschland auferlegten wirtschaftlichen Beschränkungen ausgehoben werden und es wird bezüglich der Verteilung der Rohprodukte aus gleichen Fuß mit den anderen Mitgliedern der Gesellschaft der Nationen gestellt werden. Hinsichtlich der allgemeinen^ Abrüstung heißt es im Vertrage, daß zu diesem Zweck Verhandlungen ein geleitet werden sollen. Was endlich die Besetzung des rechten Rheinufers durch Truppen der Verbündeten betrifft, so ist dieselbe unverändert aufrech terhalten worden. Indessen wurde eine Zivilverwaltung an Stelle der militärischen gesetzt. Amerikanische Kreise teilen mit, daß die Bestimmung des Friedensvertrages, nach welcher das Saarbecken ria^ Ablauf von 15 Jahren zu Frankreich käme, falls Deutschland die Kohlengruben nicht zurückkaufen könne, bei der Revision weg gelassen worden sei. Es ist vorgesehen, daß nach der Nebergabe der Antwortnote die Deutschen Versailles verlasse», um nach Weimar zu fahren. Unter Voraussicht dieser Reise und auf Grund der Bitte Barons v. Lernsnew, der speziell mit dem Verkehr zwischen der deutschen Delegation und der französischen Militärmisston betrank ist, hat man in mehreren Waggons des Sonderzuges Einrichtungen vorgesehen, die es den Mitarbeitern des Grafen Brockdvrff - Rantzau erlauben, während der ganzen Dauer der Reise von Versailles nach Weimar zu arbeiten. Ebenso hat man auch Belieuchtungsapparate in diesem Zug eingerichtet. Mit dem Grafen Brockdorff- Rantzau werden ungefähr 40 Personen, Delegierte und' Sekretäre, reisew. Was die Bedingungen für Deutschösterreich anlangt, so ist noch immer keine Klärung zu verzeichnen'.' Nenner hat eine ausführliche Note über das Schicksal der Subetendentschen . vorgelegt. Aber nach Mitteilungen aus englischen Kreisen erscheint der Zeitpunkt der Verhandlungen noch unbestimmt, weil die Abreise Orlandos die Konferenz verzögert. Heute beginnen lediglich vorläufige Beratungen. s Für ein gerechtes Vorgehen gegenüber Deutschösterreich tritt besonders Balsvur ein. Englische Delegierte halten dafür, daß eine Fristverlängerung für die deutschösterreichische Antwortnote notwendig sei, weil die Entente die noch, fehlenden Klauseln bisher nicht übermitteln konnte. Die Ansicht der Delegierten Englands und Amerikas geht überhaupt dahin, baß alle Abmachungen in Saint-Gennain nur einstweiliger Natur sein können. Erst nach der Unterzeichnung des Frizens mit Deutschland könnte die Entente feste Richtlinien für Deutschösterreich und gleichzeitig für die Verhandlungen mit Bulgarien und die Türkei entwerfen. Auch der „Manchester Guardian" vom 13. b. M. urteilt sehr abfällig über den der deutschösterreichischen Friedensdelegation übergebenen Friedensvertrag. Das Blatt schreibt: Es ist ein ziemlich verzweifelter Fall. Das Nächstliegende natürliche Hilfsmittel, das früher oder später nicht zu vermeiden ist, wäre der Anschluß Deutschösterreichs an die deutsche Republik. Dies wurde durch das Veto Frankreichs, dem die Alliierten unter vorübergehender Außerachtlassung der. Rechte der Völker, deren Anwälte sie zu sein behaupten, zugestimmt haben, verboten. Die alte österreichisch-ungarische Monarchie sollte als Ganzes behandelt werden. Nur so können vernünftige Beziehungen geschaffen und der Friede aufrechterhalten werden. Die Alliierten müssen weniger daran denken, wie sie alte Feinde strafen können, als wie die Kriegsschäden gutgemacht und 50 Millionen Menschen die Existenz erträglich gemacht werden kann. Inland. Enthebung des Oberbefehlshabers FML.Boog. Amtlich wird verlautbart: Der Oberbefehlshaber der bewaffneten Macht Deulschösterreichs, FML. Adolf Boog, wurde vom Kabinettsrate auf eigenes Ansuchen von seinem Posten enthoben und in den Ruhestand versetzt. Aus diesem Anlaß hat der Kabinettsrat dem Oberbefehlshaber stir seine hingebungsvolle Tätigkeit in besonders schwierigen Zeiten den Dank und die Anerkennung der deutschösterreichischen Negierung ausgesprochen. Der Posten des Oberbefehlshabers wir vorläufig nicht besetzt werden. Neue Lohnforderungen der deutschVsterrelchlscheu Eisenbahner. Heute beginnen im Staatsamt für Verkehrswesen die Verhandlungen der Regierung mit den Eisenbahnerorganisatiönen wegen der neuen Lohn- und Gehaltsforderungen, die die Eisenbahner gestellt haben. Die neuen Erhöhungen werden eine weitere Belastung des Eisenbahnbudgets um 460 Millionen Kronen im Jahre mit sich bringen. Die Verhandlungen dürften sich daher ziemlich schwierig gestalten, doch wird von Seite der Regierung jedes Entgegenkommen gezeigt werden, um den gerechten Forderungen der Eisenbahner und Beamten entgegenzukommen. Die Verhandlungen dürften einige Tage in Anspruch nehmen. Kine Enteignung von Gärtnereigründen. Die „Deutschösterreichische Staatskorrespondenz"' meldet: Unter den Eigentümern von Gärtnereigründen in Wien und Umgebung ist das Gerücht verbreitet, baß allen Grundeigentümern, die ihre Gründe seit einer Reihe von Jahren verpachtet haben, diese von Staats wegen enteignet werben sollen. Mit Rücksicht hierauf soll eine namhafte Zahl dieser Grundeigentümer ihre Pächter verständigt haben, baß eine Verlängerung des Pachtverhältnisses im Herbste dieses Jahres nicht mehr stattfinden werde. Um allen derartigen Gerüchten, die geeignet erscheinen, der Gemüseprobuttion empfindlich Eintrag zn tun, entgegenzutreten, wird von berufener Seite .mitgeteilt, daß man eine Enteignung der genannte »Gründe durch den Staat nicht gedacht wird. Die Zionisten beim englischen Botschafter in Warschau. Warschau, 16. Juni. (Tel. d. .Wiener Morgenzeitung".) Namens der Zionistischen Organisation in Polen sirck) die Herren Färb stein Und Dr. Klumel beim englischen Botschafter in Warschau erschienen, um auf diesem Wege dem englischen Volk und der königlichen Regierung die Gefühle der Verehrung und Dankbarkeit'"für ihre wohlwollende Förderung des Zionismus zu übermitteln.! Auf die polnische Rede Farbsteins und die hebräische Dr. Klumels erwiderte der Botschafter mit folgender Ansprache: Mit großem Vergnügen habe ich. Ihren Besuch und den Ausdruck Ihrer Sympathie und Verehrung für den König und meine Negierung entgegengenommen. Ich muß Ihnen auch für Ihren freundlichen Empfang gelegentlich meiner Ankunft in Warschau aufrichtig danken.! ' Ich bin besonders gerührt darüber, daß Sie der Kriegshelden Und der englischen Führung gedachten, die das Glück hatten, Jerusalem vom türkischen Joch zu befreien und den Weg für die Errichtung eines Jewish State in Palästina zubahnen. Das britische Imperium, das während seiner ganzen Geschichte die Freiheit und Gerechtigkeit verteidigte, verdankt seine Macht der Freiheit, die es den verschiedenen Rassen und Relionen in seinen Herrschaftsgebieten gewährte. Diese Taktik hat ihre Bestätigung gefunden in der Ergebenheit und in dem Patriotismus, den die großen jüdischen Gemeinden sowohl vor als auch während des Krieges bekundeten. Ich glaube aufrichtig, daß dieser Geist der Eintracht, der in meinem eigenen Lande so gute Früchte zeitigte, auch der führende Geist Polens sein wird und daß die jüdische Gemeinde, des Genusses der vollen religiösen und sozialen Freiheit sicher, an dem Aufbau eines glücklichen und blühenden Polen nach Kräften Mitwirken werde. Der Botschafter ersuchte auch um Einhändigung des Originaltextes der hebräischen Rede Dr. klumels zUm Zwecke der Uebersendung desselben an seine. Negierung. . Assentierung in Polen. Mährisch-Ostrau, 16. Juni. (Tschecho-slow. Preßbur.) Wie der „Illusirowany Kurier Codznieny" berichtet, wird heute ein Dekret des Staatschefs P i l- _ «r». * n > sudski erlassen werden betreffend die Assen- Älti'M, 8öltN, VII., 23,! tierung weiterer Jahrgänge in Kon- Telephon 31537. S» > ,a r e ft p o l c n. welche am 24. Juni beginnt. \ ln allen Drei»iyaen. Redaratitreit unter Gar-miie. ftarbli&obct für alle Systeme, erstUasiigeS Material.