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Wiener Morgenzeitung · 1919-06-17 · Heft 148 (17.6.1919) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 148 (17.6.1919)
Date
1919-06-17
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Men» Dienstag Wiener Morgenzeitnng 17. Juni 1919 Nr. 148 'Seite 2 Die Schlacht itt der Hörlgaffe — das blutige Ende des Putschversuches. 15 Tottz und 80 Verwundete. r Die unsäglich' traurige Affäre des blutigen sonntags hak,, soviel bisher bekannt, dreizehn Menschen das Leben, fünfzig die Gesundheit gekostet. Dieses Blutbad ist aus dem Gewußten Willen zum Putsch entstanden, den bas „Piererdirektorium" der Wiener Kommunisten mit Hilfe riesiger Geldmittel a«S Ungarn , für Tonntag vorbereitet hatte. Di« Behörde h^te, wie es heißt, auf Betreiben des Staatssekretärs Eldersch die Kommunistenführer in der Pacht auf Sonntag in aft genommen. Die Nachricht hiervon gab den vor dem Rathaus angefammelten Anhängern erst ein« Richtschnur für ihr weiteres Verhalten und es kam zwischen der Menge, die das PolizeigefangcnhauS forcieren wollte, und der Wache in der Hörlgaffe zu einem blutigen Kampf. Die Verhaftung der. Kommunistenführer war auch, wie die in diesem Punkte allerdings nicht sehr verläßliche „Arbeiter-Zeitung^ zu berichten weiß, darum erfolgt, weil die Kommunisten beabsichtigt hatten, die Mitglieder der Regierung gefcmgenzusetzeu. Am Samstag hat ein Abgesandter der ungarisch e n Gesandtschaft versucht, mit Beamten der Polizei tu Verbindung px treten und sie für den Anschluß an die Kommunisten zu bewegen. Er legte den Polizeibeamten nahe, dadurch ihre Stellung in der Räterepublik, die ohnedies Sonntag ausgerufen werde, zu festigen, und bemerkte dabei, daß die Beamten ja schlecht bezahlt feien und daß es der ungarischen Regierung auf erhebliche Geldzuwend^ngen nicht ankomme. Er wünsche jedoch, nur mit Polizeiveamten der niederen Rangsklassen in Verbindung zu treten, nicht aber mit höheren Chargen. Er sprach davon, daß ihm auch eine Summe von 100.000 Kronen für einen Beamten nicht zu viel sei. Auch dieser Vorfall sprach dafür, daß es den Kommunisten am Sonntag mit der Ausrufung der Räteregierung Ernst war und daß sie diese mit Anwendung von Geldmitteln durchzusehen versuchen wollten. Die Polizeidirektion entschloß sich daher, die Mitglieder des Zentralkomitees festzunehmen und über die Dauer der sonntägigen Demonstration in Gewahrsam zu halten. -Diejenigen unter ihnen, die Mitglieder des Arheiterrates sind, wurden am Sonntag freigegeben, nur die Ausländer blieben in Haft und sollen administrativ behandelt, das heißt, ausgewiesen werden, wogegen kein Vernünftiger etwas einwenden kann. Die ungarische Gesandtschaft l'iäz in dieser Affäre eine sehr eindeutige Rolle. Sie mengt sich rn unsere inneren Verhältnisse ein, tut also dasselbe, wie Herr Joffe in Berlin, der mit Fug und Recht ausgewiesen wurde. Nach Quittungen, die die „Arbeiter-Zeitung veröffentlicht (sie tut dies allerdings nicht aus intellektuellen, sondern ans rein antisemitischen Gründen), ist -er Zwischenträger der ungarische» Regierung ein Herr Lebovic, der bald dem Arbeiterführer To man 250.000 Kronen, bald dem Kommunisten Feigelstock-Forst oder den Matrosenräten Krill, Straka, Richter und Schwantaler sehr beträchtliche Summen auszahlte. Auch der Vorsitzende des Matrosenrates, Herr Mühl, erhielt Geld, ein Herr Poor aus Budapest 350.000 Kronen, Julius d'M Aglio und Szalfh 3500 Kronen, Frischmann 1000, Kasper 1000 Kronen. Außerdem tauchte am 30. April eine runde Million in Wien auf, die von Fliegern Überbracht wurde. Hasenclevers „Antigone". Erstaufführung im Deutschen Volkstheater. Ein prachtvolles, kühn gebautes Schaustück, eine Symphonie von Massenszenen, Farben, Lichtern, Tönen — aber der verbindende Text ist schlecht. Hasencliever ist der Librettist des wirksamen SvektakulumS. *■ Wehe! Ein Dichter, der durch die Schrecken des Weltkrieges ging und den die Blutschuld der Menschheit auf der Seele brennt, hat schwer gesündigt: Er ging hin, sammelte die Phrasen aus den Gassen und formte daraus ein Gedicht gegen den Krieg, eine fünfaktige pazifistische Tragödie, hochtrabend, auf schreiende Wirkung angelegt, die Sinne kitzelnd mit aufgehäuften Effekten, den Geist der Antike fälschend mit hohlem Pathos. Es ist nicht wahr, daß jedes Tendenzwerk dichterisch minderwertig sein muß. Aber es gibt eine Grenze, die der Schaffende nur» mit verhüllter Leier überschreiten kann, wenn er ein Zweckgedicht formt: Er darf nicht „anzüglich" werden. Hasenclevers „Antigone" ist leider anzüglich. Der Herr jedermann im Saale ist entzückt. Aha! Das Hab ich Astern in der Elektrischen gehört, am Kaffeehaus tisch ausgeschnappt, im Leitartikel einer Zeitung, auf einem großen Äraßenplakat gelesen. Merkst DuP, Nachbar? Jetzt hat er das Gottesgnadentum Kaiser Wilhelms gemeint; dieser griechische Kriegerjüngling dort oben spricht so, wie ein Bonner Burschenschafter anno 1915 sprach; die welche sich im ersten Akt um den König Kreon scharen, sind „Siegfriedler"; jetzt wird die Frauenfrage angeschnitten"; dann das soziale Problem; dann hört man: Bei solchen Summen versteht man die intensive Agitation der Kommunisten sehr bald. Und trotzdem ist ihre Anhängerschaft. wie gerade der Sonntag bewiesen hat, außerordentlich gering. Bei der Beurteilung der Vorgänge in der Hörlgasse ist es von großem Wert festzustellen, von wem der unselige ,^rste Schuß" abgegeben wurde, dem dann das Salvenfeuer der schwer bedrohten Wache folgte. Gestern wurde nun der 23jährige Handelsangestellte Valeria Witaschek aus Pola unter dem dringenden Verdacht sestgenommen, jenen Schuß auf den Wachinspektor Pöllmann abgegeben zu haben. Die Liste der Toten. Bei den Unruhen sind ums Leben gekoniMFU 1. der 42jährige Parkwächter Ernst Könitz, 3. Bez., sNohSgasse Nr. 23; 2. der Geschäftsdiener Robert Szimaeek, 10. Bez., Herzgasse Nr. 80; 3. der Kriegsbeschädigte, im Zivilberuf Konditor, Hans Weillinger, Kriegsspitrl Meidling; 4. der Eisenbahnschlosser Wenzel Konrad, 21. Bez., Leopoldauerstraße Nr. 22; 6. der kriegSbeschädigte Hilfsarbeiter Adolf Baldesari, KriegSspital IV; 6. der Schneider Gustav Benedikt, 15. Bez., Talgasse Nr. 4; 7. der HandlungSkommiS Josef Fi «d e i S, 9. Bez., Schulz-Straßnitzkygasfe Nr. 14; 8. der 16jährige Mittelschüler Franz Weiß, 6. Bez., Marchettigasse Nr. 11; 9. der 33jährige Hilfsarbeiter Franz Höll er, 13.Bez., Schanzstraße Nr. 25; ferner sind noch vier Leichen zu identifizieren. Der Eindruck im Parlament. Der blutige Sonntag in Wien wurde in parlementarischen Kreisen eifrigst diskutiert. Allgemein kam die Meinung zum Vorschein, daß die ganze Verantwortung für dieser Blutbad die ausl ändischen Agitationen treffe, die in Unkenntnis der Wiener Verhältnisse und im Gegensatz zu der Parole der Wiener kommunistischen Parteileitung etwas erzwingen wollte«, das auch ohne Blutvergießen erzielt worden wäre, nämlich: die Freilassung der Kommunisteuführer. Nachmittags trgt ein > Sefiinfttftat zusammen, der sich eingehend mit den gestrige» Ereignissen beschäftigte. Staatssekretär Elb er sch referierte Über die Maß« nahmen, die die Regierung zum Schutze der Wiener Bevölkerung getroffen hat. An dieser Referat schloß sich eine eingehende Debatte, in der die Handlungsweise d«S Staatssekretärs Eldersch gebilligt wurde. Die Gerüchte, daß Staatssekretär Eldersch feine Demission geben werde, sind zur Stunde nicht bestätigt. In informierten Kreisen wird versichert, daß dazu derzeit kein Grund vorliege. Die Negierung wird eine eingehende Untersuchung anstellen und ihr Resultat her Nationalversammlung bekanntgebeu. Schon heute kann man sagen, daß die Hauptarrangeure der Demonstration ungarische Kommunisten und Terroristen sind, die sowohl als Geldgeber, als auch als Provokateure in Wien auftraten. „Liebe ist Hilfe dem Schwachen, Kampf für hie Welt, Liebe ist Menschlichkeit!" und dann ertönt ein Thorr „Friede allen Nöten Friede allem Leid Schon auf Morgenröten . Grüßt die neue Zeit." Die Ander, sie hören es gerne. Sie hören es oft und überall, und wenn es in so großartiger Aufmachung präsentiert wird, auf hoch gebauter, vom ganzen Volke von Theben besetzter, in magischer Beleuchtung schimmernder, von Zimbeln und Posaunen widerhallender Bühne, ist der Herr Jedermann gerührt, begeistert und jubelt» Wehe! Der Dichter Hasenclever hat gesündigt. Er ist durch die Schrecknisse des Krieges gegangen, ein heiliges Feuer ist in seiner Poetenbrust entfacht, ein Gott gab ihm die Aast, zu gestalten — aber die Eitelkeit, her Erfolgswahn, waren stärker und es entstand dieses Pfauenhaft schillernde, unwahre Spestakulum. Herr Jedermann, glauben Sie nicht daran, daß man die Menge mit solcher Rede bekehren kann, wie Antigone mit dem Berichte von den „weißen Wagen, die den Orion hinab rasten"; daß die nämlichen, die sie zu Tode prügeln und ihr Fleisch zerreißen wollten, im nächsten Augenblick ihre Füße küssen und stammeln; „Unser letztes Stück Brot rankt Blumen um dein Grab", weil sie einige Edelsteine aus der Bergpredigt in ihre dunkle Rede wirkt. Trauen Sie nicht, Herr Jedermann, diesem Jüngling Hämon, der von AnUgone im Handumdrehen aus Ruhmsucht und Herrenkoller („Frauen will ich peitschen lassen!", „Auf meinem Schwert blitzt Männlichkeit!") zu Demut und Nächstenliebe erlöst wird. Und die feierliche Abdikation des Tyrarmen Avon, der Riitesystem in England. Von Dr. Toni Kassowitz. Im „Oefterr. Volkswirt" berichtet Dr. Toni Kassowitz Über die neuesten sozialen Entwicklungev in England, von deren Bedeutung und Traaweit« man üch aus den knappen Berichten der Depeschenbureaus kein zutreffendes Bild machen kann. Als 1916 der Machtkampf zwischen Unternehmern und Arbeitern die wirtschaftlichen Grundlagen der Produktion in Frage zu stellen begann, griff das Parlament zu einem schon oft er, probten Mittel: Es setzte eine parlamentarische Kommission zur Untersuchung des Verhältniffes zwischen Arbeitgebern und Arbeitern ein. Diese unter dem Namen des Whitleh-Ausschnffes bekannte Kommission erstattete nach eingehenden Enqueten im Juli 1917 und März 1918 Berichte zur Reformierung der industriellen Betriebsverfaffung, deren Vorschläge sich die Regierung zu eigen machte Md von denen eine neue soziale Epoche in England auszugehen scheint: die Einfühnmg des RäteshstemS in die englische Betriebsverfaffung. ■ Der Whüley-Bericht führt kein zwingendes Recht ein, sondern gibt den freien. Jndustrieorgamsationrn Richtlinien zu autonomer Entwicklung. Er wendet sich zunächst an den Teil der Industrie, der über ausgeblldete Organisationen der Arbeiter und Unternehmer verfügt. Jede Industrie bildet in dreifacher Abstufung einen Nationalmdustnerat für das ganze Land, einen Distriktsrat für jeden Jndustriebezirk und Betriebsräte (Works Councils) als unterste Emheit. Diese Räte (Witley CoMcils, Joint Jndustry Councils) — daist der grundlegende Unterschied des west-r lrchen RäteshstemS vom östlichen und dessen ungesunder NachahmMg in Demschosterreich — beruhen nun keineswegs auf dem Gedanken des KlaffenkampfeS, sondern im Gegenteil auf dem der gleichgewichtigen Kooperation der industriellen Faktoren. Sie entstehm aus direkter oder indirekter, Wahl einer gleichen Anzahl von Vertretern der Arbeiter Md Angestellten und der Unternehmer, die gemeinsam verhandeln. Ihr Wirkungskreis »st groß: die Betriebsräte beratm nicht nur über Lohnhöhe Md Arbeitszeit' sondem auch über BerwendMg von Material, Verbrfferung der Qualität und der Muster, Ausnützung von Erfindungen, di? Werkstättenordnnng usw„ Mter dem Vorbehalt, daß ihre Kompetenz der der Distrikts- Md Nationalräte zu weichen hat. Die übergeordneten Räte beschäftigen sich außer mit den vorgenannten auch mit den nmfaffrnderen Fragen, wie die Sicherung der Stetigkeit der Beschäftigung, der fachlichen Schulung, fachlich-technischen Untersuchungen usw. Den Nationalindnstrleräten ist programmatisch als Hauptaufgabe „die Entfallung des größtmögliche« Maßes gemeinsamen Vorgehens zwischen Arbeitern Md Unternehmern zur Entwicklung der Industrie als Teiles des nationalen Lehens und zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen aller in dem Gewerbe tätigen Personen" zugewiesen. Kommt in einem der Räte eine Einigung zustande, so ist sie für beide Teile bindend, wenn nicht, so wird die Frage an die höhere Räteinstanz verwiesen. Jedensalls aber fehlt jeder Zwang zur Einigung und jeder Eingriff in das Streikrecht. Die Delegiertenkonferenz sämtlicher Jndnstrierate wurde von Aohd George auf der Höhe der ^Arheitsunrast* im Februar. zusammenberufen Md mit einer seiner glänzenden Reden beehrt. Dieses „Jndustrieparlament" bestand aus 500 Arbeiter- und SYS Unternehmervertretern Md der Arbeitsmmister — ein »m Jahre 1917 neugeschsffeneS Staatsamt — begrüßte in ihm eine ErschemMg ohne geschichtliches Vorbild, die Vertretung der gesamten organisierte« Industrie. (Die analoge Erscheinung itn Demschen Reiche, die 1918 zustande gekommene „Arbeitsgemeinschaft der Arbeitgeber- Md Arbeitnehmerverbände" steht hinter der englischen dadurch .»rück, daß sie nur ei« Spitzenverband ist, während sich die englische Gemeinschaft hierarchisch bis in die untersten Einheiten der Industrie erstreckt.) Diese Gesamtvertretung Mtexnimmt nun eine intensive Beschäftigung mit den großen Aufgaben der sozialen Umbildungen -wischen Kriegs- und Friedensarbeit. Die Konferenz wählte e»N parltätisches Komitee aus je 30 Arbeiter- und Unternehmer- Vertretern Mter Vorsitz eines Richters, das Mitte April eben noch die Schuld an der Einäscherung Thebens auf ein unglückliches Opfer abwälzen wollte, und a tempo in wohlgesetzber und bedeutsamer Rede seine Schuld bekennt („Der Tag ist gekommen, wo die Schranke fällt, wo der König eins ist mit dem Volke am Thron der Gerechtigkeit"), diese Szene, Herr Jedermann, die Sie rührt und erhebt, ist traurige Theatermach^ . * Häsen clever ist eine starke, dramatische Begabun g. Der große Vorwurf, die straffe, theatralische Szenenführung sprechen dafür, mancher poetische Wohlklang schlägt ans Ohr, manche Stelle offenbart dichterische Seherkraft. (Daß zum Beispiel die bekehrten Frauen doch wieder an Antigones Leiche lüstern werden nach dem Geschmeide, das die Heilige ablegbe, als sie sich opferte, ist ein feiner Zug.) Mit dieser „Antigone" aber wird es ergehen, wie mit HanS Müllers „Königen". Die waren auch „anzüglich", hatten fixig die marktgängigen „Hochgefühles in Versmaße gegossen, man war hingerissen und gerührt, sprach, schrieb von der großen Dichtung, aus der großen Not der großen Zeit geboren. Wer kräht heute nach diesem zeitgemäßen Drain a? Hasenclever hat sich allerdings nicht, wie Müller, fingerfertig de»n Zeitgeist angepaßt. Er war in der Kriegshölle, wollte die Kriegsschande hinausschreten und die Menschheit aufrütteln. Bei solchem Unterfangen durfte aber der Dichter atn allerwenigsten dem Grundsätze huldigen, daß der Zweck die Wittel heiligt. Diese Mittel heiligen nie und ni»nmer diesen Zweck. * Der Text ist schlecht, aber das Schaustück ist prächtig, überaus eindrucksvoll und auch künstlerisch bedeutend. Der Spielleiter, Herr Direktor Bernau, ist

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