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Wiener Morgenzeitung · 1919-06-17 · Heft 148 (17.6.1919) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 148 (17.6.1919)
Date
1919-06-17
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Trotz einer amerikanisch aufgemachten Propaganda, trotz einer Demagogie, die sich an die widerstandsunfähigen Seelen von Arbeitslosen, Heimkehrern und Invaliden mit den schillerndsten Phrasen wendet, waren es vorgestern kaum dreitausend Leute, die sich zu dem operettenhast angekündigten Schauspiel vor dem Rathaus einfanden, um Zeugen des großen Äktes der Ausrufung der Räterepublik zu fein. Und selbst diese mit einem mammuthaften Aufgebot ungarischer Geldmittel herbeigelockten Zuschauer, die dann in den Kampf mit der Polizei gerieten, gehören nicht den Schichten an, an die die Kommunistenführer appellieren,' um mit ihrer Hilfe zu den in Wien angesammelten Geldmitteln der öffentlichen Kassen und Banken zu gelangen, nach denen es Bela Kun gelüstet. Man sehe die Liste der Toten und Verwundeten durch: in ihrer Mehrheit neben Straßenprofessionals, die jede Menschenansammlung für ihre dunklen Zwecke auszubeuten gewohnt sind, halbwüchsige Mittelschüler, Handlungsgehilfen, Hilfsarbeiter, deren Jugend kaum viel Verständnis für die kommunistische Idee erwarten laßt. Und die Führer dieser armen Opfer! Zum Teile Phantasien ohne Führerqualität, ohne persönlichen Mut, ohne gefestigte Anschauung, ohne Programm, Fanatiker des Wortes, die, wie am Gründonnerstag vor dem Parlament, im Augenblick der Tat in der Vorsicht das bessere Teil der Tapferkeit erblicken, zum Teile aber Agenten fremder Regierungen, die dWtzrchäuse'geglückten Feldzug aus.fremdes Eigentum hiqx in Szene setzen wollet nicht einer Idee euM politischen Uebe'rzeugüng dienen wollen, nein, Glücksritter einer wirtschaftlichen Konjunktur, die die Revolutionierung der Geister einfach exploitieren wollen. Sie erzeugen Straßenkrawalle und Aufläufe, so wie man in irgendeinem Bedarfsartikel eine künstliche .Nachfrage erzeugt; sie betrügen die Massen, sie betrügen ihre Auftraggeber, sie betrügen alle, die irgendwie an sie glauben, sie betrügen die historische Größe unserer Zeit, die in tausend Erschütterungen nach neuen Formen des gesellschaftlichen und staatlichen Seins ringt. -Und es ist, wenn man sich diese Zusammensetzung dieser Führerelemente bei Licht besieht, interessant, zu bemerken, wie sie sich von einander.sondern: Die Idealisten unter ihnen sind hier bodenständige Personen, Opfer des Krieges, der sie in ihrer Existenz, getroffen und aus der Bahn ruhiger Ueberlegung geschleudert hat. Ihnen gegenüber stehen die anderen, die über die Grenzen einiger Nachbarstaaten herüberaeiyechselt sind, den Bedingungen und. Voraussetzungen unseres wirtschaftlichen Lebens fremd und achtungslos gegenüberstehen. Die elfteren wollen ihren ideellen Streit ' mit anderen ebenso gearteten Intellektuellen auf der Wiener Straße äustragen, die anderen wollen einfach im Tritben fischen. Und die Menge hat stets viel Aufnahmsfähigkeit für an sich unverständliche Schlagworte, die irgendeinem Gefühl oder einem Instinkt zu schmeicheln scheinen. Sie hört „Sozialisierung!", „Enteignung der Besitzenden!", „Sachwirtschaft statt Geld Wirtschaft 1" und meint, es müsse sich dabei auch etwas denken lassen. Die Menge — und vielleicht auch die Gutgläubigen unter den Erfindern solcher Parolen — ahnen nicht,. daß die Verwirklichung solcher Redensarten in diesem verhungerten, zu jeder eigenen Lebensäußerung unfähigen Staat mit seiner demolierten Wirtschaft zu einer schauerlichen Katastrophe, führen müßte, deren Eintritt mit mathemattscher Sicherheit zu berechnen wäre. Die, Sozialisierung' würde sich nämlich nur auf die wenigen noch arbeitenden Fabriken Wiens und Wiener-Neustadts erstrecken. Darüber hinaus hätte die Räteregierung, die die erste Etappe auf diesem Weg zum Paradies sein soll, ebensoviel Macht wie der Mann im Monde. Absperrung der Lebensmittel, Abschnürung des Staates und schließlich der Kampf um ein Stückchen Brod im furchtbarsten Sinne des Wortes; das würde uns in dem Augenblick erblühen, in dem - dieser vollkommen ziel- und planlose Kommunismus zur Realisierung -der Ideen schreiten sollte, die zuerst er Deutsche Max Stirner und der Russe Bakunin iedergeschrieben haben. . Die Gemeindewahlen in der Tschecho-Slowakei. Nach den bisher vorliegenden Meldungen wurden jüdischnationale Kandidaten in folgenden Gemeinden gewählt: Prag (3 Jüdischnationale, 1 PoaleZion), Weinberg e (2), Karolinen Gal (3), B r ü x (1), T e p l i tz - S ch ö n a u (3), Leitmeritz (1), Ungarisch-Hradisch (3), Protznitz, Prerau, Brünn (1 Iüdischnatiönaler. 1 Poale Zionist). - Der amerikanische Senat gegen die Judenpogrome. Dem Pressedienst der Delegation des Jüdischen Rationalrates für Ostgalizien wird aus Stockholm telegraphiert: Dee Washingtoner Senat faßte e i u st i m m r g folgende N e s o l n t i o n: Der Senat ersucht das Staatsdep avtement, dem Präsidenten Wilson die Bitte zu übermitteln, mit den Friedensdelegierten jener Länder, wo P o g r o m e und Juden nr a f f a k r e s stattfanden, z« konferieren und ihnen mitzuteilen, daß der amerikanische Senat und das amerikanesche Volk die Exzesse und Metzeleien, die an Männern, Frauen und Kinder« des jüdischen Volkes begangen werden, aufs tiefste bedauert. _ Der geänderte Friedensvertrag. \ : Die kleinen Nationen wollen protestieren. New-Bork, 16. Juni. (Tel.-Komp.) Der Pariser Korrespondent der World" meldet : Vor der Aeberreichnng der Antwort der Entente an die deutschen Delegierten iperden die Vertreter der kleinen Nationen von deren Inhalt in Kenntnis gesetzt werdien Mit dieser Maßnahme sind sie jedoch nicht einverstanden, da sie wegen verschiedener Punkte einen Protest abgeben wollen, so zum Beispiel wegen der Entschädigungen und wegen der Regelung der polnischenGebietsfrage n. Wenn die Deutschen nicht unterzeichnen, beginnt die wilit8rische Befotznng ihres ganzen Landes unter neuen und sch ä rferen B edin gurr gen, als den im WaffenstillfLandsvertrage enthaltenen. Während der Frist bis zur Unterzeichnung haben die deutschen Delegierten das Recht, weitere Korrespondenzen mit dem Rat der Vier über Informationen, aber nt ch i über Aenderungen zu führen. Trotz aller Behauptungen des Gegenteils find wichtige Aenderungen vorgenommen worden, wenn auch verschiedene Fragen noch unklar gelassen worden sind. ____ Die heutige Antwort der Entente. Versailles» 16. Juni. Der „Matin" berichtet, daß der Druck des Dokumentes, das die Antwort der Alliierten enthalte, nicht so schnell beendet sein könne, daß die Aeberreichnng bereits um 12 Ahr mittags erfolgen könnte. Das Blatt rechnet damit, daß die Aeberreichnng zwischen 12 und 6Ahr erfolgen werde. Weiters erklärt das Blatt, Gras Brockdorss habe das größte Interesse daran, von Versailles nach Weimar abzureisen, sobald er das Dokument in Händen haben werde, da die fünftägige Frist vom Augenblicke der Aeberreichung an lautet. Formale aber nicht grundsStzttche Konzessionen. V e r s a i l l e s, 16. Juni. Wie die „Hmnanitö" bemerkt, könne schon jetzt gesagt werden, daß die an den deutschen Friedensbedingungen vorgenommenen Aenderungen nicht imstande feien, den Grnndcharatter des Vertrages zu ändern, der ein Werk der Gewalt und des Anrechtes bleibe. Fast alle Blätter, soweit sie sich überhaupt mtt dem Inhalt der Antwort beschäftigen, bestätigen ebenfalls, daß nur formale, aber nicht grundsätzliche Aenderungen zu erwarten feien. Besonders bezeichnend ist es, das die „Aktion Franeais" Lord Ceeil angreift, der nach einer Roviziatperiode von tunlichst kürzester Dauer Deutschland in den Völkerbund habe anfnehmen wollen. Das alles (affe es wahrscheinlich erscheinen, daß das deutsche Volk sich große Hoffnungen nicht machen könne und daß ihm die bevorstehende Prüfung wohl die schwerste des Krieges sein werde. Klofae demissioniert. Prag, 17. Juni. Wie die Blätter melden, hat der Minister für Landesverteidigung Klofae seine Demission angemeldet, .über deren Annahme vorderhand keine Entscheidung gefallen ist. / In einem Staat mit einem so. freien Verfassungsleben, wie es Deutschösterreich besitzt, ist es natürlich jeder Regierung untersagt, in den Kampf der Geister anders als tritt geistigen Mitteln einzugreifen. Man müßte nur wünschen, daß die Regierung selbst an der Aufklärung der sicherlich bildungsfähigen Masten mehr und intensiver teilnimmt. Man müßte auch wünschen, daß die Nationalversammlung die Gefahr der politischen Einkreisung erkennt, die ihr droht, und das Mißtrauen, das jede Volksvertretung einer Regierung gegenüber besitzen soll, auch gegenüber allen Versuchen zeigen, sie auszuschalten und den ihr aus allgemeinen Wahlen erteilten Auftrag ohne Dazwischentreten unberufener,' verantwortungsloser Elemente ausführe. Unser politisches Leben ist reich genug, um sich in dem Widerstreit der auf dem Boden der geltenden Verfassung stehenden Parteien, deren jede Handlung von der Oeffentlichkeit kontrolliert werden kann, organisch zu entwickeln. Daraus entsteht für jedermann, der sich am öffentlichen Leben beteiligen will und ehrlichen Willen nntbringt, die Pflicht, die Situation des unter dem Druck eines Gewaltfriedens stehenden Landes zu bedenkeg und auf die Fruchtbarmachung und Konzentrierung aller schaffenden und bauenden Kräfte hinzuwirken. Personen, die dieser Pflicht nicht eingedenk sind, die hier im Auftrag fremder Regierung die Menschen in die Bajonette treiben, möge die volle Härte der Gesetze treffen. In dieser Forderung lassen wir uns auch nicht dadurch beirren, daß unter den Führern dieser mörderischen Bewegung sich auch Personen jüdischer Abstammung be-! finden. Sie sind dem Judentum, das nur Ruhe und Frieden ersehnt, ebenso fremd wie der Logik oder den' elementarsten Grundsätzen politischer Zurechnunqs fähigkeit.

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