Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 146 (15.6.1919)
- Date
- 1919-06-15
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 146 Wien, Sonntag Der Volkswirt. Wochenschau. Die Note der deutschösterreichischen Delegation ln Saint-Germain an den Friedenskongreß erhebt mit vollstem Recht Beschwerde über die wirtschaftlichen Gewaltmaßnahmen der Sukzessionsstaaten. Die Tschechen, Polen, Jugoslawen, Italiener und Rumänen sequestrieren und liquidieren unausgesetzt beutschösterreichisches Eigentum. Sequestrierung und Liquidierung bedeuten aber außerordentliche Kriegsniaßnahmen. Deutschösterreich hat sichjedoch mit den Nationalstaaten nie im Kriegszustand befunden. Nichtsdestoweniger sind wir der willkürlichsten Gewalt'ausgesetzt und unser Wirtschaftsleben ist, wie die Note hervorhebt, auf das empfindlichste bedroht. Nach dem Wenigen, das uns im Zusammenbruch zurückgeblieben ist, strecken sich von allen Seiten beutegierige Hände aus. Und da uns die Entente gewissermaßen für vogelfrei erklärt hat und wir nicht mehr imstande sind, uns zu wehren, stürzen sich unsere Nachbarn auf alle Vermögensreste, deren sie habhaft werden können. Diese Vorgangsweise bedeutet nicht nur einen unerhörten neuerlichen Bruch des im Laufe des Krieges von allen Seiten so schamlos vergewaltigten Völkerrechtes, sondern ist blanker Raub und Plünderung. Wir treiben einem Zustand entgegen, der — falls die Friedensbedingungen nicht wesentlich abgeändert werden — in der modernen Wirtschaftsgeschichte ohne Beispiel ist. Wir sollen alles gewähren und herausgeben, ohne daß wir etwas erhalten. Unsere Bahnen und Wasserwege sollen von Fremden benützt werden dürfen, wir sollen diesen Fremden die Meistbegünstigung einräumen, selbst jedoch vollkommen rechtlos sein und unter den drückendsten Nachteilen leiden. Die Tatsache steht fest, baß Deutschösterreich nicht wird existieren können, falls nicht Ententekapital hier investiert wird. Dies würde eine Art „friedliche Durchdringung" bedeuten, die jedoch von dem jetzt zur Anwendung gelangenden System nicht nur himmelweit entfernt ist, sondern mit ihm eigentlich nichts zu tun hat. Wir haben bereits des öfteren darauf hingewiesen, daß sich die zahlreichen Versprechungen des Finanzsekretärs als eitel und nichtig erweisen und müssen leider wieder konstatieren, daß wir es unbegreiflich finden, wie Dr. Schumpeter bereits vor vielen Wochen wiederholt erklären konnte, die mit der Vermögensabgabe verbundenen Schwierigkeiten und Unbequemlichkeiten würden in kürzester Zeit behoben sein. Nicht das geringste ist geschehen- Das Staatsamt der Finanzen zeichnet sich mit jedem Tage yrehr durch gänzliche Kopflosigkeit und vollkommene Desorientiertheit aus. Niemand weiß, woran er mit der Vermögensabgaöe ist. Inzwischen aber dauert die Sperre der Guthaben und Depots bei den Banken an und damit die Mühsal besonders der kleinen Leute. Es ist geradezu wahnsinnig und nur das Ergebnis altösterreichischer Indolenz, kleinen Leuten, deren Abgabe sich höchstens auf ein Zehntel oder im krassesten Falle cur ein Fünftel ihres entwerteten Besitzes belaufen könnte, andauernd die Hälfte gesperrt zu halten. Daß unter solchen Umständen gewichtige Stimmen Schumpeters Rücktritt energisch fordern, ist nur zu begreiflich. Mit hohlen Phrasen, die zu den traurigen Taten im grellsten Widerspruch stehen, kann nicht einmal Dr. Schumpeter die ohnegleichen geqüälte und verelendete Bevölkerung abspeisen. Ihm schweben freilich die englischen stnd amerikanischen Volkstrtbunen mit ihren zündenden Schlagworten als Ideal vor Augen. Der Unterschied zwischen ihnen und dem Finanzsekretär ist nur der: sie arbeiten als zielbewußte Männer, Schumpeter aber laviert herum und weiß nicht, was er unter den außerordentlich schwierigen Verhältnissen anfangen soll. Er regiert nicht, sondern er wird regiert: von den Ereignissen und seiner noch immer k. k. veranlagten Umgebung. So schweigt er sich auch über die Kriegsanleihe gründlich aus, während es doch unbedingt nötig wäre, sich endlich einmal darüber klar zu werden, welchen Weg man einzuschlagen hat. Zahlreiche Projekte zu einer Reduktion der Anleihezinsen, die eine Entlastung der Staatsfinanzen bedeuten würde, liegen vor, von ihrer Erwägung oder Erörterung ist jedoch nichts zu hören. Die Reduktion des Kriegsanleihenominales «aus die offiziellen 75 Prozent (in der Praxis ist auch dieser bereits stark reduzierte Satz schon seit langem bedeutungslos) äußert sich in der Bilanz der Länderbank, die vor wenigen Tagen zur Veröffentlichung kam. Außerdem ist die Bilanz durch di« Unsicherheit der Lage in Ungarn, durch die Ungewißheit der Verhältnisse in den Sukzessionsstaaten, durch die sehr beträchtlich gewachsenen Personalkosten, die sich im lausenden Jahre noch ganz bedeutend steigern werden, ungünstig beeinflußt worden, so daß die Länderbank pro 1918 nur eine Dividende von 5 Prozent (gegen 8 im Vorjahr) ausschütten kann. Selbstredend liegen auch diesittal keine Bilanzen der Londoner und Pariser Filiale vor. Die Länderbank ist nach der Escompte-Gesellschaft uich Bodenkreditanstalt bereits das dritte Wiener Fnstitut, bas eine nur bprozentige Dividende ausschüttet. Auch der „Mercur" wird eine Dividende von b Prozent (gegen 91/2 im Vorjahr) verheilen und höchstwahrscheinlich dürften die meisten Wiener Banken an diesem Satze scsthalten. Angesichts der furchtbaren Teuerung und Geldentwertung trifft dieser Rückgang Wiener Morgenzeitung Umsonst erhalt jeder die „Wiener Morgenzettung" bis znm 15. d. M., wer die Abonnementgebühr ab 16. Juni entrichtet. Bezugsbedingungen: Für Wien: mit Zustellung Monatlich . . . Kronen 7.— Vierteljährig . . „ 20.— Halbjährig ... „ 40.— Ganzjährig... „ 80.— Für die Tschechoslowakei: mit Postverland in tschechischer Währung Monatlich.... Kronen 7.50 Vierteljährig . . „ 22.— Salbjährrg ... „ 44.— anzjcihrig ... „ 88.— Für Deutschösterreich: mit Postverscmd Monatlich .,. . Kronen 7.50 Vierteljährig . . „ 22.— Halbjährig ... „ 44.— Ganzjährig . . . „ 88.— Für Polen und die übrigen Nationalstaaten: mit Postversand Monatlich . . .Kronen 8.50 Vierteljährig . . „ 25.— talbjährig ... „ 50.— anzjähng .... „ 96.— Einzelexemplar 36 Heller. Für Deutschland monatlich 6 Mark, Schweiz 5 Franken, für das übrige Ausland vierteljährig 26 Kronen. Dst Geldsendungen für die Tschecho-Slowakei sind per Erlagschein an das Posifparkasienamt P. S. 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Auch bei uns wird sehr viel von der erhofften Abänderung der deutschen Frie densbedingungen, besonders der wirtschaftlichen,' abhängen. Man erwartet ein Einlenken. der Entente, wird jedoch gut tun, sich vorläufig keinen überschwenglichen Hoffnungen hinzugeben. Wenn nicht die Zeichen trügen, ist kaum damit zu rechnen, daß die Alliierten die Schadenersatzsumme für Deutschland festlegen werden. Es ist fraglich', ob dann die deutsch« Regierung unterzeichnen wird. Die Nichtunterzeichnung könnte jedoch Bolschewismus und Anarchie zur Folge haben, die dann wahrscheinlich -auch auf uns übergreifen würden. Was das für unser ausgehungertes Land und besonders für Wien bedeuten würde, bedarf wohl keiner näheren A.ustzjncttidersetzung. •' & L. Wahrheit und Täuschung. « Von Heinrich Färber. Unter der Last von Saint-Germain, die auf Energie und Gemüt drückt, ist e» schwer, «r inner« Politik zu denken. Aber unsere Finanz- und Wirtschaftspolitik ist eine würdige Ergänzung der Friebensbedingungen. Die geringen Lebens- Möglichkeiten nämlich, welche diese den Deutschösterreichern noch offen lassen, werden ihnen, von der eigenen. Finanz- und Wirtschaftspolitik benommen. Seit etwa drei Monaten werden Verordnungen Über Verordnungen erlassen: Abstempelung, Anmeldung und Sperrung des Vermögen-. Kein Mensch versteht den Sinn dieser Verordnungen. Was aberjeder sehen kann, ist, daß Handel und Gewerbe gelähmt, produktiv« Gewerbetreibende zu Bettlern gemacht werden und da» Heer der Arbeitslosen vermehrt wird. Vorbereitungen für die Vermögensabgabe sollen jene Maßregeln sein, mit der Vermögensabgabe werden sie begründet. Die Vermögensabgabe selbst ab« — womit wird diese begründet? Wer sich nur Mühe nimmt, darüber nachzudenken, muß einsehen, daß dl« Vermögensabgabe, wenn sie auf kleine und mittlere Vermögen ausgedehnt wird, nichtweiter ist, als Schädigung de» arbeitend« Mittelstandes, d« Produktion und d« Wirtschaft zugMsten des arbeitslosen Großkapitals. Die Vermögensabgabe, hat der Staatssekretär' der Finanzen oft erklärt, solle zu nichts anderem verwendet werden als zur Stabiltsiernng der Valuta und zur Entschuldung des Staates. ES wird gut sein, die beiden Zweck« auseinander zu halten und sie gesondert zu betrachten. Denn eS wird sich -eigen, baß sie unter den gegebenen Verhältnissen einander nicht ergänzen, sondern vielmehr ausschließen, daher sie beide zusammen nicht dar Ziel einer Handlung bilden können. Betrachten wir zuerst die Stabilisierung der Valuta. Diese soll, so sagt man, durch die Verminderung des Notenumlaufes bewirkt werden; je weniger Noten im Umlauf sind, desto größer sei ihr Wert. Was kommt aber dabei heraus? Nichts. Denn ob das deutschösterreichische Volk .6. Milliarden Kronen besitzt, die 1,2. Milliarden Franks. 15. Juni 1919 Sette 9 ----MM—«■—>..—*- wert sind, oder bloß 8 Milliarden Kronen, die ebensoviel Franks wert sind, ist doch alle» eins. Die Verbesserung de Valuta durch Verminderung d« Quantität der Noten ha bah«, vom gesamtvolkswirtschaftlichen Gesichtspunkte au» bei trachtet, gar kein« Zweck, folglich hat auch die vermöge»^ abgäbe aus diesem Grunde kein« Zweck. Diese einfache und durch sich selbst einleuchtende Wahrheit will «an pW gerne einsehen, man sträubt sich vielmehr mit Händen ititJ Füßen dagegen, aus. dem Grunde vielleiM, well sie gar st einfach ist. 1!! 1 H Man sagt, eS werbe für die Arbeiter besser fein, wüst das Geld "mehr Kaufkraft haben wird; aber auch dies isi nicht wahr. Man übersieht gerne, daß in der Tauschwirtschast auch die Arbeit eine Ware ist, baß somit, wenn die Kauf^ kraft der Krone steigt, nicht nur die Kaufkraft der LohUkrom in der Hand des Arbeitnehmers, sondern auch derjenige^ in der Hand des Arbeitgebers steigt; daß man bann für dasselbe Quantum Kronen mehr Arbeit kaust, oder für dasselbe Quantum Arbeit weniger Krön« zahlt; daß ein Steigen der Kaufkraft de- Geldes, waS gleichbedeutend ist mit einem Sinken der Warenpreise, gar nicht anderdenkbar ist, als daß gleichzeitig die Ware „9lt5ett" im Preise sinkt, da jede Ware ein Arbeitsprodukt ist, daher im Preise nicht sinken kann, wenn nicht die Arbeit im Preise sinkt. Dem Arbeiter ist es demnach gleichviel, ob er für eine Krone ein Brot bekommt und eine Krone Lohn erhält, oder für eine halbe Krone ein Brot bekommt und eine halbe Krone Lohn erhält; in beiden Fällen hat er schließlich für feind Arbeit ein Brot bekommen.; Dasselbe gilt natürlich für Staatsbeamte und' anders Fixangestellte. Man sagt, die Lohnaufbesserung« hielt«, nicht Schritt mit der Entwertung des Geldes; daraus folgt Uber nicht, daß man eine Vermögensabgabe machen müsse, sondern daß man die Lohnaufbesserungen mit der Entwertung des Geldes in Einklang bringen muß. Wenn man übrigen» so argumentieren wollte, so dürften die Vermögensabgaben niemals ein Ende nehmen, da man das verbesserte Geld immer noch mehr verbessern könnte durch weitere Verminderung der Quantität, durch weitere Vermögensabgaben. - 1 Man weist auch auf die wilden Preisbewegungen des Warenmarktes und auf die Teuerungsrevolten hin. Man sagt, eS sind« ein fortwährender Kampf zwischen Arbeit^ löhnen und Warenpreisen statt, der doch nicht ins Unendliche geführt werden kann. Das ist allerdings eine böse Krankheit, aber durch bas Universalhellverfahren der Qualitätstheorie (Verminderung des Notenumlaufes) kann sie nicht kuriert werden. Beweis: Tschechien. In Zürich ist der Preis der tschechischen Krone gestiegen, in Tschechien aber nicht. Und die Teuerungsrevolten sind merkwürdigerweise nicht bei unS, sondem in Tschechien und nicht vor, sondern nach der Verminderung des Notenumlaufes ausgebrochen. Trotzdem wissen wir nichts besseres, als nach guter österreichischer Art das Beispiel nachzuahmen; zuerst hieß es, wir dürfen, picht alles nachahmen, und zuletzt ahmen wir es doch nach./ Schließlich weift man noch darauf hin, daß die Verbesserung der Valuta vorteilhaft sei für den Import ausländischer Produkte. Diese Meinung ist aber, wird sie auch allgemein geteilt, nichtsdestoweniger unrichtig. Sie wurzelt in einer anderen ebenso allgemeinen wie falschen Anschauung, daß der Wert des Papiergeldes eines Landes mit tatsächlicher Papierwährung auf dem ausländischen Markte bestimmt wird'. Richtig ist das Umgekehrte: Der Wert einer tatsächlichen Papierwährung wird ausschließlich durch den heimischen Markt bestimmt/welcher so bestimmte Wert auch für den ausländischen Markt Geltung hat< Kann jemand, dessen Gesichtskreis nicht von Börse und Theorie begrenzt ist, glauben, daß der Käufer eines! Wechsels für ihn mehr zahlt, als der Wechselschuldner, der Akzeptant für ihn zahlen kann, zahlen will und zu zahlest verpflichtet ist? Und was zahlt ein Land mit tatsächlicher Papierwährung für seine Wechsel? Kann der Ftnanzminister .eines solchen Landes darauf die Antwort geben? Er zahlt nichts, et kann nicht, er hat nichts zu zahlen. Prolongieren kann erneues Papiergeld, neue Wechsel kann er geben. Wirklicher Zahler ist lediglich der heimische Markt, und was dieser für die Wechsel zahlt, ist ihr wirklicher Wert, ein anderer Wert ist Willkür und Illusion. Der Züricher Geldmarkt ist Börse wie jede andere, Täuschung und Spekulation, schwankt hin und her und kracht, wenn er sich von dem Boden der Tatsachen, von dem heimischen Markt, zu wert entfernt. Zum Ueberfluß sei noch die Tatsache erwähnt, daß der ausländische Warenmarkt, von der Züricher Börse unabhängig, seinen eigenen Weg geht und für unsere Noten nichts, gar nichts hergeben will. Dafür hat man jetzt die einfachste, einleuchtendste Erklärung: well der heimische Markt, da er keine Produkte hat, zahlungsunfähig ist. Will man, w«n man diese Wahrheit erkannt hatnoch' tat«« behaupt«, daß Verbesserung der Valuta durch Verminderung der Quantität vorteilhaft sei für den Import ausländischer Produkte? Versuchen wir einmal, diese allgemein angebetete Theorie an einem einfachen Beispiel auszuführ«. Gesetzt, wir bekämen für die 6 Milliarden deutschösterreichischer Kronennoten, die wir besitzen, ausländische Produkte im Werte von einer Milliarde Franfs. In diesem Falle müßte der heimische Markt, wie wir jetzt wissen, als der alleinige Schuldner und Zahler für die 6 Milliarden deutschösterreichischer Wechsel inländische Produkte im, Werte von einer Milliarde Franks als Zahlung hergeben. Nun wollen wir aber aus den 6 Milliarden durch Verminderung der Quantität 3 Milliarden machen, damit die Valuta qualitativ besser werde, so etwa, daß man daN» für die 3 Milliarden ebensoviel ausländische Produkte wie vordem für 6 Milliarden bekäme. In diesem Falle müßte der heimische Markt wieder inländische Produkte im Werte von cinec Milliarde Franks als Zahlung für die 3 Milliarde» Wechsel tzergebe». In beiden Fällen also beloniiul der heimische Markt ausländische Produkte im Werte von einer Milliarde