Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 146 (15.6.1919)
- Date
- 1919-06-15
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 149 Wien. Sonntag Wiener Morgenzettung 15. Juni 1919 Inland. Die kommunistische Agitation. ' —y W i e n, 14, Juni. In der Bevölkerung von Wien wurde. in den letzten Tagen von nichc oder minder bösipillisien •' c" ftps Gerücht verbreitet, daß am l'ri.V: ~r ^roklamicr! und bei 2lyschluß rj: Ne Vnuaz.cftct: Bolschewiken hergestellt werden "soll. Den Anlaß zu diesen Gerüchten gab einerseits die von den Kommunisten betriebene Agitation gegen den Abbau der Volkswehr und gegen die von den Christlichsozialen geplante Bildung von reaktionären Ofstziersbataillonen, andererseits aber die in der Arbeiterschaft bestehende Furcht, durch den Pariser Gewaltfrieden um die Früchte der Revolution gebracht zu werden, und die Ausstrahlung der in den Ententestaaten sich zeigenden sozialen Bewegung. Aus dieser letzteren leiten unsere Kommunisten die Hoffnung auf die Verwirklichung der Weltrevolution ab, die den Imperialismus und Militarismus durch die vereinigten Anstrengungen der Arbeitenden ganz Europas vemichten soll. Es zeigt sich eben in allen Staaten, die am Krieg aktiv beteiligt waren, das gleiche Bild; trotz aller Verschiedenheit der Erziehung, der Denkart und des Klimas unterliegen alle diese Völker den gleichen psychischen Gesetzen und die Not, die Sorge und die Teuerung stellen überall das wirtschaftliche und politische Leben unter dm gleichen Druck. Freilich darf nicht übersehen werden, daß eine Weltrevolution — wenn sie überhaupt möglich ist — bei dem gegenwärtigen Zustand Mitteleuropas eine furchtbare Gefahr wäre, die noch die letzten vom Krieg angenagten Reste unserer Wirtschaft und Kultur vernichten müßte. Was uns allen nottut, ist die sofortige und umfassende Zusammenfassung aller internationalen Kräfte für die Wiederherstellung der geschädigten Güter. Die Weltrevolution aber bedeutet die Zerstörung der Produktion und das ist der Hungertod für alles, was noch in den Zentralstaaten zuckt. Eine Sympathiekundgebung der italienischen Arbeiter zum Beispiel, die mit einem Stillegen der Eisenbahnen verbunden ist, wäre gerade für das Wiener Proletariat ein schrecklicher Freundschaftsbeweis. Und was es für die EntwiÄung der ganzen Welt bedeutet, wenn Deutschlands Produktion zum Stillstand käme, weiß jedermann. Und aus Budapest hört man, daß die Segnungen der Räteregierung gerade das Proletariat am schärfsten spürt, das ohne Sparreserven und ohne kaufkräftiges Geld der Not gegenübersteht. Alle guten Gründe der Logik wehren sich gegen die jetzige, beschleunigte Umformung der Welt. Man hat dies auch in Wien eingesehen und der Wiener Kreisarbeiterrat wendet sich in einem Aufruf an die Arbeiterschaft, die vor den Treiberesßy Anes anonymen Putschkomitees gewarnt wird. In diesem Aufruf wird die Hoffnung üuf der Volkswehr und auf ein Unterbleiben blutiger Zusammenstöße ausgesprochen und schließlich erklärt: Ueber die Taktik der Wiener Arbeiterschaft und damit auch über die Frage, ob die Alleinherrschaft des Proletariats-" in Wien <weckin 8 ßig fei, kann allein der Wiener Arbeiterrat entscheiden. Der Arbeiterrat verwahrt sich daher von vornherein gegen jeden Versuch gewisser kleiner Gruppen, d i e A r b e i t e r s ch a f t m i t G e w a l t- Mitteln ver gewaltige n zu woll e,n. Die Wiener Arbeiterschaft verwahrt sich dagegen, daß über ihr politisches Schicksal durch das, Diktat v o n L e u t e n entschieden iverde, die die Verhältnisse Deutschösterreichs gar nicht n n b den Sozialismus überhaupt recht wenig lang kennen. übermannen suchte, ließ die Hand ihren Griff von den Tafeln los und fuhr nach links und oben in den Bart. Die Tafeln drohten zu gleiten und, um dies zu verhüten, fährt die rechte Hand zurück, entläßt den Bart, von dem ein Teil ohne Absicht mitgezogen wird, erreicht noch den Rand der Tafeln und stützt sich nähe ihrer hinteren, jetzt zur obersten gewordenen Ecke. Einige Tafeln von Künstlerhand verdeutlichen diesen Bewegungssturm, indem sie die verschiedenen Stellungen veranschaulichen. Es ist nun merkwürdig, wie die neue Hypothese, die hier nur angedeutet erscheint, alle Schwierigkeiten mit einem Schlage löst. Denn dieser Moses ist zwar in einer bestimmten Situation dargestellt, aber er wird nicht auffpringen, denn was wir an ihm sehen, ist nicht die Einleitung zu einer gewaltsamen Aktion, sondern der Rest einer abgelaufenen Bewegung: in einem Anfall von übermächtigem Zorn.wollte er auffpringen und Rache nehmen, die Hand wollte die Tafeln gleiten lassen. Aber gerade die Gefahr des Zerbrechens der Täfeln mahnte ihn daran, was auf dem Spiele stand. Gerade ihretwegen hat er seinen Zorn bezwungen, zn ihrer Rettung seine Leidenschaft beherrscht. Er gedachte seiner Mission und verzichtete für sie auf die Befriedigung seiner Affekte. Seine Hand fuhr zurück und rettete die sinkenden Tafeln. Die Tradition schildert Moses als jähzornig) aber Michelangelo hat etwas Neues uub Uebermenschliches in seinen Moses gelegt: sein Zorn wird durch die Drohung, daß die Tafeln zerbrechen könnten, auf dem Wege zur Handlung gehemmt. Die Mosesstatue wird so zum Ausdruck für die höchste seelische Leistung, deren der Mensch fähig ist: für das Niederringen der eigenen Leidenschaft zugunsten einer Bestimmung, der man sich gervcihi hat. /Seitens / Der Weg zur Entwirrung. rt - Wien, 14. Juni. ^Es steht noch immer nicht fest, wann die Beantwortung der deutschen Gegenvorschläge durch die Entente erfolgen soll. Nach einer Meldung des gewöhnlich gut unterrichteten „I o u r u (i l d e G 6 u e b c" soll die Antwort. der Entente keinestve!;.' als eine Platte Verneinung, ansgesaßt irci-bcu dürfen. Es werde sich vielmehr darumhandeln müssen, diese Antwort praktische zur geeigneten. Basis für Verhandlungen zu machen. Auch wird von anderer Seite bekannt, daß dse deutsche Delegation keine weiteren Noten zu überreichen beabsichtige. Der Friebensentwurf für D e u t s ch ö st e r r e i ch wird von den Alliierten, wie „Journal de Genöve" meldet, nicht als ein abgeschlossener Vertrag, sondern nur als Instrument betrachtet, durch ivelches Deutschösterreich eine legale Existenz erhalten und von der Entente als Staat anerkannt werden soll. Auf diesem Entwürfe werde dann weibergebaut werden, um einen definitiven Vertrag zustande zu bringen, welcher Deutschösterreich die erforderlichen Daseinsmöglichkeiten verbürgen kann. Wenn es wahr ist, daß der Vertrag von Saint-Germain von der Entente nicht als ein Definitivum angesehen wird, so sind jedenfalls seine Bestimmungen derart, daß sie nicht als ein Rahmenentwurf betrachtet werden können. Es ist nicht recht einzusehen, wie auf diesem Entwürfe weitergebaut werden soll, der für ein Weiterbauen keine rechten Grundlagen bietet, indem seine Bestimmungen solche sind, daß sie eben die praktischen Daseinsmöglichkeiten für Deutschösterreich ausschließen. Als Grundlage für einen definitiven Vertrag wird nur ein in den Hauptpunkten gänzlich abgeänderter Entwurf dienen können. Im übrigen ist heute unsere Finanzdelegation nach Paris abgereist. „Manchester Guardian" begrüßt als wichtigste in den Friedensbedingungen für Deutsch österreich die Klausel, welche die Verpflichtung zum Schutze der Minderheiten enthält, welche als internationale Angelegenheit dem Völkerbund unterstellt werden. Hierzu bemerkt das genannte Blatt sehr richtig: „Es ist dies die erste klare Angabe, die wir haben, daß der Schutz der Rassenminderheiten in den neuen Staaten einen wesentlichen Teil des Vorrechtes der Unabhängigkeit bilden wird. Sie muß jedoch überall ihre Anwendung finden in Polen, im neuen Rußland, in den vom alten Oesterreich befreiten Nationalstaaten ebensosehr wie im verkleinerten Deutsch österreich. Geschieht dies nicht, so werden wir Akchts anderes getan haben, als an Stelle der alten Tyrannei eine neue geschaffen haben. Schon erheben die neuen Staaten im voraus die Stimme des Protestes. Ihr Protest muß aber unter allen Umständen niedergehalten und beseitigt werden. Dies ist eine vitale Bedingung, um in Europa den Frieden auch nur annähernd wieder herbeisühren zu können." Es ist ja heute bereits bekannt, daß die Durchsetzung der Forderung nach gesetzlich zu gewährleistenden Rechten für die nationalen Minderheiten zum guten Teile ein Werk der jüdischen politischen Arbeit in Paris ist. Der ganze Erfolg bliebe jedoch illusorisch', wenn diese Bestimmung den Charakter eines allgemein geltenden Grundsatzes verlieren und durch alle möglichen Ausnahmen durchlöchert werden sollte. Nur als allgemein verpflichtendes Prinzip wird die Formel des Schutzes der nationalen Minderheiten imstande sein, den nationalen Fragen ihre Schärfe zu benehmen, dem kulturfeindlichen überhitzten Nationalismus das Wasser abzugraben und den Frieden unter den Völkern anbahnen zu helfen. Wenn Herr Uaderewski mit dem Hinweis auf die bekannte; . - . polnische Toleranz/ der heute wie ein blutiger Hohn wirkt, sich dtzr Annahme dieser Verpflichtungen für Polen zu entziehe« sucht, so weiß man genau, welche Motive dahinter stecken. Der bisher vorliegende. Entwurf zum Völker, binib stellt ein noch sehr unvollkommenes Instrument dar, welches mannigfacher Verbesserungen bedürfen wird, aber sein Wert liegt darin, daß er einen Anfang bedeutet und neue Ges ichtspunkte in die Weltpolitik einführt. Wiederholt konnte man lesen, daß Wilson, der Schöpfer des Völkerbundgedankens, Unter allen Umständen wenigstens die Schaffung des Völkerbundes in Paris durchsetzen wolle. Dies scheint ein Brief Wilsons an Lord Ceeil, den Vorsitzenden der Vereinigung für den Völkerbund in England, zu bestätigen, in dem es heißt: .] „Die Unterzeichnung des Abkommens 'über den Völkerbund ist die erste formelle Handlung, die zur Gründung eines tatkräftigen Verbandes von Nationen führt. Eine nicht gut unterrichtete öffentliche Meinung bei den Völkern, die das Abkommen nicht unterzeichnen, würde eine dauernde Bedrohung des Weltfriedens sein. Das Werk der Wiedergeburt des Geistes muß unternommen und fortgesetzt werden, damit alle sehen, wie groß die Macht des Bundes zur Förderung der Einigung und des internationalen Züsammenarbeitens auf dem Wege des Fortschrittes ist. * ■( Die heutige Gelegenheit ist ohne Beispiel in der Geschichte der Menschheit. Der Friede kann nur gesichert werden durch die dauernde Arbeit und die wohlverstandene Unterstützung von gerechten Abkommen, die freiwillig eingegangen werden. Es gibt keine edlere und dringendere Arbeit." -4 Die Spannung imProletariat Frankreichs und Italiens scheint anzuhalten. Bezeichnend ist ein Aufsatz von Alfred Capus im „Fig-aro", der eine W iederholung der Revolution in Frank, reich als möglich hinstettt, wenn die Regierung sich als zu schwach erweise. Die Krise sei' nicht durch Lohnfragen zum Ausbruch gekommen, es stünden vielmehr politische Ziele in Frage. Das eine sei die E' // Sympathie für den Bolschewismus, - das zweite, gegen allzu große Härten in den Bedingungen für Deutschland zu protestieren, um einen dauernden Riß zwischen dem Proletariat der einzelnen Länder zu verhüten. Auch in Italien nimmt, wie es heißt, der Streik immer mehr einen politischen Charakter an, wobei besonders in Norditalien sich die republikanische Agitation stark bemerkbar mache. Die Republikaner beschuldigen die Negierung, daß sie den Imperialismus Frankreichs und Englands mitmache und das Land vor die Gefahr eines neuen Krieges mit den Jugoslawen stelle. Während nun die italienische Polizei die ungarische Räteregierung beschuldigt, an der Agitation in Italien regen Anteil zu haben, wird von jugoslawischer Seite gegen Italien die offene Anschuldigung erhoben, daß es mit der Regierung Bela Kuns gemeinsame Sache mache und ihr praktische Unterstützung angedeihen lasse, joobei der Kampf gegen Jugoslawien einen der Beweggründe bilde, auch die Einladung Bela Kuns nach Paris werde von Italien betrieben, ebenso wie in der bis heute nicht geklärten Frage, ob und in welcher Form das Pariser Ultimatum an die Ungarn ergangen sei, italienische Intrigen zugrunde liegen? Das Adriaproblem ist noch immer unerledigt, die Gegensätze zwischen Italien und den Jugoslawen bestehe«' weiter. Ein Federstrich hat vor fünf Jahren die Welt aus den Fugen gebracht, wie lange wird es brauchen, bis sie wieder zur Ruhe kommt, um sich neuen und größeren Aufgaben als bisher widmen zu können?. .;:j Die Sitzung des ArdetterrateS. Freitag nachmittags fand im Arbeiterheim die konstlMSrende Sitzung des KrerSarbeiterrates Wien statt. Der Vorsitzende, Abgeordneter Dr. Friedrich Adler, führte aus: . In den letzten Wochen wurde von anonymen Komitees immer wieder der Versuch unternommen, das Proletariat Wiens zn irgend welchen Mass enaktionen auff rufen. Zuerst sollte ein rem gewerkschaftlicher Streik einiger iener Fabriken der Automobilindnstrie zn politischen Zwecken mißbraucht werden. Als dieser Versuch durch die Besonnenheit des Wiener- Proletariats rum Scheitern gebracht wurde, sollte der von der Entente geforderte AbbauderVolkswehr den Deckmantel für die Aufrichtung der D i k t a t u r einiger Leute über die breite Masse des Wiener und des deutschösterreichischen Proletariats abgebcn. Obzwar die internationale Lage in den letzte» Tagen etwas zu unseren Gunsten verschoben und dadurch eme festere Haltung unserer Genossen in der Regierung gegenüber den Ententeforderungen auf Abbau der Volkswehr möglich war, dieser Abbau neuerlich hinausgeschoben wurde und damit e i n e l e i ch t e E n t s p a n n u n - u n s e r e r i n n e rpoli tischen Lage emgetreten ist, stehen wir doch in einer überaus ernsten Situation. Die in der kommunistischen Partei zutage getretenen Meinungsverschiedenheiten geben sehr zn denken, lassen die V e r a n st a l t u n g eines P u t s ch e s beimchten. In einem solchen entscheidenden Moment müssen wir klar und deutlich erklären, daß der aus jüngst dirrchgesührten Neuwahlen hervorgegangene, heute zur konstituierenden Sitzung versammelte, den wahren Willen des Wiener Proletariats verkörpernde Wiener Kreisarbeiterrat einzig und allein d a S Recht hat, über das Schicksal des Wiener Proletariats zu entscheiden. Hier ist der Boden, ans dem sich alle Richtungen des Proletariats aussprechcn, für ihre Ansichten werben mib die Masse des Proletariats zn ihrer Taktik bekehren, können. Wir richten klar und deutlich an unsere kommunistischen Genossen die Frage, uns A u fschluß über ihre Absichten zu geben. Dr. Friedrich Adler liest «au eine Entschließung vor, du im wesentlichen dasselbe besagt, wie seine Rede. i Dr. Adler fährt dann fort: Wir halten an der internationalen Gemeinsamkeit fest; daß aber Genoffen, die weder Deutschösterreich noch der Sozialismuskennen, von außen geschickt werden, nu> uns zu diktieren, dagegen wehren wir uns. Wir kaffen uns nicht diktieren, wir laffen uns nicht von ein paar Leuten vergewaltigen Wenn wir eine Räterepublik errichte« wollen, soentscheidenwirdiesselb st. Der Kommunist Friedländer stellte die anonymer Aktionen in Abrede und beantragte folgende Entschließung: , „Der Wiener Arbeiterrat erklärt, daß die tl e6 c r- : f ü t) v it n 6 der kapitalistischen Gesellschaft in die kommunistische Nur durch die Nebernahm der gesamten politischen und wirtschaftlichen Macht durch d i < Arbeiterrüte erfolgen kann und daß der Wiener Arbeiterrat diese Aufgabe in der gegenwärtigen Zeit des Bankerotts de- Kapitalismus erfüllen will." Der Sozialdemokrat Frey sprach sich scharf gegen di, geplante Einführung der Diktatur au§, forderte aber eine energischere Politik der Vertreter der Sozialdemokraten in der Regierung. Im Schlußwort warnte Dr. Adler vor einer Nachahmnng des Münchner Beispieles. „Wir erklären, wir haben lt i ch t s z n tun damit, was sie Sonntags Vorhaben. Wir erklären, keine Gnade z u üben gegen diejenigen, die Politik treiben gegen d i e A r b e r t e r s ch a f t und gegerr den Arbeiter' rat!" (Starker Beifall.) - Unter «persönlichen Berichtigungen" stellt Friedländer fest, daß er seit einigen Wochen bereits a u s d e m V o r st a n d der k o m m u n i st i s ch e n P a r t e i ansgeschieden sei und von einem '15. Juni nichts wisse. Die Entschließung Adlers wird mit 235 gegen bie 27 Stimmen der Kommunisten a n g e n o m m e n. Hieran! wird die Entschließung F r r e d l ä n d e r s angenommen.