Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 146 (15.6.1919)
- Date
- 1919-06-15
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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(gfctte 2 Wien, Sonntag Potttisch^Rrmdscharr. Der polnische Lügenfeldzug. Rach de« Pogrom in Krakau. b W i en, 14. Juni. Noch' sind die offiziellen und offiziösen polnischen Eommuniquäs, die nach dem Pogrom in Lemberg die ^Oeffentlichkeit durch einander widersprechende Meldungen zu verwirren suchten und in denen abwechselnd ^gelogen, gefälscht, gedroht und provoziert wurde, in unser aller Erinnerung. In ähnlicher Weise wird nun auch nach dem Pogrom in Krakau vorgegangen. Als eine Provokation ärgster Sorte und geradezu als ein Preisausschreiben auf neue Pogrome müssen die offiziellen „Informationen" des Oberstleutnants Mod.elski vom Generalstab der Armee Haller an die Krakauer Presse angesehen werden. Der Herr Oberstleutnant erzählt. in diesen Informationen nicht bloß Don einer Beschießung des Militärs seitens der jüdischen Bevölkerung, von einer gelegentlich. einer Revision-im Londoner Hotel (Stradom) gefundenen Flinte, von der Entwaffnung von ungefähr zwanzig Juden in der Wolnicagasse, von der Beschießung des zur Herstellung der Ordnung ausgerückten Militärs seitens der Mischen Bürgerwache, von der Verwundung von zehn bis zwölf Soldaten, darunter eines französischen, der Derr Modelski war auch gleich in der Lage, die >richtige Ursache der Pogrome herauszufinden, die nach seiner Meinung in einer planmäßigen Agitation zur Diskreditierung der Armee Haller und Polens überhaupt liege, welche aus deutscher und russischer Quelle ißomme und der sich auch ein Teil der Juden angeschlossen Habe. . Wie wenig diese Angaben den Tatsachen entsprechen, haben die späteren Untersuchungen und Zeitungsmeldungen deutlich bewiesen. Aber schon am selben Tage hat der „Naprzod" in einem Leitartikel die Geschehnisse beim richtigen Namen genannt und unter, scharfer Verurteilung derselben die Beteiligung der Soldaten, darunter auch jener der Haller-Armee, an den Pogromen festgestellt. Der „Naprzod" bringt zwar auch die Informationen des Oberstleutnants Modelski, er läßt jedoch keinen Zweifel darüber bestehen, daß er sich mit diesen Angaben nicht deckt, was er nicht nur durch die Veröffentlichung derselben nach seinem erwähnten Artikel, sondern auch durch wiederholte Betonung der Quelle derselben zum Ausdruck bringt. Mas macht jedoch die amtliche Polnische Teletzraphenagentur? Sie versendet eine ausführliche und unerhört tendenziöse Darstellung der Ereignisse, in der sie zum Schluß auch den Namen „Naprzod" zitiert. Wer nicht etwa die redaktionelle Stellungnahme und die Feststellung in bezug auf die MitschuÜ»'der „HaNer- 'czyfi", sondern die vom „Naprzod wiedergegebenen Informationen des Oberstleutnants Modelski, und zwar jo, baß der Eindruck unvermeidlich ist, daß es sich um Angaben des genannten Blattes handle. ' Eine Lüge hat aber kurze Beine und so wurde die Sämtliche Polnische Telegraphenagentur durch keinen anderen als den Preßausschuß beim Kommando der Armee Haller selbst desavouiert. In einer Erklärung Ksiehe „Nowa Reform«" vom 11. d. M.) setzt sich der jgenannte Preßausschuß mit dem erwähnten Artikel des „Naprzod" auseinander, den er als tendenziös und grundlos gegen die Haller-Soldaten gerichtet bezeichnet, in der Absicht, sie zu verunglimpfen. „Eine derartige Handlung", erklärte der Preßausschuß, ,^vird als unpatriotisch und als Aufhetzung der Bevölkerung gegen Der Moses des Michelangelo. Vou Dr. Theodor Reib. Ein anonymer Autor hat unlängst in der Zeitschrift ,,Jinago^*) einen Artikel über die Statue deS Moses von Michelangelo veröffentlicht, der in höchstem Maße fesselnd, eigenartige Aufschlüsse über dieses hervorragende Werk gibt. Es muß nämlich hervorgehoben werden, daß dieser panköpsige Moses Anlaß zu den widersprechendsten Deutungen und Urteilen gegeben, ja baß sogar die Beschreibungen der Figur, wie sie bei Grimm, Springer, Lübke, H. Thode und Jakob Burkhardt zu lesen sind, keineswegs übereinstimmen. Darüber hinaus wird der Gesichtsausdruck des Gesetzgebers verschieden gedeutet, wird erörtert, ob Michelangelo ein zeitloses Charakterbild geben oder Moses in einem bestimmten Augenblick seines Lebens därstellen wollte. Biele Kunsthistoriker wollten den Gesetzgeber hier in jenem Moment gestaltet sehen, da er mit den Tafeln vom Sinai herabsteigt und nun die Juden, das goldene Kalb umtanzend, sieht. Es scheint dann, als hätte Michelangelo den Heros einen Augenblick vor dme Ausbruch des Sturmes darstellen wollen, schon im nächsten wird dieser Moses aufspringen und, von Grimm überwältigt, die Tafeln zu Boden schmettern. Mit Recht hat Thode gegen diese Auffassung geltend gemacht, daß er die Tafeln/'von Moses' rechter Hand gestützt, fest verharren sehe, und daß die Anlage des Grabdenkmals der Annahme jener Situation widerspreche. Bekanntlich ist die Mosesfigur pur ein Teilstück des riesigen Denkmals, welches der *) Zeitschrift für Anwendung der Psychoanalyse auf die Geistestvisse lisch asten. HcrauSgegebs« von ProWor Doktor Sigm. Freud. 3. Jahrgang. Heft 1. Wiener Morgenzettnng Dei* . Weileraufbau Palästinas LZ» Wart wnd Mlid. Das Palästina-Amt und die Palästina-Sektion des*Jischuw Erez Israel« reranstalten Donnerstag (28. Siwan) den 26.Jun*t 1910, halb 7 Uhr abends, im mittleren Konzerthnussaa! einen Vortragsabend mit Sjfdmtlftllcidfjal über den Wiederaufbau Palästinas mit Berücksichtigung des modernen Städtebaues. Referenten: Df. Emil Stein : Ing. Josef TiscMef Ing. N. Schnee* : Ing. Jac. Ofnstein Karten ha Vorverkauf tob t Kronen aufwärts beit Verlar fL LSvtt, I., Roteatarmstrasse M; Bnehb&ndUuirJos. Schlesinger, L, Selten» stettengasae 6; Verkanfstelle des J. IL, Sehmeltgasee 7; Palästina - Amt, II., Zirknsgasse 83; Verein „Jischn-w Erez Israel*, JL, Praterstrasse 9. 1888 das Militär qualifiziert. Die Reaktion des „Naprzod" hat die Pflicht, die ungerechten und die Ehre der Armee besudelnden Vorwürfe richtigzustellen.oder zu widerrufen". Der Preßausschuß bezeichnet es ferner als Provokation, daß der „Naprzod" llr seinem Artikel den Befehl des Generals Haller gegen die Pogrome seitens der polnischen Soldaten als Beweis dessen zitiert, daß die Haller-Soldaten an den Räubereien und Greueltaten sich beteiligen. „Eine Provokation und eine Ausbeutung zuungunsten der eigenen Armee sei es, von einem früheren Befehl des Generals Haller, herausgegeben an die Soldaten noch am 17. Mai l.J.(!) in einem ungeeigneten Zeitpunkt Gebrauch zu machen." So schlagen einander die amtlichen polnischen Stellen, werm sie vor die Notwendigkeit sich gestellt sehen, über die Pogrome zu „informieren", die sich nicht mehr vertuschen lassen.. , In diesem Zusammenhang ist auch die Erklärung des Generals Haller gegenüber den nach dem Krakauer Pogrom bei ihm erschienenen Dr. Thon tmb Doktor Wahrhaftig von Interesse, daß an den Unruhen nicht seine Soldaten, sondern die „Dowburczyki" (die Soldaten der Armee Dowbur-Muszczynskis) teilge nommen haben.., __ Henri Barbusse an d'Annunzio. Henri Barbusse hat an Gabriele d'Annunzio einen Brief gerichtet, den di« Meißen Blattes veröffentlichen. Darin heißt ey: „Wir haben Sie bewundert und wir bewundern Sie noch wegen der Großartigkeit Ihres Dichtertalents. Sie waren der Magier, der überall herrliche Traumstädte hervorzauberte, der auferstehen ließ die Pracht versunkene« Lebens und der auferstehen ließ vor den Augen der nnheUigeu trüben Menge die Schönheit deS SeinS. Sie riefe», «ud vor uns erstand die bunte Pracht der Städte und da- Levgaugeue in der Gegenwart und die Feste und die Krämpfe des menschlichen Herzens »ud der göttliche Körper der Fra». Wer Ihre Werke kannte, war wie ein Pilger; wie Schätze häufte er Erinnerungen aus, die er nie vergessen wird. Und mm nach dem Unheil, das während vierer Fahre in Europa wette Länderstrecken zerfleischt und eS mit 20 Millionen Toten bevölkert hat, steigt diese Stimme von neuem empor, und ihre Musik ergießt sich in eine Broschüre: „Ueberreicht von Herr« Oberleutnant Gabriele d'Annunzio." Ist eS dieselbe Stimme? Ich weiß uichtl Me schwer findet man in dem ärmliche« Schwulst Reste deS leuchtende» Künstler für den Papst JulsirS ll. errichten sollte; fünf andere Statuen, alle sitzend, sollten als Typen menschlichen Wesendas Monument zieren. Die Zugehörigkeit des Moses zu diese« Ensemble macht die Annahme, gerade diese eine Figur werde im nächsten Augenblick aufspringen und ihre Genossen verlassen, also sich gleichsam ihrer Aufgabe im Gefüge des Denkmals entziehen, für einen Künstler von der Größe und Bewußtheit Michelangelos unmöglich. Thode ist vielmehr der Anschauung, der Künstler habe hier einen Eharakterthpus unüberwindlicher Energie, welcher die Wett bändigt, dargestellt — und verweist auf den in der Haltung des Helden erkennbaren Gegensatz zwische« „scheinbarer Ruhe" und „innerer Bewegtheit". Au diesem Punkte mm greift der anonyme Autor in die Diskuffio« über die rätselhafte Statue ei». Seine Methode ist höchst eigenartig: während die meisten Kunstkritiker immer wieder vom Totaleindruck und vo« den großen Zügen der Skulptur auSgehen, werde« für ihn anscheinend unwesentliche, bisher unbeachtete Details von höchster Bedeutung. Er hat es offenbar gelernt, die Dinge immer wieder genau anzusehen, bis sie selbst beginnen, etwas auszusagen. Diese Technik der Beobachtung ist dieselbe, welche die Psychoanalyse an-, wendet, wenn sie auS gering geschätzten oder nicht beachteten Zügen wie Versprechen, Vergreifen und anderen lleinen Fehlleistungen des Alltagslebens geheime und bedeutsame Tatsachen deS Seelenlebens errät. Zwei Details der Statue Michelangelos, welche die Haltung der rechten Hand und die Stellung der beiden Tafeln betreffen, scheinen dem modernen Erllärer der Auslegung bedürftig. Man war bisher über den ersten Zug, daß nämlich der Druck des rechten Zeigefingers , in die H.aarmaffen des vielbewunderten Bartes. Moses.' 15. gutti 1919 _Vit. 145 starken Genies, dessen Werke wie.vergöttern. Zwischen Ihren Liedern und der Wirklichkeit klafft ein Zwiespalt, der Sie Nein macht. Sie bieten Ihre ganz« Stimmkraft auf, um dem blutigen Gemenge einen Kranz zu verleihen, der ihm nicht gebührt, um ein militärisches Ideal aufzuerwecken und auszuschmücken, das der Krieg längst gerichtet und erschlage» hat; die ungeheuren Folgen des größten Zusammenstoßes schrumpfen für Sie zu einer Frage der Beuteverteilung, der Grenzverschiebung ein. — Indessen beginnt die Menschheit ihr ganzes Wesen und Wollen von Grund auf umzugestalten. Dieses Ungeheure entgeht Ihnen. Und das ist der Grund, daß Ihre Leier hohl klingt. O Zauberer, o Prophet, stehst du denn nicht, baß alles' Voll der Erde beginnt anS Licht zu steigen wie ein Voll von Ertrunkenen, daß die Aera der Knechtschaft dahin ist und eine neue Zeit beginnt, daß die größte aller Kräfte auS den Tiefen grollt, sich regt, tastet und nach neuer Gestaltung ringt, und daß es vhrl höhere Dinge gibt, viel tiefere und viel dringendere als die, »m die dein militaristischer Schneid sich ereifert und erbittert abmüht. Morgen, bald — noch eher vielleicht, als selbst wir eS glauben, wir' Gläubigen — werden sich die ungeheuren, gerechten Umwälzungen erfüllen, denen ein« gewollte oder dumme Verständnislosigkeit der Machthaber vielleicht die Form des Iths» getolltergeben wird. Unsere Bewunderung bleibt Ihnen, well durch nichts verdunkelt werben kann, daß Sie der größt« Verkünder der der lateinischen Geniegewesen sind. Wir bewundern Italiens die Leuchte der Jahrhunderte, daS Paradies der Erde, fot>; die Schönheit der Antike vor 400 Jahren no cheinmal ge-, boren ward. Aber hier geht es nicht, wie Sie glauben, uw die Sache Italiens, so wenig als um einer Sache Frank-, reichs oder der lateinischen Raffe. ES geht um Menschen/ und Interessen der Menschheit stehen im schärfsten Gegensatz zu dem Streit um nationale Interessen. Der Dag naht, wo die Gerechttgkeit für die Arme» herrscht, für alle Arme» durch sie. Die Woge aus dem Norden ist nicht mehr einzudämmen. Jeder Versuch, sie zu stauen, wird nur zur Folge haben, daß sie mit noch größerer Verheerung aus alle» Ufern tritt. DaS ist die Trägödie der Menschheit, die nicht mehr von den Führern der Völker, nicht mehr von ihren SeelenhirteH abhängt; abseits von ihr, wider sie, steht Ihr unentschlossen auf demselben Fleck »ud redet Euch dabei vielleicht ein, raschen Schrittes zu gehen. Ein einziger Führer blieb eines' helleren Urteils fähig. Ein einziger hat versucht, der Freßgier der Sieger gegenüber seine Grundsätze aufrechtzuerhalten, das Recht uub die Mow^. Er hat die Gipfel der künftige» Ordnung geahnt (nicht das ganze bleibende Werk,. daS nur Bestand gewinnen kann, wenn eS aus dem Volke selbst entspringt). Dieser Mann^H der einzige, der nach d«Ni Kriege Anspruch auf den Dank' der Menschhell hat; dieser Seher ist eS, dessen „Augenglases für Sie Gegenstand eines Witzes, find, der eines mittelmäßigen Dichters unwürdig wäret Die österreichische« Gegenvorschläge. Saint-Germ«!«, 14. Juni „Mattn* erinnert daran, daß die Oesterreich« nach dem Wortlaut der Rede Clemeneeaus vom 2. Juni am 16. Juni abends ihre Gegenbemerkungen zu überreichen hätten. Die Oesterreich« besäffen jedoch nur einen Teil des Vertrages, könnten also auch nur Fragmente von Eittwänden abliefern. Wie werde also der Oberste Rai, wie es in der Rede heißt, die Frfft festsetzen können, innerhalb deren die e ntgültige Gesamtantwori abzugeben ist? eingreife, mtt der leichte» Bemerkung hinweggegangen, die rechte Hand spiele mit de« Barte ober wühle t» ihm. Der Autor beweist mm, baßdie Haarmaffen beS Bartes durch diesen Druck daran verhindert werden,, die Wendung deS Kopfes und Blickes nach der rechten Seite mitzumachen. WaS für eine sonderbare und schwer verständliche Geste! ES drängt sich die Vermutung aus, baß i» ihr die Resterscheimmg einer abgelaufenen Bewegung deutlich wird, und die Phantasie vervollständigt den Vorgang: Moses saß ruhig da, da schlägt ein Geräusch an sein Ohr, er sieht die Szene mit dem goldenen Kalb, er möchte aufspringen, die Frevler vernichten. Die Wut, die durch die Entfernung an ihrer Abreaktion gehindert ist, richtet sich att Geste gegen den eigenen Leib. Die ungeduldige Hand greift nach vorne in den Bart und preßt ihn in einer Gebärde voll Kraft und Heftigkeit zusammen. Dann aber tritt eine Aenderung ein, die Hand wird zurückgezogen, die Finger lösen sich vom Bart, aber sie waren so tief in ihm eingegraben, daß sie bei ihrem Rückzug einen Bartstrang von der linken Seite nach rechts herüberziehen. Aber ist denn die rechte Hand frei? Sie hat ja die heiligen Tafeln zu halten. Und welches Motiv soll diese Hand veranlaßt haben, die anfängliche Bewegung zu unterbrechen? Dieser Schwierigkeiten wird nun unser Autor Herr, indem er sie; gerade miteinander lösen läßt. Er zeigt uns nämlich durch strenge Detailbeobachtung der Stellung der Tafeln, daß diese eigentlich auf den Kopf gestellt sind und nimmt nun an, daß auch die Tafeln durch eine abgelaufene Bewegung in diese Position gelangt sind: als die Gestalt ruhig saß, trug sie die Tafeln aufrecht unter ihrem rechten Arm. Im Augenblick, da ein mächtiger Affekt Adoses.