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Wiener Morgenzeitung · 1919-06-15 · Heft 146 (15.6.1919) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 146 (15.6.1919)
Date
1919-06-15
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Deutschlands Kontinentalpolitik. . ui W i e n, 15. Juui. Der sozialdemokratische Parteitag in Weimar hat eine erregte Aussprache über die deutsche Kontinentalpolitik gehabt und sowohl Scheidemann wie David haben sich auss schärfste gegen die von Cohen-Reuß vertretenen Anschauungen gewendet.. Diese Anschauungen kennen zu lernen, ist von um so größerem Interesse, als sie einen Versuch darstellen, in völliger Abkehr von all den verschiedenen im Lause der letzten zwanzig Jahre befolgten Tendenzen der auswärtigen Politik Deutschlands einen neuen Weg zur Pazifizierung des Kontinents zu finden. Als Kaiser Wilhelm, im Bedürfnis nach möglichst unkontrollierter Selbstregierung, im Jahre 1890 den fürsten Bismarck entließ, fand dessen Nachfolger, . »eneral Caprivi, eine äußerst komplizierte Situation der auswärtigen Politik vor. Seit der Reichsgründung hatte sich Deutschland offiziell darauf beschränkt, mit Oesterreich-Ungarn und Italien ein Verteidigungsbündnis einzugehen. Inoffiziell aber, beziehungsweise hinter den Kulissen hatte Bismarck mit Rußland einen Rückoersicherungsverträg geschlossen, der Deutschland auch für den Fall schützen sollte, daß Oesterreich aus innerpolitischen oder außenpolitischen Gründen dem Deutschen Reich nicht die erwartete Unterstützung würde bieten können. Der Abschluß dieses Vertrages müßte in Wien, woder Dreibund ganz bewußt als Instrument gegen Rußland interpretiert wurde, geheim gehalten werden — eine Ausgabe diplomatischen Lavierens,- welcher nur eine Persönlichkeit wie Bismarck gewachsen war. General Caprivis Begabung lag mehr auf militärischem als üuf diplomatischem Gebiet; Unfähig, die kunstvoll verknoteten Fäden in dev'Hand, zu behalten, schnitt er sie auseinander und kündigte ohne Verzug den Rückvertrag mü Rußland.. Damit begann Deutschlands Isolierung, die es im Weltkrieg bitter genug gebüßt hat. Der Dreibund allein konnte für Deutschland keinesfalls eine ausreichende Allianz bedeuten. Italien erwies sich im Laufe der Jahre als ein stets unzuverlässiger -werdender Bundesgenosse. In Oesterreich- Ungarn bereitete. sich unaufhaltsam der innere Auflösungsprozeß vor, der überdies noch die Begleiterscheinung Zeigte, daß er die Position der Slawen mit ihrer antigermanischen Politik auf Kosten der deutschen Bevölkerung'in der Monarchie stärkte. Da andererseits die wirtschaftliche Entwicklung der verschiedenen Länder von Tag. zu Tag neuen Koustiktstoß aufschichtete, ergab sich für Deutschland ganz unverkennbar die Notwendigkeit, sich nach einem stärkeren Rückhalt umzuschauen. Frankreich kam hierfür nicht in Frage, well einerseits der französische Chauvinismus den Verlust Elaß-Löthringens nicht verschmerzen und die Hoffnung auf Revanche nicht aufgeben wollte» während andererseits Deutschland seiner Jugend in jeder Schulstunde das Wort vom Erbfeind und von der welschen Tücke einbläute. Verblieben also nur England und jenes Rußland, auf dessen Freundschaft man durch Caprivis Kündigung der Rückversicherung fast schon Verzicht geleistet hatte. Die zwei Jahrzehnte von 1890 bis 1910 wurden nun dadurch charakterisiert, daß Deutschland sich nicht entschließen konnte, zwischen diesen beiden Ländern eine klare Entscheidung zu treffen. Die deutsche auswärtige Politik während dieser Zell war eine unbeschreibliche Polllik des Schwankens. An die Stelle der Tat trat die Geste, an die Stelle des Bündnisses die Drohung. Rußland suchte man einzuschüchtern, indem man auf den Dreibund und auf die Möglichkeit eines Bündnisses mit England verwies. England aber wiederum versuchte man im Zaum zu halten, indem man durchblicken ließ, daß eine deutsch-russische Allianz der englischen Herrschaft in Indien ein rasches. Ende bereiten könnte. Mangels einer eindeutigen, klar befolgten Linie beschränkte sich Deutschland auf eine Reihe unzusammenhängender Einzelaktionen, die Europa unnötig in Aufregung versetzten und deren impulsiver, systemloser Charakter in voller Uebereinstimmung mit der Persönlichkeit Kaiser Milhelms stand. dieser Politik der freien Hand, auf welche sich Deutschland itnb insbesondere Vülow viel zugute hielten, und deren unverantwortliche Leichtfertigkeit zum Beispiel aus Reventlows Buch über Deutschlands auswärtige Politik der letzten fünfundzwanzig Jahre recht deutlich ersichtlich ist ~ erreichte es nichts anderes. Ein Sonderfriede Amerikas mit Deutschland? Saint-Germain, 14. Juni. ^Petit Parifien" läßt sich aus Washington telegraphieren, daß die Debatte, die sich an die Resolution Knox knüpfen wird, als Beginn einer heftigen Kampagne zur Herbeiführung von Aenderungen an dem Friedensvertrag betrachtet wird. Die republikanischen Führer verheimlichen nicht, daß diese Debatten im Falle eines ihnen günstigen Ausganges schließlich zum Abschluß eines Sonderfriedens zwischen den Vereinigten Staaten und Deut sch l a n d führen könnten. ♦ Der Schutz der Minoritäten. Wilson unterstützt die jüdische Delegation. Amsterdam, 14. Juni. (Korr.-Bur.) Rach einer Radiomeldung wird der „New Bork Tribüne" aus Paris gemeldet, daß die Frage der Minderheiten bei dem F «i e h e n sv e r t rn'gE''MiD«Oe'stvr-r^tHE Echmi e rifg. k e i t e n Hervorrufe. Es sei zu einem Konflikt zwischen den Negierungen der kleinen Staaten und der j ü d is che« Abordnung i n Paris, die von Wilson energisch unterstützt werde, gekommen. Blutige SLratzenkümpfe in Zürich. Die Menge stürmt das Gefängnis und befreit den Arbeiterführer LVytz. Zürich, 14. Juni. (Schweizer. Depeschenagentur.) Die Arbeiterunion hat am' Freitag abends eine Gedächtnisversammlung ffir Rosa Luxemburg aus dem Paradeplatz einberufen. Es wurden verschiedene .Reden gehalten und die Mitteilung gemacht, daß der Arbeitersekretar K o n r a d W h ß vor zwei Tagen an der Schweizer Grenze verhaftet Und ins Bezirksgefangnis eingeliefert worden ist. Die Menge begab sich hierauf vor dieses, schlug alle F enst er sch eiben des Erdgeschosses durch Steinwür f e ei« und sprengte die.To re mit Brecheisen ans. Die Schutzmannschaft des Gebäudes gab eine Reihe von Schüssen ans die Demonstranten ab, die das Feuer er wi bjt 11e «♦ Als einige Demonstranten in das Gebäude eingedrungen waren, gab das Personal d e n V e r h as t e t en f reH Mr eine Vevnhigüngsrede hielt. Bis Mitternacht wurden 18 Verletzte in das Kantonspital eingeliefert. Ein Demo «ftrant blieb tot auf dem Platze. Bis Samstag mittags - find zwei weitere Verletzte ihren Verwundungen erlegen. Das Begräbnis des Krakauer Pogromopfers 8 Krakau, 14. Juni. (Tel. der „Wr. Morgenzeitung".) Heute vormittags fand das Begräbnis des Opfers des Krakauer Pogroms unter großer Beteiligung der jüdischen Bevölkerung statt. Zn Vertretung der jüdischnationalen Organisation erschienen Dr. Thon, Dr. Wahrhaft 1 g und Dr. Sch w a r z b a r t, in Vertretung der Kult ns gemeind eDr.L and au. Am offenen Grabe sprach Dr. Thon, der in Äs daß sich die beiden so bedrohten Länder über all ihre ties greifenden Gegensätze hinweg verständigten und gegen den Ruhestörer ein fast naturwidriges Bündnis eingingen — ein Meisterwerk, auf welches die deutsche Politik wahrlich stolz sein konnte! Daß sich die deutsche Regiemng, zwischen England und Rußland gestellt, weder für die eine noch für die andere Seite entschied, hatte teils außenpolitische, teils innerpolitische Ursachen. Ein Bündnis mit England wäre nur möglich gewesen, wenn Deutschland sein Bestreben nach eigener Flottenherrschast zurückgestellt hätte. Einem Bündnis mit Rußland stand das schwierige Balkanproblem im Wege und die Furcht, ein Vasall des mächtigen Nachbars zu werden. Innerpolitisch lag die Situation so, daß die Konservativen mit Rußland sympathisierten, well sie ein Gegengewicht gegen die zunehmende Demokratisierung der Welt suchten. Dementsprechend waren die bürgerlichfreiheitlichen und linksstehenden Parteien gegen Rußland, wenigstens so lange es durch den Zarismus verkörpert wurde. Diese innerpolittschen Ursachen gewannen mehr und mehr den entscheidenden Einfluß und es kam dazu, daß man die Stellung der Presse zu der Frage „England oder Rußland" fast nur noch unter dem Gesichtspunkt „konservativ oder liberal" beurteilte. Die Umwälzungen des Krieges haben nun eine vollständige Verschiebung dieser innerpolittschen Dinge zur Folge gehabt. Heute bedeutet der Zusammenschluß mit Rußland in den Augen der links orientierten Gruppen ein erstrebenswertes Ziel und die Symvatbien des. Liberalismus für die westlichen Demo-, ergreifenden Worten das Schicksal des Ermordeten beklagte und die jüdische Bevölkerung aufforderte, Mut und Ausdauer zu bewahren. Er versicherte, daß für die Familie des Getöteten Sorge getragen wird. Gleichzeitig wurde Eiwisz Knobler aus Zlomnik^ zu Grabe getragen, der auf dem Wege nach M n i ch o w von einem polnischen Gendarmen beraubt und schwer verletzt wurde und seinen Verletzungen erlegen ist. Krallen sind durch den Entente-Imperialismus wesentlich abgekühlt worden. Es ist ein Chaos enfftanden und es zeigt sich nirgends ein Weg, der aus ihm hinausführen will. Hier setzt nun Cohens Kontinentalpotttik ein. Was er propagiert, ist weder ein Bündnis mit Rußland, noch eine Versöhnung mit England, sondern er greift jene dritte Möglichkeit auf, die während der ganzen zwanzig Jahre ausgeschaltet worden war, die Freundschaft mit Frankreich. Da Elsaß-Lothringen zurückgegeben worden ist, so lautet sein Gedankengang, ist die Quelle des Haffes und der Anversöhnlichkeit zwischen den beiden Völkern versiegt. Nur sie beide aber, Deutsche und Franzosen, sind imstande, durch einen rückhaltlosen Zusammenschluß die Kontinentalentwicklung wieder in ruhige Bahnen zu lenken. In Befolgung dieses Gedankenganges kämpft Cohen dafür, daß Deutschland sich mit allen Kräften für eure restlose Versöhnung bereit mache, daß es offen und ehrlich jeden Gedanken etwaiger künftiger Revanche unterdrücke, und daß es in den Friedensverhandlungen alles vermeide, was geeignet fei, bei den Franzosen den Haß und die Unversöhnttchkeit zu stärken oder auch nur leisestes Mißtrauen zu erwecken. ...... Diese Politik, die zumindest das Verdienst klarer Konsequenz für sich in Anspruch nehmen kann und die alhn nationalistischen Sentiments zum Trotz zweifellos die deutsche Pottllk der Zukunft werden'wird, ist heute in Deutschland noch isoliert. Die Führer der Mehrheitssozialisten halten es für notwendig, sie zu bekämpfen. Und so lange der Chauvinismus blüht, wird sie einen schweren Stand haben.

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