Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 145 (14.6.1919)
- Date
- 1919-06-14
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Wien, Samstag Wiener Morgenzerrung 14. Juni 1919 Nr. 145 Vor der Entscheidung in Paris. Wien, 13. Juni. Wie in Ententekreiftn verlautet, soll die deutsche Delegation in Versailles schon heute oder morgen die Antwort der Entente auf ihre Gegenvorschläge erhalten. Die Alliierten — so heißt eS — wollen sich eine Frist von einigen Monaten für die genaue Festsetzung der von Deutschland zu fordernden Schadenersatzsumme offen lassen. Die Frage der oberschlesischen Grenzen - solle durch Volksabstimmung entschieden lverden. Was die Zulassung zum Völkerbund betrefft, so solle diese nach Bezahlung der ersten Rate der ftstzufttzenden Sch^renersatzsumme erfolgen und die Dauer der Besetzung des Rheins soll von der Erfüllung dieser Bedingungen abhängen. Binnen fünf Tagen müßten sich die Deutschen für Annahme oder Ablehnung entscheiden. Wenn diese Mitteilung richtig ist, so kann es nicht alsicher angesehen werden, daß da- Ausmaß der von der Entente bewilligten Erleichterungen die Deutschen zur Annahme de- FriedensentwurftS veranlassen wird. Ein wirkliches Entgegenkommen für Deutschland würde nnr die bewilligte Volksabstimmung in Oberschlesien bedeuten. Die bedingte Zulassung zum Völker- * bund kann man insolange als illusorisch anfthen. als über die von Deutschland zu zahlende Entschädigung Leine Einigung erzielt ist, und man wird eS leicht verstehen können, daß Deutschland sich weigert, von vornherein Verpflichtungen unbekannten Inhalteauf sich zu nehmen. Auch die Frage deK Saarheckons sowie der Kolonien stünde wohl nach den heute mitgeteilten Zugeständnissen der Entente als Hindernis für die Unterzeichnung im Wege. Die Meldung, daß die Entente sich weigere, eine bestimmte Gchahenersatzsumme zu fixieren, klingtnicht «»wahrscheinlich, wenn man sich vor Auge» hält, baß mit dieser Frage Elemenceaus Stellung verknüpft zu fein scheint. Mehrfache Berichte der Schweizer Presse bezeichnen Ckemenoea«- Stellung d als schwierig. In Frankreich sei man über fei« Verhalten sehr enttäuscht, da er erklärt habe, die Deutschen würben alles zahlen, was sich jetzt als unmöglich erweise. Wenn man bedenkt, welche ungeheuren Opftr Frankreich im Kriege gebracht hoch, bis zu welchem Grade eine seiner reichst«» und blühendsten Provinzen zerstört ist, und die nicht gerade günstige Finanzlage des Staates dazuhält, so versteht man die Schwierigkeiten, welche die Lösung der Schadenersatzfrage der Regierung Frankreichs bereitet, welche die Erledigung des Budgets durch Monate mit dem Hinweis auf den deutschen Schadenersatz verschleppt hat. Man verliert leicht die Popularität, wem» man einer siegesfrohe« Opposition Lasten znnmtet, welche diese lieber vom Feinde getragen sähe. Es heißt, baß Eftmenceaus Ansehen erschüttert sei «yd man spricht schon von feinem künftigen Nachfolger. Auch die Arbeiterbewegung ist nicht gerade geeignet, ElemeneeanS Stellung zu befestige«. Nach amerikanischen Meldungen soll die Arbeiterschaft Frankreichs, Englands und Italiens die Herbeiführung ek«S aklgemeine« Streiks planen. Die bisherige» Ausstände scheine» einen hauptsächlich ökonomischen Charakter gehabt z» haben, doch lassen sie auch einen bestimmten politischen Zug nicht vermissen. Den Arbeitern in den Ententeländern liegt es nach allem, was gemeldet wird, hauptsächlich daran, eine Intervention der Guteute i» ftjtßfat» zu verhindern, wobei sozialistische Momente vermutlich' ebensosehr den Ausschlag gebier wie die zunehmende Kricgsmüdigkeit. In der Tat scheint das russische Pv»- blem den Alliierten ernste Verlegenheiten zu bereiten. Die neuen Staaten auf dem Boden des alten Großrußland, die allerdings bisher einen völlig provisorischen Charakter tragen, sind, mit Ausnahme Polens, von der Entente bisher nicht anerkannt, und die beabsichtigte Anerkennung Koltschaks müßte in Paris die Erörterung d.es großen gesamtrussischen Problems aufrollen. Frankreich, das an Rußland seinen größten Schuldner hat, wünscht jedenfalls' die Errichtung eines Großrußland, die auch dem übrigens in seinen letzten militärischen Aktionen keineswegs glücklichen Admiral Koltschak vorschwebt. England wiederum ist daran interessiert, daß Rußlands Umfang nicht alln» groß sei, um so in Vvrderasien.freiere Hand haben zu können. — Die Nachricht, daß ein? Einladung der Alliierten «m ungarische Friedensdelegierte erfolgt sei, wird vom Pariser Auswärtigen Amt dementiert. Inzwischen gehen die Kämpft zwischen Tschechen und Ungarn weiter und nach Prager Meldungen sind nunmehr auch die Polar in die Slowakei eingezogen und haben sich in den zwei Komitaten, die sie für sich beanspruchen, festgesetzt. Wenn man alle die Schwierigkeiten in Erwägung zieht, welche den Staatsmännern der Entente in Paris zu schasftn geben, ist man geneigt, Londoner Nachrichten zu glauben, daß es Lloyd George gelungen fei, Elemenceau in wesentlichen Punkten bezüglich Deutschlands umzustimmen. Man sei in London überzeugt, daß die Deutschen nicht unterschreiben, wenn sie nicht wesentliche Milderungen durchsetzen, weshalb die Nervosität WilsonS jttnd Lloyd Georges im Wachsen fti. Selbst wenn es nicht zum Generalstreik in den Ländern der Alliierten kommen sollte, der, wie verschiedene Funksprüche melden, am 16. d. M. ausbrechen soll, so wird die Entente doch mit dem Anwachsen des internationalen Gedankens im Proletariat England-, Frankreichs und Italiens rechnen müssen, daS dem Imperialismus feindlich gegenübersteht und mit Ungeduld auf den Abschluß der Pariser Beratungen wartet, um den einzelnen Regierungen seine sozialen Forderungen zu präsentieren. Auch die in Innsbruck aus Saint-Germain eingetragnen Tiroler Friedensbelegierten wissen zu erzählen, daß im Schoße der Friedenskonferenz gegenwärtig Wandlungen vorzngehen scheinen, die eine Abkehr von dem bisher ftstgehaltenen einseitigen Gewaltpriuzip «hoffen lassen. ES ist nach allem zu erwarten, daß es die Staatsmänner in Paris kaum darauf ankommen lassen werden, zwischen sich und Deutschland das Tischtuch zu zerschneiden. Died e u t s chüsterreichische Frage wird erst auf die TagesvÄnung gestellt werden, wen» das Hauptproblem — der Friede mit Dmttschland -- erledigt sein wird. Orlando «ach Vom abgereist. Sairrt-Germairr, 1ö.Juni. .Matin" meldet; Orlando ist gestwr abends nach Ro« abgerem. Er hatte sich nachmittags aus zwei Grwdm zur Reist »Mloffm r erstens, weck er »i ch t s «ehr in Parr.« tu tunhat und zweitens, weil ihn dringende Geschäfte »ach Italien rufen. Die Kammer wird am IS. d. M. zmmmnentreten und eS wird sich üb« dm Mißerfolg der italienischen Delegierten in Paris sofort eine Debatte entspmnen. Orlando muß dabei fei«, um einen geheimen Bericht Über den Gang der Pariser Arbeiten zu erstatten. DaS Ernährrmgsamt ist unbesetzt. I» Mailand und R e ap el henschen ernste Streiks. Schließlich sind wichtige nnütärische Bo rst ch t-w a 8 r tz g e l n an de r Kärntner Grenze ins Äuge gefaßt, die General Draz, der Orlando be-lettet, selbst überwache» »ich. einem Punkte als Rechtsnachfolger der Monarchie angesehen und behandelt werden soll. Die Anrufung der Oeffentlichkeit hat inzwischen die Freilassung des Herrn Kohn erzwungen. Aber damit ist der Fall nicht erledigt. Wer wie wir gegen den kommunistischen Umsturz Stellung nimmt, muß auf das schärfste gegen die Anwendung von Prügeln als politische Maßnahme protestieren, die — abgesehen von ihrer Unmenfchlichöett — auch noch das Odiose an sich trägt, daß sie Märtyrer schafft. _ Inland. Eine Verschwörung zum Sturz der Regierung? London, 13. Juni. (Funkspr. der Tel.-Komp.) „Central News" verbreitet die Nachricht» daß in Wien eine Verschwörung geplant wurde, um am folgenden Sonntag die Revolution auSzürn f e n, die gegenwärtige Regierung zu stürzen und sich mit den ungarischen Bolschewiken zu vereinigen. Krankenfürforge für Staatsbedienstete. Wie wir erfahren, befaßt > sich das StcratSamt für soziale Verwaltung mit der Ausarbeitung einer Vorlage betreffend die KrarikerrWorge für Staatsbedienstete. Dem Entwürfe sollen folgende Leitsätze zugrunde gelegt werden: 1. Für die akttvrn magmatischen Staatsbedirnsteten und ihre Angehörigen wird eine Kranken- und HeiMsorgeeinrichtuna ge« schaffen. Dieser Fürsorge sind alle diese Bediensteten angeschwffen. Die Fürforgeeinrichtung sorgt durch entsprechende Einrichtungen, insbesondere Bereinbannigen mit Aerzten, Apotheken, Krankenhäusern, Heilstätten, Sanatorien, auch durch Errichtung solcher Anstalten dastir, daß die Leistungen jedem Beamten unentgeltlich zur Verfügung stehen. Hierbei gilt als Grundsatz, daß kem Beamter gezwungen sein soll, von den Heileinrichtungen Gebrauch zu machen. Die Mittel werden teils durch Britragsleistungm der Staatsbedtensteten, teils durch Zuwendungen aus Staatsmitteln aufgebracht. Zur Beitragsknstung sind alle in die FürsorgerinxichtMg einbezogenen Staatsbediensteten verpflichtet; sie ist nach der Höhe der Gehaltsbezüge abzustufen und im Wege des Gehaltsabruges hereinzubrmgen. Die Kosten der Fürforgeeinrichtung sollen aus einem Krankenfiirsorgesonds der Staatstirdiensteten bestritten werden. Sozialdemokratischer Bürgermeister in Graz. Graz» 13. Juni. lKorr.-Bur.) Der neugewählte Gemeinderat trat heute nachmittags zu seiner ersten Sitzung zusammen und wählte mit 41 von 47 akgeaebeven Stimmen Franz M u ch i t s ch (S o z i a l d c m o k r <\.ti « m Bürge rmeister der LandeSbanPtstadt Graz. Nach criolgter Angelobung hielt Bürgermeister Muchttsch ferne Programmnde. Er erhob auch feieriichcn Protest gegen dieFnedknsdedingungen tun Saint- Germain. Zum ersten Vizebijrgermeister wurde Geru.'mderat E n a lböser (christlichsozial), zum zweiten Bizebürgermeister der frühere Bürgermeister Magister F i z i a (Deutschdemokrat) gewühlt. Kein Abba« der Volkswehr. Die italienische Militärmission in Wien hat gestern an daS Staatsamt für Aeußeres folgende Zuschrift gerichtet: Mit Hinblick auf die Gründe, welche das StaatSamt stk Amßeres in seiner Note vom 11. Juni angeführt hatte, habe ich das Verlangen nach einer neuen Verschiebung des Abbaues der Voltswehr dem Oberkommando übermittelt. In Erwartung der Entschlüffe dieses Kommandos bleibt iudeffen der festgesetzte Termin vom 1ö. Juni in Schwebe. Für die italienische Mllitärmission Leerst A l b e r t i. Eine amtliche Verlautbarung. Wien, 13. Juni. Dem Staatsamt deS Aeußeru wurde heute abends offiziell mitgeteilt, daß das italienische Oberkommando dem Aufschub der Reduzierung derBolks* wehrzuftrmmt. Stickstoff bei« Element. Eine Meldung ans Bern besagt: Der englische Physiker Ernrst Rutherford hat entdeckt» daß Stickstoff kein Element, sondern an« Wasserstoff »uv Helium zusammengesetzt ist. Das Stickstoffatom könne man mit einem Sonnensystem vergleiche«, bestehend ans einem massiven Kern oder der Aentralsoune, nämlich dem Helium, umgeben von Wasserstoff als Satelliten. Das Atomgewicht de» Stickstoffes» bekanntlich 14, ergibt sich aus drei Hettumkernen von je 4 und 2 Kernen Wafferstoff von je 1. Endlich «ach fünf Jahren, in denen alle Wissenschaft restlos in den Dienst des Menfchenmordes gestellt zu sein schien, eine Nachricht, die jeden arrshorchru machen muß. Ihre Richtigkeit vorausgesetzt, kann uns dieft Entdeckung zu ungeahntem Neuen führen. Wichtig wäre cs, die Methode kennen zu lernen, die Rutherford anwendete, um Stickstoff in seine Elemente — Helium- und Wasftrstoffgas — zu zerlegen. Ihre Anwendung auf die Untersuchung anderer bisher als chemisch einfache geltender Substanzen könnte neue überraschende Entdeckungen bringen. Rutherford, der als Radiumforscher bekannt ist, hat die Radiumemanation bereits vor Jahre« als das schon bekannte Heliumgas erkannt und nachgewiesen, daß es ein Zerfallsprodukt des Radiums darstellt. Helium galt bisher als ein seltenes Gas, das in geringen Mengen in der Luft,' in Heilquellen und einigen Mineralien nachgewiesen wurde. Nach der Rutherftrdschen Entdeckung wäre es eines der häufigsten Elemente, da der Stickstoff alllein .79 Volumprozent der Atmosphäre ausmacht, in allen Eiweißarten, ta Salpeter, Ammoniak und vielen anderen Substanzen enthalte» ist. Nächst dem Wasserstoff ist Helium bas leichteste Gas, weshalb eS in kotzt« Zeit, namentlich in Amerika, zur Füllung von Lenkbalßoukörpern verwachet wirb. Es bietet gegenüber dem Wasftrstoffgas den Vorteil, daß eS nicht entzündlich ist. Seine technische Herstellung aus Stickstoff würde mm dem Luftschiffbau neue Aussichten «öffnen. Möglicherweise wirb die Rutherfordsche Entdeckung auch das noch wenig «forschte Gebiet der Eiweißkörp« und Alkaloide aufschließen helfe» und den Weg zur chemischen Darstellung dies« Substanzen ebnen. Gnade während des Krieges hat die Gtickstoffindustrie ungeheure Bedeutung «langt. Die von de« überseeischen Salpeterlageru abgesperrten Mittelmächte errichtete« tzwßangelegte Unternehme«, in dem« der Luftstickstoff zu Salpetersäure verarbeitet wurde. Zweifelsohne würde» die ans den Rutherfordsche« Forschungsergebnisse» «fließenden neuen Erkenntnisse auch hier ihren Einfluß geltend machen. I« theoretischer Beziehung wäre zu bem«ken, daß die Zerlegung des Stickstoffts daS Theorem von einer chemisch-einheitlichen Ursubstanz, sozusagen von eimm Urelement, aus dem alle übrigen chemischen Elemente sich aufbauen, die nur durch die Struktur voneinander verschieden sind, in Erinnerung bringt. DaS Wissenschaft und Technik weiterbauend auf der Entdeckung Rutherfords Hervorbringen werden, kan« hi« kaum angedeutet werden. Bezeichnend ist eS jedenfalls, daß die neue Erfindung jenseits des Kanals gemacht wurde. In England scheint man doch nicht alles geistige und technische Schaffen auf den Dienst der Kriegsmaschinerie, nur rein für die Erzeugung und Erfiummg von Giftgasen, automatischen Mord¬ Maschine», Apparaturen zum Sengen von Menschenkeiberu, von Ersatzpräparaten für Nahrungs- und BekftiduugSmittel eingestellt zu haben wie anderswo. Gewiß ist i« Lieft» fünf Jahren des organisierten! Massenmordes allenthalben alles Geistige Und. Technische «säuft worden in der Sintflut der Kriegsindustrie. Die Meldung von d« Rutherfordschen Entdeckung ist die erste Kmcke vom Sinken dieser Fkut. Die furchtbaren Zerstörungen von Gütern aller Art, die dev Krieg im Gefolge hatte, sind vergleichsweise gering« als die Vernichtung aller überstaatlichen Zusammenhänge des Geistigen, als die Hirnfchäden, die die Völker in ihr« Gesamtheit und die Elnzelindividuen als solche aus diesem fünfjährigen „Stahlbad", «S d« Stickluft, die nicht nur die Schützengräbeu, ft-nder« auch die Köpft im Hinterlande vergast«, davvntrugen. Nun dringt über all den Jammer, üb« das Chauvinistengezänke in allen Staaten hinweg die Kunde, baß ein englischer Physiker durch seine Arbeit eine grundlegende Anschauung der chemischen Wissenschaft durch eine Entdeckung umstößt, deren Tragweite noch unübersehbar ist, jedenfalls aber nicht dem Volke des Forschers oder den mit diesem Volke Alliierten und Assoziierten allein zugute kommt. Die Universalität der Geister all« Völker stellt sich wieder ein. Die Naturwissenschaften haben das erste Zeichen wiederbeginnender Forscherarbeit gegeben, der notwendige Austausch der Erfahrungen wird hoffentlich bald auch die Forsch« fftrsönlich zusammenführen. Ebenso werden wohl auch die sogenannten GeisteSwissenschasten bald zum Abbau der Schranken der Kriegszeit schreiten, daniit alle Geister wieder erwachen und es wieder eine Freude Ku Leben fr*- '