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Wiener Morgenzeitung · 1919-06-12 · Heft 143 (12.6.1919) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 143 (12.6.1919)
Date
1919-06-12
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Wien, Donnerstag Polenherrschast in vstgalizie«. h Wie», 11. Jmn. Traurige Nachrichten kommen aus Ostgalizien, aus jenem Teile des Landes, der in den letzten Tagen durch die „siegreiche" polnische Armee von der ukrainischen Herrschaft „befreit" wurde. Die jüdische Bevölkerung dieses Gebietes wird jetzt nach mehrmona^l cher verhältnismäßiger Ruhe von den siegestrunkenen Polen in unerhörter Weife drangsaliert und mißhandelt, verfolgt und gedemütigt. Führende jüdische Persönlichkeiten werden verhaftet mtb interniert, jüdische Staatsbeamte kurzerhand entlassen, jüdische Schüler aus den öffentlichen Schulen.ausgeschlossen. Nach den bereits gebrachten Meldungen aus Sambor, Kolomea und Drohobycz .sind wir nun in der Lageweitere bei uns eingegangene, durchaus zuverlässige Berichte aus mehreren Städten zu veröffentlichen, welche die trostlose Lage der Inden in dieser neuesten polnischen Hölle anschaulichst illustrieren. Angesichts dieser Berichte können wir hie so oft gestellte Frage nur wiederholen: Wietange noch? Wielange noch werden die Westmächte ü«d die Deniokratien der Welt diesem Treiben der Polen ruhig zusehen, die, solange geknechtet und nun vom Freiheitsrausch erfaßt, überall gegen daS wehrloseste und unglücklichste Volk geradezu einen Vernichtungskrieg führen, in dem auch die barbarischesten Mittel gut genug sind? Wielange noch werden die Polen, auf ihre traditionelle Freiheit und Gerechtigkeit pochend!nnd ihr Bündnis mit den westlichen Kulturstaaten mißbrauchend, die Begriffe primitivster Menschlichkeit und Gerechtigkeit schärfen und die westliche Kultur straflos besudeln dürfen? Melange kwchs? Stanisla«. Unmittelbar nach dem Wzug des ukrainischen Militärs, der sich in mustergültiger Ordnung vollzogen hatte, übernahmen die Polen die Behörden, wovon die Bevölkerung durch ein öffentliches Manifest in KenNtaiis gesetzt würde. Dieses Manifest enthielt auch folgenden Passus: „Die ukrainische Bevölkerung nehmen wir in'Schutz — der jüdischen Bevölkerung gewähren wir Sicherheit des Vermögens und des Lebens." Seit dem Einmarsch des polnischen Militärs wird die jüdische Bevölkerung zur Kriegsdienstleistung htzkangezvgen, was durch Auffangen von Leuten auf der Straße geschieht, und zwar ohne Rückficht auf Mter, Geschlecht und Bildungsgrad. Den ersten offiziellen Schlag gegen die Jvtzen führten die Polen durch die soeben verfügte VvlkSzählung, da die diesbezüglichen Formnlare die Rubrik „Nationalität" enthalten, während die Angabe der jüdischen Nationalität untersagt ist, so daß die Juden gezwungen werden, sich als Polen, Ukrainer oder Deutsche zu deklarieren. Alse diesbezüglichen Proteste jüdischerseits blieben erfolglos. Bon außerordentlicher Tragweite ist die Verfügung, wonach denjenigen Staatsbeamten, welche vor dem Ein» ularsch des polnischen Militärs ihren Dienst versehen haben, die weitere Ausübung des Dienstes verboten wurde. Eine Aufrechterhaltung und konsequente Durchführung dieser Verfügung würde Hunderte jüdischer Be aMtenfamilien dem unsäglichste« Elü«d und Hungertod preisgeben. Durch die Schließung aller öffentlichen Schulen droht den jüdischen Schulkindern, die fernab von jeder Politik die Schulen auch während der ukrainischen Herrschaft besuchten, der Verlust eines Schub« jahres. Die Ortsbehürden lehnen eS geflissentlich ab, mit dem Jüdischen Nationalrat «t Kontakt zu kommen, trotzdem dieser erst vor wenigen Tagen auf breitester demokratiicher Grundlage gewählt wurde. Die Institution der Israelitischen Kultusgemeinde", die von der gesamten jüdischen Bevölkerung einmütig abgelehnt wurde, wurde durch die Polen neuerdings ins Leben gerufen. Mit deren Leitung sollte ursprünglich der ehemalige Abgeordnete Rauch betraut werden, welcher jedoch mit Rücksicht auf den während der letzten Nationalratswählen so einhellig auSgedrückten Volkswillen die Annahme dieses Amtes ablehnte, worauf dieses dem Landesgerichtsrat Rebenzahl Verträgen wurde, dem es Moch bis heute nicht gelungen ist, Mitarbeiter aus der Mitte der jüdischen Bevölkerung zu gewinnen. Die Haltung der Mischen Bevölkerung ist anch weiterhin eine ruhige und würdige. Dtryj. Der Jüdische Nationalrat wurde aufgelöst. Mehrere Personen her jüdischen Intelligenz wurden verhaftet, darunter Gymnasialproftflor De. Bienenstock, ein kranker und gebrechlicher Mann. Die jüdische Schuljugend wurde ausdernGhm» nasium ausgeschlossen, so daß ungefähr 4ÖQ jüdischen Schülern der Verlust eines Schuljahres droht. Die jüdischen Gtaat-bsaNt'kn, di« während der ukrainischen Herrschaft ihren Dienst versehen haben, wurden entfer nt. Eine polnische Tagung beschloß den Boykott der Juden. Die Juden werden auf der Straße angtzhalten und ohne Unterschied des Alters Md Gesundheitszustands zu den schwersten und niedrigsten Arbeiten herangezogen. Es werden ihnen auch gewaltsam die Bärte a b g e s ch n i t t c n. Ein Opfer arger Mißhandlung war greulich der fimjzigjMriqe UhruHMx Kobel, Wiener Morgenzettung 12. Juni r919 Nr. 143 Bor der Entscheidung in Paris. Wien, 11. Juni. Man wird allmählich müde, aus den täglich wechselnden Nachrichten, aus Zeitungsmelbungen und Darlegungen „amerikanischer Kreist, von denen jede durch die folgende desavouiert wird, Prognosen für den Fortgang der Verhandlungen in Versailles und Saint-Germam aufstellen zu wollen. Aus den heutigen Nachrichten fei ein Artikel des „TempS" hervorgehoben, der hervorhebt, es werde ein Kompromißfried« mit Deutschland geschlossen werden müssen, der die Mitte zwischen de« extremen Forderungen «inhalten solle. Schweizer Blätter erklären, daß nicht nur in Versailles, sondern auch in Saint-Germain ein Koiripwmißfriede geschlossen werben wird. Was Deutschösterreich anlangt, so scheine die Einsicht, daß der Friedensentwurf in der ersten Form nicht durchführbar sei, rascher zu kommen, als dies bei Deutschland der Fall ist. Die Konferenz sehe ein, daß sie sich zu sehr von Kramarsch und Trum Lid beeinflussen ließ und auch die italienischen Ansprüche übertrieben seien. Man werde also trachten, Deutsch öfter re ich die . 'jrm —a.. wir— j , i w9 »wHIot« f&tfral zu ermöglichen, um so zu verhüten, daß dieses gegen Frankreichs Wille« Deutschland in die Arme geiriäe« werbe. Die Nachrichten Wer die Streikbewegung in den Ententeländern wisse« von einem Anwachsen der Ausstände in Italien zu berichten. Nach einem Londoner Bericht des »Handelsblad* haben die Verbände der britischen Minen-,Eisenbahn- und Transportarbeiter der Regronmg ein politisches Ultimatum gestem, das unter anderem Einstellung der Aktionen gegen Rußland und Aufhebung der Blockade gegen Deutschland fordert. Bonar Law empfing eine Deputation der Verbände, der er eine ablehnende Antwort erteilte. Angeblich wurde daraufhin in einer geheimen Beratung der Verbandsausschüsse beschlossen, in einem bestimmten Augenblick, dessen Bekanntgabe sorgfältig vermieden wird, mit dem allgemeinen ESuSstand einzusetzen. Die Streiklätze in Paris fatt sich einigermaßen gebessert haben und gewisse BerwhrSlinien habe« teilweise die Arbeit wieder anfgenomcken. Hingegen hat di« Tonföderation generale du fravaN in Paris gegen den FrledenSverttäg pp« Versailles zehn Anklagepunkte formuliert mt& die Führer der Arbeiterveroände erklären in der ,HNNiänitS", die Drohungen der Regierung würden die Arbeiterschaft nicht einschüchtern. Im ganzen ist über bfc gegenwärtige Streiklage in Paris kein klares Bill» zu gewinnen uttb der mögliche Einfluß der Ausstände auf die Entschließungen der französischen Regierung ist nicht recht festzustellen. ' , Ein Einllnken Clemeneeaus scheint die Havas- Nachricht anzuleuten, die besagt, Ctemenceau habe erllärt, daß keine Einmischung in die inneren Angelegenheiten Rußlands erfolgen dürfe, welche von der Arbeiterschaft, namentlich von den Eisenbahnern, bekämpft wirb. Ueber Deutschland- Zulassung z«m Völkerbund besteht bisher bei der Entente keine Einigkeit. „Daily Expreß" Halles für sehr wahrscheinlich, daß Deutschland im November bei dev ersten Sitzung des Völkerbundes in Washington zum Völkerbund zugelassen würde. In diesem Falle werde das Besatzungsheer zurückgezoge n werden. anstatt 15 Jahre in Deutschland zu bleiben. Lloyd George uitb Wilson treten entschieden dafür ein^ doch besteht die Befürchtung, daß noch Monate vor», übergehen werden, ehe der FriedenSbertrag ratifiziert wird, so daß es vielleicht zu spät werden würde, um die Zusammenkunft, in Washington zu ermögliche«. Die Vorgänge in der wir .»w.» JSPidwttict scheinen die Staatsmänner der Entente stark zu beschäftigen. Ein Lyoner Funkspruch meldet hierznr De« ganzen Pfingstmontag widmet« der Viererrat der Beratung der durch den ungarischen Vormarsch in die Tschecho-Slowakei geschaffen Lag».. Die eingegangenen Mtteilungrn weisen darauf hin, baß beide Teile gefehlt haben, und daß auch Rumänien eine gewisse Schuld trage. Es wird in amerikanischen Kreisen versichert, daß der Vieverrat eine energische Aktion beabsichtigt, sobald er aus den «inlaufenden Berichten volle Klarheit erhalten haben werde. In dieser Frage lägen die ernstesten S chwierigkei ten, die augenblicklich den Bemühungen, der Well den Frieden zu bringe«, im Wege stehen. Die Presse in Paris Zeigt sich' über den Ische chöscheu Rückzug recht beunruhigt. Dke Offensive der ungarischen Roten Garben wird vielfach als' Werk der Deutschen bezeichnet, bei dem auch Wien die Hand im Spiele haben soll. Alle möglichen, recht abenteuerlichen Vermutungen tauchen in der. Pariser Sensationspresse auf, die Wiener Sozialdemokratie wird iu das Kornplott hineingezogen Und nach „Echo de Paris" steckt Karvlyi hinter den Ungarische» Offensiven, der dem Diktat des v o m d e u t s che n Kaiser inspirierten ScheideMann gehorche. Die Pariser Presse fordert, daß Man den Tschechen zu Hilfe komme.! Es ist begreiflich, daß das Vorgehen der Ungarn i« Paris großes Unbehagen bereitet. Denn die Entente, die mit dem Bolschewismus unter keinen Umständen verhandeln will, kann nicht gut zusehen, daß dieser eigenmächtig gegen ihre Grenzsetzungen vorgehe. Das Prestige der Entente sieht auf dem Spiel, aber auch das Aoletariat beginnt sich zu rühren. Die Entente! kmm so leicht in eine peinliche Lage geraten. Vielleicht erlebt ma» «och Ueberraschungen, die sich heute kauin Vorhersage« lasse«. j In der Stadt mangelt es an Brot und Mehl. Der Ortskommissär ließ öffentlich verkünden, daß Brot mck Mehl nur an die polnische Bevölkerung attsgegeben weichen, Nrody. Auf Verfügung der BezirkShauptmannes Ldsin Ski wurde« soeben 32 Juden verhaftet, darunter die angesehenen Kausleute Fuhrmann, MerzeS, Broczyner, Gotuieb und anher«. DaS gleiche Schicksal ereilte auch den Präsidenten des Jüdischen NationalrateS Dr. Glasberg, de» BanDirettor Brass, Rauch und mehrere jüdische Hochschüler. Die Jude» erhalten keine Reisepässe. Sie können sich nicht frei bewege«, da ihnen die Bärte abgeschnjtten werden. Die Mischen Passanten werden geschlagen und moleftiert. Drohobycz. Die Behörde stellte das hiesige Blatt „Das Mische Wort"' «iu, da sie „im Zweifel darüber ist, ob Überhaupt das Erscheinen einer jüdischen Zeitung in einer Provinzstadt zulässig sei.. Ei« SrrglSnder über -te polnisch«» Pogrome. Der büksnnte englische Politiker unp Publizist H. R trgilSfovd sagt in einem Briest an die „Times"' Dt Sklamentsbericht suthält einige Fragen und Antworten b« tzüglich der Erschießung von 34 ä. April i, lln-k durch, polnische Truppen. Dar m d«- Aut vorher ____ Mit. Die Polen hatten ungefähr 14 D-ge vor meiner ... mNst PlnSf von den BolMwiM ttodert, Petto« ch w umnrttchrndz« und nur »«vollständig au-oerüstetey Kräfte und befanden sich daher iu eiq-r begreifliche» NervositS Der kommandierende General erklärte M, haß et sich stdj ÄagrnW zyr Evakuierung gezwungen sehe« wnnst. 4 sagst: „Was soll man.tun, wen» in jedem Haust et« jÜd Mr Dpstn steckt^ Alle polntschm Vfsizikke wäre« d Ansicht, daß alle Juden Bolschewiken stlen. Allerdings halb einige junge jüdisch« Sozialisten de« Bolschewist« ' ' geholfen. Ebenst, wahr ist ch. daß all«. Juden, dst der Post» aus gute» Gründen fürchteten. Aber der Durchschnitt der orthodoxe« Kaftanjuden des Änstedlungsrayons, MMindefstn neu« Zehntel der jüdischen BevölsttUng, stand jeder revolutionäre« Doktrin Mit Entsetzen gegenüber. Die Pole» handelten aus Argwohn und auf Grund von Poruttejlen. Die Häuser der Juden wurden durch die Truppen »et ihrem Einzug gründlich geplündert. Ich fürchtest, daß weitere Ausschreitungen gegen die Jude« i« den Städten ttitb dst Ukrainer oder Weißrussen in de» Dörfer« gchlant fest«. Der Kommandant von Pins! «Wirst t« meiner Gegenwart: „SH* wissen sehr gut, daß uns bst Bevölkerung feindlich gesinnt ist, and wir beabsichtigen, ei« ExeMpol zu statuieren. Wir werden einige Dörfer nieder brenne» «ab die Bevölkerung dezimieren." Diese Drohung machst auf mich eine» solch« Eindruck, daß ich bei meiner Rückkehr «ach Warschau General Pilsudski aufsuchte und ihm hierüber berichtest. Gleichzeitig schrieb ich ein Memorandum für dst englische Mission, fmm eine Warnung auch recht« zeitig erteilt wird, ift General Pilsudski, ei« menschlich u«d liherallenkender Manu, nicht stark genug, dis Unter« drück»«- «yd selb« da- «bschlachsty von Juden zu der. binderu. Jch berichte hier nur dst nackten Tatsachen. Nach I der Rücksprache nt« bot polnische« Offizieren und Beamte« /einerstttS «yd dm jüdisch« Führe« andererseits bemach. ' tiast sich meiner der niederschmetternde Eindruck: die pol« ursche Intoleranz ist unheilbar. Der Pogrom i» Pin Sk war nur klein. Die Lem« berger Massaker-, bei denen 80 Juden gemordet wurden, waren fchlimmer. Ru» lieg« Nachrichten aus litauischen jüdv sch« «wd deutschen Ouälle« vor, welche über ein weit ernsteres Massaker durch polnische Truppen in Wilnä be> richte«, nach den« Hber 2ÜV0 Juden umaevracht worhev sttn solle«. Diese Ziffer erscheint unglaubliche wenn mav aber ine polnische Behauptung, daß alle Jude« Bolschewikev ffpm, berückstzhtigt, erscheine« selbst diese Massakers möglich. Man muß so wie ich die «ffene Verteilung^ antijüdischer Flugschrifstn während der jüngsten Wahlen in Warschau duretz die herrschende Partei von DmowSki und Paderewski gesehe« HM«, Um sich zu Überzeugen, wir sthr der Antisemitismus dst ofiizielle PolitE beherrscht. Bei meinem Besuch in PiULk war die Stabt buchstäblich am Verhungern. Beinahe alle Läden waren gesperrt, da es keine Nahrungsmittel mehr zu verkaufen gibt. Selbst haö jüdische Waisenhaus und Armenhaus hatten kein Brot, Ich sab bst.Köypsp Berhuusevstr in de« Straßen liegen. Seit dtekm Tagä hat itpeiMöS die Ankunft des amerila» «ischen MehleS eine Msekung 'gebracht. Wenn aber die Sevtetkung nicht durch seht gerechte Beamst aus dem Wester ko«ttSlltttt wird, welch« auf eine direkte Rücksprache mü den Juden bestehen ivdrden (waS keine leichte Sache ist), wirb diese Hilfe nicht allen denen, die sie ivirklich bruiichei:,

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