Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 143 (12.6.1919)
- Date
- 1919-06-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Es muß mit seinem Ernst, seiner freien, kräftigen Sprache aus jeden Unbefangenen wirken und diesem die furchtbaren Folgen des Gewältfriedens für die besiegten Staaten so augenfällig darstellen, daß die Abänderung der Bedingungen als Unumgängliche Notwendigkeit erscheint. Schade nur, daß diese Note eben für keinen Unbefangenen geschrieben ist. Die Note wendet sich an die angeblich von dem Biererrat, in Wirklichkeit aber von Clemenceau geleitete Medenskonserenz und ist ein sehr hörbarer Ärytest gegen die in Paris befolgte Methode, an der Fiktion eines Prozeßverfahrens festzuhalten, wie es einmal in längstvergangenen Zeiten bestanden hat, als man den Angeklagten so haßte, daß: man ihn nicht einmal sehen und hören wollte. Er kann seine Einwendungen nur in einer Scchschrift niederlegen, die dann flüchtig gelesen und achtlos beiseite geschoben wird. Denn das Urteil liegt bereits fertig da. Zudem ist auch der hohe Senat der Weltrichter ein wenig unruhig geworden. Es geht nicht alles nach Wunsch. In der mit so viel diplomatischer Kunst, mit so viel Aufwand an Blut und Geld aufgerichteten Mauer der Alliierten zeigen sich, je näher der Tag der Liquidation rückt, tiefe Risse Und Sprünge; Eifersüchteleien fliegen aus, Gtteitsiuttkte treten in die Erscheinung, die man im ersten Enthusiasmus des Bündnisses, in der harten Nyt des Krieges beiseite geschoben hatte und für immer überwunden^ - wähnte. . FrgMAch ' . ist , entvölkert, hat,zu. wenig... Arbeitskräfte" für feine fruchtbaren. ■ FUder . * und Gärten, steht vor leeren Kassen und einer immer starrsinniger sich zeigenden Arbeiterschaft, die ungeduldig -immer nur ihre Forderung nach Demobilisierung der' Armee wiederholt. Es will also aus dem mit Hilfe der Bundesgenossen geschlagenen Deutschland an Gebiet, an Werten, an Geldern soviel heranspressen als nur möglich, um das Wort einzulösen, das man in taufend Versammlungen dem Volk immer wieder verpfändet hat: „Die Deutschen werden. alles zahlen!" Die Alliierten wieder zeigen entweder, wie England, die kalte Schulter oder, wie Amerika und Italien, das Bestreben, sich Deutschland gegenüber entgegenkommend zu erweisen, um in her Zukunft, wenn dies nötig sein sollte, sich seiner zum Umsturz der jetzt schon bedenklich locker gewordenen Mächtegruppierung zu bedienen. : Viel größer aber ist die Unsicherheit der Entente in Bezug auf die Verhältnisse in Mittel- und Osteuropa. Nach dem russischen Divertissement folgt jetzt das ungarische. Erst wurden die russischen Bolschewiken als Regierung nicht anerkannt und ihre Anerhretungen hochmütig zurückgewiesen. Dann lud man sie zu Besprechungen auf die Prinzeninsel. Aber die Russen kamen nicht. Jetzt will man den in die Sackgasse geratenen, von den Truppen Bela Kuns geschlagenen Tschechen zuhilfe kommen und lädt Kun nach Paris ein, mit der Beifügung, er möge doch den Krieg einstellen. Kun zeigt den gleichen grausamen Humor wie Lenin. Er bittet die Entente, doch zuerst den Tschechen die Einstellung der Kämpfe zu befehlen und lädt sie zu einer Besprechung nach Wien ein. Man kann sich leicht den Aerger der Pariser Hochmögenden ob solcher Behandlung vergegenwärtigen, der um so tiefer sitzen mußte, als die Entente den Ungarn gegenüber gar keine . Machtmittel anwenden kann, ihren ÄZillen durchzusetzen. Und da böses Beispiel die guten Sitten verdirbt, ziehen auch schon die stets auf her Lauer liegenden' Moskauer Räte ihre Schlüsse aus der Schwäche' der Entente, haben Koltschak, den man schon als neuen Napoleon präsentiert hatte, vernichtend geschlagen, Petersburg freigemacht und setzen ihre militärischen Operationen, die auf die Vereinigung mit den Ungarn hinauslausen, so unbekümmert fort, als hatte es nie eine Pariser Konferenz gegeben. Diese materielle, machtpolitische Zerfahrenheit und Unsicherheit der Entente wird noch, ergänzt durch ihre moralische Schwäche, die sich in der Polenfrage so klar zeigt. Zur endgültigen Befreiung Polens, worunter ' eigentlich die Annexion Ostgaliziens zu versteheil ist, wurde eine aus Ucberlüufern und sonstigen Drückebergern bestehende. Armee unter Kommando des ehemaligen 1 Amerika stellt die LebensmitteUieferungen ein. Die Staaten müssen fich selbst behelfen. — Amerika gibt Kredit und Schiffe. Saint-Germain, 11. Juni. (Korr.-Bur.) Der LebensmitteldikLator Herbert Hoover hat gestern, dem „New Bork Herald" zufolge, folgende Mitteilungen über die geplante Liquidation der amerikanischen Lebenmittelhilse für Europa gemacht: Die Lebensmittel, die Amerika den bedürftigen Staaten Finnland, Esthland, Litauen, Polen, Belgian, Tfchecho-Slowakien, Oesterreich, Angarn, Großserbien, Rumänien, Bulgarien, der Türkei, Armenien und Deutschland geliefert hat, werden in der Zeit zwischen dem Waffenstillstand und der neuen Ernte mehr als 6vv Millionen Dollar verschlingen. Die ««begrenzte Fortsetzung solch ausgedehnter Maßnahme« wäre nicht nur eine physische und finanzielle Unmöglichkeit, sondern würde, wenn sie «ach dem Frieden und nach der Ernte weiterginge, die eigene Initiative und die wirtschaftliche Struktur der betreffenden Staaten zerstören. Jeder Staat muß also im geeigneten Augenblick seine Ern 2 hrungs maß nahmen selbst in die Hand nehme«. Nach den gegenwärtigen Ernteausfichten werden sich Rumänien, Bulgarien, die Türkei, Grotzserbie», und Angarn mit Ausnahme einiger weniger Artikel selbst versorgen könn en und vielleicht sogar .einen gewissen Aeberschüß haben. Die Tfchecho-Slowakei, Polen und die baltischen Staaten werden einen Aeberflutz an Gemüse, dagegen ein gewisses Defizit an Brotgetreide und Fett haben. Jedenfalls sollte ihr Bedarf für acht bis zehn Monate gedeckt sein. Belgien, Finnland und Oesterreich haben eine über» wiegend industrielle Bevölkerung und bedürfen einer fortgesetzten Einfuhr von Lebensmitteln. Hier taucht das Problem von Rohmaterial und Arbeit auf, barntt der Export im Austausch für die Lebensno tn» endigkeiten beginne und das Problem wird zu einem solchen des internationalen Kredits. Alle diese Länder haben die Möglichkeit, ihre eigenen Importe auszugleichen. Sie werden nur die Unterstützung der Alliierten in der Frage des j Schiffsraumes für die Ein- und Ausfuhr! benötigen. Rach der Meinung Hoovers find! die Hauptfrage« nach dem Abschluß de« Friedens und nach der Einbringung der Erutej die Gewährung von Krediten für gewiffe Staaten und die Sicherstellung de« Schiffsraumes für andere. Amerika denkt daher daran, die verschiedenen Staaten einzulade«^ Repräsentanten in die Vereinigten Staate« z« entsenden, durch welche im Austausch! sü r Lieserungen Privat- und Re» giernngskredite sowie Erleichterungen des Transportes Vonseiten der Bereinr gte«Ktäate« v e r m i t telt w e r d e n s o l l e n. Dies istj nach seiner Meinung der wichtige Schritt Mi die Wiederherstellung des normaler: wtzM schaftlichen Lebens und der Anabhängigkert^ Nebenher soll die amerikanische Hilfsaktion! für die unterernährte» Kinder «och eine Zeit«! lang weitergehen. Friede am 1. August. Paris, 11. Juni. (Tel.-Komp.) „Echo de Paris" erfährt von einer Persönlichkeit, die dem Blatte auch Mitteilungen über die deutschen Gegenvorschläge zuerst machen konnte, e s sei sicher, daß die Deutschen den modifizierten Friedensvertrag am 1. Juli unterschreiben würden. Die Parlamente würden de« Frieden am 1. August ratifizieren. Keine militärische Ententehilfe für Tschechien. Zürich, U. Juni. (Tel.-Komp.) Di« SchweizerischeTelegraphen-Znformation meldet aus Paris: Llohd George und Wilson setzten in der Frage der geplanten aktiven militärischen Anterstützung der Tschechen gegen die Angarn ihren Standpunkt durch, daß das Verlangen der Tschechen «ach Eingreifen der französischen Orrentarmee gegen Angarn abgelehnt werde, da sie gegen die Ausbreitung bewaffneter Konstikte während der Dauer der Konferenz sind. Eine internationale Aktion ders Ententegewerkschaften, j Saint-Germain, 11. Juni. (Korr.-Bur.i Der Vorstand der Arbeitskonföderatiou ha^ beschlossen, fich in Permanenz z« er-- klären und für den 15. Juni «ach Paris eine Konferenz der Gewerkschaftsorganisationeu Englands, Belgiens, Frankreichs und Italiens zum Zwecke einer internationalen Aktion einzuberufen. Meuterei franzöfifcher Marineformationen. Berlin, 11. Juni. (Korr.-Bur.) Das „8 Ahr- Abendblatt" meldet aus; Basel: Wie „Chicago Tribüne" andeutet, soll es inj Toulouse außer zu Militärrevölten auch zu Zwischenfällen innerhalb^ der französischen Marine gekommen sein. Der französische Marineminister habe sich nach Toulouse begeben, wo mehrere! Marineformationen den Gehorsam v e rw e i g e r t hätte«. österreichisch-ungarischen Generals Haller — der im Krieg anfänglich die polnische Legion in der k. u. k. Armee befehligte und sich plötzlich in Frankreich befand — organisiert. Diese Armee sollte, getragen von den höchsten sittlichen Idealen der Freiheit und Demokratie, den ungestörten Aufbau des staatlichen und wirtschaftlichen Lebens Polens sichern, seine Grenzen schützen und die Volksherrschast festigen. Das ist ein Ziel, das die Anspannung der besten seelischen Kräfte erfordert, das Zielbewußtsein und Menschlichkeit voraussetzt. Wir haben nun den Siegeszug dieser Schoßkinder der Entente gesehen, dieser Truppen, die vor der Abreise aus Frankreich von Clemenceau, von Foch, von Pichon und all denen gesegnet wurden, denen die Befreiung der Menschheit höchstes Lebensideal geworden ist; wir haben ihre Fahnen fliegen gesehen in Cholm, in Lublin, in Pinsk, in Wilna, in Stryj, in Stanislau und jüngst in Krakau? Tausende jüdischer Frauen und Mädchen sind auf der Wallstatt geblieben, ewigej Zeugen polnischer Glorie; an die Namen dieser und ein paar Dutzend anderer Iudenstädte wird sich stets die Erinnerung an die heldenmütige Armee knüpfen,' deren Großtaten gebieterisch nach der Feder eines, neuen Sienkiewicz verlangen ... $ Blut fließt auf den Feldern Polens, in bei Slowakei^ in Kärnten, in Sibirien, in Afghanistans Und die Greise, die in Paris die Karte bei Welt zu zeichnen begonnen haben, stehen ohn^ mächtig der von neuem des Krieges gegenüber, Walten keinen Sinn mehr hat, sittlichen oder moralischen Idee schade um alle.Noten, die Rantzau oder Renner schreiben.. Was immer sie erreichen können, wiegl federleicht gegenüber dem Unglück, das der neue Militarismus, gepaart mit Unkenntnis,. wieder. übet die Welt gebracht hatt ' entfesselten Furie deren schreckliches rveil es von keinet gestützt wird. Es ist