Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 141 (10.6.1919)
- Date
- 1919-06-10
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Wien, Diensrag Wiener Morgenzeitung 10. Juni 1919 Nr. 141 ' Die tschechisch-ungarischen Kämpfe. Die zweifelhafte Depesche der Alliierten. Die ungarische Gesandtschaft in Wien versendet folgende Verlautbarung: Laut amtlicher Budapester Mitteilung erhielt die ungarische Räteregierung SamStag nachts auf funkentelegraphischem Wege aus Prag eine französisch verfaßte Depesche, laut welcher die Ententeregierungen im Begriffe wären, die Vertreter der ungarischen Regierung nach Paris zur Friedenskonferenz zu berufen. Die Depesche enthält weiter eine formelle Einladung der alliierten und assoziierten Mächte, dem Feldzug gegen die Tschechen ein Ende zu setzen. Nachdem die ungewohnte Form und der ganz besondere Uebermittlungsweg dieser angeblich aus Versailles stammenden drahtlosen Depesche der Räteregierung zuerst nicht ganz einwandfrei erschien, beauftragte der Volkskouunissär für äußere Angelegenheiten die Wiener Gesandtschaft der Räterepublik, Gewißheit über die Authentizität der oben erwähnten Drahtung zu verschaffen. Die Kampfherichte. Prag, 9. Juni. (Tschecho-slow. Preßbur.) Da- Preßbureau des Landesverteidigungsministenums verlautbart: Der von unserer Westgruppe eingeleitete Gegenangriff macht günstige Fortschritte. H e t e n y und U g i a l l a sind in unseren Händen. Neuhäusel und S u r a n y haben wir überschritten. Weiter nördlich schreitet unser Vordringen fort. Auf der Linie Gran — Slatina hatten unsere Truppen den wiederholten feindlichen Angriffen stand. Von da nach Osten hin keine besondere Veränderung. Prag, 9. Juni. (Meldung des Tschecho-slowakischen Preßbureaus.) Gestern erneuerten die Magyaren ihre Angriffe auf der ganzen Front. Der Kampf war hauptsächlich östlich vom Flusse Sajo sehr erbittert. Unsere Truppen leisteten dort bis an den Rand von Kasch au heftigen Widerstand. Alle Evakuierungsmaßregeln wurden auch sür die Zivilbevölkerung in Anwendung gebracht. Der größte Teil der in der Stadt angesammelten Vorräte konnte noch vor dem Angriffe in Sicherheit gebracht werden. Zwischen Waag und Rima sind heftige Kämpfe westlich von Neuhäusel, feryer bei Ujbanya und Schemnitz im Gange. Budapest, 9. Juni. Da8 Ungarische Telegraphen- Korrespondenz-Bureau meldet: Unsere braven Truppen verfolgen an der ganzen Front den im Rückzug befindlichen Feind. Unser oberungarisches Infanterieregiment Nr. 16 nahm gestem abends Zolyom (Altsohl) ein. Nördlich von Kaschau erreichten wir Abos. Die Arbeiter- und Rotgardistenbataillone sind über Satoralja-Ujhely hinaus dem weichenden Feind auf den Fersen. An den übrigen Fronten ist die Lage unverändert, Budapest, 9. Juni. (Meldung des Ungar. Tel.- Korr.-Bur.) In unaufhaltsamem Vordringen haben die Roten Truppen, nachdem sie die Schlacht von Kaschau gewonnen haben, die größte Stadt Oberungarns, Kaschau, von den Tschechen zurückerobert. Auch die Orte Karpfen und Schemnitz sind von den Roten Truppen erobert und eine Reihe bedeutender Fabriken, besonders der Eisen- und Textilindustrie, sowie Magnesttlager befreit worden. Die Roten Truppen, die den Tschechen eine entscheidende Niederlage beigebracht haben, sind in allen Abschnitten im Norden im Vordringen und gewinnen überall Raum. Die Stadt Budapest Prangte bereits SamStag im roten Festschmuck. In den Straßen, die bereits am frühen Morgen von Militärkapellen mit klingendem Spiel durchzogen wurden, wogte eine unübersehbare begeisterte Menschenmenge. Vor dem Parlament fand eine Massenversammlung statt. Hier trugen Militär- und Zigeunerkapellen abwechselnd die Internationale, die Marseillaise und andere revolutionäre Lieder vor. Von der rotdrapierten Estrade, die auf der großen Freitreppe aufgestellt war, hielten mehrere Redner, darunter der Präsident der Räteregierung Vorbei und B6la Kun, an dte Menge Ansprachen, die mit begeistertem Beifall ausgenommen wurden. Abends fand im Stadttheater eine Festversammlung der Budapester Arbeiter- und Soldatenräte, Gewerkschaften und Parteiorganisationen statt, in deren Verlaufe nach einer Begrüßung des Münchener Genossen Rotter B6la Kun eine längere Ansprache hielt. Die fremden Valuten in Tschechien. Prag, 9. Juni. (Korr.-Bm.) Das »Prager Tagblatt" meldet, daß über Beschluß des Exekutivcmsschuffes der tschecho-slowakischen Devisenzentrale allen Bankfilialen in den Kurorten her tschechoslowakischen Republik gestattet würde, von den einzelnen Kurgästen, die sich mtt Reisepässen legitimieren, Valuten ihrer Länder ohne irgendwelche Beschränkung des Betrages zu kaufen. Die gleichen Bedingungen gelten auch für die Auszahlung auf Grund von Akkreditiven. Auf der letzten Seite des Paffes muß vermerkt werden, zu welchem Kurse dem betreffenden Kurgast umgewechsett wurden Ausdehnung des Mißhandlung eines Brigadiers. D?rlin, 10. Juni. (Korr.-Bur.) Die „Vossische Zeitung" meldet aus Genf: Wie Lyoner Blätter berichten, hat sich gestern ein ernster Vorfall auf der Brücke von Neuilly beiParis zugetragen. Ein Zug von 10.000 Streikenden hat die polizeiliche Sperrkette durchbrochen und sich des Brigadiers V e r n e t bemächtigt. Die Menge wollte ihn in den Fluß werfen, ließ ihnabernach Mißhandlungen laufen. Der Pariser Polizeipräsident hat strenge Maßnahmen getroffen. Neue Truppen sind aufgeboten worden, um ge-1 meinsam mit der Polizei den Sicherheitsdienst zu übernehmen. Zahlreiche Kavallerie-Patrouillen und Militärautos sind auf verschiedene Punkte der Stadt verleitt worden. Propaganda für einen politischen Proteststreik. Lyon, 9. Juni. (Funkspr. des Korr.-Bur.) Der Stteik der Angestellten im Pariser Verkehrsdienst dauert an. Die ausständigen Angestellten der Untergrundbahnen verlangen nun die Uebernahme der Bahnen in st ä d t i s ch e s Eigentum und Vermattung. Die Zentralarbeitervereinigung hat mit der Propaganda für einen politischen Proteststreik sehr stark eingesetzt und sowohl mit der englischen, als auch mit der ttalienischen Arbeiterpartei Fühlung genommen. Die Programmpunkte des Streiks werden sein: Freilassung aller Kriegsgefangenen, soforttge De- ^mobilisierung, Einstellen jedweder militärischen Interventton und schnelle Schließung eines Dauerftiedens. Pariser Streiks. Die französischen Eisenbahner für den Generalstreik. Berlin, 10. Juni. (Korr.-Bur.) Die „Deutsche Allgemeine Zeitung" meldet aus Versailles vom 8. d. M.: Gestern nachts erfolgte die Abstimmung des mächttgen, sest disziplinierten Eisenbahnerverband es. Sie läßt den baldigen Beginn des Generalst r e i k s zur Erzwingung oer erhobenen Forderungen möglich erscheinen. Während andere Arbeiterorganisationen nur wirtschaftliche Ansprüche stellen, enthalten die Forderungen der Eisenbahner die sofortige Demobilmachung, die Einstellung aller militärischen Unternehmungen und die teilweise A e n d erung des deutschen Friedensvertrages. Die Revolte der Arbeiter Frankreichs. Amsterdam, 9.Juni. Der sozialistische „Daily Herald" schreibt: Die Friedensbedingungen müssen abgeändert werden, und zwar unverzüglich. Wir lesen immer wieder, daß Frankreich gegen Zugeständnisse sei. In Wirklichkeit aber sind nur ewige wenige französische Reaktionäre gegen Zugeständnisse. Inzwischen lodert die Revolte der Arbeiter Frankreichs auf und breitet sich auS. Die alten Diplomaten leben in der Vergangenheit; in die Zukunft können sie nur durch einen Nebel von Habgier und Falschheit sehen. Die Vergangenheit sieht vyr ihren Augen in Flammen, aber sie find dafür blind. Sie sind hoffnungslose Menschen und müssen verschwinden und den Arbeitern Platz machen. Die Friedenskonferenz. Kann der Friede gerettet werden? „Daily News" gegen den Imperialismus der Sieger. St. Germainsen-Lahe, 9. Juni. »Daily News" veröffentlicht einen Artikel „Kann der Friede gerettet werden?", in dem gesagt wird, daß die FriedenSbedingungen, wie sie heute sind, ein Todesurteil nicht nur über die Zentralmächte, sondern auch über den Liberalismus in der ganzen Wett bedeuten. Sie bedeuten den Sieg de- PreußentumS, der von einer Mächtegruppe auf die andere übertragen erscheint. Sie bedeuten auch da8 Todesurteil für alle Ziele, für die die Männer Englands in den Krieg gezogen sind. Der Artikel erinnert an die Rede, die Lloyd George im Jänner 1918 hielt und in der er sagte: Deutschland hat in der Wett eine bedeutende Stellung eingenommen. Es ist nicht unser Wunsch und unsere Absicht, diese Stellung für die Zukunft in Frage zu stellen oder zu zerstören, sondern wir wollen Deutschland nur die Hoffnung auf eine militärische Herrschaft rauben und er dazu bringen, alle seine Kraft den großen und nützlichen Aufgaben der Wett zu widmen. Der letzte Teil deS Artikels trägt den Titel „Was geschehen muß" und eS heißt dort: Man hört, daß Wilson, Orlando und Lloyd George auf mündliche Verhandlungen dringe» und daß sich Clemeneeau gegen diese selbstverständliche und nützliche Maßregel cmflehnl. Man mutz Clemeneeau sagen, daß die Liberalen an der Grenze ihrer Geduld angelangt sind. Die vernünftige Welt wünscht ein gerechtelieberemkommen und nicht ein solches der Rache. Und der Weg, ein solches Ueberemkommen zu erreichen, führt über den Tisch und nicht über die ausstudierten Bitterkeiten von Noten, die keine Diskussion erlauben. ES darf keinen Ausschluß auS dem Völkerbund gebe». Die Entwaffnung Deutschlands muß verbunden werden mit Garantien für die Abrüstung aller anderen. Das Recht der Selbstbestimmung muß de« feindlichen Völkern ebenso gewahrt werden wie den Pev» kündeten, und die Bewohner von Oberschlesten, Westpreußen und jene des Saarreviers müssen sich ihr Vaterland wählm dürfen. Die wirtschaftliche Unabhängigkeit Deutschlands muß wiederhergestellt werden und sein Volk muß das Recht haben, zu leben, z« arbeiten und zu hoffen. Diese Aenderungen des Vertrages sollen das Maß gerechter Strafe nicht herabsetzen, aber die Rache ausschließen. Keine Einigkeit in Paris. Lyon, 9. Juni. (Funkspruch.) Amerikanische Kreise teilen mtt, daß dte den Deutschen einzuräumende Frist ur Unterzeichnung noch nicht bestimmt ist, daß sie aber ehr kurz bemessen sein wird. Die Meinungen find sehr verschieden, ob Deutschland den Vertrag unterzeichnen wird oder nicht. Es ist lediglich eine Frage dessen, welche von den beiden, die Deutschen oder die Alliierten, eS auf mehr ankommen lassen wollen. Die Schwäche der Alliierten ist offensichtlich. Sie ist weniger durch die französischen Streiks, als durch die öffentliche Meinung Englands bedingt. Die Verhandlungen der letzten Tage, besonders vor Ueberreichung des Friedensvertrages an Deutschösterreich. haben neue- und ungeheures Material auf den Tisch der Konferenz gehäuft: zwischen fast allen europäischen Nationen sind Bündnisse geplant und Präsident Wilson sieht immer mehr und mehr (moro anä mvrv), welch gewaltige Arbeit von der Friedenskonferenz zu bewältigen sein wird. Wilson sehr gereizt. Berlin» 9. Juni. DaS „Berliner Tageblatt" meldet aus Lugano: Laut einer Pariser Depesche des „Corriere della Sera" hat Präsident Wilson selbst den neuen Ententevorschlag mit einer polemischen Einleitung versehen, in der er gegenüber den deutschen Einwendungen hie Auffassung vertritt, daß die vorgelegten Bedingungen seinen 14 Punkten entsprechen. Wilson sei durch den ihm von deutscher Seite gemachten Pyrwurf der Inkonsequenz sehr gereizt worden, weshalb auch nicht er, sondern Lloyd George die Jnittative der Revision ergriffen habe. Der neue Ententevorschlag sei übrigens nur durch einen Anhang, der die Abänderung enthalte, von dem ersten Entwurf verschieden. Dieser bleibe der Form nach unverändert. In dem Anhang werde erklärt, daß Deutschlands Aufnahme in den Völkerbund am 1. Ottober l. I. in Washington erfolgen werde. Die Wiedergutmachungskommission verpflichte sich, sich in die inneren Verhältnisse Deutschlands nicht einzumischen. Mit der Festsetzung der Entschädigungssumme werde nicht zwei Jahre, sondern nur zwei Monate nach Friedensschluß gewartet und die Summe vorerst auf 200 Milliarden beschränkt. Ein Vertreter Deutschlands werde in die Kommission für die Entschädigungen zugelassen werden, doch nur zu den wichttgeren Verhandlungen. Die Alliiert en seien ferner bereit, auf eine beschleunigtere Räumung der besetzten Gebiete einzugehen, wenn die Entschädigungsleistungen durch Deutschland regelmäßig erfolgen. Orlando über di« Fiumanor Frage. Forderung der Autonomie Fiumes. — Zara soll au Italien, Sebenieo au Jugoslawien fallen. Paris» 9. Juni. (Funkspr. des Korr.-Bur.) Dem «Petit Parifien" zufolge soll O r l a n d o bei den Beratungen in Oulx folgende Lösung des adriatischen roblems vorschlagen: Schaffung eines autonomen taates Fiume, dessen endgültiges Schicksal durch eine ziemlich kurz befristete Volksabstimmung bestimmt werden soll. Zuteilung mehrerer strategisch wichtiger Inseln sowie Z a r a s an Italien und Sebenieos an das südslawische Königreich. Festsetzung der deutschösterreichisch-italienischeu Grenze. Saint Germaim 9. Juni. (Korr.-Bur.) »Petit Parifien" meldet: Heute nachmittags werden die Minister des Aeußern Frankreichs, Italiens, Englands und Amerikas eine Sitzung abhalten, um die Klauseln des ö st erreich ischenPräliminarfriedensvertragersestzusetzen, die die österreichisch-italienischen Grenzen betreffen. Nachgiebigkeit in der Schadenersatzfra^e? London, 9. Juni. „Westminfter Gazette', schreibt in bezug aus die finanziellen Forderungen an Oesterreich, die Alliierten sollten die Idee aufgebrn, große Schadenvergütungen zu erlangen von einer juristischen Person, die sich im Raum verflüchtigt hat. AuS sechs Millionen Deutschen deS neuen Oesterreich könne man bestenfalls nur eine unbedeutende Kleinigkeit herauspressen. Ebenso nutzlos werde es sein, sie unter das Verbot der Bereinigung mit Deutschland zu stellen. ES sei wahrscheinlicher, daß sie sich mcht anschließen werden, wenn man ihnen Freiheit läßt und wenn sie ihr neues Leben ohne Bitternis beginnen können, als wenn man ihnen eine schwere Geldbuße und ein Veto auserlegt, gegen das sich ihr Nationalstolz ausbäumen müsse.