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Wiener Morgenzeitung · 1919-06-10 · Heft 141 (10.6.1919) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 141 (10.6.1919)
Date
1919-06-10
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 14t Wien, Diensrag Wiener Morgenzeitung 10. Juni 1919 Sette 9 -4 Ansicht, daß die Auftegung, die das Erscheinen de- Hallerfchen Äbteilyngen überall heroorruft, auf ein diesbezügliche Agitation deutscherseits und russischerseits zurückzuführen sei. Auch ein Teil der Juden such emit allen Kräften durch p r o v o< zierendes BerhaltenPogrome hervor^ z u r u f e n. Wie Modelski noch mitteilt, habe der Polizeidienst versagt. Die Polizei verhielt sich gegenüber den Exzedenten entweder passiv, oder war sie überhaupt nicht zur Stelle. . ——— \ ■ Steinbrück Liegt in Jugoslawien. Note Dr. Bauers an Bela Kun. Der ungarische Volkskommissar Bela Kun har, wie jüngst mitgeteilt wurde, dem Staatssekretär Doktor Otto B a u e r am 7. Juni durch die ungarische Gesandtschaft in Wien eine Note überreichen lassen, in welcher die ungarische Negierung darüber Beschwerde führte, daß sich in Stein brück gegenrevolutionäre Weiße Garden ansammeln, um angeblich in die Murinsel einzubrechen. Der ungarische Volkskommissar hatte anknüpfend daran an den Staatssekretär Dr. Otto Bauer die Frage gerichtet, was der Staatssekretär zu tun gedenke, um diesen Weißen Gardisten das Handwerk zu legen. Staatssekretär Dr. D a u e r hat am 8. Juni dem Bolkskymmissär Bela Kun in Budapest durch die deutfchösterreichische Gesandtschaft folgende Antwort übermitteln lassen: „Sehr geehrter Herr Volks- Kommissär! Ihre Note über die Ansammlung von Weißen Garden in Steinbrück habe ich erhalten. Es scheint Ihrer Aufmerksamkeit entgangen zu sein, daß Steinbrück aus dem Gebiet des jugoslawischen Königreiches liegt, und daß daher Deutschösterreich aus alle Vorgänge, die sich dott abspielen, keinen Einfluß nehmen, daher auch für fie nicht verantwortlich gemacht werden kann. Ich muß es Ihnen daher anheimstellen, Ihre Vorstellungen bei der Negierung des Königreiches S. H. S. zu machen. Dr. Otto Bauers Telegramme. Die Anerkennung der „Rheinischen Republik". London, 9. Juni. (TeL-Komp.) Die „Times." meldet aus Koblenz: Die Notwendigkeit einer Entscheidung über die Frage der Anerkennung der „Rheinischen Republik" seitens der Alliierten wird immer zwingender. General M a n g i n, Kommandeur der 10. französischen Armee in Mainz, hat die Republik bereits anerkannt, während die Amerikaner und Briten dies nicht getan haben, da sie keine diesbezüglichen Befehle erhielten. Abgesehen von der Tatsache, daß diese verschiedene Haltung der Alliierten den Deutschen Gelegenheit zur Propaganda bietet, entsteht auch eine Schwierigkeit für die lokale Verwaltung. Der unsichere Friede. Amsterdam, 9. Juni. Jrk einem „Bessere Nachrichten" überschriebenen Artikel begrüßt die „Daily News" vom 6. d.M. mit Genugtuung die Meldungen, <dqß die ursprünglichen Frisdensbchingungen abgeöndert werden sollen und namentlich, daß Deutschland da- Mandat der Verwaltung Südwestafrikas unter dem Völkerbünde erhalten soll, sowie daß der Schadensvergütungsbettag auf ö Milliarden Pfund Sterling begrenzt werden soll. Das Blatt sagt: Bisher hat Frankreich den angegeben, es hgt das Vorgehen der Alliierten nicht nur im Westen, sondern auch im Osten vorgeschrieben, und dies in der Absicht, Deutschland leerbluten zu lasten und die Deutschen zu dauernder wirtschaftlicher Sklaverei zu erniedrigen. Derartige Bedingungen können feinen Frieden bringen, sondern im besten Falle einen bewaffneten und unsicheren Waffensttllstand. Wir mästen zu den Grundsätzen, für die wir diesen Krieg ausgekämpft und auf denen wir den Waffenstillstand erzielt haben, zurückkehren. Kein anderes Mittel wird Mops retten und nichts anderes wird den Völkerwillen in anderen Ländern zufriedenstellen. Zum Schluß setzt sich das Blatt dafür ein, Rußland in Friede» zu lasten. Der sozialdemokratische Parteitag in Weimar. Berlin, 10. Juni. (Tel.-Komp.) Gestern vormittags trat der Parteivorstand und der Parteiausfchuß der sozialdemokrattschen Partei Deutschlands zu einer vertraulichen Beratung in Weimar zusammen. In den Besprechungen wurde vor allem die politische Lage gestreift und Vorbereitungsmaßnahmen für die heute beginnende Plenarsitzung des Parteitages getroffen, der vermutlich bis Samstag, dem Tage des Zusammentrittes der Nationalversammlung, dauern wird. Man erwartet ziemlich heftige Auseinandersetzungen. Wie aus den gestrigen Referaten heroorgeht, erhofft man eine Einigung mit den Unabhängigen. Großadmiral von Holtzendorff gestorben. Berlin, 10. Juni. (Korr.-Bm.) Großadmiral a. D. von Hyltzendorsf ist an den Folgen einer Operation, die wegen eines Krebsleidens nötig war, gestorben. Generalstreik in Neapel. Berlin, 10. Juni. (Korr.-Bur.) Wie der „Lokalanzeiger" aus L u g a n o meldet, nimmt die Streikbewegung in Italien einen immer bedrohlicheren Umfang an. Seit dem 7. d. M. herrscht in Neapel, in Stadt und Provinz, Generalstreik der Arbeiter aller Kategorien. Die Pogrome der Hallerfchen Armee in Polen. Mähr.-Ostrau, 9. Juni. (Tschech.-slow. Preßbur.) „Naprzod" bezeichnet die Krakauer Ausschreitungen für antijüdische Pogrome und schreckt die Schuld daran den Angehörigen der Hallerfchen Armee zu, und weist darauf hin, daß es zu ähnlichen Ausschreitungen auch in Czenstoch a u, Warschau Und anderswo kam, durchwegs durch die Schuld der Hallerfchen Soldaten, und das Blatt zittert einen strengen Befehl des Generals Haller gegen ähnliche Ausschreitungen. Der Zar lebt? Berlin, 8. Juni. Das „Berliner Tageblatt" meldet aus Pugano: Die „Gpoca" veröffentlicht eine Unterredung mit dem Fürsten Znbow, dem Mörder Rasputins. Der Fürst, der bisher als Gast der Zarin-Mutter in Malta weilte, sagte er, er habe Grund, anzunehmen, daß der Zar, die Zarin und die ganze Zarenfamilie leben und sich in Sicherheit befinden. Sie seien im Auftrags Englands und mit englischem Golde gerettet worden. Der Zar dürfte sich, als Mönch verkleidet, in einem «ntvegenen Kloster in der Krim aufhalten. Ausnahmsverfügungen ln Tschechien. Prag, 9. Juni. Das Amtsblatt veröffentlicht eine Reihe von Ausnahmsverfügungen der Regierung betreffend die Aufhebung der Preßfreiheit, des Versammlungsrechtes, des Briefgeheimnisses und deS HauSrechtes sowie betreffend die Militärgerichtsbarkeit und die Kriegsdienstleistung. . ▼ in all«« gteWagtit. Redttratiireri unter' Garantie ffartbünder für alle Ensieme, »rstklaWes Material. Leop. K»r;cr, Wien, M., Westbahnstraße 23. Tagesbericht. Pogrom in Krakau. Die polnische Pogromwelle hat vor der galizischen Hauptstadt nicht Halt gemacht. Vor einigen Tagen traf General Haller mit mehreren Abteilungen seiner Armee in Krakau ein. Am Freitag nachmittags begann der Pogrom. Ein kleiner Zwischenfall gab das Signal zu wüsten anttjüdischen Ausschreitungen. In den Tuchlauben (Sukienniea) am Ringplatz kam es in einem kleinen jüdischen Geschäfte zu einem Wortwechsel mit einer Bäuerin. Bald mengten sich zwei Hallersche Sockaten in das Gespräch ein, überfielen die Geschästsinhaberin und bald darauf sammelte sich eine große Menge an. Alle jüdischm Geschäfte in den Tuchlauben wurden überfallen und geplündert. Inzwischen wuchs die Menge in die Tausende an, geführt von Hallerfchen und sonstigen Soldaten. Die Menge warf sich auf die Straßen des jüdischen Viertels. In der Grodzka, Sienna, Dletlowska, Krakowska, Modowa, Sebastyana, Wielopole, Wolska, Szczepanskich und anderen Straßen gingen starke Abteilungen Hallerscher Soldaten, in sehr vielen Fällen unter Führung ihrer Offiziere, in Sturmhelmen und mtt Gewehren bewaffnet^ umringt von hunderten Zivilpersonen, vor und griffen jeden Vassanten an. Die Juden wurden zu Boden geschleudert, mit den Füßen getreten, mit Bajonetten und Gewehrkolben bluttg geschlagen. Auf viele Juden wurde geschossen. Gleichzeitig ging man an das Rauben und Plündern der Geschäfte. Die Hallerfchen Soldaten nssen mtt eigens hierzu bestimmten Werkzeugen die Geschäftsrollen auf und führten die Menge unter Hurramfen in das so geöffnete Geschäft, machten Licht und verteilten die Sachen. Die jüdischen Geschäfte, besonders in der Grodzkagaffe und in der Dietlgaffe wurden vollständig susgeraubt. Der Schade beziffert sich auf viele Millionen. Diese Vorgänge spielten sich in den Nachtstunden zwischen 8 bis 1 Uhr ah. Das Bild, das die Sttaßen des jüdischen Viertels bieten, ist unbeschreiblich. Ein wildes Heulen, Schreie, Gewehrgeknatter, hörte man unaufhörlich. Die Polizeidirektton sowie das Stadtkommanho Netzen dank dem energischen Eingreifen des Abgeordneten Thon starke Militär- und Polizeiabteilungen ausrücken. Die Soldaten verhielten sich aber ganz pafsiy. Es sind Fälle sestgestellt, wo intervenierende Pol zisten von Hallerfchen Soldaten bluttg geschlagen wurden. Die Mmtärbehörden erklärten, sie seien gegenüber den Hallerfchen Soldaten völlig machttos. Jetzt, in den stützen Morgenstunden, bieten die Sttaßen des jüdischen Viertels ein grauenhaftes Bild. Kein Jude wagt sich auf die Sttaße hinaus, jedes jüdische Geschäft ist ganz ausgeraubt. Bis zur Stunde ist es mtt unmöglich, die Zahl der Toten und Verwundeten genau anzugeben. In der Stadt herrscht eine sehr niedergedrückte Stimmung. lleber den Pogrom in Krakau berichtet der dortige sozialistische „Naprzod" vom 8. d. M folgendes: Die Unruhm begannen Frettag um 2 Uhr nachmittags zufolge eines Sttettes in einem Geschäfte aus den Tuchlauben (Sukienica). Ausgeplündert wurden Konfektionsgeschäfte, Iuwelengeschäfte usw. Unter anderem wurde auch der Dr. Groß'sche Konsum ausgeraubt. An den Plünderungen beteiligten sich außer denHallerfchenauch andereSoldaten, ebenso Zivilpersonen, vorwiegend der Abschaum. Es wurde den Hallerschm eine. „Ovation" berettet und gleichzeittg — geraubt. Der Einfluß der anttsemittschen Agttation des „Kuryer" ist unzweifelhaft. Wie von der Polizei gemeldet wttd, sind keine jüdischm Todesopfer zu verzeichnen. Es sind nur Verwundete da. Die Raufereim fpieltm sich in der Floryana, Karmelieka, Szewska und hauptsächlich in der Grodzka ab. Samstag begannen die Plünderungen in der Warszawska und Kopemika. In einem „Pogrom in Krakau" überschriebenm Arttkel bespricht die genannte Zeitung die „brutalw Exzeffe Md das Ausleihen der jüdischm Geschäfte", die sich in der Nacht vom Frettag auf Samstag und Samstag nachmittags in Krakau abspielten. Nach einem Appell an die Zivilbevölkerung, derartige Ausschreitungen „im Me des guten Rufes der Stadt Krakau und m Names Polens im Auslande" zu vermeiden, wendet sich der „Naprzod" dm Hallerschm Soldatm zu, Er schreibt: „Man muh seststellen. daß a n d e n Räubereien und Gewalttaten sich auch die Hallerfchen Soldaten beteiligt haben. Nicht zum erstenmal machen die „Hallerezyki". Pogrome und Gewalttätigkeiten. „Sie zeichneten sich" bereits in Czenftochau in Warschau anderwärts aus. Es ist schwer, Worte zu finden zur Verurteilung für Exzesse von Seiten derjenigen, die hergekynnnen sind, um Polen vor Gewalttättgkettm seitens der Tschechen und Ukrainer zu schützen. Jetzt säen sie selbst Vernichtung, schänden den polnischen Namen in dm Augen der westeuropäischen Demokratie, die sie nach Polen geschickt hat. Nach den „Informationen", die der dem General stab Haller zugeteilte Oberstleutnant Modelski der Krakauer Presse erteilte, wurde das Militär seitens , der jüdischen Bevölkerung beschossen. Modelski ist der KM Landau Frida Stiel Chrzaoow Oswiecim empfehlen »Ich als Vermählte. Visa im I«ni 1919. Telegrammadresse: STIEL OSWIECIM. 1291 Ein Förderer des Wiener Nachtlebens verhaftet. Es wurde bereits berichtet, daß der 27jährige derzeit stellenlose Kellner Josef Dumbs sich in den letztm Wochen daraus ein Gewerbe machte, daß er in verschiedenen eigens dazu gemietetm Privatwohnungen Champagnergelage mit Musik veranstaltett. In vier Fällm gelang eS Polizeiagenten, die verschiedenen zechendm Gesellschaften des Dumbs zu überraschen. Den Dumbs aber konnte man nicht ausfindig machen, da er wiederholt seine Wohowg in Hotels wechselte. In der Nacht zum 6. Juni gelang eS aber, ihn in dem Augmblicke z« verhafte», als er eben in einem neuen Lokale I., Führichgaffe Nr. 6, die Vorbereitungen für ein Champggnergelage traf. Er wurde dem Polizeikommissariat Innere Stadt überstellt, das ihn mit Erkenntnis vom 6. d. M. wegen Nichteinhaltung der Sparmaßnahmen zu einer Geldstrafe von 1000 K., eventuell fünf Wochen Arrest vernrteiltt. Die Sttafe wurde rechtskräftig. Ueber-- dies wurde Dumbs dem magistratischen Bezirksamte für dm erstm Bezirk im Nachhange zu einer wegen unbefugter Gewerbeausübung schon erstatteten Anzeige überstellt und von diesem Amte mit 500 K. bestraft. Ferner hat sich Dumbs in zwei Fällen des Betruges schuldig gemacht. Seit dem 21. v. M. ist er verfolgt weil er der Inhaberin der Firma Hermcm Kulms Nachfolger, Operngaffe Nr. 4, zwanzig Flaschen Champagner herausgelockt hat. Am 6. d. M. hat ihn der Kellner Emil Pavkovir, XIV., Reindorsgaffe Nr. 18, wegen Herauslockung von 600 K. angezeigt. Nach Verbüßung der über ihn verhängten fünfwbchentlichen Arreststtafe wird Dumbs dem Ponzeigefangenenhaus übergeben und sodann wegen BerbrechmS des Betruges und wegen Ueberttetung der Preistreiberei dem Landesgerichte eingeliefert werdm._ Jüdische Franen! An Euch geht unser Ruf! Wir verlangen Lein Geld, wtt verlangm nicht Eure Mttgliedschaft allein, wtt verlangen mehr: wtt wollen, daß Ihr werbet für die Sache des Judentums, für die Sache der Frauen, für Eure Sache. Denn neben unserem jüdischen und neben unserem sraumrechtlichen Programm vertteten wtt die wirtschaftlichen Interessen der jüdischen Frau und der jüdischen Familie. Wir wollen Konsumvereine errichten, Kinderküchen eröffnen, helfen, wo die helfende Frauenhand nottut, Vorbeugen, wo kluge; Voraussicht Schäden rechtzeitig wahrnimmt. Helfet uns aufbauen, helfet uns oas Frauenwerk der Liebe, vollenden, helfet uns stark fein in der Abwehr, muttg im Kampfe, auf daß dem jüdischen Volke Kräfte der Verjüngung zusttömen von dem Urquell seiner Stärke: von der jüdischen Frau. Stellt Euch auf Eueren Platz, tretet der Organisation der jüdischen Frau bei! Die Leitung des Zionistischen Frauenverbcmdes:

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